Bild: Edmund Möhrle
Hier erzählen sie, warum ihnen das Buch gerade wichtiger ist als ihr Studium.

Wer das Wort "Klimawandel" googelt, erhält binnen 0,36 Sekunden über 25 Millionen Ergebnisse. Treibhausgase, Meeresspiegel, Fleischkonsum, fossile Energiequellen – viele Menschen fühlen sich vom Umfang des Themas erschlagen. Wie soll ein Laie das verstehen?

Die Studenten David Nelles und Christian Serrer, beide 23, haben sich das auch gefragt. Und weil sie keine verständliche, kurze Erklärung fanden, schrieben sie selbst eine. 

"Kleine Gase, große Wirkung – der Klimawandel", heißt ihr Buch. 

Es ist klein und handlich, 132 Seiten kurz, mit wenig Text und vielen Grafiken, eine Art Bilderbuch für Erwachsene.

bento: Christian, David, ihr wart 21 und mitten im Studium der Wirtschaftswissenschaften. Wie kamt ihr auf die Idee, ein Buch über den Klimawandel zu schreiben?

Christian Serrer: Ganz ehrlich: Das war eine Schnapsidee. Wir saßen im Juni 2017 in der Mensa und haben über den Klimawandel diskutiert. Es fielen die üblichen Schlagwörter: Meeresspiegel, CO2-Ausstoß, Gletscher und so weiter, aber eigentlich hatten wir keine Ahnung. Auch naturwissenschaftlich kannten wir uns nicht besonders gut aus. Wir haben dann nach Büchern gesucht, die die Thematik kurz auf den Punkt bringen – und keines gefunden. Also sagten wir uns: Dann schreiben wir es eben selbst.

Ihr hattet Hilfe aus der Wissenschaft. Wie reagieren renommierte Professorinnen und Professoren, wenn zwei BWL-Studenten anrufen, die Deutschland mal eben die Klimakrise erklären wollen?

David Nelles: Anfangs gab es eine gewisse Skepsis. Die forschen ihr Leben lang zu komplexen Themen – und dann kamen wir zwei daher und wollten mitreden. Die meisten haben uns aber sehr gerne unterstützt. Insgesamt haben rund 120 Wissenschaftler an dem Buch mitgewirkt.  

bento: Was hat euch bei der Recherche am meisten überrrascht?

Christian: Mich hat am meisten erschüttert, wie stark das Klima unsere Gesundheit gefährdet – auch hier bei uns. Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen, Pollenallergien, tropische Krankheiten, das nimmt alles zu – auch hier bei uns. In der Wissenschaft wird die Erderwärmung schon jetzt als größte globale Gesundheitsgefahr bezeichnet.

David: Mich hat am meisten beeindruckt, dass der Klimawandel alle Bereiche unseres Lebens betrifft. Durch die Recherche haben wir die Probleme des Klimawandels wie ein Mosaik zusammensetzen können – erst dadurch wurde mir das enorme Ausmaß des Ganzen bewusst. Da denkst du dir einfach nur: wow!

bento: Wie seid ihr mit widersprüchlichen Informationen oder Auffassungen umgegangen?

David: Bei den Themen, die wir erklären, gibt es kaum grundlegende Widersprüche. In den Grundfragen ist sich die Wissenschaft einig. Wenn es doch einmal unterschiedliche Auffassungen oder Unsicherheiten gab, haben wir das klar benannt.

bento: Wer so ein Buch schreibt, trägt auch Verantwortung. Was habt ihr selbst im vergangenen Jahr geändert?

David: Wir haben unseren Lebensstil umgestellt. Wir essen weniger Fleisch, fliegen so wenig wie möglich. Und ganz grundsätzlich haben wir durch die Arbeit für das Buch eine riesige Motivation bekommen, dieses Thema anzupacken.

Christian: Für uns ist das echt zur Herzensangelegenheit geworden. Wir halten durch das Buch mittlerweile auch viele Vorträge, drei bis vier die Woche in ganz Deutschland. Wir gehen an Schulen, öffentliche Einrichtungen und vor allem in Unternehmen.

bento: Welche Unternehmen wollen denn von zwei 23-Jährigen hören, was es mit dem Klimawandel auf sich hat?

David: Das geht durch alle Branchen. Von einem mittelständischen Unternehmen, das Schmieröle herstellt, über Energieversorger wie ENBW bis hin zu Finanzinstituten wie der europäischen Zentralbank.

bento: Welche Ideen gebt ihr weiter?

Christian: In unseren Vorträgen zeigen wir immer, was jeder Einzelne beitragen kann – und dass niemand auf Politik oder Wirtschaft warten muss. Weniger Fleisch essen, weniger fliegen, den Urlaub vielleicht lieber an der Nordsee verbringen als in Timbuktu. Schon dadurch ließen sich die Klimaziele für 2020 noch einhalten.

bento: Und wenn jemand sagt: Was wir in Deutschland machen, ist eh scheißegal?

Christian: (lacht) Das ist mein Lieblingsargument. Da freue ich mich bei jedem Vortrag drauf. Nach dieser Logik müssten wir 40 Prozent der globalen Emissionen unangetastet lassen – denn das ist die Summe der Ausstöße aller Länder, die noch weniger C02 produzieren als Deutschland.

bento: Luisa Neubauer und andere Klimaaktivisten bekommen für ihr Engagement viel Hass ab. Habt ihr so etwas auch erlebt?

David: Wir sind kein Teil von "Fridays For Future", aber die üblichen Social-Media-Kommentare haben wir natürlich auch schon abgekriegt: dass wir sowieso keine Ahnung hätten und erstmal arbeiten gehen sollen. Wir haben auch immer mal wieder Klimaskeptiker im Publikum bei den Vorträgen. Insgesamt findet das aber in einem deutlich kleineren Rahmen statt als bei "Fridays For Future"-Aktivisten.

bento: Was habt ihr euch für 2020 vorgenommen?

David: In unserem nächsten Projekt, vielleicht ein Buch, vielleicht ein Film, soll es um Lösungen gehen. Um "CO2-Staubsauger", synthetisches Fleisch, Windgas zur Stromspeicherung. Solche Dinge.

bento: Klingt, als wäre die Welt noch zu retten.

David: Ja, ganz klar! Die Wissenschaft sagt eindeutig: Wir können es noch schaffen, wir können das 1,5-Grad-Ziel noch erreichen. Sicher gibt es viele Probleme und Fragen, aber die grundlegenden Technologien und Möglichkeiten sind da. Sie müssen nur effektiv umgesetzt werden, anstatt die Situation zu verschlimmbessern. Ein Beispiel: E-Autos können einen großen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Wenn aber überall auf der Welt so viel Auto gefahren wird wie in Deutschland, brauchen wir etwa sieben Milliarden Elektroautos. Damit gewinnen wir natürlich nichts. Wir brauchen ein völlig neues Mobilitätskonzept – und dafür gibt es Lösungen.

Christian: Und die deutschen Unternehmen müssen langsam verstehen, dass Klimaschutz eine riesige Chance für unsere Wirtschaft ist. Es ist nicht so, dass dieses Thema uns ausbremst. Wir werden nur ausgebremst, wenn wir diese Entwicklung verschlafen.

bento: Und was macht eigentlich euer Studium?

Christian: In die Uni schaffen wir es aktuell etwa einmal die Woche. Klimawandel und Nachhaltigkeit sind leider kaum Bestandteile des BWL-Studiums. Das muss sich dringend ändern. 


Gerechtigkeit

Das stille Aus der Identitären: Warum die AfD die rechten Hipster nicht mehr braucht
Auf dem AfD-Parteitag wird über eine Zusammenarbeit mit Identitären debattiert – dabei sind die rechten Hipster längst überflüssig.

Die Liebe zwischen AfD und den Identitären keimt schon länger. Besonders dann, wenn es um Björn Höcke geht. Höcke, amtlich bestätigter Faschist und Thüringer AfD-Chef, lud eines Tages auf seinem Instagramkanal ein Foto mit einem parteiblauen Motorrad hoch. Prompt himmelte ihn ein führender Identitärer aus Sachsen auf seinem Telegram-Kanal an: "Wie stabil kann ein Mensch sein?"

Wenig später lud der Identitäre auch noch ein Video auf YouTube hoch, in dem er die Wahlplakate verschiedener Parteien analysierte. Für die meisten war Spott übrig – nur die AfD wurde gelobt.