Zur Eröffnung singen alle gemeinsam Beethovens "Ode an die Freude".

Einmal im Jahr treffen sich, auf Einladung eines großen deutschen Business-Netzwerks, die freshesten Entrepreneurs und hippsten Firmenbosse in Hamburg  um über "die Arbeit von morgen" zu reden. Das Thema: Wie man das Konzept der "New Work" in Unternehmen umsetzen kann, also Hierachien abbauen und Angestellte zu möglichst selbstbestimmter Arbeit "empowern".  

Ich habe mir mal angeschaut, wie so eine Konferenz abläuft.

Der erste Schmunzler: der Eintrittspreis. Als ich mir per Aktionscode meine Presseakkreditierung bestelle, sehe ich auch, was die Tickets für die eintägige Veranstaltung kosten. Normalpreis: 831,81 Euro. Aber hey, immerhin ist darin die An- und Abreise mit S- und U-Bahn innerhalb Hamburgs einbegriffen. 

Als ich am Veranstaltungsort ankomme, sieht es so aus, als würden nicht alle dieses grandiose Angebot nutzen. Vor dem Eingang parkt eine lange Reihe Taxis. 

Die "New Work"-Konferenz findet natürlich nicht in einer x-beliebigen Messehalle statt, der Veranstaltungsort ist wie der Ticketpreis: ein Statement. Ich stehe vor der glasgewordenen norddeutschen Bescheidenheit – der Hamburger Elbphilharmonie.  

(Bild: Klaus W. Schmidt / Imago)

Ich war vorher noch nie in der Elbphilharmonie, jetzt lasse ich mich von "der längsten Rolltreppe Westeuropas" langsam auf die Business-Konferenz tragen. Im Gebäude habe ich ein ähnliches Gefühl, wie bei meinem ersten Besuch im Petersdom: Ziemlich beeindruckend, aber hätte man mit der Kohle nicht etwas sinnvolleres anstellen können?

Naja, zurück zur Konferenz. 

Der Altersschnitt ist niedriger, als ich vorher erwartet habe. Mehr blond als grau oder Glatze, mehr Smartwatch als Rolex. Überall stehen junge, lächelnde Menschen in grünen Jacken mit dem Logo des Veranstalters und halten Wegweiser oder beantworten Fragen. Sie duzen mich, sympathisch.

Schnell merke ich aber: Das ist Anweisung von oben. Im Liveblog schreibt der Veranstalter: 

„Wichtigste Regel: alle duzen! Hier ist alles erlaubt – mit einer Ausnahme: Krawatten bitte weg!“

Man gibt sich casual, obwohl doch erst Donnerstag ist. 

Zur Eröffnung singen alle gemeinsam im großen Saal der Elbphilharmonie Beethovens "Ode an die Freude". Der Zyniker in mir will das furchtbar pathetisch finden, ich gebe aber zu: Die Nationalhymne wäre schlimmer. 

Derartig inspiriert starten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Talks, die aufs ganze Haus und Teile des Hafens verteilt stattfinden.

Ich entscheide mich für eine "Best Practice Session", die auf einer Barkasse stattfindet, die während des Vortrags eine Hafenrundfahrt absolvieren soll. 

Das Schiff ist eng bestuhlt, überall hängen Bildschirme, auf der gleich die Powerpoint-Slides der Referentin zu sehen sein werden. Ein Teilnehmer bittet eine Kellnerin um einen Kaffee, sie antwortet: "Na gerne, is' ja nich' wie bei armen Leuten hier". Ein Witz, klar, aber recht hat sie, die Frau. 

Ablegen kann die Barkasse dann doch nicht, weil mehr Business People als Stühle anwesend sind und der starke Wind das Schiff schon am Anleger kräftig durchschaukelt. 

Die Referentin erzählt, wie ihr Unternehmen Hierarchien abbaut, weil durch diese der Spaß verloren gegangen sei. Dass man bei ihnen "mit seinem Menschsein zur Arbeit kommen" könne und sie nicht mehr vom Privatleben trennen müsse. Bei ihnen geht man zusammen Skifahren und feiern, man entwickelt seinen "Drive" durch "Passion" statt durch "Pain". Zwischendrin fragt sie: "Muss jemand brechen?" Wegen des Wellengangs, klar. 

Das Ziel, dass diese "Passion" im Unternehmen anfeuert, lautet: "Bewusste Ernährung einfach und sexy machen, damit immer mehr Menschen gut leben." Ihre Firma verkauft Müsli, teilweise für mehr als 25 Euro pro Kilo. Die Zuhörenden sind größtenteils begeistert. 

Wenn ich kurz nicht auf den inneren Zyniker höre, der sich noch über die "Passion" und den Pathos lustig macht, denke ich: Klingt ja eigentlich ganz gut mit den flachen Hierarchien und der selbstbestimmten Arbeit. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass das Ziel nicht ein besseres Leben für die Angestellten ist, sondern mehr Leidenschaft und Aufopferung für die Firma.  

Offenlegung: Das habe ich auf der Messe umsonst konsumiert

  • Ein Plundergebäck, weil ich es nicht geschafft habe, vorher zu frühstücken
  • Einen Espresso gegen die Müdigkeit nach Joschka Fischers Vortrag
  • Ein Mineralwasser, 0,25 Liter
  • Ein Bier auf der Party, zum Festhalten

Die Hostessen in den grünen Jacken klammern sich vor dem Eingang der Elbphilharmonie immer noch tapfer an ihre Schilder, die der Wind wegzuwehen droht. Sie lächeln nicht mehr so breit wie am Morgen. Ein Elphi-Mitarbeiter, der täglich dort stehen muss, spricht ihnen Mut zu: "Ihr glaubt gar nicht wie gut sich das anfühlen wird, wenn ihr heute Abend auf der Couch liegt."

Auch sie haben ihr Menschsein mit zur Arbeit gebracht.

Später, wieder im großen Konzertsaal der Elphi, wird Ex-Außenminister Joschka Fischer interviewt. Er erzählt, wie toll sein Job als Taxifahrer war, sagt Sätze wie "Mein Coaching war die Realität" und warnt vor den Herausforderungen der Digitalisierung. Bezogen auf seine Vergangenheit in der radikalen Linken gesteht er: "Der junge Fischer wäre mir nicht positiv gesonnen". Dieser Veranstaltung vermutlich auch nicht.

Der Abschluss des Tages wird in einem der angesagtesten Clubs der Stadt gefeiert, direkt an der Reeperbahn. Es ist voll und laut, man trinkt Gin Tonic, Rotwein und Rum Cola. Es gibt Pasta aus dem Parmesan-Laib und in Trockeneis gefrorenes Popcorn. 

(Bild: bento)

Auf der Tanzfläche ist fast kein Durchkommen, die wenigsten tanzen, aber man unterhält sich, schreiend. Die wenige Bewegung ist vor allem gut für das Catering-Personal. Verringert die Gefahr, dass ihnen jemand das Tablett mit den Lachshäppchen und Miniburgern aus der Hand schlägt. 

Die musikalische Untermalung besorgen eine DJ, die früher mal Investmentbankerin war und ein Rapper, der auf Reggae-Beats über Burnout rappt. Später sehe ich, dass der Auftritt zwar in seiner Insta-Story auftaucht, jedoch ohne Hinweis darauf, was das für eine Veranstaltung war. Vielleicht doch nicht so gut für die Street Cred.

(Bild: bento)

Ich frage ein paar Leute, wie sie den Tag fanden. Alle sind begeistert, "inspirierend", tolles Networking, fantastische Location. Nur eine fand, dass die Veranstaltung im letzten Jahr besser auf ein jüngeres Publikum zugeschnitten war. Auch, weil es da noch Foodtrucks gab. Ich gehe nach Hause, Feierabend

Auf der Treppe nach draußen steht ein Mann im Anzug, ohne Krawatte, und spricht leicht genervt in sein Telefon: "Wir müssen das Ding heute noch klarmachen, ich flieg morgen in den Urlaub."


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