Bild: bento

Mit den Eltern zusammenzuarbeiten, das ist manchmal schon in der Küche unmöglich. Michael, 28, führt mit seinem Vater Anton Kilger eine Fabrik. Sie stellen Leder her. Stapelweise Kuhhäute, ein Dutzend Arbeiter mit Schürzen, Pfützen auf dem Boden. Es duftet nach Tradition.

Die Lederfabrik der Kilgers gibt es seit 165 Jahren, seit fünf Generationen. Michi, wie ihn alle nennen, ist der Sechste. T-Shirt, Sportschuhe, Dreck unter den Nägeln. "Ich bin schon als Kind hier rumgeflitzt", sagt er und klingt dabei immer noch so erwartungsvoll wie ein kleiner Junge.

Leder berührt er nicht, er streichelt es. "Als ich nach meinem Bali-Urlaub wieder in die Firma gekommen bin, da hab ich das Leder wieder richtig wahrgenommen. Ein wunderschöner Geruch." 

Michi hat in Regensburg, München und Berlin studiert. Erst ein halbes Jahr Wirtschaftsinformatik, dann BWL und Marketing Management. Vor zwei Jahren kehrte er nach Viechtach im Bayerischen Wald, in die Berge, zurück. Er fährt Ski, Snowboard, geht Wandern, Klettern, will bei einem Ultralauf mit 1000 Meter Höhenunterschied mitmachen. "Brutal" ist ein Wort, das er häufig benutzt.

Brutal ist es, ein Unternehmen mit vier Millionen Jahresumsatz zu führen. Noch ist sein Vater mit dabei, aber in vier bis fünf Jahren will der raus sein. Schon jetzt arbeitet Michi manchmal sieben Tage die Woche. An Weihnachten hat er das zu spüren bekommen, er lag zwei Wochen flach, Schwindelanfälle. "Gerade am Anfang muss man lernen, dass man einfach nicht immer alles sofort erledigen kann und irgendwann einfach Schluss ist."

Aber wie geht das – ohne Schwindel? Wie geht das, ein Unternehmen von der einen Generation an die nächste zu geben? Michi und sein Vater erfahren es gerade.

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Was Michi macht, machen nicht mehr viele Menschen. Das Gerber-Handwerk – so nennt man das Verarbeiten der rohen Tierhaut – ist rar, ebenso die jungen Menschen, die einen elterlichen Handwerksbetrieb übernehmen wollen.

Meist sucht der Nachwuchs seine Zukunft in anderen Bereichen – während Technik von Maschinen übernommen wird, Großkonzerne kleine Firmen verdrängen, Eltern ihre Kinder seltener in Rollen zwängen. Viele studieren lieber, reisen. Manchen reicht es, erst einmal Verantwortung für sich selbst zu tragen. 

Was bleibt, sind Unternehmerinnen und Unternehmer im Rentenalter auf der Suche nach einer Zukunft für das eigene Werk. Das ist deutschlandweit so. Allein in Nordrhein-Westfalen brauchen laut einer aktuellen Analyse 30.000 Betriebe in den kommenden fünf Jahren einen Nachfolger an der Spitze. (WDR)

Das sind Sorgen, die sich die Kilgers nicht machen müssen.

Brutal!
Ein Wort, das Michi häufig nutzt

"Ich bewundere ihn immer wieder", sagt Michi über seinen Vater. Der hatte keine Übergangsphase wie sein Sohn. Er übernahm mit 15 den Chefposten, nach dem Tod seines eigenen Vaters. Alles, was Michi nun Stück für Stück erklärt bekommt – rechtliche Vorgaben, Steuern, Personalführung –, musste Anton sich selbst erarbeiten.

In dieser Woche hatten die beiden Besuch von zwei Beraterinnen einer Stiftung zum Thema "Unternehmensnachfolge". Eine der Herausforderungen, die sie ausgemacht haben: Vater Anton ist der Kaufmann, Michi der Kreative.

Als er vor ein paar Jahren einen Ledergürtel zu Weihnachten geschenkt bekam und der schon nach kurzer Zeit kaputt ging, dachte er sich: "Das kann ich besser." Er tüftelte an Modellen, machte Praktika bei den Kunden seines Vaters. Erst nähte er nur Gürtel für ein paar Freunde, mittlerweile liefert er deutschlandweit aus, bis nach Großbritannien und andere EU-Länder. "MK Ledermanufaktur - handmade in Bavaria" heißt das Unternehmen im Unternehmen. 

Warum wir die Zukunft der Arbeit in einer 8000-Einwohner-Gemeinde in Bayern suchen

Lange galt die Stadt als das Nonplusultra: mehr Menschen, mehr Business, mehr Forschung, mehr Kultur. Wer Karriere machen oder sich selbst finden und ausprobieren wollte, musste in die Stadt. Doch die Freiräume verschwinden, Zeit für Zukunftsvisionen hat kaum noch jemand.

Ganz anders auf dem Land: Hier gibt es Ruhe, viel Platz und durch die Digitalisierung ist man trotzdem nah dran – so zumindest die romantische Vorstellung.

Ist das wirklich so? Katharina verbringt eine Woche im Coworking-Space "Woidhub" in Viechtach im Bayerischen Wald, wo sich junge Pioniere Großstadtfeeling in die 8000-Einwohner-Gemeinde geholt haben. Was sie dort erfährt, berichtet sie diese Woche auf bento.

Wie Trainer und Co-Trainer wirkt die Beziehung, wenn Michi von sich und seinem Vater erzählt. 

"Mein Vater ist stolz auf mich, aber Lob ist sehr rar bei uns. Keine Kritik ist schon ein großes Lob bei uns." Wie er den Stolz trotzdem spüre? "Mein Vater erzählt es dann anderen."

Ihm graut es vor den Verwaltungsaufgaben. Wenn ihn heute im Büro etwas nervt, kann er sich an seine alte Nähmaschine setzen und ablenken. Später hat er vielleicht weniger Freiheiten. Vermutlich muss er noch jemanden dafür einstellen. Aber wen? Schwierig.

Michis Bruder Daniel hat ein Startup in München gegründet. Er findet Leder nicht so spannend. 

Familienzoff wollen sie alle vermeiden. Deswegen kann Michi sich auch an keine Situation erinnern, in der er und sein Vater aneinander gerieten. 

"Ja, man kennt die Geschichten, wo der Seniorchef in den Betrieb kommt und noch alles bestimmen will. So ist das bei uns nicht", sagt Michi. Sein Vater habe noch nie gesagt "Du musst", oder "Das haben wir schon immer so gemacht".

Dass die beiden harmonierten, liege auch bestimmt daran, dass Michi sich vorher allein bewiesen habe. Wenn sie mal unterschiedliche Vorstellungen haben, geht es meist um das Leder. "Ich bin da mehr von der modischen Seite", sagt Michi. Es habe ihn zum Beispiel immer aufgeregt, wenn bei der Tierhaut von "Fehler" gesprochen wurde. "Eine Narbe ist doch kein Fehler, beim Menschen ja auch nicht."

Lob ist sehr rar bei uns
Michi

Immer wieder kommen Mitarbeiter auf Michi zu, haben eine kurze Frage zu einem Gürtelmodell, klären ab, dass sie einen kurzen Termin haben und gleich wieder kommen. "Ja, ja… pascht", sagt Michi, jetzt klingt er wie der Thekennachbar im bayerischen Wirtshaus und nicht wie der Chef. 

Gerade für die älteren Mitarbeiter im Betrieb sei es bestimmt komisch, dass der kleine Junge, der früher im Büro rumgesprungen sei, auf einmal auch der Chef ist. "Aber dass ich in der Produktion mitarbeite, verschafft auch Respekt. Außerdem war es schon immer sehr familiär bei uns, wir haben kein krasses Vorgesetzen-Angestellten-Verhältnis."

Und wann wird Michi alleiniger Chef sein?

"Für meinen Vater ist schwierig, zu sagen: 'Ich bin raus, jetzt setze ich nie wieder einen Fuß hier rein'", sagt Michi. "Das würde ich auch nie verlangen. Das ist nicht meine Entscheidung. Ich kann froh sein, dass ich dieses Erbe antreten darf."

Im Ort sei der Vater für alle nur der "Lederer" – seit es die Fabrik gibt, werden die Familienoberhäupter so genannt. Mittlerweile rufen die Freunde auch "Lederer", wenn sie Michi meinen. "Ein Qualitätsmerkmal, ein Ritterschlag", sagt er, lacht. Die Zeit ist gekommen.


Haha

Abiturienten in Norwegen haben Sex auf Verkehrsinseln. Damit soll jetzt Schluss sein

Gerade hat man noch bewiesen, dass man zum schlauesten Nachwuchs des Landes gehört, schon fangen die Dummheiten wieder an. Wer gerade sein Abitur bestanden hat, muss das feiern – manchmal nicht nur mit Partys, sondern auch mit Sex.

In Norwegen haben sich die Abiturienten und Abiturientinnen – Russer genannt – da eine besondere Herausforderung einfallen lassen. Für ihre Party-Zeit stellen sich die Absolventinnen und Absolventen teilweise rund 100 Mutproben, die oft auch noch in der Zeitung veröffentlicht werden.