Bild: Tobias Manuel Appel
"Die Abi-Note sagt nichts über meine Eignung als Arzt."

Manuel Appel hätte in Deutschland fast vier Jahre auf den Medizin-Studienplatz warten müssen. Also ging er stattdessen zum Studieren ins Ausland – und wurde Jahrgangsbester. Hier erzählt er von seiner Flucht vor dem Numerus clausus.

"Zehn Wunschhochschulen konnte man bei der Bewerbung um einen Studienplatz in Medizin angeben - und ich googelte einen ganzen Nachmittag lang nach den unbeliebtesten Unis. Ich hoffte, dass ich so bessere Chancen haben würde, schließlich hatte ich nur einen Abiturdurchschnitt von 2,1.

Als dann der Brief der Zentralen Vergabestelle für Studienplätze (ZVS) kam, war ich enttäuscht. Sieben Semester Wartezeit stand dort, erst in 3,5 Jahren würde ich einen Platz bekommen. Ich überlegte, auf Chemie oder Biologie auszuweichen, doch die Studienzeit wäre mir nicht als Wartezeit angerechnet worden. Und eine Ausbildung, etwa zum Sanitäter, kam für mich nicht infrage.

Im Internet entdeckte ich ein Angebot des Roten Kreuzes für einen einjährigen Freiwilligendienst in Nicaragua. Schon wenige Wochen später ging es los. Neun Monate lang unterrichtete ich vormittags Sport an einer Grundschule, nachmittags verteilte ich Medikamente an Patienten in einem Gesundheitszentrum. Ich bekam schnell mehr Verantwortung, durfte auch impfen und später sogar Hausbesuche machen. Ich arbeitete hart, oft 50 Stunden pro Woche, aber ich fühlte mich großartig und genoss den Umgang mit den Patienten. Genau das war es, was ich machen wollte.

Arzt zu werden, war schon immer mein Traum. Ich bewarb mich erneut bei der ZVS, wurde aber wieder abgelehnt. Ich hatte das Gefühl, in ein Loch zu fallen. Doch dann bekam meine Mutter, eine Grundschullehrerin, das Angebot, an einer internationalen Schule in Bogotá zu unterrichten. Und beim Abendessen kam mir dann plötzlich die verrückte Idee: Wieso bewerbe ich mich nicht dort für das Medizinstudium?

Ein Jahr und viele Spanischstunden später saß ich dann tatsächlich im Flieger. In Kolumbien spielt der Notendurchschnitt bei der Vergabe der Medizinstudienplätze nur eine untergeordnete Rolle, wichtiger sind Tests und Aufnahmegespräche. Ich bewarb mich an drei Hochschulen, scheiterte aber, weil mein Spanisch noch zu schlecht war.

Zum Glück gab es noch eine Alternative: Wer einen viermonatigen Vorbereitungskurs an der Universidad El Bosque absolviert, kann es auch so ins Medizinstudium schaffen. Und da ich zu den zehn besten Absolventen zählte, wurde ich ohne weitere Prüfungen aufgenommen. Ich war überglücklich.

Das Leben in Bogotá ist für mich eine Art Hassliebe

Meistens ist es kalt, es regnet relativ viel und es gibt keine Uhrzeit, zu der es keinen Stau auf den Straßen gibt. Die frischen Temperaturen und der Niederschlag haben aber auch einen Vorteil: Die vielen Parks blühen das ganze Jahr über, wie in Deutschland nur im Frühling.

Ich habe schon viele Geschichten von Leuten gehört, die in Bogotá angeblich ausgeraubt, entführt oder verletzt wurden, aber vieles wird wohl auch stark dramatisiert. Mir ist jedenfalls noch nie etwas Schlimmes passiert.

Das Studium war hart, aber eine wunderschöne Zeit. Ich lernte schnell viele Leute kennen und zog schon bald von meiner Mutter weg in eine Dreier-WG direkt im Uni-Viertel. Die Wohnung ist recht groß, hat ein Wohn-Esszimmer, zwei Bäder und drei Zimmer und kostet mich nur rund 180 Euro Miete im Monat, inklusive Wasser, Strom und Internet.

Dafür sind allerdings die Studiengebühren hoch - im Durchschnitt betragen sie 4000 bis 7000 Euro pro Semester, auch an staatlichen Hochschulen. Ich habe nebenher als Nachhilfelehrer in Deutsch gejobbt, aber ohne die Unterstützung meiner Mutter hätte das Geld kaum gereicht.

Andere Ausländer habe ich an der Uni nur selten getroffen, und wenn, dann kamen sie aus Venezuela oder hatten kolumbianische Verwandte. Für meine Kommilitonen war ich deshalb sehr exotisch, und sie haben mich regelrecht ausgequetscht. Sie wollten wissen, warum ich hier bin, ob ich den FC Bayern München mag, ob das Bier in Deutschland viel stärker ist, und was ich denn eigentlich von Nazis halte.

Auch Professoren, Patienten und Kollegen stellen viele Fragen. Ich freue mich darüber - bin aber manchmal auch ein bisschen genervt, vor allem, wenn ich es eilig habe. Und obwohl Spanisch ja nicht meine Muttersprache ist, erwarten viele von mir gute Resultate, weil Deutsche ja angeblich 'alles gut machen'.

In Kolumbien dauert das Medizinstudium sechs Jahre. Die ersten drei entsprechen in etwa dem vorklinischen Abschnitt in Deutschland. Man lernt viel über Biochemie, Physiologie, Anatomie, muss viel Auswendiglernen und auch Vorlesungen in Philosophie und Entwicklungspsychologie besuchen. Danach beginnt der klinische Teil und als Abschluss ein praktisches Jahr im Krankenhaus.

Im Juni habe ich meine letzte Prüfung beendet, als Jahrgangsbester. 

(Bild: Tobias Manuel Appel)

Anders als in Deutschland bin ich damit nun ausgebildeter Allgemeinmediziner und dürfte schon eine Praxis eröffnen, hier oder zum Beispiel in Spanien. Um in Deutschland zu praktizieren, müsste erst mein Diplom geprüft und anerkannt werden. Aber das habe ich derzeit erst mal nicht vor. Ich möchte mich gern weiter spezialisieren, zunächst auf Innere Medizin, dann auf Infektionskrankheiten. Doch erst einmal arbeite ich in der Forschung an der Uni. Mein Thema: Antibiotikaresistenz.

Allen, die wie ich am NC gescheitert sind, möchte ich einen Tipp geben: 

Behaltet euer Ziel vor Augen und gebt nicht auf. Vielleicht wird euer Weg steinig und unkonventionell verlaufen, aber es gibt immer eine Möglichkeit, es doch zu schaffen. Die Abi-Note sagt nichts über die Eignung als Arzt. Menschliche Wärme, Einfühlungsvermögen und analytisches Denken sind in dem Job viel wichtiger als die Durchschnittsnote des Abiturs."

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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