Bild: imago images/Björn Hake
Wir haben uns auf Spurensuche begeben, warum das so ist.

Im Laufe des Studiums kommen oft Zweifel auf. Findet man einen Job, der Zukunft hat? War die Fächerwahl richtig? Was möchte man eigentlich später genau machen? 

Manche ziehen daraus Konsequenzen, brechen ihr Studium ab oder wechseln das Fach – andere studieren einfach weiter und orientieren sich erst nach dem Abschluss um. Wer beispielweise Geisteswissenschaften studiert, ist meist nicht automatisch auf einen bestimmen Job festgelegt. 

Laut einer Studie des Personaldienstleisters Studitemps in Zusammenarbeit mit dem Department of Labour Economics der ​Maastricht University, präferieren Absolventinnen und Absolventen nach dem Studium den Sektor Bildung, Erziehung und Forschung.

Die Befragung zeigt aber auch: Mehr als 30 Prozent aller Lehramtsstudierenden wollen nach ihrem Abschluss gar ​nicht an einer Schule oder im Bildungsbereich arbeiten.​

In der Studie wird dieser Aspekt nicht genauer ausgeführt. Wir haben uns deswegen auf Spurensuche begeben und mit einer ehemaligen und zwei aktuellen Studentinnen über die Zahlen gesprochen. Wir haben sie gefragt, warum sie sich für Lehramt entschieden haben. In welchem Bereich wollen sie wirklich arbeiten? Und, wie sehen die Jobaussichten für Lehrerinnen und Lehrer eigentlich aus?

Sophia, 30, hat Gymnasiallehramt für Englisch und Geografie studiert. Heute lebt sie in Kalifornien und leitet die amerikanische Zweigstelle eines deutschen Touristikunternehmens.

(Bild: privat)

"Ich wollte nie wirklich Lehrerin werden. Nach dem Abitur wusste ich nicht, was ich studieren sollte. Ich habe mich dann im Arbeitsamt beraten lassen. Da mich Geographie und Englisch schon immer interessiert haben, haben sie mir geraten, mich für Gymnasiallehramt einzuschreiben. Das war damals die einzige Möglichkeit, diese Fächerkombination in meiner Heimatstadt zu belegen. Der Job als Lehrerin war aber immer nur ein Plan B.

Heute bin ich in der Tourismusbranche tätig. Schon während meines Studiums habe ich Stadtführungen organisiert, später als Reiseleiterin gearbeitet. Vor einem Dreivierteljahr bin ich nach Kalifornien gezogen. Hier leite ich die amerikanische Zweigstelle eines deutschen Touristikunternehmens.

Ohne die Fächerkombination, die ich während meines Lehramtsstudiums belegt habe, hätte mich mein derzeitiger Arbeitsgeber wohl nicht eingestellt. Weil ich an der Uni auch Amerikanistik und Anglistik hatte, war ich auf meine jetzige Tätigkeit gut vorbereitet.

Meiner Meinung nach, sollte man das Lehramtsstudium ein bisschen anders aufbauen. Viele merken erst nach dem vierten oder fünften Semester, wenn sie das erste Mal vor einer Schulklasse stehen, dass ihnen der Job eigentlich gar keinen Spaß macht und sie einfach nur gestresst sind.

Es wäre sinnvoll, verpflichtende Praktika einzuführen, die vor dem Studienstart absolviert werden müssen. Lehrerinnen und Lehrer könnten eine Stunde vorbereiten, die dann von den Bewerbern gehalten wird. Einfach, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was es bedeutet, vor der Klasse zu stehen. Man würde recht schnell merken, ob man wirklich Lust darauf hat oder nicht."

Anna, 25, studiert Gymnasiallehramt für Deutsch und Religion im neunten Semester. Sie möchte später aber nicht als Lehrerin arbeiten.

(Bild: privat)

"Ich liebe die Arbeit mit Kindern, stumpfes Unterrichten ist aber nicht so mein Ding. Das habe ich während der Praktika, die zum Studium gehören, gemerkt. Vor der Klasse an der Tafel zu stehen, macht mir einfach keinen Spaß. Dazu kommt noch, dass ich die Inhalte mancher Prüfungen mittlerweile sinnlos finde und mir nicht vorstellen kann, dass ich das später wirklich mal brauche. Phonetik und Lautsprache sind zum Beispiel Dinge, die ich zwar im Studium lerne, später aber nicht im Unterricht an die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten weitergebe. Ich bin auch ein sehr familienverbundener Mensch, für mein Referendariat müsste ich aber extra in eine andere Stadt ziehen.

Deswegen habe ich entschieden, dass ich mich nach dem ersten Staatsexamen neu orientieren werde. Ich würde gerne eine Beratertätigkeit, zum Beispiel bei der Caritas, übernehmen. Auf mein Staatsexamen aufbauend werde ich deswegen einen Master im Fach Caritaswissenschaft und werteorientiertes Management machen. Ich könnte auch in die freie Wirtschaft wechseln und zum Beispiel als Personalerin arbeiten.

Schon am Anfang unseres Studiums sagten die Dozierenden zu uns, dass wir als angehende Gymnasiallehrer schlechte Berufsaussichten haben. Bei Grundschullehramt sieht es anders aus, da fehlen immer noch sehr viele Lehrerinnen und Lehrer.

Zum Studienbeginn kann man einen freiwilligen Eignungstest für den Lehrberuf absolvieren. Ich habe nicht teilgenommen. Selbst, wenn dort rauskommt, das man ungeeignet ist, kann man aber ohne Einschränkung weiter studieren.

Es gibt für ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen neben dem Unterrichten viele zusätzliche Pflichten. Sie müssen jeden Tag neue Materialien vorbereiten, anschließend die gehaltenen Stunden dokumentieren und zusätzlich auch noch Streitgespräche führen. Das hat mich genervt. Ich finde, die Arbeit mit den Kindern sollte ganz klar im Fokus stehen."

Hannah, 22, studiert im achten Semester Gymnasiallehramt für Englisch und Religion. Sie möchte später als Lehrerin arbeiten.

(Bild: privat)

"Schon als Jugendliche habe ich viel mit Kindern zusammengearbeitet. Ich habe zum Beispiel eine Jugendgruppe geleitet und die Orientierungstage für Schülerinnen und Schüler der siebten bis neunten Klasse organisiert. Ich stehe gerne vor Leuten und erkläre Dinge. Mir war nach dem Abitur von Anfang an klar, dass ich Lehrerin werden möchte.

Ich finde es schön, zu sehen, wie die Kinder erwachsen werden. Als Lehrerin hast du einen großen Anteil daran, wie sie sich bilden und welche Werte sie entwickeln. Wenn du eine gute Lehrerin bist, dann sehen dich die Kinder auch als Vorbild.

Nur einmal habe ich kurz überlegt, ob ich nicht Medizin studieren soll. Da wären die Entwicklungsmöglichkeiten etwas besser, man wird für gute Noten belohnt. Bei Lehramt gibt es kaum Aufsteigschancen, die Gehaltsstufen stehen fest. Wenn man sich für den Lehrberuf entscheidet, dann sollte man auch mit vollem Herzen dabei sein. Das ist bei mir so.

Nebenbei absolviere ich ein studienbegleitendes Volontariat bei einer Zeitung. So habe ich etwas in der Hinterhand, wenn ich irgendwann mal etwas Abstand zum Lehrerdasein brauche. Verbeamtet zu sein, ist schon cool, aber es gibt kaum Flexibilität. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, mal für eine längere Zeit im Ausland zu leben – als Lehrerin ist das aber sehr schwierig, da sich unsere Ausbildung nach dem deutschen Schulsystem richtet.

Dass 30 Prozent aller Studierenden später nicht als Lehrer arbeiten wollen, deckt sich mit dem Bild in meinem Freundeskreis. Viele wollen jetzt aber auch einfach nicht mehr aufhören, weil sie schon so viele Semester hinter sich haben."


Gerechtigkeit

Sexistische Crash-Test-Dummies: Warum Frauen in Unfällen öfter sterben

Autounfälle können tödlich sein, das weiß Corina Klug, 32. Sie ist Forscherin für Trauma-Biomechanik an der TU Graz und untersucht, wie Verletzungen im Straßenverkehr verhindert werden können. Dazu entwirft sie virtuelle Menschen: Digitale Stapel aus Millionen kleiner Elemente, die Biegsamkeit und Brüchigkeit von Knochen, Haut, Hirn imitieren. Also deren mechanisches Verhalten. Auf Corinas Rechner prallen sie in simulierten Unfällen aufeinander, auf Motorhauben, auf die Straße. Sie explodieren und sterben. Wie im Straßenverkehr.

Dass Frauen im Auto schlechter geschützt sind als Männer, lernte Corina erst vor ein paar Jahren. Auf einer Konferenz erzählte ein Professor, wie er ein besonders sicheres Auto kaufen wollte. Aber das sicherste Auto für ihn war gar nicht das Sicherste für seine drei Töchter. 

Seitenairbags, Nackenstützen, Gaspedale – alles ist normiert für einen sogenannten 50-Perzentil-Mann. 

Er wiegt 78 Kilogramm und misst 1,75 Meter. Die Hälfte der europäischen Männer sind größer, die Hälfte kleiner.