Bild: Emil Levy

In der ersten Nacht mit seinen Rollern, erinnert sich Denis Penzler, machte er kaum ein Auge zu. Der 24-Jährige lag in seinem Bett und horchte, ob sie beim Aufladen vielleicht Geräusche machten. Irgendwann ging er nochmal ins Wohnzimmer. Alles war still. Die vier Elektro-Scooter standen ruhig zwischen dem grauen Ecksofa und der Küche. Sie leuchteten rot im Dunkeln. Ein bisschen "Star Wars" in Friedrichshain, dachte Denis sich und legte sich wieder hin. Er wollte sich an die neuen Geräte gewöhnen.

Denis lädt die Scooter nachts in seinem Wohnzimmer auf. Die roten Lichter lassen sich bislang nicht abschalten.

(Bild: Emil Levy)

Doch richtig schlafen konnte er nicht. Was, wenn die Akkus zu heiß würden und Feuer fingen? Er schaute Youtube-Videos. Meist von Menschen, bei denen tatsächlich etwas mit einem Elektroroller schief ging. Denis hatte vier davon in seiner Wohnung und sie gehörten nicht einmal ihm. Er lud sie doch nur auf! Um 1.37 Uhr schrieb er schließlich in eine Facebook-Gruppe mit anderen, die sich für das Thema interessierten: "Es ist soweit. Ich habe mich als Juicer registriert und meine ersten Scooter in der Wohnung stehen. Jetzt liege ich schlaflos im Bett, weil ich etwas Bedenken habe, dass etwas passieren kann. Wie sieht das bei euch aus?" Von den anderen elf Personen kam keine Antwort. Irgendwann schlief Denis doch noch ein. 

Seit einer Woche ist Denis jetzt Juicer. Die vergangenen Nächte waren schlafarm. Doch Denis ist immer noch dabei. Inzwischen hat er sich einen Feuerlöscher bestellt. 

Der 24-Jährige ist einer der ersten "Juicer" in Deutschland. So bezeichnet der US-amerikanische Leih-Anbieter "Lime" die Menschen, die für ihn Elektroroller einsammeln und über Nacht zu Hause aufladen. Etwa vier Euro gibt  es dafür pro Roller. Über dieses Geschäftsmodell dürfte in den kommenden Wochen noch öfter zu lesen sein.

Sind die Juicer die Pioniere einer neuen Form von Mobilität? Gemeinschaftlich und flexibel? Oder ist es in Wahrheit nur eine weiteres Konzept, mit dem Start-ups Innenstädte zum Geldverdienen missbrauchen und dabei alle Risiken an Privatpersonen auslagern?

17 Stufen trägt Denis die Scooter abends hoch und morgens wieder runter. Immer einzeln. Er ist ganz froh, wenn die Nachbarn nicht so viel mitbekommen. "Ich will nicht, dass sie es creepy finden", sagt Denis.

(Bild: Emil Levy)

Anders als in vielen anderen Ländern sind die E-Scooter in Deutschland erst seit zwei Wochen im Straßenverkehr zugelassen. Wer einen Scooter will, kann ihn für 200 bis 2000 Euro kaufen – oder einfach ausleihen. Quasi über Nacht sind in zahlreichen Innenstädten Roller von bislang unbekannten Unternehmen auf den Gehwegen aufgetaucht. Lime, Voi, Circ und Tier heißen die vier größten. Sie alle kämpfen um die Aufmerksamkeit der Kunden. 

Die Strecken, um die es geht, sind meist kurz. Manchmal ein paar Hundert Meter, höchstens zwei oder drei Kilometer. Der Weg von der U-Bahn zur Uni oder vom Bahnhof nach Hause. Die Art von Fahrten, für die sich ein Auto nicht lohnt, das Laufen oder Radfahren manchmal aber bereits nervt. Dafür stehen jetzt die E-Scooter in vielen Städten an fast jeder Ecke.

Wie die Elektroroller jeden Morgen wieder aufgeladen auf dem Gehweg landen, dürfte bislang vielen Menschen unklar geblieben sein. Tatsächlich steckt dahinter gewaltiger Aufwand. 

Jede Nacht rauscht jetzt eine kleine Schattenarmee durch Berlin, Hamburg oder München. Juicer wie Denis, Kurierfahrer und angestellte Mitarbeiter sammeln die Roller Nacht für Nacht ein.

Wie Smartphones müssen sie täglich neu aufgeladen werden. Dafür bleibt nicht viel Zeit. Spätestens am nächsten Morgen um sieben oder acht Uhr sollen sie zur Rush-Hour wieder zurück auf dem Gehweg sein. So kalkulieren es die Anbieter. 

Wie die Roller aufgestellt werden müssen, ist genau geregelt: Immer zwei zusammen, falls Paare vorbeikommen. Nicht auf Radwegen. Und den Lenker leicht nach links gedreht, damit man das Logo sieht.

(Bild: Emil Levy)

Für die Scooter-Leihfirmen ist der deutsche Markt wichtig, aber auch schwierig. Die Leihfirmen sind deshalb in einem regelrechten Charme-Wettbewerb. Alle wollen als freundlich und zuverlässig wahrgenommen werden. Es gibt Ansprechpartner für Städte und Werbegeschenke für Kunden. Voi und Tier, zwei Anbieter aus Stockholm und Berlin, haben bereits Kooperationen mit deutschen Verkehrsbetrieben. Bei Lime erfahren die Nutzer nach jeder Fahrt, dass sie kein CO2 ausgestoßen haben. Und beim Konkurrenten Circ, auch er aus Berlin, wirbt man damit, bewusst keine Juicer zu beschäftigen, sondern feste Mitarbeiter: "Wir nehmen unsere Verantwortung sehr ernst."

Bei Lime will man auf die flexiblen Arbeitskräfte nicht verzichten. Ein Sprecher sagt, sie seien wichtig für ein dezentrales Ladesystem, nah an den Verleihorten. Mittelfristig wolle man noch grüner werden, Elektrofahrzeuge und Lastenräder anschaffen. Auch wenn man dafür derzeit noch kein Datum nennen könne. Es klingt nett. Kann die Sharing-Economy womöglich noch einmal unschuldig von vorn anfangen?

Denis nimmt seinen Nebenjob ernst – dass er die Roller fürs Foto am falschen Platz aufstellen sollte, fand er erst gar nicht gut. "Die müssen natürlich anders hin", erklärte er lachend.

(Bild: Emil Levy)

Denis sagt, er möge seinen neuen Nebenjob. Die vorläufige Gewerbeanmeldung, die er für ihn brauchte, bekam er am vergangenen Sonntagmittag innerhalb von zehn Minuten online. Nur bei der Beschreibung der Tätigkeit musste er kurz überlegen. Dann schrieb er ins Formular: "Pflege von elektroangetriebenen Zweirädern und Rollern (sog. E-Scooter)". Zwanzig Minuten später hatte er einen Gewerbeschein, kurz vor 16 Uhr kam schon die Bestätigung von Lime. 

Innerhalb von zwei Stunden war Denis zu einem der ersten Juicer in Deutschland geworden. Tatsächlich gibt es bislang auch gar nicht so viele andere. 

Bei einem Info-Abend für potentielle Juicer in Hamburg zeigte sich Anfang der Woche, wo das Problem liegen könnte. Im Raum waren ebenso zwei junge Banker im Anzug wie eine ältere Frau mit Zahnprothese. Doch von den insgesamt acht Personen, die der Einladung von Lime gefolgt waren, hatten fünf noch nie die App genutzt. Nur einer hatte bereits einen Gewerbeschein und nach der Veranstaltung sagten vor der Tür gleich vier, darunter die Banker, dass es sich für sie wohl eher nicht lohne, nachts noch Elektroroller zu sammeln. Immerhin ein älterer Mann im Trainingsjacke wollte die Anmeldung durchziehen – um Kontakte für sein eigenes Mobilitäts-Start-up zu finden. 

Vier Roller passen in Denis' alten Polo. Dafür muss er allerdings die Sitze umklappen. Für die Geschichte nahm er den Fotografen mit – der Reporter musste dem Auto voller Elektro-Scootern mit einem Elektro-Motorroller hinterherfahren.

(Bild: Emil Levy)

So dürfte es derzeit in einigen Städten laufen. Entweder verstehen die Menschen nicht, worum es geht oder sie überschätzen, was damit zu verdienen ist, scheint es. Bislang gibt es nach Angaben eines Lime-Sprechers gerade einmal eine zweistellige Zahl von Juicern in ganz Deutschland. Den Rest sammeln und laden bislang Partnerfirmen. 

Wie bei allen Mitbewerbern sind derzeit noch dutzende Stellen ausgeschrieben. City-Manager, Operations-Manager, Mechaniker. Doch vor allem will das Unternehmen mehr Juicer, sie sollen irgendwann den Großteil der Roller aufladen. Dafür könnte man noch gut ein paar Leute wie Denis gebrauchen. Der 24-Jährige arbeitet eigentlich im Schichtsystem in einem großen Möbelhaus in Spandau. 

Täglich arbeitet er acht Stunden, noch einmal knapp zwei pendelt er im Auto. Wie wird so einer zum Juicer, der für eine Hand voll Roller nachts durch Berlin düst?

Denis sagt, die Idee sei von einem Kollegen gekommen, der die Leih-Scooter beim Eurovision Song Contest in Tel Aviv gesehen habe. Dort gibt es die Roller schon länger. Tel-Aviv hat keine U-Bahn, aber viel Offenheit für Neues. Der Kollege erzählte von den langen, schönen Boulevards direkt am Meer. Rollerfahren ist bei 30 Grad schöner als Busfahren. Denis gefiel die Geschichte.

Als in der Tagesschau noch Verkehrspolitiker über Regeln für die Scooter stritten, wusste Denis schon, dass er mit ihnen auch Geld verdienen könnte. "Ich dachte mir: Du fährst doch sowieso zweimal am Tag durch die ganze Stadt und an allen Rollern vorbei. Wäre doch blöd, wenn du nicht einfach unterwegs ein paar mitnimmst."

Jeder Lime-Roller hat ein kleines Display. Nicht immer klappt alles. Denis hat schon mehrfach Verbesserungsvorschläge abgeschickt, vor allem die GPS-Abfrage spinnt immer wieder.

(Bild: Emil Levy)

Zum Start als Juicer bekam er von Lime einen futuristisch aussehenden weißen Helm geschenkt und vier Ladegeräte. Eine englischsprechende Mitarbeiterin erklärte ihm in einem kahlen Kreuzberger Hinterhof-Büro fast eine Stunde lang, was er zu beachten habe. Dann ging es los. 

Immer nach der Arbeit setzt sich Denis jetzt noch einmal in seinen roten VW Polo und sammelt Elektroroller ein. Er bringt sie nach Friedrichshain, steckt sie daheim im Wohnzimmer an den Strom und verteilt sie morgens wieder an zentralen Punkten der Stadt. Höchstens vier auf einmal, das Aufladen dauert bei einem leeren Roller etwa sechs Stunden. Wenn Denis am nächsten Tag Spätschicht hat, fährt er die Roller manchmal auch nachts schon aus und holt noch einmal neue. Wo es akkuschwache Roller gibt, sieht Denis in der App. 30 Minuten lang kann er sie dann reservieren und einsammeln. Bislang gibt es wesentlich mehr Scooter als Juicer. 

An seinem ersten Tag konnte er so insgesamt acht Roller aufladen. Weil er bei einem zu früh den Stecker zog, bekam er von Lime nur Geld für sieben – 28 Euro. Am zweiten Tag schaffte er sogar 13 Roller, bislang sein Rekord. Ein paar der Roller mussten in die Werkstatt, wofür es weniger Geld gab. 47 Euro hatte er laut App am Ende des Tages verdient. An den beiden Tagen darauf wurde es wieder etwas weniger, insgesamt verdiente Denis 16 Euro. Die nächtlichen Touren hatten ihn müde gemacht. 

Die neuesten E-Roller lassen sich nicht umklappen, deshalb muss Denis sie vorsichtig im Auto stapeln. Durch den fehlenden Klappmechanismus sollen die Scooter länger durchhalten.

Lohnt sich das Geschäft überhaupt? Auch als Kleinunternehmer muss sich Denis mit Steuern und Abgaben beschäftigen. Dazu kommen Haftpflicht-Versicherung und Stromkosten. Den Nebenjob hat er mit seinem Arbeitgeber abgesprochen, das war ihm wichtig. Zuvor hatte er sich ausgerechnet, was am Ende übrig bleibt. Etwa 2,80 Euro sind es wohl ungefähr pro Roller. Wenn Denis sie verspätet auf die Straße stellt, gibt es allerdings Abzüge. Was er verdient und ausgibt, sammelt er in einer Excel-Tabelle, das Geld für die Steuer legt er beiseite.

Derzeit läuft eine Promoaktion, die Denis auf jeden Fall nutzen will: Schafft er es in einer Woche 30 Scooter vollständig aufzuladen, bekommt er 100 Euro extra. Wie lange er danach noch weitermacht, weiß Denis nicht. 

Wirklich nachhaltig klingt das bislang nicht. Was übrigens auch für die CO2-Bilanz von Denis' Juicer-Fahrten gilt: Der rote VW Polo mit Vier-Gang-Automatik ist Baujahr 2002. In der Innenstadt verbrauche er durch das häufige Beschleunigen und Bremsen wohl acht oder neun Liter auf Hundert Kilometer, schätzt Denis. Ein neueres Auto würde sich aber kaum lohnen – schon bei seinem alten Polo hat er nach einer Woche Juicen die Fensterheber verkratzt. 

Dennoch mag Denis den neuen Nebenjob. "Ich muss abends manchmal einfach abschalten." Nach der Arbeit im Möbelhaus nochmal rauskommen und aus dem Fenster sehen, was in der Stadt passiert. Das mag er. 

Denis fährt gerne allein Auto. Meistens läuft Berliner Radio. Neulich die lange Schlagernacht, manchmal auch Fritz Kalkbrenner. 

In der Vergangenheit hat er auch schon andere Dinge gemacht. Zum Beispiel Leihautos aufgetankt und Freiminuten gesammelt. In seiner "schlimmsten Nacht", wie er es nennt, sei er zwölfmal losgefahren. Aktuell hat er bei "Drivenow" noch etwa 600 Freiminuten. Denis sagt, er sei einfach eine Nachteule.

Kurz nachdem Denis die Roller in dieser Nacht abgestellt hat, werden sie bereits wieder ausgeliehen. Drei Berliner Jungs verschwinden mit ihnen in der Nacht. Einer sagt: "Wir haben noch keinen Führerschein, deshalb nehmen wir die."

Dagegen wirkt das Juicen schon fast gemütlich. Denis findet, es sei jedenfalls besser, als abends mit einer Tüte Chips vor Netflix einzuschlafen. Und tatsächlich hätten die Roller auch schon etwas verändert. Durch das frühe Verteilen der Scooter fühle er sich gerade oft schon morgens überraschend fit. Das Gewicht, mehr als zehn Kilo pro Roller, habe ihn überlegen lassen, ob er vielleicht nicht wieder eine Laufgruppe suchen könnte. Was für den Rücken machen. Wenn es mit den 100 Euro in der ersten Woche klappen sollte, will Denis noch ein bisschen weitermachen. Vielleicht reicht es ja irgendwann für einen Ausflug oder eine Playstation. Mal schauen, wie er in den nächsten Wochen mit dem Doppel-Job so schläft. 


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