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Ausstieg aus der Arbeitswelt

Was würdest du tun, wenn du nicht arbeiten müsstest? Wenn du genug Geld hättest, um selbst entscheiden zu können, wie du deinen Tag verbringst – ob mit Job oder ohne? Für viele ein Gedankenspiel. Alexander Hauser, 22, wagt den Praxisversuch. Er will mit 30 aus der regulären Arbeitswelt aussteigen. Das bedeutet nicht, dass er gar nicht mehr arbeiten möchte – er will nur nicht mehr finanziell abhängig sein von einem Job. Utopisch oder realistisch?

Raus hier!

Unzufrieden im Job, schlechtes Gewissen beim Konsum, am liebsten würde man alles anders machen – aber wie? Viele Menschen fühlen sich in ihrem täglichen Trott gefangen. In dieser Reihe stellen wir Personen vor, die das nicht mehr mitmachen wollen und aus unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft aussteigen.

Alexanders Idee: So viel Geld mit unterschiedlichen Investments anzusammeln, dass er ab einem gewissen Punkt allein von seinem Passiveinkommen, also den Renditen aus seinen Investitionen, leben kann. Das Geld für sich arbeiten lassen – anstatt anders herum.

Nach seinen Berechnungen wird er so mit 30 nicht mehr auf einen festen Job angewiesen sein. Früh genug angefangen hat er schon mal: Während andere ein schlechtes Gewissen plagt, weil sie mit Anfang 30 immer noch keine Altersvorsorge betreiben, machte sich Alexander schon im Alter von 20 Jahren einen Finanzplan und begann mit dem Sparen. 

Er hat zu dem Zeitpunkt eine Ausbildung zum Maschinenbautechniker abgeschlossen und die nächste zum Prozessmanager angefangen. Inzwischen arbeitet er als solcher in Vollzeit bei einem Hersteller von Autoteilen. 

Der Lifestyle seines Freundeskreises habe ihn schon während seiner Ausbildungen immer weniger interessiert, sagt Alexander zu bento. Feiern, trinken, Geld raushauen – "das war einfach nicht so mein Ding". Stattdessen wollte er seinen eigenen Weg gehen. Er las im Internet von der sogenannte Frugalisten-Bewegung und kaufte Bücher über finanzielle Freiheit. 

Doch Alexander wollte mehr: "Ich dachte mir, ich bin jetzt 20 Jahre alt und die meisten Frugalisten peilen einen Arbeitsausstieg mit 40 an – das wären also noch mal 20 Jahre. Aber ich möchte früher aus dem Hamsterrad." 

Schaffen will er das mit sehr risikoreichen Investitionen. Aber warum so früh raus aus dem Arbeitsleben?

In seiner ersten Ausbildung, sagt Alexander, habe er erlebt, wie es sich anfühlt, unglücklich mit seinem Job zu sein. Er zog die Ausbildung durch, doch Spaß machte sie ihm nie, erzählt er heute. Das habe auch sein Chef bemerkt, der ihn spüren ließ, was er von seiner fehlenden Motivation hielt. Die Auseinandersetzung habe ihm ein neues Ziel vor Augen geführt, sagt Alexander: "Ich will immer in der Lage sein, zu sagen: Wenn du mich nicht haben willst, dann gehe ich." Ohne finanzielle Sorgen.

Alexander begann damals, monatlich 100 Euro beiseite zu legen. Kurze Zeit später löste er einen Bausparvertrag auf, in den zuvor einige Jahre sowohl seine Eltern als auch er selbst eingezahlt hatten.

So baute er ein Startkapital von immerhin 14.000 Euro auf. Eine Summe, die nicht jeder junge Mensch hat – gleichzeitig aber auch keine, von deren Zinsen man leben könnte. Zumal es um die Zinsen zurzeit schlecht bestellt ist: Bei den Banken sind kaum welche zu holen, zum Teil verliert man aufgrund von Inflation und Negativzinsen sogar Geld, wenn das Ersparte einfach auf dem Konto liegt (FAZ). Wer mit seiner Kohle also Gewinn machen will, muss sich anderweitig umsehen.

Alexander gründete deshalb ein sogenanntes Amazon-Business und kaufte Waren aus China, jedes Teil maximal im Wert von 50 Euro – mal Wintermützen, mal Fitnessbänder. Die Produkte stellte er in seinen Online-Shop. Einen Lagerraum brauchte er dafür nicht: Aufbewahrung und Versand übernimmt der US-Konzern, die Händler müssen die Waren lediglich einkaufen und sich um die Werbung im Shop kümmern. 

Anderthalb Jahre lang vermehrte Alexander so sein Geld, während er weiter seinem Vollzeit-Job nachging. 

80 Prozent des Gewinns investierte er direkt wieder, den Rest bezahlte er sich selbst monatlich als kleinen Nebenverdienst aus. Manche anderer wäre versucht gewesen, ab irgendeinem Punkt die ganze Summe zu nehmen und eine Weltreise zu machen. Alexander war aber etwas anderes wichtig.

„Ich kann verstehen, wenn Menschen im Alter von 18 Jahren ein Sparbuch ausgezahlt bekommen und das Geld auf den Kopf hauen. Ich war auch oft in der Versuchung.“
Alexander

Heute sei er froh, widerstanden zu haben, sagt Alexander. 

Inzwischen arbeitet Alexander ohne Amazon, sein Geld investiert er in vier verschiedene Arten von Anlagen:

  • Aktien,
  • Startup-Crowdinvesting,
  • Immobilien-Crowdinvesting,
  • Peer-to-Peer-, also Privatkredite (P2P).

Bis auf die Aktien basieren alle diese Investitionsformen auf dem Prinzip, dass man sein Geld verleiht und damit entweder ein Start-up, ein Immobilienprojekt oder Privatpersonen finanziert. Gewinne werden durch die Wertentwicklung des Start-ups oder der Immobilie erzielt, sowie durch die verzinsten Rückzahlungen der Kreditnehmerinnen und -nehmern.

All diese Anlageformen bergen das Risiko eines Totalverlustes – gleichzeitig versprechen sie die Chance auf hohe Zinsen. 

"Bei den P2P-Krediten betragen die Renditen zum Teil 24 Prozent", sagt Alexander. Das bedeutet allerdings auch, dass die Kreditnehmer ihm entsprechend hohe Zinsen zahlen. Macht er sich darüber Gedanken? "Ja, das muss man mit sich vereinbaren", sagt er. Für ihn gehe es vor allem darum, anderen neue finanzielle Optionen zu geben. "Oft brauchen solche Kreditnehmer weniger als Tausend Euro, um einen schwierigen Monat zu überbrücken", sagt Alexander. Einen Kredit von der Bank bekämen seine Kunden oft nicht, weil ihnen die entsprechende Bonität fehlt. Das Risiko, das Geld nicht wiederzusehen, ist also extrem hoch.

Alexander gibt diesen Menschen dennoch Geld – und profitiert davon. Ein Zwiespalt. 

Inzwischen, sagt Alexander, habe er ein Vermögen von etwa 30.000 bis 40.000 Euro in verschiedenen Anlagen. 

Die monatlichen Einkünfte daraus belaufen sich aktuell auf etwa 250 bis 300 Euro. Damit könnte er ohne das Gehalt seines derzeitigen Vollzeitjob noch nicht leben. Doch zu sehr einschränken will Alexander sich offenbar dennoch nicht. Vor kurzem, so erzählt er, habe er sich ein Haus gekauft – dass er jetzt von seinem normalen Gehalt abbezahlt.

"Vermutlich nicht die klügste finanzielle Entschiedung", sagt Alexander. Doch für ihn und seine Freundin sei es die richtige gewesen. 

Vom Millionärsdasein ist Alexander noch weit entfernt – und auch von den Schätzungen der meisten Frugalisten, wie viel man braucht, um nie wieder arbeiten zu müssen.

Der Blogger Oliver Noelting geht beispielsweise auf frugalisten.de davon aus, dass er etwa 425.000 Euro benötigen wird, um für den Rest seines Lebens von den Renditen dieses Geldes leben zu können. Doch ein Luxusleben dürfte auch damit kaum möglich sein: Frugalisten rechnen meist mit etwa vier Prozent Rendite pro Jahr – bei Noeltings Summe bedeutet das monatlich 1400 Euro zum Leben. Wer auf dieser Grundlage mit 40 in Rente geht, muss als Frugalist danach ebenso spartanisch leben wie zuvor.

Auch Alexander plant, abgesehen vom Hauskredit, seine Ausgaben niedrig zu halten. "Nach Abzug aller Fixkosten versuche ich, pro Monat nur etwa 200 Euro auszugeben", sagt er. Inklusive Nahrungsmitteln, Ausgehen und Freizeitaktivitäten. Diese Sparsamkeit habe auch sein Umfeld verändert, sagt Alexander. "Früher hatte ich einen Freundeskreis von etwa zehn Personen, heute sind es nur noch zwei – dafür wirklich gute Freunde."

Bis er 30 ist, will Alexander sein investiertes Geld noch durch das Gehalt als normaler Angestellter aufstocken. Danach will er von Arbeitgebern unabhängig sein, "nur noch das tun, was mir Spaß macht". Was genau das ist, weiß er noch nicht.

Um danach nie wieder arbeiten zu müssen, schätzt Alexander, bräuchte er etwa 200.000 Euro Eigenkapital – eine deutlich niedrigere Summe als die von Frugalismus-Blogger Noelting angesetzte. Alexander hofft, dass seine risikoreichen Investitionen mehr abwerfen als die vier Prozent, mit denen die meisten Frugalisten planen. Mit dem Zinseszins aus seinem bereits investierten Geld und seinen monatlichen Ersparnissen, könnte er vielleicht mit 35 ganz aussteigen, schätzt Alexander.

Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg mit extremer Sparsamkeit. Wenig Party, dafür hoffentlich irgendwann die Freiheit. Alexander sagt, dass es ihm das wert sei.


Musik

Warum teilen gerade alle ihren Spotify-Jahresrückblick?
Auch Statistiken zeigen nicht immer die Wahrheit.

Wer in den letzten Tagen auf Instagram war, hat in den Stories vor allem eines gesehen: Spotify-Jahresrückblicke. Der Musikstreaming-Dienst hat zum Ende des Jahrzehnts für alle Userinnen und User ihr individuelles Nutzungsverhalten ausgewertet und daraus eine bunte Präsentation gebaut. Welche Künstler haben wir am meisten gehört? Wie viele Stunden Musik haben wir gestreamt? Selbst Menschen, die bei Instagram sonst eher zurückhaltend sind, teilen seitdem ihren Musikgeschmack öffentlich.

Warum?

Ein paar Gründe liegen auf der Hand: Erst mal machen es gerade alle. Es ist auch fast unmöglich, den Rückblick nicht zu teilen. Spotify hat die Daten Instagram-optimiert aufbereitet, man selbst muss nichts gestalten, sondern nur einmal auf "Teilen" tippen. 

Außerdem fühlt es sich fast ein wenig schmeichelhaft an, Diagramme über das eigene Freizeitverhalten zu sehen. So, als hätte sich ein Mitarbeiter darum bemüht, jedem einzelnen Nutzer einen möglichst schönen, persönlichen Rückblick zu gestalten. Da freut sich der Narzisst in uns.

Doch auch wenn die Jahresrückblicke vermeintlich so individuell sind – das, was meine Instagram-Freunde posten, ähnelt sich überraschend stark. Im Wesentlichen gibt es nur zwei unterschiedliche Typen von Musik-Rückblicken.

Da gibt es die Menschen, die die Gelegenheit nutzen, zu zeigen, wie gut ihr Musikgeschmack ist. Diese Menschen teilen Screenshots von Roosevelt oder Frank Ocean, dazu schreiben sie Sachen wie "Keine Überraschung”.

Ein "guter" Musikgeschmack war schon immer ein Mittel zur Abgrenzung. Für viele Menschen ist Musik nicht einfach nur Unterhaltung, sondern Ausdruck von Persönlichkeit, von Szenezugehörigkeit. Mit der Platte von Nirvana kaufte man sich immer auch ein bisschen die Coolness von Kurt Cobain.

Mit der Spotify-Auswertung lässt sich nun quasi wissenschaftlich belegen, was Musiknerds früher mühsam mit einer besonders gut sortierten Plattensammlung vermitteln mussten.

Wer das ganze Jahr über erzählt, wie sehr er eine Band verehrt und genau das jetzt in seinem Rückblick wiederfindet, hatte recht. Und was macht glücklicher, als recht zu haben?

Was besonders gern geteilt wird: Der Top-Künstler oder die Top-Künstlerin des Jahrzehnts – oder zumindest des Jahres. Denn das zeigt noch deutlicher, wie beständig der "anspruchsvolle" Musikgeschmack ist. Dass wir das Album von Arcade Fire nicht nur dreimal gehört haben, weil Pitchfork es empfohlen hat, sondern wir diesen Geschmack schon sehr lange haben. Auf jeden Fall länger als andere Menschen.

Und dann gibt es da eben noch eine zweite Art von Menschen, die ihren Spotify-Jahresrückblick teilen. Ihr Musikgeschmack eignet sich nicht zum Angeben. 

Ihre Top-Künstler sind Avicii, David Guetta oder RAF Camora. Mainstreammusik, einfach produziert, keine tiefgründigen Texte – aber genau das Richtige, um samstags die Küche zu putzen.

Trotzdem feiern sich auf Instagram fast genauso viele für ihren "trashigen" wie für ihren "guten" Musikgeschmack. Wahrscheinlich tun sie das aus dem gleichen Grund, aus dem andere Menschen gern erzählen, dass sie gern den "Bachelor" schauen: um einen Bruch in dem Bild zu erzeugen, das andere (vermeintlich) von ihnen haben. Wer zwölf Monate im Jahr ein tiefgründiges Image auf Social Media aufbaut, kann seine Follower zum Jahresende mit Justin Bieber überraschen und mit Selbstironie punkten.