Und wie wir lernen, aus unseren Träumen wirklich Realität zu machen.

Dank Internet, Social Media und YouTube können wir und rund um die Uhr in eine Vielzahl unterschiedlichster Welten und Lebensentwürfe träumen. Das klingt schön – kann aber gefährlich sein. 

Denn Forscher haben herausgefunden, dass positives Denken nicht immer so hilfreich ist, wie uns oft gesagt wird: Wenn wir nur von der Zukunft fantasieren ohne die Hindernisse der Realität im Auge zu behalten, kann die sogenannte mentale Simulation uns sogar davon abhalten, unsere Wünsche in die Tat umzusetzen. 

Gerade für Millenials, die erste Generation, die mit dem Überfluss an Ablenkungsmöglichkeiten klarkommen muss, ist das eine Herausforderung. 

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Gabriele Oettingen, Psychologin an der Universität Hamburg über die Chancen und Gefahren von mentaler Simulation

Was bedeutet das für uns, wenn wir mehr Zeit in Gedanken verbringen als in der Realität? Können Videos uns dabei helfen, unsere Ziele zu erreichen oder bewirken sie eher das Gegenteil? 

Gabriele Oettingen: "Unsere Befunde zeigen, dass positive Gedanken und Tagträume über die Zukunft – also positive Zukunftsfantasien – funktional sind, etwa indem sie unsere Stimmung aufheitern. Aber wenn es darum geht, Wünsche tatsächlich umzusetzen, dann sind sie ein Handicap."

Wie genau hat sich das gezeigt?

"Bei jungen Leuten, die die Universität abschließen, haben wir beoachtet: Je positiver sie über einen erfolgreichen Übergang ins Berufsleben fantasierten, umso weniger Erfolg hatten sie später. Sie haben weniger Stellenangebote erhalten und weniger Geld verdient. Und sie haben auch weniger Bewerbungen rausgeschickt. Und bei Menschen, die in eine andere Person verknallt waren, hat sich gezeigt: Je mehr sie darüber fantasierten, mit dieser Person zusammenzukommen, desto geringer war die Chance, dass sie tatsächlich eine Liebesbeziehung begonnen haben."

Warum ist das so?

"Positive Zukunftsfantasien verleiten dazu, dass Leute den Eindruck haben, sie seien schon angekommen. Sie fühlten sich weniger energetisiert und über den systolischen Blutdruck konnten wir messen, dass sie sich tatsächlich entspannten."

Ist das nun gut oder schlecht für uns?

"Auch wenn positive Fantasien uns kurzfristig aufheitern, langfristig gesehen können sie durchaus unserer physischen und mentalen Gesundheit abträglich sein. Eine Reihe von Studien hat gezeigt, dass das positive Träumen über die Zeit sogar depressive Verstimmungen vorhersagen."

Können wir das irgendwie abstellen?

"Nein, die positiven Zukunftsfantasien entstehen aus unseren Bedürfnissen, aus unseren Mangelzuständen. Daher sind sie wichtig und wir müssen sie ernst nehmen. Sie geben unserem Handeln die Richtung. Das Problem ist nur, dass sie uns gleichzeitig die Energie rauben, die wir zur Wunscherfüllung brauchen. Wenn wir aber unseren positiven Zukunftsfantasien die Hindernisse der Realität entgegenstellen, dann wächst uns die notwendige Energie zu, die wir zur Wunscherfüllung brauchen. Wir nennen diese Gegenüberstellung von Zukunft und Realität mentale Kontrastierung."

Wie funktioniert das?

"Die Methode der mentalen Kontrastierung hilft uns Prioritäten zu setzen und unsere Wünsche zu erfüllen. Es ist eine bewusste Imaginationstechnik, die nichtbewusste Prozesse in Gang setzt, die uns dann helfen unser Verhalten zu ändern – ohne dass wir es überhaupt merken. Das ist praktisch. Man kann mentale Kontrastierung gut im Alltag anwenden, auch in Kombination mit Wenn-dann-Plänen, einer Strategie, die Peter Gollwitzer von der Universität Konstanz entdeckt hat. Dazu muss man sich nur vier Schritte merken, die wir in einem Acronym zusammengefasst haben: WOOP. "

WOOP – wofür steht das?

"WOOP steht für Wish, Outcome, Obstacle, Plan oder Wunsch, Ergebnis, Hindernis, Plan. Ich frage mich zuerst: Was ist mein Wunsch, was will ich wirklich, etwas das ich erreichen kann, das aber herausfordernd ist? Dann frage ich mich: Was wäre das Allerschönste, das Allerbeste wenn ich meinen Wunsch erfülle? Das Allerschönste stelle ich mir dann ganz lebhaft vor. Jetzt wechsle ich den Gang: Was ist es in mir, das der Wunscherfüllung im Weg steht? Was ist mein zentrales inneres Hindernis? Und das Hindernis stelle ich mir dann ebenfalls lebhaft vor. Und schließlich überlege ich wie ich das Hindernis überwinden kann und formuliere den Wenn-dann-Plan: Wenn das Hindernis auftritt, dann werde ich das effektive Verhalten zur Überwindung des Hindernisses zeigen."

Aber Videos können doch auch helfen, Hindernisse besser einzuschätzen, weil wir andere daran scheitern sehen. Sind sie dann nicht doch hilfreich?

"Wenn Videos mir hilfreiche Informationen vermitteln, wie man am besten schwierige Hindernisse überwindet, können sie durchaus hilfreich sein. Aber das tun natürlich nicht alle Videos. Ob Videos helfen Wünsche zu erfüllen hängt ganz davon ab, welche Inhalte die Videos haben, wie die Videos gemacht sind, und inwieweit sie Informationen liefern, die wir nutzen können, um unsere Hindernisse zu überwinden."

Zur Person

Gabriele Oettingen ist Professorin für Psychologie an der Universität Hamburg und an der New York University. Sie ist Autorin von mehr als 150 Artikeln und Buchkapiteln zu den Themen Zukunftsdenken und der Regulation von Kognitionen, Emotionen und Verhalten. Ihren wichtigsten Beitrag zur Forschung leistete sie mit ihren Entdeckungen zu den Risiken von positivem Denken und der Entwicklung der Strategie des Mentalen Kontrastierens. Ihr erstes Buch, RETHINKING POSITIVE THINKING: Inside the New Science of Motivation wurde im Oktober 2014 im Current Verlag, Penguin Random House, veröffentlicht, die deutsche Übersetzung, DIE PSYCHOLOGIE DES GELINGENS, erschien im August 2015 bei Pattloch. 

Weitere Informationen: www.woopmylife.org.


Future

Wenn die Fantasie zum Ersatz wird: Gucken wir nur noch Videos, statt zu leben?
Millenials sind die Generation der "mentalen Simulation" - was bedeutet das für uns?

Es ist, als würde da ein ironischer Zusammenhang bestehen: In gefühlt zigtausend Kochtutorials wird auf  Bildschirmen flambiert, pochiert und karamellisiert, während wir vor unseren Geräten immer öfter eine Fertigpizza in den Ofen schieben.

Jetzt könnte man meinen, dass die Pizza im Vergleich zu instagrammable Superfood besonders schlecht schmeckt. Aber: Studien zeigen, dass das nicht so sein muss. (Link

Denn unsere Vorstellung vom Geschmack einer Lachs-Avocado-Poké-Bowl kann eine ähnliche Befriedigung auslösen, wie sie wirklich zu essen. Weil es sich ein bisschen so anfühlt, als hätten wir genau das getan. 

"Mentale Simulation" nennt man den Effekt, wenn man sich eine Handlung so genau vorstellt, dass man sie quasi im Kopf "erlebt". 

Und das gilt nicht nur für Essen: Früher mussten wir in die Welt hinaus gehen, um etwas zu erleben. Heute denken wir: Bevor ich anfange, das Autor zu reparieren, den Schrank zu lackieren oder das Brot zu backen, schau ich doch erst mal wie andere das machen. Wir beobachten Menschen dabei, wie sie sich ein Tiny House bauen, wie sie ihre Wohnung minimalistisch einrichten oder plastikfrei leben – ohne dass wir an unserem eigenen Lifestyle etwas ändern. Und irgendwie fühlen wir uns dabei etwas besser, auch wenn wir selbst gar nichts tun

Videos eignen sich laut Forschung besonders gut, um solche mentalen Simulationen hervorzurufen (NPR). 

Aber was bedeutet das für unsere Generation, die durch YouTube-Videos eine vielfach höhere Auswahl an potentiellen Fantasiewelten hat? 

Mit einem Klick können wir uns die Welt ins Wohnzimmer holen. Anders als noch unseren Eltern können wir uns im Prinzip über Videos in alle möglichen Lebenssituationen und an jeden Ort der Erde denken. Können wir dadurch unsere realen Fähigkeiten verbessern - oder hält uns das eher davon ab?

Forscher aus Boston und London haben Studienergebnisse zusammengetragen und herausgefunden, dass die mentale Simulation für uns zu einem Ersatz werden kann. "Die durchlässige Grenze zwischen Denken und Realität führt zu Simulationen, die manchmal die gleichen Folgen haben wie entsprechende tatsächliche Erfahrungen." (Social and Personality Psychology Compass)

Das klingt erst mal bedrohlich. Denn während auf den Bildschirmen das Essen immer raffinierter, die DIY-Einrichtung immer hipper und die Freundschaften immer tiefer werden, lebt in unseren Wohnungen quasi per Definition das Mittelmaß. 

Das Leben der Anderen erscheint uns viel spannender als das eigene, denn davon sind nur die schönen Seiten zu sehen – aus dem richtigen Winkel, zusammengeschnitten aus den besten Momenten, ohne die Tausend Versuche, in denen alles schiefging. So wächst für uns die Gefahr, dass wir den Bezug zur Realität verlieren. 

Nun gelten Millenials ohnehin schon als eine Generation, die vom Leben unheimlich viel erwartet – und die gleichzeitig überfordert ist von all den Möglichkeiten und Entscheidungen. Eine Generation, die theoretisch enorm kompetent ist und sich praktisch oft verzettelt. Die immer und überall performen will - und sich dabei überfordert. (buzzfeed)

Die Verlockung, sich schon am Ziel zu fühlen, ohne sich besonders anstrengen zu müssen, scheint deshalb für uns junge Menschen besonders groß; gerade weil so viele Herausforderungen noch vor uns liegen und wir auf weniger Erfahrungen und Ressourcen zurückgreifen können. 

Doch keine Panik, wir müssen YouTube und Insta nicht für immer abschwören: Der Effekt hat auch einen bestimmten Nutzen. Denn ein großer Teil der mentalen Simulation wird den Forschern zufolge dafür eingesetzt, den Geist mit mehr Vergnügen von den gegenwärtigen Umständen abzulenken, Emotionen zu regulieren, Probleme zu lösen und sich auf die Zukunft vorzubereiten. Kurz gesagt: Sie helfen uns dabei, uns zu entspannen. Und das kann Vorteile aber auch Nachteile haben.

Die Forscher haben dazu vier Muster beobachtet:

  1. Einem simulierten Ereignis kann der gleiche Wert zugesprochen werden wie durch reales Erleben
  2. Die mentale Übung kann eine ähnliche tatsächliche Leistungsverbesserung wie die körperliche Übung bringen.
  3. Der imaginierte Konsum eines Lebensmittels kann den tatsächlichen Konsum verringern.
  4. Fantasien können aber auch die Motivation schmälern, ein Ziel tatsächlich zu erreichen.

So kann es einerseits sein, dass sich Menschen Kochshows ansehen und denken, dass sie besser kochen können – ohne dass das wirklich der Fall sein muss. Andererseits ist es sogar möglich, dass Sportler ihre Leistung durch mentales Training tatsächlich verbessern – wie der Psychologe und Sportwissenschaftler Prof. Dr. Jörn Munzert von der Uni Gießen nachweisen konnte. "Wer in Gedanken Gewichte stemmt, kann dadurch auch in der Realität stärker werden", sagt Munzert. Allerdings funktioniere das nur als zusätzlicher Effekt zu echtem Training. Wie genau das funktioniert, liest du hier.

Aber: Nur Videos ansehen reicht nicht und positives Denken allein ist kein Schlüssel zum Erfolg. 

Zu positive Zukunftsfantasien können uns sogar davon abhalten, unsere Ziele zu erreichen, sagt Psychologie-Professorin Gabriele Oettingen von der Universität Hamburg. "Wir haben dadurch das Gefühl, dass wir schon angekommen sind und fangen bereits an, uns zu entspannen.“

Das kann letztlich sogar dazu führen, dass wir in unserem wirklichen Leben weniger erfolgreich sind. Oettingens Forschungsergebnisse zeigen: Je mehr wir von unserem Traumjob, der Traumfrau, dem Traummann oder der Traumfigur fantasieren, desto öfter bleibt unser Ziel eben genau das - bloß ein Traum. Mentale Simulation kann uns zwar kurzfristig Befriedigung schenken, langfristig gesehen bremst sie jedoch unsere Motivation und kann uns sogar depressiv machen. Hier haben wir mit ihr über die Probleme mit zu positiven Zukunftsfantasien gesprochen – und auch darüber, wie wir lernen können, sie umzusetzen.