Weshalb dieser Weg für Michel ideal ist – und vor welchen Problemen die Berufsfeuerwehr aktuell steht.

Michel Harder, 28, fand seinen Traumberuf auf der Couch. Er schaute die Serie "Feuer und Flamme" vom WDR über eine Feuerwehrwache in Gelsenkirchen. Brennende Gebäude und Pkws, Menschen in Not, ein Team, das immer den Überblick behalten und Gefahren schnell erkennen muss. Da wurde ihm klar: Er will Berufsfeuerwehrmann werden. Den alten Weg, über eine abgeschlossene, handwerkliche Ausbildung, konnte er sich nicht leisten, zu gering das Ausbildungsgehalt. Zufällig erfuhr Michel von einer neuen Ausbildung bei der Feuerwehr in Hamburg für junge Leute. Ersetzt der neue Weg die früher benötigten, handwerklichen Vorkenntnisse – und löst er tatsächlich das Nachwuchsproblem?

Es war wohl nicht nur diese eine Stunde Lokalfernsehen, die Michel auf die Idee brachte, aber es war das Erlebnis, das ihm in Erinnerung blieb. Michel sagt, er habe schon während seines Studiums der Bewegungswissenschaften in Hamburg gemerkt, dass er gerne körperlich arbeiten wollte, im Hörsaal oder am Schreibtisch zu sitzen, das sei nichts für ihn gewesen. Kurz vor seinem Abschluss habe er das Studium deshalb abgebrochen und nach Alternativen gesucht. 

Lange war es üblich, dass, wer Berufsfeuerwehrmann oder -feuerwehrfrau werden wollte, eine abgeschlossene, handwerkliche Ausbildung benötigte. Wer mal als Zimmermann gearbeitet hat, kann einschätzen, wann ein Dachstuhl während eines Brandes einstürzen könnte, eine Klempnerin weiß, wo sie das Wasser bei einem Rohrbruch abstellen muss – so die Idee.  

Michel überlegte deshalb, Tischler zu werden. "Aber als ich erfahren habe, was ich da als Auszubildender bekommen würde, war mir klar: Das kann ich nicht", erinnert er sich. Mit 24 war Michel unerwartet Vater geworden. Ein angehender Tischler verdient in seinem ersten Lehrjahr etwa 515 Euro brutto im Monat. Auch mit dem Gehalt seiner Frau hätte das für die kleine Familie nicht gereicht.  

Die Alten gehen in Rente, es kommen kaum Junge nach

Ein angehender Feuerwehrmann und Freund aus der Fußballmannschaft erzählte ihm von einem neuen Ausbildungsweg bei der Feuerwehr Hamburg. Junge Leute zwischen 16 und 35 sollten sich direkt bei der Feuerwehr ausbilden lassen können – egal mit welchen Vorkenntnissen.

Das Timing war perfekt. Michel bewarb sich, bestand den Eistellungstest (bento) und fing im Spätsommer 2018 seine dreijährige Ausbildung zum Berufsfeuerwehrmann an (Feuerwehr Hamburg). Während der Ausbildung verdient er dort knapp 1000 Euro brutto pro Monat, vielmehr als er während der Tischlerlehre bekommen hätte. 

Bernd Herrenkind erklärt, warum die Feuerwehr in Hamburg diesen neuen Weg geht. Er ist Leiter der Feuerwehrakademie Hamburg und Vorsitzender des Arbeitskreises Ausbildung der Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in Deutschland (AGBF). Dort wird sich über Nachwuchsprobleme auf bundesweiter Ebene ausgetauscht. Feuerwehrleute gingen aufgrund der starken Belastung meist schon mit 60 in Rente, sagt er. Laut Jahresbericht 2018 der Feuerwehr Hamburg sind von den etwa 2500 Beamtinnen und Beamten 487 zwischen 50 und 54 Jahre alt und stehen damit kurz vor dem Ruhestand. Das bedeutet: Kommen keine jungen Leute nach, hat die Feuerwehr Hamburg in den kommenden Jahren zu wenig Personal. 

„Es sollen keine Klempner aus ihnen werden.“
Bernd Herrenkind, Leiter der Feuerwehrakademie Hamburg

Dieses Nachwuchsproblem hat Hamburg aber nicht exklusiv: In Berlin stehen viele der 4500 Beschäftigten ebenfalls kurz vor dem Ruhestand (Jahresbericht Feuerwehr Berlin), während die Einwohnerzahl der Hauptstadt steigt, und damit auch die Zahl der Einsätze (bento). In Nordrhein-Westfahlen ist die Situation ähnlich. In Hamburg hat die neue "Quelle", wie Bernd Herrenkind das Programm nennt, das Nachwuchsproblem zu einem Teil schon gelöst, es gibt bereits Bewerberinnen und Bewerber für die kommenden Jahrgänge.

In Hamburg lernen die Auszubildenden in den ersten 18 Monaten unterschiedliche Bereiche des Handwerks kennen. Dachstuhl- und Trockenbau, Schweißen, Elektrik. "Immer mit dem Fokus, was sie später für den Beruf können müssen. Es sollen keine Klempner aus ihnen werden, sondern Feuerwehrmänner und -frauen, die den Blick für die technische Einrichtung eines Gebäudes haben", erklärt Bernd Herrenkind.

Ob Michel das als Feuerwehrmann etwas bringt? "Viele Dinge, die ich lerne, sind sinnvoll, andere Dinge gehören aus meiner Perspektive eher zum Beruf des Elektrikers", sagt er. Auch könne er noch gar nicht richtig einschätzen, was eigentlich zum Arbeitsalltag eines Feuerwehrmanns gehöre.

Nach der Zwischenprüfung folgt dann die feuerwehrtechnische Ausbildung, Michel wird zum Rettungssanitäter ausgebildet und macht einen Führerschein der Klasse C für die großen Feuerwehrwagen.

In Dortmund fünf Jahre Ausbildung, in Düsseldorf nur drei

Würde Michel in einem anderen Bundesland leben, sähe der Ablauf anders aus. Auch wenn viele Berufsfeuerwehren zwar das Nachwuchsproblem gemeinsam haben, lösen sie die Herausforderung unterschiedlich. Der Grund dafür liegt im Aufbau des Feuerwehrwesens in Deutschland. Die Kommunen bestimmen selbst, wie sie ausbilden (Feuerwehrmagazin). Zum Vergleich: In Dortmund dauert der neue Einstieg bei der Feuerwehr fünf Jahre. Dort machen die Azubis erst eine komplette Tischlerausbildung und wechseln anschließend an die Wache. Wieder anders ist es in Düsseldorf. Ähnlich wie in Hamburg dauert die Ausbildung dort 37 Monate. Die Azubis werden aber schon nach der ersten Hälfte auf Widerruf verbeamtet.

Neben dem Nachwuchsproblem ergibt sich dadurch eine weitere Herausforderung: Weil sie nicht überall das Gleiche lernen, ist es für Feuerwehrleute nicht so einfach, in eine andere Kommune zu wechseln. Oder sich, zum Beispiel bei Personalmangel, gegenseitig zu unterstützen. "Wir müssen immer vergleichen. Wo kommt jemand her, welche Ausbildung hat er und wie lang war sie?", fasst Bernd Herrenkind die Situation zusammen. Er könne deshalb nicht verstehen, warum die Feuerwehren in Deutschland unterschiedlich ausbilden, sagt Bernd Herrenkind. 

Für Michel dürfte das nicht zum Problem werden. Für ihn steht sowieso fest: Er bleibt bei der Feuerwehr in Hamburg. Nach der Ausbildung wird er dort direkt verbeamtet. Sein Einstiegsgehalt liegt dann bei etwa 2400 Euro netto im Monat. Darauf freue er sich besonders, weil das die finanziellen Probleme der kleinen Familie löse, sagt er. 

Auch der drohende umfangreiche Schichtdienst ist für den 28-Jährigen kein Problem. Im Gegenteil, er freue sich darauf. "Dann kann ich montags um zehn mit den Leuten, die im Ruhestand sind, zusammen einkaufen gehen", sagt er, grinst – und freut sich ganz offensichtlich auf die leeren Geschäfte.


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