Studenten erzählen von ihren ungewöhnlichen Nebenjobs.

Manche Nebenjobs sind einfach nur abgefahren: Zum Beispiel der Nebenjob von Michal, der sich als Sargträger in Berlin sein Studium finanziert. Oder der von Kail, der jeden Tag eine Stunde in der Methadon-Vergabestelle in Münster arbeitet und so seine Reisen bezahlt.

Wir haben mit vier Studenten über ihre eher ungewöhnlichen Nebenjobs gesprochen:
Kail, 24, verteilt Methadon
(Bild: Privat)

Ich bin jeden Tag für eine Stunde in der Methadon-Vergabe in Münster, am Wochenende jeweils 1,5 Stunden. Dort gebe ich den Patienten ihre Dosis und sehe dabei zu, wie sie das Mittel einnehmen. Außerdem müssen die Patienten regelmäßig ihren Urin bei mir abgeben, das ich im Anschluss auswerte.

​Was ist Methadon?

Methadon wird bei der Behandlung von Personen eingesetzt, die unter einer Abhängigkeit von Opioiden, meist Heroin, leiden. Die Ersatzdroge hat eine stark schmerzstillende Wirkung. Langfristig soll die Therapie dabei helfen, Betroffene von ihrer Abhängigkeit zu befreien und den körperlichen sowie psychischen Schaden zu verringern.

Das Verrückte an meinem Job sind die Patienten selbst: Manche kommen seit Jahren, aber es kommen immer wieder neue dazu. Es gibt viele Leute, die ganz normal zu sein scheinen, andere sind ziemlich schwierig, weil der Entzug sie sehr belastet. Ich muss aufpassen, dass ich von allen respektiert werde, sodass ich ohne große Probleme arbeiten kann.

Scheiße, jetzt muss ich mich gleich mit dem prügeln.

Es gibt viele skurrile Momente, aber einen Tag werde ich nie vergessen:

Ich war an einem Sonntag alleine in der Vergabe. Die Schicht war unproblematisch, doch kurz vor Schluss kam ein Patient und aus irgendeinem Grund waren seine Tabletten nicht da. Er ist total ausgeflippt. Und ich dachte mir: “Scheiße, jetzt muss ich mich gleich mit dem prügeln.“ Er war etwa 60 Jahre alt. Totales Drama – und das alles nur, weil er seine Tabletten nicht sofort kriegen konnte. Als er gemerkt hat, dass ich mich mit ihm anlegen würde, hat er es sich noch mal anders überlegt.

Ich mag den Job, weil er einfach und gut bezahlt ist. Ich bekomme 12,50 Euro in der Stunde und für eine längere Schicht am Wochenende 25 Euro.

Schlimm finde ich eigentlich nur den Geruch mancher Patienten.

Die Patienten sind meistens sehr freundlich und aufgeschlossen, sodass ich viele interessante Geschichten mitbekomme. Da ich sehr gerne reise, mag ich besonders, dass ich so flexibel bestimmen kann, wann ich arbeite.

Für den Job muss man auf jeden Fall ordentlich und zuverlässig sein, vor allem aber locker und authentisch. Dann wird man angenommen und respektiert – das kommt bei den Leuten gut an.

Patricia, 23, ist Flugbegleiterin
(Bild: Privat)

Ich arbeite neben meinem Politikstudium bei einer deutschen Airline als Flugbegleiterin.

Was ich daran am Besten finde: Nicht nur, dass ich die Welt entdecke und unfassbar viele Kulturkreise und Religionen kennenlerne. Meine Kollegen sind mindestens genauso vielfältig: Es sind Gastronomen dabei, Künstler, sogar Zahnärzte und natürlich einige Studenten. Außerdem sind alle Altersklassen vertreten. Es gibt einen sehr breit gefächerten Austausch über das Leben und unsere Erfahrungen, mit Kollegen und mit Gästen.

Manchmal kriege ich mehr als 24 Stunden keinen Schlaf.

Das klingt toll, aber hart es ist auch: Manchmal kriege ich mehr als 24 Stunden keinen Schlaf, weil ich einen Nachtflug habe oder mein Körper vom Jetlag verwirrt ist. Und manchmal bekomme ich eine richtige Reizüberflutung, weil ich in so kurzer Zeit mit so vielen Menschen konfrontiert bin – und das alles auf engem Raum.

Ich mag es überhaupt nicht, wenn Gäste nicht zurückgrüßen oder ihre Kopfhörer aufbehalten, obwohl offensichtlich ist, dass ich ihnen jetzt gerne etwas anbieten würde. Und wenn sie mich dann noch anpflaumen, weil sie mich nicht hören, finde ich das unverschämt. Es fällt mir manchmal schwer, einfach weiterzulächeln und den Tomatensaft nicht versehentlich fallen zu lassen.

Selbstbewusstsein ist sehr wichtig.

Man muss auf jeden Fall Durchhaltevermögen und eine gewisses Level Selbstironie mitbringen. Selbstbewusstsein ist sehr wichtig, da man gerade in Uniform immer auf dem Präsentierteller ist. Da gibt es oft nette Anmerkungen, aber eben auch sehr blöde und verletzende Kommentare. Man muss lernen, damit umzugehen.

Ich verdiene pro Monat zwischen 1.200 und 1.800 Euro netto – je nach Flug. Im Winter fliege ich Teilzeit und im Sommer Vollzeit. Ich mache das jetzt seit etwas mehr als einem Jahr und werde noch mindestens zwei Jahre dabei bleiben. Für mich ist es – auch wenn es abgedroschen klingt – wie ein Hobby, für das ich bezahlt werde.


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Arthur*, 23, jobbt in einem Atomkraftwerk

*Weil Arthur nicht erkannt werden möchte, haben wir seinen Namen geändert. So ähnlich sieht es aus, wenn er im Atomkraftwerk unterwegs ist:

(Bild: Dpa / Kay Nitfeld)

Ich arbeite seit mehreren Jahren jeden Sommer für einige Wochen als Aushilfe in einem Atomkraftwerk in der Schweiz. Da baue ich eigentlich den ganzen Tag Gerüste: Mein Team und ich sind dafür verantwortlich, dass die Arbeiter, die die Reparaturen im Kraftwerk vornehmen, während der Wartungsarbeiten in Bereichen mit Absturzgefahr sicher arbeiten können.

Das Besondere: Wenn wir die Gerüste bauen, bewegen wir uns oft in einer Höhe von mehr als zehn Metern. Und wir arbeiten in der kontrollierten Zone.

Was versteht man unter einer "kontrollierten Zone"?

Das ist der Bereich, in dem ein Arbeiter erhöhter Strahlung ausgesetzt ist: Bei regelmäßiger Arbeit in der kontrollierten Zone kann der erlaubte Grenzwert von 1 Millisievert pro Jahr überschritten werden. Damit keine Strahlung nach außen gelangt, müssen die Arbeiter beim Betreten und Verlassen der kontrollierten Zone ihre Kleider wechseln. Der Aufenthalt in der Zone ist zeitlich begrenzt und die Strahlungswerte werden anhand eines Dosimeters, das jeder Arbeiter bei sich tragen muss, überprüft.

Unsere "Zonenwäsche" besteht aus orangenen Slips, T-Shirts, gelben Socken, einem weißen Overall, Sicherheitsschuhen und einem blauen Helm.

Um die Aufenthaltszeit und die aufgenommene Strahlungsdosis zu reduzieren, musste es so schnell wie möglich gehen.

Einmal musste ich so schnell wie möglich in die kontrollierte Zone und dort innerhalb von zwei Stunden mit rund 15 Kollegen 14 Tonnen Bleimatten auseinandernehmen. Um die Aufenthaltszeit und die aufgenommene Strahlungsdosis zu reduzieren.

Mir gefällt es, dass ich meist selbstständig und mit einem etwa gleichaltrigen Team arbeiten kann – wir sind fast alle Studenten aus Deutschland.

Was ich nicht mag, ist die bestehende Gefahr der Strahlenbelastung – trotz der hohen Sicherheitsvorkehrungen. Außerdem sind die vielen Beschäftigten externer Firmen oft leichtsinnig und die Atmosphäre am Arbeitsplatz – mit Neonlicht in einem Bunker – ist manchmal echt unangenehm.

Ich verdiene rund 1000 Euro netto pro Woche.

Grundsätzlich ist handwerkliche Erfahrung und Verständnis hilfreich, ansonsten wird man als Handlanger beschäftigt und muss locker mehrere Tonnen Gerüstmaterial pro Tag schleppen.

Ich arbeite teilweise mehr als 50 Stunden pro Woche. Wegen der Zulagen für Überstunden und Wochenendarbeit verdiene ich rund 1000 Euro netto pro Woche.

Michal, 27, jobbt als Sargträger
(Bild: Privat)

Ein normaler Arbeitseinsatz sieht so aus, dass ich zum Bestattungsinstitut fahre und dort meine Arbeitskleidung anziehe: einen Anzug mit Weste, im Winter einen Mantel und einen Hut. Dann fahre ich mit vier bis sechs Kollegen zur Trauerfeier. Unsere Aufgabe ist es, den Sarg in die Kirche zu tragen und später in die Erde zu lassen. Dazwischen haben wir Freizeit.

​Hast du Angst vor Leichen?

Es gab zwei Momente bei meiner Arbeit, die ich ziemlich dramatisch fand:

An meinem ersten Arbeitstag wurden wir Aushilfen in den Kühlraum geführt – dort, wo die Verstorbenen aufbewahrt werden. Das ist ein Ort, den man normalerweise nicht sieht. Wenn die Trauergesellschaft den Toten sieht, dann ist er “schön aufgebahrt“ - im Kühlraum ist er das noch nicht. Das war ein kleiner Schock für mich.

Ein anderes Mal bin ich zu früh zur Arbeit gekommen. Ich hatte mich gerade umgezogen, als ein Mitarbeiter zu mir kam und mich fragte: “Hast du Angst vor Leichen?“ Was sollte ich anderes antworten als “Nein, ich denke nicht“?

Dann wurde ich in den Kühlraum geschickt, um einem Mitarbeiter dabei zu helfen, die Verstorbenen in die Särge einzuladen und sie dann zu verschließen. Die Toten waren noch nicht geschmückt, aber immerhin angezogen und teilweise mit einem Tuch verdeckt. Trotzdem habe ich mehr gesehen, als ich mir gewünscht hätte.

Mein Humor ist schon ein bisschen dunkel geworden.

Ich mag die Mitarbeiter: Ich hätte nie gedacht, dass die Leute in dieser Branche so positiv drauf sein können. Obwohl wir täglich mit Trauernden umgehen müssen, ist die Stimmung unter uns sehr gut. Und mein Humor ist auch schon ein bisschen dunkel geworden.

Wir haben viel Respekt gegenüber den Angehörigen und treten immer seriös auf – trotzdem lachen wir über die Geschichten, die uns passieren. Das ist machmal vielleicht etwas unangebracht – aber es macht die Arbeit leichter.

Der größte Nachteil an dem Job ist der unregelmäßige Arbeitsrhythmus. Da man nie weiß, wann man gebraucht wird, kann man nichts langfristig planen.

Für den Job braucht man körperliche Belastbarkeit, Vernunft, “Gehirn“, eine gewisse Distanz zu Leben und Tod und natürlich Respekt gegenüber anderen Leuten und deren Situation. Die Firma bezahlt den Aushilfen zwölf Euro pro Stunde.


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