Bild: Dollar Gill Unsplash
Millenials sind die Generation der "mentalen Simulation" - was bedeutet das für uns?

Es ist, als würde da ein ironischer Zusammenhang bestehen: In gefühlt zigtausend Kochtutorials wird auf  Bildschirmen flambiert, pochiert und karamellisiert, während wir vor unseren Geräten immer öfter eine Fertigpizza in den Ofen schieben.

Jetzt könnte man meinen, dass die Pizza im Vergleich zu instagrammable Superfood besonders schlecht schmeckt. Aber: Studien zeigen, dass das nicht so sein muss. (Link

Denn unsere Vorstellung vom Geschmack einer Lachs-Avocado-Poké-Bowl kann eine ähnliche Befriedigung auslösen, wie sie wirklich zu essen. Weil es sich ein bisschen so anfühlt, als hätten wir genau das getan. 

"Mentale Simulation" nennt man den Effekt, wenn man sich eine Handlung so genau vorstellt, dass man sie quasi im Kopf "erlebt". 

Und das gilt nicht nur für Essen: Früher mussten wir in die Welt hinaus gehen, um etwas zu erleben. Heute denken wir: Bevor ich anfange, das Autor zu reparieren, den Schrank zu lackieren oder das Brot zu backen, schau ich doch erst mal wie andere das machen. Wir beobachten Menschen dabei, wie sie sich ein Tiny House bauen, wie sie ihre Wohnung minimalistisch einrichten oder plastikfrei leben – ohne dass wir an unserem eigenen Lifestyle etwas ändern. Und irgendwie fühlen wir uns dabei etwas besser, auch wenn wir selbst gar nichts tun

Videos eignen sich laut Forschung besonders gut, um solche mentalen Simulationen hervorzurufen (NPR). 

Aber was bedeutet das für unsere Generation, die durch YouTube-Videos eine vielfach höhere Auswahl an potentiellen Fantasiewelten hat? 

Mit einem Klick können wir uns die Welt ins Wohnzimmer holen. Anders als noch unseren Eltern können wir uns im Prinzip über Videos in alle möglichen Lebenssituationen und an jeden Ort der Erde denken. Können wir dadurch unsere realen Fähigkeiten verbessern - oder hält uns das eher davon ab?

Forscher aus Boston und London haben Studienergebnisse zusammengetragen und herausgefunden, dass die mentale Simulation für uns zu einem Ersatz werden kann. "Die durchlässige Grenze zwischen Denken und Realität führt zu Simulationen, die manchmal die gleichen Folgen haben wie entsprechende tatsächliche Erfahrungen." (Social and Personality Psychology Compass)

Das klingt erst mal bedrohlich. Denn während auf den Bildschirmen das Essen immer raffinierter, die DIY-Einrichtung immer hipper und die Freundschaften immer tiefer werden, lebt in unseren Wohnungen quasi per Definition das Mittelmaß. 

Das Leben der Anderen erscheint uns viel spannender als das eigene, denn davon sind nur die schönen Seiten zu sehen – aus dem richtigen Winkel, zusammengeschnitten aus den besten Momenten, ohne die Tausend Versuche, in denen alles schiefging. So wächst für uns die Gefahr, dass wir den Bezug zur Realität verlieren. 

Nun gelten Millenials ohnehin schon als eine Generation, die vom Leben unheimlich viel erwartet – und die gleichzeitig überfordert ist von all den Möglichkeiten und Entscheidungen. Eine Generation, die theoretisch enorm kompetent ist und sich praktisch oft verzettelt. Die immer und überall performen will - und sich dabei überfordert. (buzzfeed)

Die Verlockung, sich schon am Ziel zu fühlen, ohne sich besonders anstrengen zu müssen, scheint deshalb für uns junge Menschen besonders groß; gerade weil so viele Herausforderungen noch vor uns liegen und wir auf weniger Erfahrungen und Ressourcen zurückgreifen können. 

Doch keine Panik, wir müssen YouTube und Insta nicht für immer abschwören: Der Effekt hat auch einen bestimmten Nutzen. Denn ein großer Teil der mentalen Simulation wird den Forschern zufolge dafür eingesetzt, den Geist mit mehr Vergnügen von den gegenwärtigen Umständen abzulenken, Emotionen zu regulieren, Probleme zu lösen und sich auf die Zukunft vorzubereiten. Kurz gesagt: Sie helfen uns dabei, uns zu entspannen. Und das kann Vorteile aber auch Nachteile haben.

Die Forscher haben dazu vier Muster beobachtet:

  1. Einem simulierten Ereignis kann der gleiche Wert zugesprochen werden wie durch reales Erleben
  2. Die mentale Übung kann eine ähnliche tatsächliche Leistungsverbesserung wie die körperliche Übung bringen.
  3. Der imaginierte Konsum eines Lebensmittels kann den tatsächlichen Konsum verringern.
  4. Fantasien können aber auch die Motivation schmälern, ein Ziel tatsächlich zu erreichen.

So kann es einerseits sein, dass sich Menschen Kochshows ansehen und denken, dass sie besser kochen können – ohne dass das wirklich der Fall sein muss. Andererseits ist es sogar möglich, dass Sportler ihre Leistung durch mentales Training tatsächlich verbessern – wie der Psychologe und Sportwissenschaftler Prof. Dr. Jörn Munzert von der Uni Gießen nachweisen konnte. "Wer in Gedanken Gewichte stemmt, kann dadurch auch in der Realität stärker werden", sagt Munzert. Allerdings funktioniere das nur als zusätzlicher Effekt zu echtem Training. Wie genau das funktioniert, liest du hier.

Aber: Nur Videos ansehen reicht nicht und positives Denken allein ist kein Schlüssel zum Erfolg. 

Zu positive Zukunftsfantasien können uns sogar davon abhalten, unsere Ziele zu erreichen, sagt Psychologie-Professorin Gabriele Oettingen von der Universität Hamburg. "Wir haben dadurch das Gefühl, dass wir schon angekommen sind und fangen bereits an, uns zu entspannen.“

Das kann letztlich sogar dazu führen, dass wir in unserem wirklichen Leben weniger erfolgreich sind. Oettingens Forschungsergebnisse zeigen: Je mehr wir von unserem Traumjob, der Traumfrau, dem Traummann oder der Traumfigur fantasieren, desto öfter bleibt unser Ziel eben genau das - bloß ein Traum. Mentale Simulation kann uns zwar kurzfristig Befriedigung schenken, langfristig gesehen bremst sie jedoch unsere Motivation und kann uns sogar depressiv machen. Hier haben wir mit ihr über die Probleme mit zu positiven Zukunftsfantasien gesprochen – und auch darüber, wie wir lernen können, sie umzusetzen. 

Fest steht: Videos generieren Wünsche. Sie erschaffen immer neue Fantasiewelten. Und durch ihre allgegenwärtige Verfügbarkeit sind sie besonders für junge Menschen eine dauerhafte Ablenkung. Oft reicht uns das gucken und wir lassen uns von der Fantasie ausbremsen. 

Doch wenn wir uns klar definierte Ziele setzen und diese Schritt für Schritt verfolgen, können Videos auch dabei helfen, diese zu erreichen. Weil sie uns Informationen darüber liefern, welche Hindernisse wir überwinden müssen und weil sie uns somit ermöglichen, unsere Wünsche realistisch einzuschätzen. 

Je mehr uns ein Video mit der Realität konfrontiert und uns auch die Dinge zeigt, die schwierig sind und was alles schieflaufen kann, umso hilfreicher ist es dabei. Anders als noch im linearen Fernsehen zeigen uns YouTuber in ihren Tutorials zum Glück oft genau das.

Es ist, wie so oft im Leben: Das Potential, das die rund um die Uhr verfügbaren Videos unserer Generation schenken, ist riesig. An den entlegendsten Winkeln der Welt können wir die absurdesten Spezialitäten lernen, sei es in der Küche oder beim Sport. Doch genau so groß ist die Versuchung, das Leben nur über den Bildschirm zu leben, während uns die Welt offen steht.  

Vielleicht bräuchten wir mal ein Video, das uns zeigt, wie man damit richtig umgeht. 


Future

Warum es nervt, dass die Abi-Note ständig Thema ist

Wer einen Menschen kennenlernt, setzt aus Hunderten Eindrücken ein Puzzle über ihn zusammen. Man unterhält sich, trifft sich häufiger, ein Teil bricht heraus, ein neues kommt hinzu. Manche meinen, dass beim Persönlichkeitspuzzle ein Stück nicht fehlen darf: die Abiturnote.

Immer wieder kommt es in Unterhaltungen mit Freunden, Kommilitonen und Kolleginnen auf diese eine Zahl mit dem Komma in der Mitte. Zum Beispiel, wenn wie zu Beginn der Woche viele Medien vermelden, dass mehr Schüler durch das Abitur gefallen sind und andererseits mehr Absolventinnen gute Noten bekamen (SPIEGEL ONLINE). 

Oder wenn Freunde sich die schönsten Geschichten ihrer Schulzeit erzählen. Über schlimme Lehrerinnen, wilde Klassenfahrten, peinliche Fehler in Klassenarbeiten. Dann wirft irgendwann jemand ein: