Ein Pro und Kontra zur toten Sprache

Ne discere cessa (Höre nicht auf zu lernen), heißt es in einem lateinischen Sprichwort. Doch genau beim Erlernen der alten Sprache tun sich so manche Schülerinnen, Schüler und Studierende richtig schwer und sind immer wieder kurz davor aufzugeben. Im Alltag brauchen es dann nur die wenigsten von ihnen wirklich. Denn fest steht: Latein ist eine tote Sprache. Oder wer benutzt noch "Alea iacta est", "Cave canem" oder "Tempus fugit, amor manet", um sich im Alltag zu verständigen?

Ist es dann heutzutage noch sinnvoll, Latein zu lernen? 

Der deutsche Soziologe Jürgen Gerhards von der Freien Universität Berlin hat gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern diese Frage in der Studie "Des Kaisers alte Kleider: Fiktion und Wirklichkeit des Nutzens von Lateinkenntnissen" untersucht. Er behauptet, dass die vermeintlichen Vorteile von Latein nur eine Fiktion sind.

Die Studie

Für die Studie haben Jürgen Gerhards und sein Team Interviews mit insgesamt rund 1100 Eltern von Achtklässlern aus 13 Gymnasien geführt.

In einem Fragebogen wurden die Eltern unter anderem zu folgenden Themen befragt:

  • Welche Sprache ist für Sie am nützlichsten?
  • Welche Transfereffekte schreiben Sie der lateinischen Sprache zu?
  • Welche Attribute schreiben Sie Sprechern von Latein zu?

Mögliche Schwierigkeiten der Studie

Stefan Kipf, Professor für Didaktik der Alten Sprache an der HU Berlin und ehemaliger Vorsitzender des deutschen Altphilologenverbandes, kritisiert die Methoden der Studie und verteidigt die Sprache.

Kipf nennt die Vermischung von Fiktion (der Glaube an Transfereffekte des Lateinunterrichts) und Fakten (wissenschaftliche Untersuchung) als Grundproblem der Studie. Das heißt: Aus der Befragung von Gerhards ging hervor, dass Eltern nur das Gefühl haben, dass es Vorteile beim Lernen von Latein gibt. Gerhards widerlegt diese Annahme mit älteren Studien. Kipf wiederum hält die Studien für veraltet und nicht repräsentativ. Hier widersprechen sich die beiden Wissenschaftler. Gerhards hält trotz Konfrontation an seinen Einschätzungen fest. Aktuelle Studien nutzten seiner Meinung nach falsche Vergleichs-Methoden.

Wir haben mit Jürgen Gerhards und Studentin Mona über den Sinn des Lernens von Latein gesprochen. Im Pro und Kontra diskutieren beide  das Für und Wider. 

Während Jürgen Gerhards denkt, dass es wenig Sinn macht, heutzutage noch Latein zu lernen, sagt Mona Henke-Bockschatz, 23, dass es alles andere als eine Zeitverschwendung ist.

Dr. Jürgen Gerhards, Soziologe und Professor an der Freien Universität Berlin

(Bild: Privat)

"Die wichtigste Funktion von Sprache ist es, sich mit anderen Menschen verständigen zu können. Für Latein gilt nunmal, dass es eine Sprache ist, die nicht mehr gesprochen wird. Ähnlich wie Alt-Griechisch. Insofern fällt die Verständigungsfunktion bei Latein weg.

Als Vorteile werden Latein sogenannte Transfereffekte zugeschrieben. Bedeutet: Wer die Sprache lernt, fördert damit sein logisches Denken, lernt leichter andere Sprachen und verbessert sein Gespür für die deutsche Grammatik. Viele ältere Studien wie die von Elsbeth Stern und Ludwig Haag haben aber gezeigt, dass man diese Transfereffekte auch bei den Schülern findet, die eine moderne Fremdsprache gelernt haben. Insofern ist es wissenschaftlich betrachtet wenig sinnvoll, Latein zu lernen. Allerdings glauben die Menschen an den Mythos Latein, das zeigt unser Befragung von Eltern.

Ich persönlich würde jungen Menschen nicht empfehlen, Latein zu lernen. Ausnahme sind diejenigen, die es für das Studium benötigen. In bestimmten Fächern gilt Latein als unabdingbar. Zum Beispiel bei Kunstgeschichte oder Theologie braucht man Latein, um die Quellen verstehen zu können. Bei vielen anderen Fächern bin ich allerdings skeptisch. Ich habe unter anderem Germanistik studiert und musste Lateinkenntnisse vorweisen. Aber die neuen, wissenschaftlichen Quellen, die im Studium genutzt werden, sind alle auf Deutsch.

Die begrenzte Zeit, die Menschen zum Lernen haben, sollten sie in Sprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch oder auch Arabisch investieren. Sie haben weltweit mehr Bedeutung, da es von ihnen viele Sprecherinnen und Sprecher gibt. Menschen, die in der Wirtschaft arbeiten, verständigen sich zwar am häufigsten auf Englisch. Auf einer Dienstreise nach zum Beispiel Chile brauchen sie aber sicherlich Spanisch.

Im Rückblick denke ich, dass Latein zu lernen für mich Zeitverschwendung war. Heute würde ich Spanisch wählen – neben Englisch die zweite Weltsprache.

Mit grundlegenden Lateinkenntnissen kann man vielleicht lateinische Begriffe, die im Alltag vorkommen, verstehen. Aber dafür muss man nicht sieben Jahre Latein lernen. Da reicht auch eine Woche."     

Mona Henke-Bockschatz, 23, studiert im zehnten Semester Latein und Spanisch auf Lehramt in Bielefeld.

(Bild: Privat)

"Aktuelle Studien beweisen, dass Latein einen positiven Einfluss auf die generelle Sprachkompetenz hat. Aus persönlicher Erfahrung kann ich sagen, dass meine Kenntnisse aus dem Lateinunterricht mir beim Erlernen anderer Sprachen sehr geholfen haben. Wenn ich Vokabeln einstudiere, merke ich immer wieder, dass Latein die Wurzel der Romanischen Sprachen ist. Es gibt Wörter im Spanischen, die gleichen dem Latein fast komplett, nur eine Endung muss ausgetauscht werden.

Dieses Verständnis von Sprache ist es, was mich an Latein so fasziniert. Es ist ein schönes Gefühl, Ursprünge von Wörtern und der europäischen Kultur zu verstehen. 

Anders als viele glauben, ist Latein ein sehr vielschichtiges Fach. Ja, es wird nicht mehr gesprochen, aber Latein lebt in anderen Sprachen weiter. In unserem Latein-Studium befassen wir uns oft mit aktuellen Debatten. In unseren Kursen übersetzen wir zwar historische, 2000 Jahre alte Texte, aber wir tauschen uns auch über die Inhalte aus – die noch heute aktuell sind. Das können Themen wie Liebe, Recht, Kultur aber auch Migration sein.

Als ein Beispiel für das Thema Migration fällt mir das Nationalepos der Römer ein, genauer gesagt die "Aeneis von Vergil". In der Erzählung müssen die Einwohner Trojas aus ihrer brennenden Heimatstadt fliehen, auf der Suche nach einer neuen Heimat kommen sie nach Italien. Dort gründen ihre Nachfahren die Stadt Rom. In dem Zusammenhang haben wir über die kulturelle Identität und das Gefühl von Zugehörigkeit gesprochen.

Wenn ich an andere Studiengänge denke, glaube ich, dass dort Latein auch sehr sinnvoll sein kann. Ein Beispiel ist die Medizin. Zum Beispiel leiten sich viele medizinischen Begriffe aus dem Lateinischen ab. Wenn ein Mediziner schon vor oder während seines Studium Latein lernt, fallen ihm sicherlich Teile des Studiums leichter.

Außerdem macht – zumindest mir – der Lateinunterricht einfach Spaß. Ich denke da an die Mythologie oder Sprachvergleiche in der Linguistik. Das bedenken viele Wissenschaftler nicht. Allein deswegen ist das Lernen von Latein für mich alles andere als eine Zeitverschwendung."


Gerechtigkeit

Nur mal kurz den Wald retten? Schwer. Aber so könnte es klappen
Vier Möglichkeiten, wie du im Alltag den Wald schützen kannst

Der Regenwald in Brasilien brennt. In Sibirien, Kanada und Alaska vernichteten Feuer im Juli und August große Waldflächen und beschleunigten das Auftauen der Permafrostböden (ZEIT). Und auch in Deutschland sterben immer mehr Bäume ab. 

Der Klimawandel macht den Wäldern zu schaffen. Zusätzlich ist der Wald durch die einseitige Bepflanzung aus Fichten und Kiefern geschwächt. Ein Viertel der deutschen Wälder besteht aus Monokulturen (SPIEGEL). Ein leichtes Ziel für Borkenkäfer und andere Schädlinge. 110.000 Hektar Wald sind den Dürren der vergangenen Jahre schon zum Opfer gefallen (ZEIT). Wenn wir noch eine Chance gegen den Klimawandel haben wollen, brauchen wir gesunde Mischwälder. 

Was kann der Einzelne da schon machen? Wir haben vier Wege herausgesucht, mit denen man den Wald schützen kann – und eine Fachfrau um ihre Einschätzung gebeten:

  • Loretta Leinen ist studierte Forstwissenschaftlerin und setzt sich bei der "Naturwald Akademie" für die Information und Beratung von Bürgern, Waldbesitzerinnen und Politikern zum Thema Naturwald ein. Die folgenden Punkte haben wir nach ihrer Einschätzung sortiert – angefangen mit dem wichtigsten:

Weniger Fleisch essen

Unsere Essgewohnheiten tragen stark zur weltweiten Entwaldung bei: 80 Prozent der jährlich gerodeten Wälder fallen dem Anbau von Nahrungsmitteln wie Soja, Palmöl und Kakao zum Opfer. 70 Prozent des Flächenverlustes wird durch unseren Fleischkonsum und den damit einhergehenden Anbau von Futtermitteln ausgelöst. Ein Drittel unserer benötigten Flächen für den Lebensmittelanbau liegen außerhalb von Deutschland und mehr als die Hälfte davon in Südamerika (WWF). Durch den Verzicht hilfst du vor allem dem Regenwald. Wenn du Fleisch essen willst, dann kaufe bewusst – und möglichst regional. Beim Crowdbutchering von Start-Ups wie "Kaufnekuh" oder "besserfleisch" wird die Kuh zum Beispiel erst geschlachtet, wenn alle Teile von ihr verkauft wurden.

2 Weniger Papier verbrauchen

Durchschnittlich verbraucht jeder Deutsche etwa 250 kg Papier pro Jahr (Bundesministerium für Umwelt), damit sind wir einer der größten Papierverbraucher der Welt. Fast ein Viertel des Zellstoffes wird aus Brasilien importiert und stammt häufig von Plantagen, für die Regenwald gerodet wurde (WWF). "Papier sollte auf das Nötigste reduziert werden. Wenn man es braucht, sollte man auf Recycling-Produkte zurückgreifen. In Deutschland gibt es hervorragende Aufarbeitung von Papier", sagt Loretta. 

Hilfreiche Schritte: 

  • Muss das wirklich gedruckt werden? Die Frage kann man sich selbst stellen – oder auch mal der Firma, in der man arbeitet. 
  • "Werbung verboten"-Schild am Briefkasten anbringen oder sich gleich in die Robinsonliste eintragen. Sie schützt nicht nur vor nervigen Werbeprospekten sondern auch vor Spam via E-Mail oder Telefon.