Bild: imago images/Laci Perenyi
Wie ist es, 21 und schon Weltmeister zu sein?

Seit dem 3. Oktober 2019 kennt wohl so ziemlich jeder in Deutschland Niklas Kaul, zumindest jeder Sportinteressierte. Der 21-Jährige gewann den abschließenden 1500-Meter-Lauf der Zehnkämpfer bei der Leichtathletik-WM in Doha – und wurde Weltmeister. Eine Sensation, mit der vorher nur die wenigsten Experten gerechnet hatten. 

Niklas ist der jüngste Zehnkampf-Weltmeister aller Zeiten.

Eineinhalb Monate nach dem Erfolg hat ihn sein Alltag zurück. Er geht wieder in die Uni, studiert weiter Lehramt für Physik und Sport und hat mit dem Training für die neue Saison begonnen. 2020 stehen die Olympischen Spiele in Tokio an.

Trainiert wird Niklas von seinen Eltern, die früher selbst Leistungssportler waren. Er war schon in seiner Jugend sehr erfolgreich, siegte nicht nur in Deutschland, sondern wurde auch in mehreren Altersklassen Welt- und Europameister.

Wir haben mit ihm über seinen Triumph in Doha, starke Nerven, kaum vorhandene Freizeit und die Zukunft nach dem  Leistungssport gesprochen.

bento: Mit Anfang 20 probieren Leute eigentlich in allen Lebensbereichen viel aus. Hast du manchmal das Gefühl, dass neben Training und Uni etwas auf der Strecke bleibt?

Niklas: Wenn man Leistungssport auf meinem Niveau betreibt und nebenbei studiert, hat man nicht mehr viel Freizeit. Aber der Sport ist mein Hobby und ich verbringe dabei viel Zeit mit Leuten, die ich sehr, sehr gerne mag. Meine Trainingsgruppe fängt mich auf, wenn ich mal einen schlechten Tag hatte. Sie sind nicht nur Kollegen, sondern gute Freunde. Das ist quasi meine Art der Freizeit, auch, wenn andere Leute das vielleicht nicht so sehen würden.

bento: Wie ist das für dich, auf einmal der "König der Athleten" und von einem Tag auf den anderen einer der gefragtesten deutschen Sportler zu sein? 

Niklas: Komisch. Es ist ja nichts, was ich vorher hätte planen können. Ich muss etwas darauf achten, wie ich den ganzen Medienrummel mit dem Training und der Uni in Einklang bringe. Am Ende ist es immer noch das Wichtigste, dass der Sport funktioniert. Gerade im Hinblick auf die Olympischen Spiele in Tokio nächstes Jahr.

bento: Wie vereinbarst du die Profisport-Karriere mit dem Studium?

Niklas: In Mainz habe ich sehr kurze Wege, ich trainiere auf dem Uni-Campus. Ich brauche nur fünf Minuten vom Training zur Vorlesung. Das ist natürlich perfekt. Ich denke zwar auch in meiner Freizeit viel über den Sport nach, aber das Studium ist ein guter Ausgleich dazu. Ich glaube, dass mir das hilft – ich konzentriere mich nicht ausnahmslos auf den Sport, habe nicht die ganze Zeit den Anspruch, zwingend Profi zu sein. 

bento: Zum Start des jetzigen Semesters hast du mit dem Unipräsidenten und dem Bürgermeister die Erstsemester begrüßt. Wirst du auf dem Campus anders wahrgenommen als noch vor einem halben Jahr?

Niklas: Die Uni bleibt mein Rückzugsort. Gerade in den Vorlesungen bin ich ein Student wie jeder andere auch. Darüber bin ich sehr froh. Und genau so wollte ich das auch haben. Zwei Tage Wettkampf ändern nichts daran, wer ich bin.

bento: Deine Leistung bei der WM in Doha hat Aufsehen erregt. Dahinter steckt viel Arbeit. Kannst du dich überhaupt irgendwann mal ausruhen?

Niklas: Selten – während der Woche habe ich keinen trainingsfreien Tag, der ist am Sonntag. Aber ich habe über die Jahre ein gutes Zeitmanagement entwickelt. Egal, wie stressig mein Tag ist oder wie viel Uni und Training ich habe, mittags mache ich eine Dreiviertelstunde einfach nichts. Da liege ich im Bett oder auf der Couch und mache eine Mittagspause. 

bento: Das ist das ganze Geheimnis?

Niklas: Ich versuche die Sachen, die ich mache, gut zu machen. Deswegen arbeite ich in der Uni alles schnell weg, probiere, in den Prüfungen gut zu sein und Zweitversuche zu vermeiden. Weil das einfach Zeit spart. Ich habe mal den schönen Satz gehört: Die faulsten Studenten sind die, die beim Erstversuch viel lernen.

bento: Du wirkst während deiner Wettkämpfe sehr ruhig. Wie schaffst du es, dich so zu fokussieren? Das würden viele Studenten sicherlich gerne auch für Klausuren können.

Niklas: Ich habe keinen Trick. Ich meditiere nicht vorher oder mache irgendeinen Quatsch. Ich glaube, ich habe da viel durch die Jugendwettkämpfe gelernt. Man muss ruhig bleiben, wenn es an die wichtigen Disziplinen geht und sich bewusst machen, wie viel man dafür trainiert hat.

In Doha war ich dieses Jahr in sehr guter Form. Das war aber nicht alleine entscheidend für meinen Erfolg. Mir war klar, dass ich mit ganz viel Glück eine Medaille gewinnen kann. Ich hatte im Vergleich zu älteren Athleten nicht den Druck, erfolgreich sein zu müssen, weil ich bei der nächsten WM vielleicht gar nicht mehr dabei bin. Das ist ein Vorteil, wenn man noch jung ist.

bento: Wobei du nach der WM gesagt hast, dass du vor der letzten Disziplin die ganze Zeit im Kopf hattest, dass du die Chance zum Titelgewinn jetzt nutzen musst. Weil es, wenn es schlecht läuft, die einzige Chance in deinem Leben sein könnte. Wie bist du mit diesem Druck umgegangen?

Niklas: Sport ist nicht planbar. Auf der einen Seite kann ich sagen, ich bin noch relativ jung für einen Zehnkämpfer und werde vielleicht noch die ein oder andere Chance in meiner Karriere haben. Aber garantiert ist es eben nicht. Der Druck hat mir eigentlich vor dem 1500-Meter-Lauf am Ende nur geholfen. Ich wusste: Wenn ich das jetzt ordentlich zu Ende laufe, bin ich vielleicht Weltmeister, womit ich vorher überhaupt nicht gerechnet hatte.

In den vorhergehenden technischen Disziplinen, wie beispielsweise Stabhochsprung, kann Druck aber auch etwas ganz Böses sein, weil auf einmal nichts mehr funktioniert. Das habe ich auch schon öfter erlebt. Die Psyche spielt eine wichtige Rolle.

bento: Was ist für dich schwerer zu erreichen? Psychische oder physische Fitness?

Niklas: Das ist eine schwierige Frage. Das gute an der physischen Fitness ist, dass sie planbar ist. Man kann auf einen Saisonhöhepunkt hinarbeiten, wenn man sich nicht verletzt oder krank wird. Psyche ist ein ganz anderes Thema. Gerade im Mehrkampf, der sich über zwei Tage zieht. Man vergleicht sich bei jeder Disziplin mit den anderen. Manche eigenen Leistungen fühlen sich dann auf einmal schlecht an. Das spielt gerade bei Meisterschaften eine große Rolle. In der Weltspitze haben damit ein paar Leute echt Probleme.

bento: Du wirst von deiner Mutter und deinem Vater trainiert. Die Eltern sind für viele Menschen der privateste Rückzugsort und die intimsten Ansprechpartner. Trotzdem müsst ihr jeden Tag professionell zusammenarbeiten. Wie funktioniert das?

Niklas: Man darf das nicht so richtig trennen. Meine Eltern sind die Personen, mit denen ich über alles sprechen kann, aber auch meine Trainer. Wir haben ein sehr lockeres Verhältnis, obwohl wir auf hohem Niveau trainieren. Meine Eltern haben mir nie vorgeschrieben, dass ich Leichtathlet werden muss, nur weil sie das beide gemacht haben. Sie haben immer gesagt: So lange ich glücklich bin mit dem, was ich tue, dann sind sie das auch. Egal, ob ich Sport mache oder nicht.

bento: Du bist erst 21 – warum studierst du und konzentrierst dich gerade nicht einfach ausschließlich auf den Sport?

Niklas: Man muss immer gucken, wie man den Sport sieht. Sehe ich ihn als Job, in dem ich in zehn Jahren so viel Geld verdienen muss, dass ich danach ausgesorgt habe? Oder schaue ich, dass ich für die Zeit nach der Karriere gerüstet bin? Dass ich ins normale Berufsleben einsteigen kann und mir keine Gedanken machen muss? Es wird irgendwann ein Jahr kommen, in dem es nicht so gut läuft. Dann habe ich nicht den Druck, zwingend Leistung bringen zu müssen, nur um mit dem Sport Geld zu verdienen.

bento: Erst die Sportlerkarriere mit Medienrummel und Wettkämpfen auf der ganzen Welt, anschließend ins Klassenzimmer. Das passt ja eigentlich nicht so zusammen.

Niklas: Mein Plan ist trotzdem, mein Lehramtsstudium fertig zu machen. Was danach passiert, hängt auch ein bisschen davon ab, wie lange ich mit dem Studium noch brauche und wie es sportlich so läuft. Lehramt würde mir sehr viel Spaß machen.

Dass ich dem Sport oder der Leichtathletik ganz den Rücken kehren werde, bezweifle ich. Ich kann mir vorstellen, ehrenamtlich tätig zu werden. Der Sport hat mir schon so viel gegeben, dass hoffentlich irgendwann die Zeit kommt, in der ich auch etwas zurückgeben kann.

bento: Du bekommst dieses Jahr den Medienpreis Bambi in der Kategorie Sport. Welchen Stellenwert haben solche Auszeichnungen für dich?

Niklas: Es ist eine Anerkennung. Aber es ist natürlich viel wichtiger, dass die Ergebnisse bei den großen Meisterschaften und in der Saison stimmen. Das ist das, was ich als Sportler wirklich beeinflussen kann. Es hätte auch sein können, dass ich Weltmeister werde und es keinen interessiert. Darüber würde ich mich auch nicht ärgern. Für uns Sportler geht es um die Ergebnisse, alles andere ist Bonus. Und dafür sollte man sehr dankbar sein.


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