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Schlecht drauf? Oder keine Lust? Dann bleib doch einfach zu Hause.

Eigentlich hätte Julia* auch arbeiten können, aber sie ging nicht ins Büro. Sie traf sich mit Freunden, schaute Fußball und trank Bier. Julia hatte Liebeskummer. Sie war nicht krank, aber sie wollte den ganzen Tag heulen – und nicht arbeiten. 

Schon die Wochen zuvor fühlte sie sich überarbeitet, sie hatte lange keinen Urlaub mehr, machte in ihrer Werbeagentur viele Überstunden. Dann stritt sie sich auch noch fast täglich mit ihrem Freund, sie trennten sich. "Ich konnte einfach nicht zurück an den Schreibtisch", sagt Julia, wenn sie an den vergangenen Sommer denkt.

Julia ging zu einem befreundeten Arzt und ließ sich für eine Woche krankschreiben. Die freien Tage verbrachte sie bei ihren Eltern. Sie hatte Angst, dass eine Kollegin oder ein Kollege sie sehen könnte. Sie log, es war ihr irgendwie unangenehm, gleichzeitig "fühlte es sich richtig an", sagt sie. 

Ist schlechte Laune ein Grund, um nicht zu arbeiten? 

Oder ist das Schwänzen? Lässt man die Kollegen hängen oder hätte man sie verheult eh nicht unterstützen können? Und ist eine erholte Arbeitnehmerin nicht viel wertvoller für das Unternehmen?

Darüber haben wir mit drei Menschen gesprochen: 

  • mit einem Unternehmer, der mies gelaunten Angestellten einfach frei gibt,
  • mit einer Arbeitspsychologin, die erklärt, wieso es kein Zukunftskonzept ist, zu Hause zu bleiben,
  • und mit einer Feelgood-Managerin, die sich darum kümmert, dass bei der Arbeit alle glücklich sind. 

2015 gründeten Philip Siefer und Waldemar Zeiler das Berliner Start-up Einhorn, das faire Kondome und Periodenprodukte herstellt. In ihrem Unternehmen leben sie das Prinzip "New Work", also ein Arbeitsleben mit mehr Freiheiten und Selbstbestimmtheit für das Team. Bei Einhorn können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten, Urlaubstage und das Gehalt selbst bestimmen. Sie arbeiten im Home-Office, von überall in der Welt – oder auch mal gar nicht. Siefer findet: "Wer keinen Bock hat, muss nicht zur Arbeit kommen." In seinem Unternehmen sei es sogar gewünscht, sich dann frei zu nehmen.

Philip Siefer ist Gründer von Einhorn.

(Bild: Robert Wunsch)

Die Motivation sei eine andere, wenn man jeden Tag die Wahl habe, zur Arbeit zu gehen oder nicht, sagt Siefer. "Wenn man keine Lust hat, ist man unproduktiv." Noch dazu nerve es die anderen im Team. "Wie ein Virus zieht sich das durch den Raum und reißt alle mit", sagt der Gründer. Es sei ehrlicher, wenn man sage, man habe keine Lust, anstatt eine Krankheit vorzuschieben. Das sei Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Hat man keinen Bock, kann man es gleich lassen.
Philip Siefer von Einhorn

Dass gute Laune zu einem positiven Arbeitsklima beiträgt, ist nicht überraschend. Aber wie lässt sich diese Philosophie in die Praxis umsetzen? Sind die Kollegen und Kolleginnen nicht genervt, wenn jemand schon wieder nicht kommt, "nur" weil er einen schlechten Tag hat? Und was kostet das?

Im Büro von Einhorn ist es jedenfalls nicht leer. Höchstens zwei- bis dreimal im Monat komme es vor, dass einzelne Mitarbeiter wegen schlechter Laune zu Hause blieben. Und wie kommunizieren die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Einhorn, wenn sie keine Lust haben? "Sie posten morgens 'Ich hab heute keinen Bock' in unseren Messenger. Die anderen aus dem Team reagieren mit einem Applaus-Emoji", erklärt Siefer. Sie respektierten solche Entscheidungen. "Wenn es jemanden stört, kann er gerne auch nach Hause gehen." Den meisten tue es jedoch leid, wenn sich jemand nicht gut fühle, sagt Siefer.

Wer nicht bei Einhorn arbeitet und mal einen Tag Pause benötigt, der muss sich eigentlich Urlaub nehmen oder – je nach Regelung des Arbeitgebers – krankschreiben lassen. Bei vielen Firmen ist eine Krankschreibung aber auch erst ab dem dritten Tag notwendig. Wer beim Blaumachen erwischt wird, dem droht eine Abmahnung und im schlimmsten Fall sogar eine Kündigung (Deutsche Handwerks Zeitung).

Pro Jahr sind Beschäftigte in Deutschland im Schnitt 19,5 Tage krank. Zumindest lassen sie sich so häufig krank schreiben, wie eine Studie der Krankenkasse AOK ermittelte (SPIEGEL ONLINE). Ausgewertet wurden die Daten von knapp 14 Millionen Versicherten aus dem vergangenen Jahr. Gründe für die Krankmeldungen waren Muskel-Skelett-Erkrankungen, Erkältungen oder psychische Belastungen. Laut dem Fehlzeiten-Report 2018 fielen Menschen seltener aus und hatten weniger gesundheitliche Beschwerden, wenn sie einen Sinn in ihrer Tätigkeit sahen. Fast allen Befragten (etwa 2.000) war es am wichtigsten, sich bei der Arbeit wohlzufühlen. Die Mehrheit legte Wert auf ein gutes Betriebsklima.

Kann schlechte Stimmung künftig wirklich in mehreren Unternehmen eine Begründung sein, um zu Hause zu bleiben?

Zugeben würden es die wenigsten, aber wahrscheinlich haben viele von uns schon einmal blaugemacht. Wenn Schwänzen oder Blaumachen überhaupt die richtigen Begriffe dafür sind. Denn schlechte Laune kann den Körper wohl ebenso lähmen wie eine Erkältung. 

"Zeit Online" fragte 2017 23.000 Menschen, wann und warum sie schon einmal die Arbeit geschwänzt hätten. 19 Prozent gaben an, mindestens einen Tag pro Jahr blaugemacht zu haben. Und 70 Prozent hatten dabei kein schlechtes Gewissen. Am häufigsten machten junge Leute zwischen 18 und 24 frei – weil sie mal eine Pause brauchten.

Julia Andorfer arbeitet selbstständig als Arbeitspsychologin, Coach und sie gibt Yogakurse.

(Bild: olgakretschphotography)

Arbeitspsychologin Julia Andorfer befürwortet kurze Auszeiten, aber glaubt nicht daran, dass sich das Konzept wie bei Einhorn überall anwenden lässt.

Wer sich die Pause gönne, vermeide damit vielleicht einen noch längeren Ausfall. "Besser früher die Bremse ziehen, um nicht komplett auszubrennen und eine längere Krankheit zu vermeiden", sagt Andorfer. Manchmal könne schon ein verkürzter Arbeitstag helfen. Und meist würden die Menschen schwänzen, die ohnehin überarbeitet seien, beobachtet sie. 

Andorfer möchte Arbeitgeber für schlechte Laune sensibilisieren: "Wann ist man einfach nur fertig oder müde? Und wann bereits depressiv?" Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die unter psychischen – nicht sichtbaren – Belastungen litten, müsse Ruhe gegönnt werden. "Denn dauerhafte miese Laune kann auch tiefergehende Ursachen haben."

Nur ab wann wird es unfair? Wenn alle unter den häufigen Ausfällen einer Person leiden und dadurch mehr arbeiten müssen, gehe das auf Kosten des Teams, sagt Andorfer. "Es ist normal, dass man sich unter die Arme greift, aber es muss sich die Waage halten." Sonst könnten Konflikte entstehen und die Motivation lasse nach. Blaumachen soll also eine Ausnahme bleiben.

Außerdem gibt es Betriebe, in denen eine Umsetzung nahezu unmöglich ist. Andorfer sagt: "Im Schichtsystem oder klassischen Handel müssen andere Wege gefunden werden, um flexible Arbeitszeitmodelle zu ermöglichen."

Monika Kraus-Wildegger sorgt dafür, dass sich Menschen am Arbeitsplatz gut fühlen. Sie betreibt eine Ausbildungsstätte für Feelgood-Management.

Freude ist ein emotionales Grundbedürfnis, das bei der Arbeit erfüllt werden muss.
Monika Kraus-Wildegger von Goodplace

Aus den Neurowissenschaften wisse man: Wie man sich fühle, so arbeite man auch, sagt Kraus-Wildegger. Man sei in einem positiven Umfeld leistungsfähiger. Und dort, wo man sich wohlfühle, engagiere man sich mehr. Unser Gehirn mache da keinen Unterschied zwischen Job und Privatleben. Der einzelne Mensch und seine Bedürfnisse würden im Arbeitsleben immer wichtiger, so die Expertin. "Was braucht jemand, um einen guten Job machen zu können?" Die Frage müssten sich Arbeitgeber immer wieder stellen.

Monika Kraus-Wildegger ist die Gründerin von Goodplace und bildet Feelgood-Manager und Feelgood-Managerinnen aus.

(Bild: Gaby Bohle)

Die Expertin ist der Meinung, man solle sich gegenseitig unterstützen und schlechter Laune auf den Grund gehen. Man müsse nach der Ursache fragen. "Liegt es am Arbeitsumfeld, muss der Arbeitgeber daran etwas ändern", sagt Kraus-Wildegger.

Aber wenn es um Liebeskummer geht, kann auch der Chef oder die Chefin wenig machen. Im Fall von Julia haben vielleicht auch die Kolleginnen und Kollegen profitiert, die kein schlecht gelauntes Teammitglied neben sich sitzen hatten. "Entweder man verbreitet schlechte Stimmung", sagt Kraus-Wildegger, "oder man kommt lächelnd ins Büro, die Ideen sprudeln und man steckt alle mit dieser Motivation an." 

*Julia heißt in Wahrheit anders. Auf ihren Wunsch wurde der Name von der Redaktion geändert.



Fühlen

Meine Freundin hat kein eigenes Leben – was soll ich tun?
Unsere Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet.

Olli, 28, fragt:

Ich bin seit sechs Jahren mit meiner Freundin zusammen, wir haben beide in unterschiedlichen Städten studiert und deshalb lange eine Fernbeziehung geführt. Vor einem Jahr sind wir dann endlich zusammengezogen. Seitdem habe ich aber mehr und mehr das Gefühl, sie hat kein eigenes Leben. Sie konzentriert sich nur auf mich und unsere Beziehung, sie macht nichts mehr mit Freunden, geht nicht raus – außer, wenn sie zur Uni muss. Wenn ich etwas mit Freunden unternehme, ist sie enttäuscht.