Bild: Sören Schröder
Ein neuer Teil der Kolumne "Meine eigene Chefin"

Ich komme mir vor wie eine dieser Touristinnen, die sich ständig im Selfie-Modus vor Sehenswürdigkeiten fotografieren. Nur befinde ich mich nicht vor dem Eiffelturm oder der Berliner Mauer, sondern vor dem Eingang meiner neuen Bürogemeinschaft. Diese Selbstdarstellung gefällt mir eigentlich gar nicht, aber sie muss jetzt sein. Die Instagram-Story ist für meinen beruflichen Account gedacht.

Ich möchte so mein Profil als Ein-Frau-Unternehmen schärfen, zu einer kleinen Marke werden und die Bindung zu meinen Auftraggebern verbessern. Zusammengefasst nennt man das Selbstmarketing. Und das ist gerade für junge, frisch gebackene Gründerinnen wie mich wichtig.

Deshalb geht es heute um die Frage: Was sollten Gründer bei der Selbstvermarktung beachten?

Meine eigene Chefin – unsere Kolumne für Selbstständige

Kristin Hermann, 29, hat beim "Weser Kurier" in Bremen volontiert und dort bis Sommer 2018 in der Lokalredaktion gearbeitet. Seit diesem Jahr ist sie als freie Journalistin in Berlin tätig. Hermann wäre beinahe schon an dem Antrag für den Gründungszuschuss gescheitert, hat sich am Ende aber doch durchgekämpft – mit Erfolg. In dieser Serie schreibt sie über die Herausforderungen für Selbstständige und erklärt zukünftigen Gründerinnen, was es zu beachten gilt.

Seit Jahren sind sich Expertinnen und Experten einig, dass beruflicher Erfolg nicht nur von der Leistung und Qualität der eigentlichen Arbeit abhängt. Einen bedeutenden Teil machten das eigene Image und das Netzwerk innerhalb einer Branche oder eines Unternehmens aus. Auch Umfragen deuten darauf hin. So ermittelte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2017 in einer Erhebung, dass 32 Prozent aller Neueinstellungen über persönliche Kontakte zustande kommen. Bei Kleinbetrieben beträgt der Anteil sogar 47 Prozent.

Ähnlich sieht das auch Julia Peters, Trainerin und Coach für Selbstmarketing. Die Rheinländerin hat sich darauf spezialisiert, Unternehmerinnen und Gründerinnen bei ihrem beruflichen Aufstieg zu unterstützen – denn speziell Frauen müssten häufig dazu ermutigt werden, ihre eigenen Fähigkeiten mehr nach außen zu tragen. Viele von ihnen hätten den Satz "Eigenlob stinkt" verinnerlicht, aber davon sollten sie sich zumindest in der Berufswelt schnell verabschieden. "Frauen denken häufig, es reicht, wenn sie gut arbeiten, dabei kommt es oftmals auf die Sichtbarkeit an", sagt Peters.

Auch ich kenne diese Gedanken. Immer wieder gibt es Momente, in denen ich hätte selbstbewusster auftreten können. Gerade neulich war das so, als mich jemand am Telefon dafür bemitleidete, "nur" freie Mitarbeiterin und nicht fest angestellt zu sein. Ich hätte ihm wahnsinnig viele Vorteile aufzählen können, habe ich aber nicht.

Und nun Schritt für Schritt: Wie gehe ich mein Selbstmarketing richtig an?

Wo liegen meine Stärken?

Aus der Vorbereitung für Vorstellungsgespräche ist dir das bestimmt schon längst bekannt: Frage dich, wo deine Stärken und Kompetenzen liegen! Es geht im Grunde darum, ein Produktkonzept zu erarbeiten – nur, dass es dieses Mal um die eigene Persönlichkeit geht.

"Man sollte dafür zunächst alles sammeln, was man beruflich irgendwann mal gemacht oder gelernt hat. Dazu zählen fachliche oder methodische Stärken, aber auch zwischenmenschliche Kompetenzen, die einen von anderen unterscheiden", sagt Peters. Das könnten zum Beispiel Eigenschaften wie Empathie und Teamgeist sein, oder das Talent, besonders lösungsorientiert zu arbeiten.

Für ihre Kundinnen gehört in diesem Prozess dazu, Freundinnen, Bekannte oder Kolleginnen nach besonderen Fähigkeiten zu befragen. Das erweitere den eigenen Blickwinkel und sei eine gute Übung für die Stärkung des Selbstvertrauens. Am Ende sollten im Idealfall drei bis fünf Kernstärken herauskommen. "Natürlich nur solche, die man auch selbst an sich schätzt und mag, ansonsten wird es schwer damit zu werben", sagt Peters.

Wie positioniere ich mich klar?

Wer schon mal eine BWL-Vorlesung hatte, kennt vielleicht den klassischen Produktprozess und die vier "P-Fragen". Die Expertin rät, sich auch für das Selbstmarketing Gedanken darüber zu machen: Was ist mein Produkt? Wie hoch ist mein Preis dafür? Wo am Markt positioniere ich mich? Und wie promote ich es am besten?

Vor allem sollte man planen, wie viel Zeit und Geld man in das Selbstmarketing investieren möchte. Wie häufig will ich meine Homepage überarbeiten? Brauche ich ein eigenes Facebook-Profil oder einen Blog?

Gerade zu Beginn nehmen viele Gründer nahezu alle Aufträge an, um Geld zu verdienen. Das kenne auch ich nur zu gut. Dabei ist die eindeutige Positionierung viel entscheidender, sagt Peters. "Nur so kann man garantieren, dass die Arbeit einem auf Dauer Spaß macht und man authentisch bleibt."

Wer ist meine Zielgruppe und wie kann ich sie erreichen?

Eine eigene Homepage und Profile auf den einschlägigen Businessplattformen wie Xing oder LinkedIn sollten für Gründer obligatorisch sein. "Dass man im Netz schnell gefunden wird, ist eine Minimalvoraussetzung", sagt Peters. Besonders viel Wert sollte man dabei auf professionelle Fotos legen.

Ich war dafür schon zweimal mit Fotografen unterwegs, um sowohl klassische Porträtaufnahmen als auch lockere Bilder für Social Media von mir machen zu lassen. Wenn ich wollte, könnte ich den ganzen Tag bei Twitter, Facebook und Instagram verbringen, wo ich überall Profile eingerichtet habe. Darüber habe ich tatsächlich schon viele Ansprechpartner gefunden, die mir für meine Arbeit weitergeholfen haben. Aber klare Zeitgrenzen sind wichtig, wenn diese Plattformen nicht die Hauptverdienstquellen darstellen.

Außerdem überlege ich mir gerade, wie viel ich von mir als Privatperson und von meiner täglichen Arbeit im Netz preisgeben möchte. "Menschen fühlen sich in der Regel angesprochen, wenn sie echte Emotionen übermittelt bekommen", sagt Selbstmarketing-Coach Peters. Es sei deshalb hilfreich, einige Geschichten in petto zu haben, die die eigene Marke stützen.

Ist es wichtig, dass ich als selbstständige Journalistin von meiner Schreibblockade auf Instagram berichte? Das spricht vielleicht Nachwuchsjournalisten an, aber nicht Redakteurinnen, die mir einen neuen Auftrag anbieten möchten. Dafür lohnt es sich vielleicht von einer Recherche zu berichten, die mich besonders berührt hat. In anderen Branchen ist das ähnlich. Eine selbstständige Architektin könnte etwa damit überzeugen, dass sie ihre Community an dem Entstehungsprozess ihres ersten geplanten Bauwerks teilhaben lässt, nicht aber daran, wenn sie sich irgendwo verkalkuliert hat.

Beim Thema Authentizität kann man jedoch schnell seine Glaubwürdigkeit verspielen, findet Peters. "Wer versucht, sich eine Maske aufzusetzen und etwas vorgibt, das er eigentlich absolut nicht verkörpert, wird höchstwahrscheinlich scheitern, denn Kunden merken relativ schnell, was echt ist und was nicht."

Wie kann ich Selbstmarketing üben?

Selbstmarketing findet aber nicht nur in der digitalen Welt statt, sondern auch "außerhalb der eigenen Komfortzone", wie Julia Peters es nennt. Davon fühle ich mich direkt angesprochen. Ich bin zwar gerne unter Menschen – aber ziemlich schlecht im Small Talk. Doch da muss ich jetzt immer häufiger durch.

Für Gründer gibt es etliche Angebote an Netzwerkveranstaltungen oder Stammtischen, bei denen sie sich über Erfahrungen austauschen und Selbstmarketing üben können. Peters' Tipp: "Man sollte von seinen Gesprächspartnern nicht offensiv berufliche Unterstützung verlangen, sondern selbstlos an die Sache gehen und auch eigene Hilfe anbieten. Dann kommt meistens mehr zurück."

Ich bin gerade in verschiedenen Coworking-Spaces in Berlin unterwegs, in denen wöchentlich solche Runden stattfinden. Dort gibt es unter anderem die Möglichkeit, sein Produkt oder eine Dienstleistung vor Fremden zu präsentieren und sich Feedback einzuholen. Das kann übrigens auch eine gute Übung für Vorträge vor größeren Menschenmengen sein. Ein solches Training geht mithilfe von Online-Seminaren auch von zu Hause. "Diese Kurse können eine hilfreiche Ergänzung sein, allerdings ersetzen sie nicht den persönlichen Kontakt", meint Julia Peters.

In der nächsten Folge geht es um ein Thema, das mich noch nicht direkt betrifft, aber auch ein Grund für mich war, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.


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