Bild: dpa/ Julian Stratenschulte
Fünf Fragen und Antworten.

Laut dem Lehrerverband fehlen 40 000 Lehrerinnen und Lehrer. Ein Lehrermangel, wie es ihn seit drei Jahrzehnten nicht mehr in Deutschland gab. Viele Länder setzen deshalb jetzt auf Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger

1

Wie funktioniert der Quereinstieg in den Lehrerberuf?

Das Beispiel Berlin zeigt, wie groß die Not ist.

  • Von den 2700 neu eingestellten Lehrerinnen haben nur 1047 auch ein Lehramtsstudium abgeschlossen.
  • Das entspricht ungefähr 39 Prozent.
  • Die restlichen Stellen haben Quereinsteigerinnen (27 Prozent),
  • sogenannte Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung (34 Prozent)
  • sowie Masterstudierende auf Lehramt (knapp vier Prozent) bekommen. (SPIEGEL ONLINE)

Bundesweit wird immer häufiger auf Quereinsteiger gesetzt, also auf Lehrer, die unterrichten, ohne ein Lehramtsstudium absolviert zu haben. In Berlin bekommen die Quereinsteiger lediglich einen zweiwöchigen Crashkurs vor Unterrichtsbeginn. Im Laufe des Schuljahres nehmen sie dann gemeinsam mit den regulären Referendarinnen und Referendaren an Fachseminaren teil, in denen sie die praktische Lehre lernen. (Tagesschau)

In der Praxis müssen die ungelernten Lehrer dann auch mehr arbeiten:

  • Mit 18 Stunden pro Woche schuften sie im länger als Referendare.
  • Die müssen zehn Stunden unterrichten – und haben für gewöhnlich anfangs mit einem Betreuungslehrer an ihrer Seite
  •  Allerdings arbeiten Quereinsteiger weniger als fertige Vollzeitlehrer, die 26 Stunden in der Woche unterrichten.
  • Mit Vorbereitung und Nachbereitung des Unterrichts und dem Erlernen eines Zweitfaches kommen da nicht selten 60- bis 70-Stunden-Wochen zusammen. (Tagesschau)

Quereinsteiger in den Lehrerberuf können sich also auf hohe Erwartungen bei vergleichsweise wenig Vorbereitung gefasst machen.

2

Kann man nach so einem Einstieg als Quereinsteiger ein guter Lehrer sein?

Eine aktuelle Pisa-Auswertung warnt vor Quereinsteigern im Lehrerberuf.

So hat die Studie ergeben, dass dort, wo gute Schülerleistungen gemessen wurden, sich bei der Situation der Lehrkräfte klare Gemeinsamkeiten abzeichnen. 

  • Ein wichtiger Aspekt für einen erfolgreichen Lehrer ist demnach unter anderem, dass Lehrkräfte eine verpflichtende, längere Trainingsphase vor dem eigentlichen Start in den Beruf brauchen, in der sie unter realen Arbeitsbedingungen und mit professioneller Betreuung Praxiserfahrungen sammeln. (mehr zu der Studie bei SPIEGEL ONLINE)
  • Gerade dieser Punkt ist bei den Quereinsteigern nicht gegeben. Dass Quer- und Seiteneinsteiger, die mehr oder weniger schnell nachgeschult werden, eine optimale Qualifikation mitbringen, kann man also bezweifeln.
(Bild: dpa/ Marijan Murat)

3

Wie schlimm ist der Lehrermangel?

40.000 voll ausgebildete Lehrer und Lehrerinnen fehlen an deutschen Schulen. Der Präsident des Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sagte der "Passauer Neuen Presse" am Montag:

Einen derart dramatischen Lehrermangel hatten wir in Deutschland seit drei Jahrzehnten nicht mehr.

Laut Meidinger seien derzeit rund 10 000 Lehrerstellen nicht besetzt und etwa 30 000 Stellen "notdürftig mit Nicht-Lehrern, Seiteneinsteigern, Pensionisten und Studenten" besetzt worden.

An Grund- und Förderschulen ist die Lage besonders eng: "Da ist in fast allen Bundesländern die Entwicklung verschlafen und seit Jahren nicht auf den Geburtenanstieg reagiert worden", so Meidinger.

In Ländern wie Berlin und Sachsen müsse man von einem Bildungsnotstand sprechen. Dass in Berlin so viele Quereinsteiger ohne pädagogische Vorbildung als Lehrer eingestellt wurden, nennt er einen "Skandal". 

4

Welche Ursachen hat der Lehrermangel?

Der Präsident des Lehrerverbandes beklagt, dass in den letzten Jahren immer mehr Lehramtsstudienplätze abgebaut worden seien. Da es immer weniger Kinder gab, habe man gedacht, dass auch immer weniger Lehrer benötigt würden. Doch die Geburtenrate ist inzwischen gestiegen, zusätzlich kommen immer mehr Kinder aus Einwandererfamilien:

Nach einer offiziellen Prognose wird die Zahl der Schüler bis 2030 bundesweit um 278 000 auf 11,2 Millionen steigen. Das seien über zwei Prozent mehr als 2016, hatte die Kultusministerkonferenz (KMK) im Mai mitgeteilt. Dem Lehrermangel stehen also immer mehr Schüler gegenüber, darauf wurde zu langsam reagiert. 

5

Welche Lösungsansätze gibt es?

  • Bayern will mit einem Ausbau des Studienangebots auf die steigenden Schülerzahlen reagieren: Ab Oktober soll es dort unter anderem 700 neue Studienplätze fürs Grundschullehramt geben.
  • Sachsen will mit einer Geldprämie versuchen, den Lehrermangel auf dem Land einzudämmen: Referendare sollen von Januar 2019 an bis zu 1000 Euro Zulage bekommen, wenn sie ihren Anwärterdienst im ländlichen Raum absolvieren.
  • In Brandenburg können bald Lehrer nach der Pensionierung weiter arbeiten, bei einem besonderen dienstlichen Interesse.
  • KMK-Chef und Thüringer Bildungsminister Helmut Holter schlägt vor, Lehrer nicht mehr strikt getrennt nach Schularten auszubilden: "Wenn wir erreichen wollen, dass wir den Unterricht an den Schulen absichern wollen, müssen wir die Durchlässigkeit zwischen den Schulen erhöhen." Die Lehrerausbildung dürfe nicht mehr etwa nach Gymnasium, Grund- und Realschule erfolgen, sondern nach Altersstufen der zu unterrichtenden Kinder. Dadurch könnten Lehrer flexibler an unterschiedlichen Schulen eingesetzt werden.
  • In Berlin konnten zwar alle offenen Stellen besetzt werden, allerdings nicht mit Lehrkräften, die auch ein Lehramtsstudium absolviert haben. 

Mit Material von dpa

Lust auf was Neues? In unserer Reihe Queraufsteiger stellen wir Menschen vor, die sich beruflich umentschieden haben. Die sich getraut haben, noch mal von vorne anzufangen. Hier geht's zur Serie:


Today

MeToo-Aktivistin Asia Argento soll Minderjährigen missbraucht haben
Vier Fragen zu den Vorwürfen

Was ist passiert?

Asia Argento ist eine der prominenten Frauen, die Harvey Weinstein sexuelle Übergriffe vorgeworfen haben. Die italienische Schauspielerin und Regisseurin wurde zu einer der Vorkämpferinnen der "MeToo"-Bewegung