Die siebte Folge unserer Serie über Berufseinsteiger

Maike*, 24, arbeitete in ihrem ersten Job als Sales- und Marketing-Koordinatorin für ein Franchise-Restaurant. Sie fühlte sich von ihrer Chefin so schlecht behandelt, dass sie kündigte. In ihrem neuen Job muss sie das Erlebte noch verarbeiten.

Mein erstes Jahr im Job

Der Einstieg ins Berufsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. Man weiß noch nicht, wie eine Gehaltsverhandlung abläuft, ist überfordert von den vielen Aufgaben und neuen Menschen – oder im Gegenteil: langweilt sich schon nach den ersten Wochen. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" sprechen wir mit Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern über ihren Start ins Arbeitsleben. Du hast auch etwas zu erzählen? Dann schreib uns an uniundarbeit@bento.de.

"An meinem ersten Tag im Büro hatte ich keinen Arbeitsplatz und keinen Computer. Ich bekam ein Diensthandy, mit dem ich vorerst arbeiten sollte, mehr nicht. Damals hoffte ich noch, alles würde besser werden, doch es wurde schlimmer. Dabei hatte ich mich so auf den Berufseinstieg gefreut.

Ich habe Medienmanagement studiert und fing schon im Bachelor an, mich auf Jobs im Marketing- und Eventbereich zu bewerben. Die ersten sieben Vorstellungsgespräche verliefen erfolglos, häufig schaffte ich es nicht einmal in die zweite Runde. Das hatte ich mir anders vorgestellt, immerhin war ich gut in der Uni, hatte eineinhalb Jahr im Ausland gelebt und neben dem Studium immer gearbeitet.

„Jedes Bild und jeden Text musste ich von meiner Chefin freigeben lassen. Das wurde schnell zum Albtraum.“
Maike

Über meinen Werkstudentenjob bei einem Konzertveranstalter lernte ich schließlich die Marketing-Leiterin eines Franchise-Restaurants kennen. Sie ermutigte mich, mich auf eine Stelle als Sales- und Marketing-Koordinatorin bei ihnen zu bewerben. Im Bewerbungsprozess hieß es, ich würde die Social-Media-Kanäle betreuen und Events organisieren. Nach vier Runden erhielt ich die Zusage. Mein Einstiegsgehalt lag bei 2.500 Euro brutto im Monat. Das war weniger, als ich erhofft hatte, aber ich war so froh, einen Job zu haben, dass ich mich darauf einließ.

Nachdem ich zwei Wochen lang die Abläufe im Restaurant kennengelernt hatte, sollte ich auf einmal nur noch im Büro sitzen und mich um Social Media kümmern. Dabei hatte ich mich besonders darauf gefreut, Events zu organisieren. Zu meinen Aufgaben gehörte zum Beispiel, die Instagram- und Facebook-Accounts und die Website des Restaurants zu betreuen. Ich überlegte mir Posts, schoss Fotos und reagierte auf Kommentare. Das machte mir zwar zunächst Spaß, doch es gab auch strikte Regeln: Ich durfte zum Beispiel das Foto eines Barkeepers nicht posten, weil auf der Bar ein kleiner Wasserfleck war. Jedes Bild und jeden Text musste ich von meiner Chefin freigeben lassen. Das wurde schnell zum Albtraum, denn sie lehnte meine Vorschläge fast immer ab.

Nichts war gut genug

Die größte Herausforderung für mich war, mit dieser Person zusammenzuarbeiten. Sie erwartete, dass ich 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche erreichbar war. Abends und am Wochenende schickte sie mir Nachrichten und fragte etwa, ob ich einen Kommentar bei Facebook schon gesehen hätte. Zuerst auf mein Diensthandy, und wenn ich nicht antwortete an meine private Nummer.

Gespräche, Meetings und Kundentermine mit meiner Chefin verliefen oft furchtbar, zumindest aus meiner Sicht. Ich stellte ihr Ideen zu Events oder Kooperationen vor und sie fragte mich, wie ich auf so einen Schwachsinn kommen würde. Einmal übernahm ich zwei Wochen lang ihre Urlaubsvertretung und musste mir danach anhören, wie dumm ich mich angestellt hätte und dass sie noch nie so sauer auf jemanden gewesen sei. Als ich sie fragte, was ich denn falsch gemacht hätte, konnte sie mir keine konkreten Beispiele nennen.

Das alles setzte mich unter einen enormen psychischen Druck. Ich nahm den Ärger mit nach Hause, wurde schnippisch, reizbar und energielos. Eigentlich bin ich sehr herzlich, aber plötzlich schnauzte ich meinen Freund grundlos an. Ich weinte viel und schlief immer schlechter. Ich wachte nachts auf und konnte nicht wieder einschlafen, ohne zu checken, ob neue Nachrichten auf meinem Diensthandy waren. Ich aß kaum mehr etwas, ständig war mir übel, außerdem litt ich täglich unter Kopfschmerzen. Ich hatte keine Kraft, um Sport zu machen oder meine Freunde zu treffen. Früher ging ich jedes Wochenende mit unserem Familienhund spazieren, auch dazu konnte ich mich nicht mehr aufraffen.

Bei der Arbeit gab es niemanden, an den ich mich wenden konnte. Meine Chefin verstand sich mit der Person eine Position über ihr sehr gut, so zumindest wirkte es in unseren wöchentlichen Besprechungen. Außerdem hatte ich Angst, dass ich übertreibe. Ich wusste einfach nicht, was ich mir gefallen lassen muss und was zu weit geht. Außerdem hatte ich natürlich keine Beweise.

Erst sprach ich nur mit meiner Familie und meinem Freund über meine Probleme, später auch mit meinem ehemaligen Chef bei dem Konzertveranstalter. Alle rieten mir, zu kündigen. Mit dem Gedanken hatte ich auch vorher schon gespielt. Aber ich wollte weiterhin mein eigenes Geld verdienen und nicht abhängig von meinen Eltern sein, auch wenn sie mich sicherlich unterstützt hätten. Deshalb fasste ich den Entschluss, erst zu kündigen, wenn ich einen neuen Job gefunden hatte. Nach drei Monaten begann ich, mich wieder zu bewerben.

Die zweite Bewerbungsphase verlief wieder sehr schleppend. Ich überlegte, noch einmal zu studieren oder ein Praktikum zu machen, aber beides kam aus finanziellen Gründen nicht in Frage. Vier Monate und einige erfolglose Bewerbungen später erfuhr ich über einen Freund meines Bruders von einer Stelle im Eventbereich eines Unternehmens, das mir schon vorher wegen seiner coolen Aktionen aufgefallen war. Ich bewarb mich und plötzlich ging alles ganz schnell. Nach zwei Vorstellungsrunden bekam ich die Zusage und kündigte meinen ersten Job, nach nicht mal neun Monaten.

„Ich möchte wieder lernen, an mich zu glauben und anderen zu vertrauen.“
Maike

Ich zögerte, meinem neuen Arbeitgeber von den Problemen mit meinem alten zu erzählen. Aber die Zeit dort hatte mich so geprägt, dass ich mich schließlich meiner Chefin anvertraute und ihr erzählte, wie sehr mich mein erster Job verändert hat.

Ich habe ständig Angst, dass meine Arbeit nicht gut genug ist und ich Ärger bekomme. Ich traue mich nicht, negatives Feedback zu äußern oder meine Ideen zu teilen. Ich bin nicht mehr selbstbewusst bei der Arbeit. Jede E-Mail, die ich schreibe, kostet mich Überwindung. Dabei bin ich eigentlich ein selbstsicherer Mensch und kann meine Bedürfnisse äußern.

Nach dem Gespräch beschlossen meine Chefin und ich, dass ich künftig mit einem Coach an diesen Dingen arbeite. Ich möchte wieder lernen, an mich zu glauben und anderen zu vertrauen. Es wird sicher eine Weile dauern, alles zu verarbeiten, aber ich glaube, es wird langsam. Und in meinem neuen Job bin ich sehr glücklich."

* Damit unsere Protagonistinnen und Protagonisten offen von ihrem Berufseinstieg erzählen können, ohne Nachteile fürchten zu müssen, bleiben sie hier anonym. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt.


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