Als sie mit Ende 20 beschließt, Informatik zu studieren, sagt ihr damaliger Freund: "Ich glaube nicht, dass das was für dich ist."

Dabei hat Sarah-Lee Mendenhall sich schon ihr ganzes Leben lang für Computer interessiert. Mit zwölf absolviert sie ein Praktikum bei einer Software-Firma, in der Schule belegt sie IT. Trotzdem kommt sie nach dem Realschulabschluss zunächst nicht auf die Idee, eine Karriere im IT-Bereich anzustreben. Sie beginnt eine Ausbildung zur Arzthelferin und arbeitet einige Jahre in diesem Beruf. Auch in der Praxis kümmert sie sich um alltägliche PC-Probleme. Wenn der Arzt denkt, das Internet sei kaputt, zeigt sie ihm, dass das Browser-Icon jetzt nur woanders ist.

Herzog (links) und Mendenhall (rechts) studieren auch im Master zusammen.

(Bild: Nils Stelte)

Sie holt ihr Abitur nach, will studieren. Vielleicht Medizin? Der NC ist zu hoch. Die drei Semester Psychologie an der Fernuni Hagen erfüllen sie nicht. Im Internet stößt sie dann auf den Bachelor-Studiengang "Informatik und Wirtschaft" der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW). Nur Frauen sind dort zulassungsberechtigt.

Sie erzählt ihrem damaligen Freund davon, die Reaktion verletzt sie. "Aber irgendwie war es auch ein Ansporn, ihm zu beweisen, dass er falsch liegt", sagt sie heute. Eine Woche später fängt sie an.

Frauen und Informatik, das passt für viele immer noch nicht so recht zusammen. 

Auch im Vorlesungssaal sind sie in der Minderheit. Der Anteil von Frauen in MINT-Studienfächern (also Mathe, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) ist nach wie vor gering. Laut dem Statistischen Bundesamt waren im Wintersemester 2017/18 in der Informatik rund 18 Prozent der Studierenden Frauen, im Wirtschaftsingenieurwesen knapp 24 Prozent.

Einige Hochschulen bieten einzelne Bachelor-Studiengänge nur für Frauen an, um etwas gegen das Ungleichgewicht zu tun. Die HTW hat pro Jahrgang Plätze für 40 Frauen zu vergeben. Die sind begehrt: 215 Bewerberinnen gab es darauf zuletzt.

Aber können Frauenstudiengänge wirklich mehr Frauen motivieren, technische Fächer zu studieren?

Wenn man Sarah-Lee Mendenhall zuhört, wirkt es so. Denn sie ist sich sicher: Ohne diesen Frauenstudiengang hätte sie nie Informatik studiert. Heute ist sie 33, hat den Bachelor abgeschlossen und studiert im Master. Immer noch an der HTW, jetzt aber mit Männern zusammen. "Ich habe genau das Richtige für mich gefunden", sagt Mendenhall in ihrem Berliner Dialekt. Ihr Ex-Freund konnte sich daran nie so recht gewöhnen. Er wollte ihr immer erklären, wie sie Aufgaben zu lösen hatte, obwohl er selbst keine Informatik-Kenntnisse hatte. "Es kratzte an seinem Ego, dass seine Freundin etwas schafft, was er nie erreicht hat." Sie trennten sich, noch vor ihrem Abschluss.

Mendenhall hat genau das Richtige für sich gefunden.

(Bild: Nils Stelte)

Warum hat sie aber einen Frauenstudiengang gebraucht, um zu ihrem Traumfach zu finden? Heute sagt sie, dass sie ein völlig falsches Bild von der Informatik gehabt habe: "Ich dachte, das studieren nur krasse Nerds und Mathematiker, da kann ich nicht mithalten." Die HTW bewirbt den Frauenstudiengang auf ihrer Website so: "Wir fangen bei Null an."

Genau das hat auch Nele Herzog, 34, dazu motiviert, an der HTW Informatik zu studieren. Wie Mendenhall hat sie erst den Bachelor abgeschlossen und studiert jetzt im Master. Herzog wirkt wie der Gegenentwurf zu Mendenhall, sie ist lauter, forscher. Trotzdem sind die beiden seit dem Bachelor befreundet, ihre ähnliche Geschichte verbindet sie. Auch Herzog war schon fast 30, als sie sich nach ihrem Theologiestudium entschloss, noch einmal etwas Neues anzufangen. Eine Freundin erzählte ihr vom Frauenstudiengang an der HTW. Heute sagt sie, dass Mädchen schon in der Schulzeit viel mehr vermittelt werden müsste, dass technische Berufe eine Option sind. "Und dass sie auch Spaß machen."

Herzog nahm ihr Kind mit in die Vorlesung.

(Bild: Nils Stelte)

Mendenhall und Herzog haben eine weitere Gemeinsamkeit: Sie sind beide mit Anfang zwanzig Mutter geworden. Sie erzählen, dass der Frauenstudiengang auch hierbei hilfreich gewesen sei. Zum einen seien die Vorlesungszeiten zwischen 10 und 16 Uhr familienfreundlich. Zum anderen sei es kein Problem gewesen, sein Kind auch mal mitzubringen. "Etwa ein Viertel der Studentinnen im Bachelor waren Mütter, da hatten alle Verständnis", sagt Herzog.

Sowohl für Mendenhall als auch für Herzog war es nicht wichtig, ohne Männer zu studieren – allerdings sei die Atmosphäre schon eine andere gewesen. Alle hätten sich getraut nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstanden. Bei Männern hat Herzog das anders erlebt. Als sie sich mit einem Freund aus dem gemischten Informatik-Bachelor in seine Vorlesung gesetzt habe, habe der Dozent etwas aus einem höheren Semester vorausgesetzt. Doch niemand hakte nach. "Checkt ihr das?", fragt sie ihren Kumpel, der nur mit den Schultern zuckte. "Wieso fragt dann niemand?" Das sei immer so, antwortete er.

Im Master sind sie oft die einzigen Frauen in Veranstaltungen, insgesamt sind 107 Männer eingeschrieben und nur 17 Frauen. Mit ihren Kommilitonen haben sie aber keine Probleme, haben nicht das Gefühl, von den Männern kleingemacht zu werden. "Die Männer sind uns gegenüber viel schüchterner, als es die Frauen im Bachelor waren", sagt Herzog.

Ob sie sich wünschen würden, dass es auch einen Master nur für Frauen gebe? Beide verneinen. "Jetzt wissen wir ja, dass wir es draufhaben", sagt Mendenhall. Es gehe ja nicht darum, Frauen ein möglichst schönes Studium zu bereiten, sondern ihnen die anfängliche Angst vor der Informatik zu nehmen.

In der Berufswelt ist die Informatik nach wie vor eine Männerdomäne, noch stärker als im Studium. Laut Bundesagentur für Arbeit lag der Frauenanteil 2017 unter 17 Prozent. Kann ein Frauenstudium darauf vorbereiten, sich in dieser Welt durchzusetzen? Herzog und Mendenhall haben nach einer längeren Praxisphase während des Bachelors keine Bedenken. Außerdem arbeiten sie beide als Werkstudentinnen, Herzog in der Automobilindustrie, Mendenhall bei einem IT-Unternehmen. "Wir können mit Männern umgehen, keine Sorge", sagt Herzog.

Die Männer aber manchmal nicht so gut mit ihnen. Sie trauen ihnen weniger zu, glauben sie. Ein Beispiel: Als sich Herzog für einen Informatik-Job als Werkstudentin bewarb, bot man ihr eine Stelle in der Projektassistenz an. "Also quasi als Sekretärin", sagt sie. Mendenhall sagt, dass das Programmieren komischerweise als eine Art Königsklasse der Informatik gelte.

(Bild: Nils Stelte)

Viele Männer würden davon ausgehen, dass man als Frau eher nicht programmieren will, sondern sich zum Beispiel mit Nutzerfreundlichkeit auseinandersetzt. Selbstbewusstes Nachfragen helfe da: "Denkst du, dass ich nicht programmieren kann?"

Sind Frauenstudiengänge die Lösung für den Frauenmangel in der Informatik?

Sie können nur eine Zwischenlösung sein, sagt Professor Jörn Freiheit. Seit 2011 ist er Dozent im Frauenstudiengang an der HTW. Das Ziel müsse es sein, dass Frauen in der Informatik selbstverständlich sind. Dafür müsse man das Fach in der Schule präsenter machen – "vielleicht sogar als Pflichtfach".

Bis dahin wünscht sich Freiheit sich allerdings, dass noch mehr Hochschulen das "Erfolgsmodell" übernehmen, wie er sagt. An der HTW könne man Frauen für die Informatik gewinnen, die sonst etwas völlig anderes gemacht hätten. Das zeige sich schon daran, dass der Frauenanteil in den klasssischen Bachelors seit Einführung des Frauenstudiengangs nicht zurückgegangen sei.

Ihre eigenen Töchter "zwingen" Mendenhall und Herzog, sich spielerisch mit Technik und Programmieren auseinanderzusetzen. Sie erklären ihnen genau, warum ihre Spielekonsole vielleicht gerade nicht funktioniert und wie man versuchen könnte, sie zu reparieren. Damit sie später keine Zufälle brauchen, um darauf zu kommen, dass Informatik auch was für Frauen sein könnte.

Und sich auch bewusst dagegen entscheiden können.

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