Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Ich sitze auf dem Balkon, halte mein Gesicht in die Sonne und nippe an meinem Kaffee. Ich genieße die entfernte Geräuschkulisse einer beschäftigten Großstadt im Hintergrund. Keine Ahnung, wie spät es ist. Vielleicht elf, vielleicht auch schon fast eins – es ist ohnehin egal. Ich muss nichts erledigen, beim Sport war ich schon, in der Uni steht auch nichts an. 

Und trotzdem fühle ich mich nicht so richtig gut. Es ist Montag. Die meisten Menschen sitzen jetzt in Büros, arbeiten in der Werkstatt oder lernen in der Bibliothek. Und ich? Ich mache einfach gar nichts. 

In der Regel bin ich an vier von fünf Wochentagen in der Uni, mittwochs auf der Arbeit. Ich mache regelmäßig Sport, habe eine saubere Wohnung und treffe mich häufig mit meinen Freundinnen und Freunden. Mit anderen Worten: Ich habe mein Leben im Griff.

Warum fällt es mir dann schwer, einfach mal zu entspannen – ohne mich dafür rechtfertigen zu müssen? 

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis redet jeder davon, wie viel Stress er hat – aber niemand traut sich, eine Faulenzer-Phase zu kommunizieren. Wir profilieren uns damit, wer am meisten arbeitet und damit die größten Erfolge erzielt. Und wenn jemand von uns in seinem Studium nicht mit regelmäßigen Nervenzusammenbrüchen zu kämpfen hat, ist das ein Zeichen von Faulheit. 

"Wir bemessen unseren sozialen Wert daran, wie viel wir leisten und eben nicht, wie gut es uns geht", sagt Prof. Dr. Hannes Zacher, Arbeitspsychologe an der Universität Leipzig. 

Und wenn wir uns mit anderen vergleichen, geht es uns tendenziell schlechter, als wenn wir uns überlegen, wie wir uns verbessern können.
Hannes Zacher

Laut des Forschers würden einige Menschen jedoch stärker darauf achten, wie sie auf andere wirken und was sie von ihnen denken als andere. Ich bin so jemand – und finde es anstrengend. Ständig frage ich mich, was meine Kommilitonen, Freunde und Bekannte von meinen Leistungen halten – egal, ob es die Texte sind, die ich schreibe, die Noten, die ich in der Uni bekomme oder das Geld, das ich verdiene. Und wenn ich an einem sonnigen Tag auf meinem Balkon sitze und das Wetter genieße, überlege ich, was die Nachbarn jetzt wohl dazu sagen würden. "So ein Leben wie die hätte ich auch gerne", lege ich ihnen still meine eigenen Gedanken in den Mund und verurteile damit im Prinzip mich selbst. 

Das geht mir selbst mit mir vertrauten Menschen so. Wenn abends meine Mitbewohnerin von der Arbeit nach Hause kommt und mich fragt, was ich heute so gemacht habe, gebe ich ihr eine Antwort, die nach möglichst viel Stress und Arbeit klingt – weil ich befürchte, in ihren Augen als faul dazustehen. Und das liegt nicht an ihr, ich habe diese Vorurteile verinnerlicht: Ich werte andere unterbewusst ab, wenn sie mehr Zeit haben und begründe es damit, dass ihr Studium nicht so aufwendig ist, oder sie nicht so ehrgeizig sind wie ich. Vielleicht stimmt das auch. Oder vielleicht verstehen sie es einfach, Prioritäten zu setzen und ihre freie Zeit richtig zu genießen. 

Obwohl mir das mittlerweile bewusst ist, fällt es mir trotzdem schwer, mich davon freizumachen. Wenn ich also gerade keine Lust habe, mich mit der Mitschülerin von damals zu treffen, dann lautet die Ausrede immer noch: "Keine Zeit, hab' momentan zu viel zu tun."

Wenn eines in unserer Leistungsgesellschaft kollektive Akzeptanz genießt, dann das: viel arbeiten, ständig beschäftigt und vor allem Stress ausgesetzt zu sein. 

Warum ist das so? "Das Leistungsmotiv ist ein wichtiges Grundbedürfnis", betont Hannes Zacher im Gespräch. "Es ist tief in unserer menschlichen Natur verankert. Wir vergleichen uns ständig mit anderen, weil es ja darum geht, den höchstmöglichen Status zu erreichen." 

Aus psychologischer Sicht sei es also wichtig, dass wir mit anderen konkurrieren. Die Forschung zeige dabei jedoch eindeutig: "Es ist immer besser, sich mit sich selbst zu vergleichen, als mit anderen." Hinzu kommt: Die Folgen von chronischem Stress sind nicht zu unterschätzen. Innere Anspannung und Konzentrationsschwierigkeiten beeinträchtigen die Psyche, außerdem steigt das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. (BKK)

Auch wenn wir jungen Leute häufig einen anderen Ruf haben, macht uns vor allem eines aus: Wir sind ganz schön ehrgeizig. Wir haben Ziele und arbeiten hart dafür. Laut einer Umfrage des Wirtschaftsprüfers Deloitte arbeiten 72 Prozent der in Deutschland befragten Millennials mehr als 40 Stunden pro Woche, fast ein Viertel sogar mehr als 50 Stunden pro Woche. Und das nicht nur in einem Job: Mehr als 17 Prozent der Befragten gehen zwei oder mehr bezahlten Tätigkeiten nach. Die Ergebnisse des aktuellen Millennial Survey basieren auf den Befragungen von mehr als 10.000 Menschen in 36 Ländern.

Ambitionen zu haben ist vorbildlich, ohne Frage – aber ich finde es zweifelhaft, wenn wir uns anhand unseres Arbeitspensums messen oder unsere Stress-Level vergleichen.

Wenn es die Umstände erlauben – und zumindest aus meiner Sicht tun sie es – sollte uns unser Wohlbefinden wichtiger sein als die Ansammlung an Überstunden und Stresshormonen, die uns in den Augen anderer relevanter machen. 

Eigentlich klingt das doch total logisch – einfach ist es trotzdem nicht: "Jüngere Menschen bekommen heutzutage verstärkt vermittelt, dass sich die Unternehmen und die Gesellschaft nicht immer um sie kümmern werden", sagt Hannes Zacher außerdem. "Gleichzeitig konkurrieren sie immer mehr mit älteren Menschen, die aufgrund einer verbesserten Gesundheit im höheren Lebensalter länger arbeiten." Die Generation Z müsse sich also perfektionieren und immer gut funktionieren – würde aber zugleich mit dem Stereotyp konfrontiert, weniger leistungsfähig und unzuverlässig zu sein. 

Wie können wir uns also von dem Leistungsdruck freimachen?

Im ersten Schritt sei es laut Zacher wichtig, sich bewusst zu machen, wodurch man diesen Druck überhaupt verspüre. Anschließend solle man sich überlegen, was man konkret verändern möchte: "Strenge ich mich jetzt vielleicht mal weniger an und lege mehr Wert auf meine Freizeit? Das wäre eine Möglichkeit, um tatsächlich mehr für sich selbst zu tun. Die andere: Man überlegt, mit wem man sich eigentlich vergleichen möchte. Müssen es immer die Top-Performer in meinem Arbeitsumfeld sein, oder vielleicht diejenigen, die ein balancierteres Leben führen als ich?"

Ich habe beschlossen, dass ich meine freie Zeit bewusster gestalten und genießen möchte – ohne daran zu denken, wie andere das finden. Denn meine Zeit ist unglaublich kostbar. Sie soll nicht mein Gegner sein; der Uhrzeiger kein mahnender Finger, der mich zum atemlosen Sprint durch meine Lebensjahre drängt. Ich möchte auch mal innehalten und Luft holen, meinen eigenen Gedanken zuhören und vielleicht feststellen, dass sie sich schon längst verselbstständigt haben. 

Wenn ich das nächste Mal auf dem Balkon sitze und an meinem Kaffee nippe, werde ich genau das tun – die vermeintlichen Gedanken meines Nachbarn sind mir dann egal. Stattdessen werde ich mich freuen. Für mich und für ihn. Weil wir an diesem wunderbaren Tag beide frei haben und die Sonne auf unserer Haut genießen können. 


Streaming

Mit "Orange Is the New Black" verliert Netflix seine beste Serie

"Seasons pass us by and we think that we've got time, but here we are – at the end", singt eine Frauenstimme, während mir bekannte Gesichter in die Kamera winken, sich umarmen und weinen. Ich sitze auf meinem Bett und weine mit. Ich habe soeben den finalen Abspann meiner Lieblingsserie gesehen. 

"Orange Is The New Black" ist vorbei. Für mich endet damit das Beste an Netflix. 

Seit Ende Juli ist die siebte und letzte Staffel der US-amerikanischen Gefängisserie verfügbar. Das Lied zum Abspann, geschrieben von Danielle Brooks, ist eine Liebeserklärung an die Serie, den Cast und die gemeinsame Zeit. Ein Satz darin trifft mich besonders: