Bild: bento
Was sie sich ständig anhören muss.

Jedes Jahr beginnen 3500 junge Leute in Deutschland eine Ausbildung als Berufskraftfahrerin oder Berufskraftfahrer (Statista). Nur etwa 100 davon sind Frauen.

Insgesamt liegt der Anteil weiblicher Berufskraftfahrerinnen in Deutschland bei nur 1,7 Prozent (Statista).

Warum wollen so wenig Frauen diesen Beruf ausüben?

Ist es vielleicht trotzdem ein Traumjob?

Wir haben eine gefragt, die es wissen muss: Melissa ist 20 und Lkw-Fahrerin.

bento: Melissa, wie fühlst du dich, wenn du abends alleine auf Rastplätzen bist?

Melissa: Davon werden viel zu viele Horrorgeschichten erzählt. Wenn ich mich auf einem Rastplatz hinlege, schließe ich ab und mache die Vorhänge zu. Meiner Meinung nach passiert da nichts. Man kann den Job gleich bleiben lassen, wenn man sich dauernd Gedanken um so was macht.

Wie kamst du dazu, diesen Beruf zu wählen?

Ich bekam das quasi in die Wiege gelegt. Mein Vater ist auch Berufskraftfahrer. Schon als kleines Kind war ich oft mit auf seinen Touren. Mich faszinierte das immer.

Wir sind früher häufig ins Ausland gefahren, mit dem Lkw bis an den Strand. Das waren unglaublich tolle Erlebnisse. Kurz bevor ich 18 wurde, habe ich dann selbst die Ausbildung angefangen.

Melissa wartet, während ihr Lkw abgeladen wird.

Was gefällt dir an deinem Job?

Ich komme viel rum, sehe jeden Tag etwas anderes. Ich kann mir nicht vorstellen, einen Job zu machen, bei dem ich täglich aus demselben Fenster gucke und immer nur das Gleiche anschaue.

Wie sieht ein normaler Tag bei dir aus?

Wenn ich unter der Woche fahre, fange ich meist um halb sechs morgens an, um die Container abzuholen. Dann gucke ich, wie lange ich bis zum Kunden brauche und fahre los. Dort wird dann aus- oder aufgeladen, dann gehts zurück. Die reine Fahrzeit beträgt sechs bis sieben Stunden, dazwischen sind Pausen oder ich muss warten. 

Abends gehe ich gern ins Fitnessstudio, drei bis vier Mal die Woche. Ich sitze viel, das geht auf den Rücken. Ich brauche das als Ausgleich, um mich auszupowern. 

Was geht dir so durch den Kopf, während du stundenlang fährst? Wird dir langweilig?

Die meiste Zeit höre ich Musik oder ein Hörbuch. Ich versuche, mir gute Laune zu machen, egal wie stressig ein Tag ist. Langweilig wird mir selten. Wenn doch, muss halt ein anderes Hörbuch her. 

Das einzige Problem ist, dass das Gehirn nach ein paar Stunden abschaltet. Dann mache ich entweder kurz Pause, das darf aber meinen Zeitplan nicht beeinflussen. Oder ich suche ein Lied, das mich wach macht. Man muss wissen, wie man sich am besten beschäftigt.  

Gab es schon mal Situationen bei der Arbeit, in denen du Angst hattest?

Etwas Angst habe ich, wenn der Lkw voll beladen ist und ich eine schmale Landstraße entlangfahre, die bergab geht. Da denke ich manchmal: Und was, wenn jetzt die Bremsen versagen…

Was ist die größte Schwierigkeit als weibliche Berufskraftfahrerin?

Man muss sich ständig beweisen. Es ist leider sehr schwer, den gleichen Status zu bekommen wie ein männlicher Kollege. Es heißt oft, dass Frauen den Job nicht so gut könnten. 

Warum üben deiner Meinung nach wesentlich mehr Männer als Frauen diesen Job aus?

Ich denke, dass Vorurteile und körperliche Anstrengung schon eine große Rolle spielen und abschreckend wirken. Die Arbeitszeiten sind nicht gerade prickelnd, man sitzt eben nicht von acht bis fünf im Büro. Man schläft oft nicht zu Hause, das wirkt sich negativ auf Beziehungen zu Freunden oder dem Partner aus. 

Wenn man mit diesem Job als Frau Kinder bekommen will, muss man eigentlich eine Umschulung machen, sonst ist das fast unmöglich mit den Arbeitszeiten.

Viele Beziehungen gehen dadurch in die Brüche, das habe ich bei Kollegen schon mitbekommen.
Melissa

Hast du das Gefühl, gleichberechtigt behandelt zu werden?

Oft heißt es: "Ach die ist ja nur ein Mädchen, die kann den Job gar nicht machen." Oder: "Kannst du überhaupt das riesige Ding einparken?!" Wenn ich ein Mann wäre, würden sich viele gar nicht trauen, einen dummen Kommentar abzugeben. In diesem Job fehlt leider noch oft Gleichberechtigung.

Mein Chef ist aber sehr kollegial. Der weiß auch, dass wir Frauen die gleiche Arbeit machen können wie die männlichen Kollegen. Bei uns im Betrieb arbeiten noch zwei weitere Frauen, das läuft immer super und es gibt keine Probleme bei den Abläufen. 

Wie verhältst du dich in Situationen, in denen dir jemand einen blöden Spruch drückt?

Meistens sage ich einfach Jjaja, passt schon" und gehe weg. Ich hab überhaupt keine Lust auf solche Diskussionen. Ich nehme mir vieles zu Herzen und überlege dann, ob ich doch etwas falsch gemacht habe. Gerade, wenn ein Spruch von jemandem kommt, der den Job schon viel länger macht als ich. Das sind dann die Tage, an denen ich mich besonders lang im Fitnessstudio auspowern muss. Ich mache so was einfach lieber mit mir selber aus.

Ist es trotzdem dein Traumberuf?

Ja, auf jeden Fall. Wenn ich mit dem Lkw eine Landstraße entlangkurve und dann hinter einem Hügel die Sonne untergehen sehe – das ist einfach toll.


Future

"Mein Geduldsfaden ist länger als ich dachte": Was man im Nebenjob fürs Leben lernt
bento-Redakteure erzählen von ihren Erlebnissen

Es gibt diese Zeiten im Leben, da ist das Geld knapp. Ob als Schülerin, Studierender oder Auszubildende. Irgendwie muss sich das Konto wieder füllen – für den nächsten Urlaub, das neue Rad, die Weihnachtsgeschenke für die ganze Familie, die man endlich selbst bezahlen möchte.

Ein Nebenjob kann in solchen Situationen schnell alle Probleme lösen. Große Ansprüche sollte man dabei nicht haben – wer schnell Geld verdienen, aber nur ein paar Wochen arbeiten will, hat nicht immer eine große Auswahl.

Manche Jobs sind unkompliziert, machen richtig Spaß – oder entpuppen sich als das genaue Gegenteil von dem, was in der vielversprechenden Stellenanzeige stand.

Egal wie schön oder schrecklich – alle Jobs haben wohl eines gemeinsam: Man lernt etwas. Manchmal nur für den nächsten Nebenjob, manchmal aber auch für das ganze Leben.