Lasse Rheingans, 37, will ein guter Chef sein. Und hat sich dafür ein gewagtes Experiment überlegt: Die Mitarbeiter seiner Digital-Kommunikationsagentur "Digital Enabler" in Bielefeld arbeiten jetzt nur noch fünf statt acht Stunden am Tag – bei gleichem Gehalt.

Er glaubt: Wenn die Mitarbeiter mehr Freizeit haben, sind sie glücklicher, kreativer und liefern noch bessere Arbeit. Geht das Konzept auf? Wir hatten Lasse und seine Mitarbeiterin Sarah kurz nach dem Start im Oktober schon einmal gefragt. 

Jetzt, im Februar ziehen sie jetzt eine erste Zwischenbilanz. Das Ergebnis: Die 25-Stunden-Woche geht weiter.

Trotzdem hat die mittelständische Agentur auch gemerkt, dass es an der ein oder anderen Stelle etwas hakt. Im Interview erzählt Lasse, was auch andere Firmen von seiner Idee lernen können. 

(Bild: Privat)

Zusammengefasst: Wie funktioniert die 25-Stunden-Woche in der Bielefelder Agentur

Medienwissenschaftler Lasse hat im Laufe seiner Karriere erkannt: Mehr Freizeit ist die wohl beste Motivation für Mitarbeiter. Nachdem er Bücher und Studien aus den USA und Skandinavien gelesen hat, entschied er sich, mal alles anders zu machen.

Er übernahm im Oktober die Agentur und schlug seinen Mitarbeitern folgendes Modell vor: Drei Stunden weniger Arbeit, keine Überstunden, keine Wochenendarbeit, gleicher Urlaubsanspruch, gleiche Bezahlung.

"Der Druck für die Mitarbeiter in den fünf Stunden ist natürlich hoch", sagt er. "Deshalb habe ich das auch nicht allein entschieden, sondern mit allen abgesprochen." Außerdem durften Output und Qualität nicht leiden. Um das sicher zu stellen, mussten die Mitarbeiter auch eines lernen: Sich weniger ablenken zu lassen. Private Plaudereien wurden minimiert, Handys in die Schublade verbannt – und effizientere Strukturen eingeführt. 

Als ihr das Experiment gestartet habt, klang alles wahnsinnig positiv: gleiches Gehalt, weniger Arbeit, zufriedene Mitarbeiter, zufriedene Kunden. Wie sieht es nach vier Monaten aus?

Das Positive überwiegt, aber es haben sich auch Baustellen aufgetan. Es gibt Bedarf nach mehr Feedback-Gesprächen. Wer hat was diese Woche nicht geschafft und warum? Wer kann was übernehmen? Wo könnten wir noch effektiver sein? Bislang haben wir nur freitags darüber gesprochen, in Zukunft auch dienstags. 

Der 5-Stunden-Tag ist gut dafür, um Missstände im Unternehmen offen zu legen. Man löst eine konstruierte Mini-Krise aus.

Und das ist gut?

Ja, zum Beispiel ist bei einem Kollegen aufgefallen, dass er seine Arbeit nicht in fünf Stunden schafft. Das liegt aber nicht an dem Kollegen, sondern daran, dass einfach zu viele Aufgaben bei ihm liegen. Er hätte die Arbeit auch in acht Stunden nicht erledigen können. 

Im alten Modell wäre er wahrscheinlich irgendwann umgefallen oder zu einem anderen Unternehmen abgewandert. In Zeiten von Fachkräftemangel wäre das für uns das Worst-Case-Szenario. Wir werden seine Aufgaben jetzt anders verteilen und auch neue Leute einstellen.

Wie funktioniert die verkürzte Arbeitszeit bei anderen Firmen? Ein Überblick:

In Schweden scheiterte Anfang des Jahres ein Versuch, den Sechs-Stunden-Tag bei gleicher Bezahlung einzuführen. In einem Altenheim in Göteburg wollten die Verantwortlichen...
die Krankheitstage reduzieren und die Motivation der Mitarbeiter fördern. Doch das Fazit war ernüchternd: Es ist einfach zu teuer.
Es mussten mehr Mitarbeiter eingestellt werden, was zu Mehrausgaben führte. Umgerechnet 1,2 Millionen Euro gab die Stadt mehr aus. (Stern)
Auch ein Seniorenheim im schwedischen Umea wagte das Experiment. Auch hier gibt es keinen Erfolg: Der Krankenstand wuchs sogar noch.
Bei Toyota in Göteborg führte man bereits 2003 eine verkürzte Arbeitszeit ein. Hier funktionierte es.
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Es klingt an, dass ihr doch mehr Leute einstellen müsst, um die gleiche Arbeit wie vorher zu schaffen?

Nein, wir werden den einen Kollegen entlasten, einiges auf andere verteilen und ihm einen neuen Kollegen zur Seite stellen. Aber die anderen Kollegen, die neu bei uns anfangen, werden vor allem eingestellt, weil wir wachsen und noch mehr Kunden betreuen wollen. 

Der Fünf-Stunden-Tag geht nur in einem guten Team, mit guter Kultur, mit echten Profis. Die Kompetenzen müssen richtig verteilt sein, die richtigen Leute an der richtigen Stelle sitzen. Es fällt sofort auf, wenn das nicht der Fall ist – anders als bei acht Stunden.

Haben die Überstunden zugenommen?

Nur sehr vereinzelt. Länger als bis 15 oder in Ausnahmefällen 16 Uhr hat hier noch niemand gesessen – und das wäre noch nicht mal ein Acht-Stunden-Tag. 

(Bild: Urban Yards )
Werden Überstunden bei euch abgebaut?

Nein, das verlangt hier auch niemand der Mitarbeiter. Dazu kommt es zu selten vor, und es liegt in ihrer Eigenverantwortung. Außerdem schenke ich ihnen ja 30 Prozent Gehalt und mehr Freizeit.

Fällt es manchen nicht auch schwer, sich fünf Stunden am Stück zu konzentrieren? Brauchen einige auch nicht die Pausen, mal einen Spaziergang, doch mal einen privaten Plausch zwischendurch?

Klar, ich habe auch viele Zuschriften von Leuten bekommen, die sagen, dass sie nicht so lange am Stück arbeiten können. Das kann ich total verstehen. In meiner Agentur hat das aber niemand geäußert. 

Ich sage auch nicht, dass fünf Stunden das Nonplusultra sind. Es geht mir nur darum, wie man die bestmögliche Organisationsform für sein Unternehmen findet. Vielleicht stellt sich auch heraus, dass die Lösung ist, morgens zwei Stunden, nachmittags zwei Stunden und abends noch mal eine Stunde zu arbeiten. Daher ist das ehrliche Feedback im Team auch so wichtig. 

Wird denn wirklich gar nicht mehr zwischendurch über Privates bei euch gequatscht?

Doch, das geht natürlich immer noch. Ich will auch nichts verbieten, das ist die Eigenverantwortung der Mitarbeiter. Aber zwischendurch noch in Ruhe zu frühstücken und erst um zwanzig nach Acht eintrudeln und trotzdem pünktlich um 13 Uhr Feierabend machen, geht einfach nicht bei einem verkürzten Arbeitstag. 

Was hältst du von völlig flexiblen Arbeitszeiten? Nach dem Motto: Jeder, wie er mag?

Meine Erfahrung und auch Studien zeigen, dass die Menschen dann bis zur Erschöpfung arbeiten. Du kannst dann halt nicht mehr zwischen Arbeit und Freizeit unterscheiden. Bei uns hat zum Beispiel niemand einen Laptop und kann also nicht von zu Hause weiterarbeiten.

Welche Veränderung erkennst du bei deinen Mitarbeitern, seit sie weniger arbeiten müssen?

Einerseits gehen viele natürlich ihren Hobbys stärker nach, treiben mehr Sport. Andererseits haben sie auch Weiterbildungen für sich entdeckt, weil endlich Zeit dafür da ist, Dinge zu lernen, die sie schon immer lernen wollten. Wir haben leidenschaftliche Entwickler im Team. Sie kamen mit dem Vorschlag auf mich zu, sich in Schulungsvideos mit modernen Technologien auseinanderzusetzen. Ich hatte das weder erwartet noch gefordert.

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Und ganz Deutschland will jetzt bei euch arbeiten?

Wir haben echt viele Bewerbungen bekommen, ich hab den Überblick schon verloren. Aber Obacht: Unsere Mitarbeiter machen auch die Erfahrung, dass ihre Partner und Familienmitglieder davon ausgehen, dass auch mehr Hausarbeit von ihnen übernommen wird.

Ins Privatleben kannst du dich aber schlecht einmischen?

Nein, das nicht. Aber ich kann ihnen zur Seite stehen und habe da schon eine Idee. Ich möchte mit Innenarchitekten zusammen, einen Multi-Funktionsraum einrichten. Den können wir dann für Workshops nutzen oder Yoga-Lehrer könnten Business-Yoga-Stunden anbieten. So kann man dann nach Feierabend erst einmal runterfahren, wenn man Lust darauf hat.

Ihr seid eine kleine Agentur in Bielefeld mit einem spannenden Experiment. Aber sollten sich nicht viel mehr Unternehmen die gleichen Fragen stellen?

Genau das wünsche ich mir. Ich bin Idealist und will das Thema gerne weitertragen. Ich spreche dieses Jahr auf Tagungen, habe Hunderte Zuschriften bekommen; Politiker, Universitäten, Medien aus ganz Deutschland haben sich bei mir gemeldet, Studenten wollen ihre Master oder Doktorarbeit bei uns schreiben. Das zeigt, wie wichtig das Thema ist.

Wenn wir dem Fachkräftemangel entgegenwirken und junge Arbeitnehmer gewinnen wollen, dann ist es unausweichlich, dass wir über neue Arbeitszeitmodelle sprechen. Das zeigt auch die Vereinbarung zur 28-Stunden-Woche zwischen der IG-Metall und den Arbeitgebern. 


Gerechtigkeit

Chinas Polizei jagt Verbrecher jetzt mit Gesichtserkennungs-Brillen

In China tragen Polizisten jetzt spezielle Brillen, mit denen sie gesuchte Verbrecher an der Nasenspitze erkennen können. Die Brillen sind mit einer Gesichtserkennungs-Software ausgestattet, die Menschen mit Verbrecherkarteien abgleicht.  

Die Brillen wurden erstmals von der Polizei in der zentralchinesischen Stadt Zhengzhou eingesetzt. Zhengzhou ist eine Millionenstadt, zum Chinesischen Neujahrsfest am 16. Februar werden Tausende Zugreisende erwartet – also will die Polizei da auf Brillen-Verbrecherjagd gehen. (Wall Street Journal/China Paper)