Bild: Jannis Große / bento

Beim Bewerbungsgespräch lief es noch so gut. Am Anfang fragte die Chefin nach Praktika, bei der Verabschiedung ging es schon um die besten Fitnessstudios der Stadt. Eine Vorgesetzte mit Kumpel-Potenzial – das wünschen sich viele. Aber was, wenn sich die Führungskraft doch nicht so nett verhält wie erwartet:

Immer wieder landen die Aufgaben, auf die keiner Lust hat, bei dir? Ständig werden nur dir Überstunden aufgedrückt? Wenn mal etwas schief läuft, macht sich deine Chefin vor allen darüber lustig? "Bossing" nennt man dieses Verhalten.

Wenn du mit Bauchschmerzen zur Arbeit gehst, weil deine Chefin ständig nörgelt, dich anschreit oder mobbt, dann kann man sich wehren. Aber wie?

Gerade Berufseinsteiger und Arbeitnehmer mit wenig Berufserfahrung erscheinen die Vorgesetzten gerade zu übermächtig. Und sich woanders zu bewerben, ist keine Option: Es gilt Berufserfahrung zu sammeln, und die Kolleginnen und Kollegen halten schließlich zusammen.

Wir haben Petra Würth gefragt, wie man sich in dieser verzwickten Situation wehren kann. Sie ist Mediatorin in Hamburg und berät Unternehmen in Konfliktsituationen. "Es ist wichtig, dass man als Opfer von Mobbing oder Bossing reagiert und sich wehrt", sagt Würth.

Petra Würth ist Mediatorin und Coach in Hamburg und berät Unternehmen und Familien in Konfliktsituationen. 

(Bild: Paul Schirnhofer)

Das ist ihre Strategie:

1 Ein Mobbing-Tagebuch führen

Die erste Maßnahme sei es, genau aufzuschreiben, wann was passiert sei und vor wem, sagt Würth. Es sei wichtig, nicht nur ein paar Tage die unangenehmen Situationen aufzuschreiben, denn vielleicht handele es sich ja nur um eine stressige Phase. Drei bis sechs Monate sollten protokolliert werden.

2 Rückhalt suchen

"Bilde ich mir das nur ein? Nehme ich es vielleicht einfach nur zu persönlich?" Diese Gedanken kommen Menschen oft, wenn sie allein in einer Mobbing-Situation sind. Also sei der nächste Schritt, dafür zu sorgen, dass man sich nicht mehr allein fühle, sagt Würth.

Im Mobbing-Tagebuch stehen ja schon einige konkrete Situationen. Mit diesen Situationen sollte man jetzt zu einem Vertrauten gehen: Familie, Freunde oder vielleicht auch zu einer Kollegin oder einem Kollegen. Dahinter steckt die Frage: "Sehe nur ich das so, oder glaubst du auch, dass da was falsch läuft?"

3 Das Gespräch mit der Mobberin oder dem Mobber suchen

Das sei der unangenehmste, aber auch ein unvermeidbarer Schritt, sagt Würth. Natürlich sei es schön, ein Team hinter sich zu haben. Aber: "Das Gespräch sollte unbedingt unter vier Augen stattfinden – sonst fühlt sich die Chefin oder der Chef in die Ecke gedrängt und reagiert entsprechend eher mit Abwehr oder Angriff."

Auch die Kollegen zu erwähnen im Sinne von "Andrea ist das auch schon aufgefallen!" sei nicht ratsam: "Das setzt die Vorgesetzten nur unter Druck und vergiftet von vornherein das Gesprächsklima." Man solle immer bei sich bleiben und dabei, wie man selbst die Situation erlebt habe. "Außerdem muss man leider damit rechnen, dass Kollegen sich eher raushalten wollen", sagt Würth. Immerhin gehe es hier auch um den eigenen Job. Man solle also niemanden ungefragt in eine unangenehme Situation bringen.

Zur Gesprächsführung rät die Expertin zur "Gewaltfreien Kommunikation" nach Marshall B. Rosenberg (Infoportal GFK). Das bedeutet:

  • Konkretisieren, nicht verallgemeinern: Wörter wie immer, ständig und nie seien tabu, denn "darauf würde die Gegenseite nur mit Rückzug oder Konfrontation reagieren."
  • Besser das Mobbing-Tagebuch nutzen: neutral, ohne zu werten, erzählen, wann was passiert ist. Ein bis zwei reine Beobachtungen beispielhaft wiedergeben: "Am 24. Mai, dem Tag der Beerdigung meiner Großmutter, habe ich das große, dringende Projekt bekommen, das noch am selben Tag fertig werden musste."
  • Erklären, welche Gefühle das in einem auslöst: Ich-Botschaften benutzen, also etwas sagen wie "In dem Moment habe ich mich ungerecht behandelt gefühlt." Würth sagt: "Das kann entwaffnend wirken, denn wir sind es oft nicht gewohnt, dass jemand so konkret über seine Gefühle spricht – erst recht nicht im Arbeitsumfeld. Aber nur dadurch kommt man empathisch miteinander in Kontakt." 
  • Hinter den Gefühlen, die man anspricht, stehen Bedürfnisse und Wünsche, die auch kommuniziert werden sollten. Das sollte etwas Allgemeines sein, wie Sicherheit, Wertschätzung oder Sinn. "Ich wünsche mir mehr Gerechtigkeit bei der Aufgabenverteilung im Betrieb."
  • Aus dem Bedürfnis soll schließlich eine konkrete Bitte hervorgehen: "Es wäre toll, wenn wir in Zukunft diese Extra-Aufgaben in der Abteilung verteilen, nicht nur an mich.

Nach diesem Gespräch kann herauskommen, dass alles nur ein Missverständnis war und die Konflikte lösen sich. Wenn aber nicht, rät die Expertin:

4 Hilfe suchen

Wenn das Mobbing weitergeht, sollte man sich Hilfe suchen: in der Personalabteilung, beim Betriebsrat oder bei den Vorgesetzten der Chefin oder des Chefs. Das Mobbing-Tagebuch helfe auch hier dabei, die Situation zu belegen, sagt Würth. Außerdem habe man mit dem selbst initiierten Gespräch gezeigt, dass man gewillt sei, eine Lösung zu finden.  

Die Vorgesetzten und der Betriebsrat seien rechtlich verpflichtet zu handeln, indem sie das Gespräch mit den beiden Parteien suchen und versuchen eine Lösung zu finden, rät die Expertin. Im ersten Schritt könne man sich auch erst einmal von einem Mitglied des Betriebsrats beraten lassen.

Wer noch studiere und Konflikte mit Dozentinnen und Dozenten habe, könne sich an die Rechtsberatung der Uni wenden, den Asta oder auch die Psychologische Beratungsstelle.

Hilfe bei Mobbing

Du hast das Gefühl gemobbt zu werden? Hier kannst du dir Hilfe suchen:

Die TelefonSeelsorge der evangelischen und katholischen Kirche berät kostenfrei und rund um die Uhr unter den Telefonnummern 0800 111 0 111, 0800 111 0 222  und unter 116 123, sowie online via E-Mail oder Chat.

Das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen" vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben bietet unter 08000 116 016 in 15 Sprachen rund um die Uhr Hilfe für Frauen, die von Gewalt betroffen sind – auch von Mobbing. Es sind auch Online-Beratungen möglich.

Wer gezielt in seiner Region nach Anlaufstellen für eine Beratung sucht, findet beim Fachforum Mobbing eine Liste Regionale Hilfe in Deutschland

Die Chefin oder Chef macht nicht nur mich, sondern das ganze Team nieder. Was können wir gemeinsam tun?

Es sei unfair, den Chef mit einem Gespräch in großer Runde oder mit externen "Moderatoren" wie dem Betriebsrat oder Vorgesetzten der Chefin oder des Chefs zu überrumpeln, sagt Würth. "Das sollte am besten der letzte Schritt sein, wenn alle vorangegangenen Maßnahmen nicht geholfen haben."

Besser sei es, wenn das Team wie vorgeschlagen vorgeht: ein Mobbing-Tagebuch führt und dann einen Stellvertreter auswählt, der das Gespräch im Sinne der "gewaltfreien Kommunikation" durchführt.

"Dass das niemand gerne macht, ist klar", sagt Würth. Je nach Chefin oder Chef könne die Gefahr bestehen, dass der Stellvertreter dann das neue "Haupt-Opfer" der Attacken werde. "Aber vielleicht gibt es ja innerhalb des Teams eine Hierarchie und die oder der Höchstgestellte aus dem Team übernimmt dann das Gespräch." Das könne die Teamleitung sein oder jemand aus dem Team, der oder die sich gut mit der Chefin oder dem Chef vertrage. Oder ein älterer Mitarbeiter, der das Vertrauen von beiden Parteien besitze.

Erst wenn dieses Gespräch scheitern sollte, sei es an der Zeit, sich Hilfe von außen zu suchen – in Form von Vorgesetzten, Betriebsrat, Personalabteilung oder durch eine Mediation. Eine zeitnahe Reaktion auf Mobbing oder als Mobbing empfundene Situationen sei immer besser, als zu lange zu warten. "Sonst wird es immer schlimmer."


Gerechtigkeit

Zoe war Seenotretterin, jetzt hat sie Ärger – ihre Geschichte zeigt, wie sich Europa verändert hat
Sie ist nicht die einzige. Dabei sind die angeblichen Beweise fragwürdig.

In einer Nacht im Juni 2017, erzählt Zoe, mussten sie mitten in einem Rettungseinsatz umkehren. Die Schwimmwesten waren schon auf dem Schlauchboot verteilt, das zu kentern drohte. Doch ein anderes Flüchtlingsboot vor der libyschen Mittelmeerküste sank schneller. Wen rettet man zuerst? Vor solchen Entscheidungen stand die damals 20-jährige Deutsche fast täglich. Seenotrettung kann zynisch sein. "Die leuchtenden Augen der Menschen, die wir alleine in der Dunkelheit auf dem Meer zurückließen, werde ich nie vergessen." Erst Tage später erfuhr sie, dass die Menschen von einem anderen Schiff gerettet wurden.