Die achte Folge unserer Serie über Berufseinsteiger

Noah*, 26, arbeitet nach seiner Ausbildung an der Polizeihochschule als Kommissar im Wach- und Streifendienst. Jeder seiner Einsätze ist anders und muss danach oft stundenlang dokumentiert werden. Auch wenn seine Schichten anstrengend sind, mag Noah seinen Job – und verteidigt ihn gegen Kritik.

Mein erstes Jahr im Job

Der Einstieg ins Berufsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. Man weiß noch nicht, wie eine Gehaltsverhandlung abläuft, ist überfordert von den vielen Aufgaben und neuen Menschen – oder im Gegenteil: langweilt sich schon nach den ersten Wochen. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" sprechen wir mit Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern über ihren Start ins Arbeitsleben. Du hast auch etwas zu erzählen? Dann schreib uns an uniundarbeit@bento.de.

"Meine Dienstwaffe zielte auf den Boden. Mein Blick fokussierte einen älteren Mann, der beide Hände in der Tasche seines Kapuzenpullovers vergraben hatte. In ruhigem, aber bestimmtem Ton forderte ich ihn auf, die Hände langsam herauszunehmen und sich auf den Boden zu legen. Ich erinnerte mich an die theoretischen Module in der Polizeiausbildung. Die Situation einschätzen, hatten mir meine Dozenten immer wieder gesagt, überlegen, welches Handeln erforderlich ist, und vor allem: mich selbst schützen!

Der Mann im Kapuzenpullover war einige Zeit zuvor zu einer Haftstrafe verurteilt worden, hatte diese aber nicht angetreten. Als ich mit einem Kollegen den Haftbefehl vollstrecken sollte, kletterte er durchs Fenster in den Garten. Ich nahm die Verfolgung auf, sprang über den Nachbarzaun und konnte ihn schließlich stellen. Meine erste Verhaftung, da war ich 23 Jahre alt. Eine Szene wie im Krimi – als Kommissar im Wach- und Streifendienst für mich Alltag.

Berufsbezeichnung: Diplom-Verwaltungswirt

Wenn andere von meinem Beruf erfahren, denken sie wahrscheinlich genau daran: an Verfolgungsjagd, nächtliche Observierungen und Blaulicht. Wäre der "Tatort" am Sonntagabend mit seinen 90 Minuten allerdings realistisch, würde man mich und meine Kolleginnen und Kollegen etwa 45 Minuten davon am Schreibtisch sehen. Denn zu jedem Einsatz müssen wir einen Bericht schreiben. Meine offizielle Berufsbezeichnung nach drei Jahren Ausbildung an der Polizeihochschule lautet nicht umsonst Diplom-Verwaltungswirt. Gerade am Anfang fiel mir das Verwalten aber schwer.

Im Fall einer Straftat erhält die Staatsanwaltschaft den Polizeibericht, um weitere Ermittlungen anzustoßen. Das heißt, der Bericht muss frei von meinen subjektiven Wertungen sein. Außerdem verwenden wir viele Abkürzungen – LADI für Ladendiebstahl, HG für Häusliche Gewalt oder BTMK für Betäubungsmittelkriminalität – um einen Sachverhalt möglichst knapp und präzise darzustellen. Für den Bericht über den Haftbefehl – HB – damals saß ich nach einer Zwölf-Stunden-Schicht weitere drei Stunden am Computer.

Mit der Zeit lernte ich das Polizeivokabular und vor allem, dass Kolleginnen und Kollegen mich jederzeit unterstützen, wenn ich mir mit Formulierungen oder Formalitäten unsicher bin. Das gibt mir bis heute, in meinem dritten Jahr als Kommissar, das Gefühl, dass es in Ordnung ist, Fehler zu machen. Überhaupt war das kleine Polizeiteam, in dem ich nach der Ausbildung anfing, super: Die Älteren profitierten vom Elan und der Energie, die wir Unerfahrenen mitbrachten – wir Jüngeren profitierten von den Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen, die schon länger im Dienst sind.

„Während meine Freundinnen und Freunde ihren Samstagabend in den Bars der Stadt verbrachten, hatte ich Dienst.“
Noah

Dennoch war das erste Jahr im Job anstrengend, vor allem die Nachtschichten zerstörten meinen Biorhythmus. Während meine Freundinnen und Freunde ihren Samstagabend in den Bars der Stadt verbrachten, hatte ich Dienst, trug selbst in heißen Sommernächten die unbequeme Uniform, fuhr raus zu Einsätzen und schrieb anschließend lange Berichte. Danach kam ich oft körperlich ausgelaugt und hungrig nach Hause, denn Zeit für Pausen hat man in turbulenten Nächten mit vielen Einsätzen nicht immer.

2500 Euro brutto plus Nachtzulagen

Zum Glück verdiente ich etwa 2500 Euro brutto plus Nachtzulagen – genug, um mir auch mal Essen zu bestellen. Gerade zu Beginn machte ich das oft. So sparte ich mir das Kochen und hatte mehr Zeit, Schlaf nachzuholen. Ein bisschen klischeehaft wurde ich zum kaffeetrinkenden Kommissar, um mich in den Nachtschichten wach zu halten. Mittlerweile plane ich meine Mahlzeiten vor, mein Koffein-Konsum hat sich aber nicht geändert.

Die Nachtschichten sind auch deshalb anstrengend, weil Beschuldigte oft stark alkoholisiert sind, das erschwert die Kommunikation auf Augenhöhe und zerrt an den Nerven. Einmal mussten wir einem betrunkenen Mann einen Platzverweis erteilen, weil er immer wieder um das Haus seiner Ex-Freundin schlich. Doch er ignorierte unsere Anordnung, noch vor der Polizeiwache bestellte er sich ein Taxi und fuhr wieder zu ihr. Die Frau hatte panische Angst vor ihm und wir mussten erneut ausrücken. Diesmal beleidigte er uns, schlug mit einer Tasse gegen das Fenster des Hauses und wurde körperlich aggressiv, also nahmen wir ihn fest. Dabei wehrte er sich so stark, dass ich ihn zu Boden drücken und seine Arme hinter dem Rücken fixieren musste.

„Institutionen mit viel Macht sollten in einer Demokratie grundsätzlich hinterfragt werden.“
Noah

Gewalt an anderen Personen auszuüben, fällt mir nicht leicht. Eine gewaltfreie Gesellschaft ist für mich das höchste Gut – ich finde, dass Probleme immer zuerst kommunikativ gelöst werden sollten. Gerade darum bin ich Polizist geworden: Ich möchte für konkrete Konflikte einvernehmlich eine Lösung finden. Ich verstehe, wenn Menschen die Polizei kritisieren – Institutionen mit viel Macht sollten in einer Demokratie grundsätzlich hinterfragt werden. Dass aber alle Polizeibeamten willkürlich handeln oder ein Aggressionsproblem haben, stimmt aus meiner Sicht nicht. Viele lassen sich selbst dann nicht aus der Ruhe bringen, wenn sie persönlich beleidigt werden.

Auf meinen täglichen Einsätzen sehe ich außerdem, wie schlecht es vielen Menschen geht: soziale Ungleichheit, häusliche Gewalt, Geflüchtete in viel zu kleinen Wohnungen. Auch wenn es manchmal nervt, nehme ich mir die Zeit und erkläre denen, die mich für meinen Beruf verurteilen, dass ich genau deshalb an ihn glaube – um Menschen zu helfen!"

 * Damit unsere Protagonistinnen und Protagonisten offen von ihrem Berufseinstieg erzählen können, ohne Nachteile fürchten zu müssen, bleiben sie hier anonym. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt.


Uni und Arbeit

Julius, Kai und Jan haben einen Chat entwickelt, der junge Menschen in der Coronakrise schützen soll
Die drei Berliner wollen bei häuslicher Gewalt und psychischen Problemen helfen.

Eingeschränkte soziale Kontakte, keine Schule, keine Uni, keine Kolleginnen und Kollegen, die merken, wenn etwas nicht stimmt – oder man auffällige blaue Flecken hat. Als Mitte März auch in Deutschland Ausgangsbeschränkungen eingeführt wurden, warnten Experten vor der Zunahme häuslicher Gewalt. Vor Corona hätten vor allem Sozialarbeiter, Lehrerinnen und Kindergartenbetreuer auffällige Verletzungen an die Behörden gemeldet, sagte Kinderarzt Oliver Berthold kürzlich zu ZEIT ONLINE. Jetzt seien Kinder und Jugendliche oft allein mit der potenziellen Gefahr zu Hause. Und den Gedanken in ihrem Kopf.

Um ihnen zu helfen, haben die drei 18-jährigen Berliner Julius, Kai und Jan "krisenchat.de" gegründet. In einem WhatsApp-Chat kümmert sich ein Beratungsteam aus Psychotherapeuten, Psychologinnen, Diplom-Pädagogen und Sozialarbeiterinnen um Kinder und Jugendliche, die Hilfe benötigen. Alle Krisenberater arbeiten – wie auch die Macher der Plattform – ehrenamtlich.