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Und wie die Kirche versucht, junge Menschen doch von der Institution zu überzeugen.

Als Gero*, 24, ins Amtsgericht Mitte in Berlin kommt, muss er sich erst einmal orientieren. Dutzend Schilder weisen in verschiedene Richtungen. Dann entdeckt er die Hinweistafel, nach der er gesucht hat: Kirchenaustritte.

Der Brand-Manager klopft an die Tür des Amtszimmers, unterschreibt einen Zettel und verlässt es zehn Minuten später, so erinnert er sich. Jetzt hat er es schriftlich: Gero ist jetzt kein Mitglied der evangelischen Kirche mehr.

Gero hat sich nicht wegen der Missbrauchsskandale von der Institution verabschiedet, nicht wegen seiner Homosexualität, auch nicht, weil er grundsätzlich nichts vom Glauben hält. Es liegt am Geld, genauer: an der Kirchensteuer.

Zwei Wochen nach Geros Austritt beginnt sein erster Job, er bekommt jetzt ein festes Gehalt. Von seinem Lohn würde ihm der Kirchenbeitrag als Teil der Einkommenssteuer abgezogen. Neun Prozent davon wären das zurzeit. Doch Gero möchte dieses Geld lieber für sich behalten.

In Deutschland verlassen bis zum 31. Lebensjahr rund 20 Prozent der getauften Frauen und 30 Prozent der getauften Männer die Kirche. Die Wahrscheinlichkeit für den Kirchenaustritt ist im Alter zwischen Mitte und Ende 20 am höchsten. Ab Mitte 30 nehmen die Zahlen kontinuierlich ab. Das zeigt eine 2019 veröffentlichte Studie des Forschungszentrums Generationenverträge an der Albert-Ludwig-Universität Freiburg.

Die Autoren vermuten, dass Kirchenaustritte junger Menschen im Zusammenhang mit dem Berufseinstieg stehen. Mit Mitte 20 steigt die Austrittswahrscheinlichkeit auf einmal deutlich an. Genau in diesem Alter starten auch viele mit ihrem ersten Job. Die Studie hat allerdings nicht explizit untersucht, aus welchen Gründen junge Menschen die Kirche verlassen haben.

Für seinen Austritt musste Gero im Bürgerbüro keinen Grund angeben. Genaue Statistiken der Ämter und Glaubensgemeinschaften fehlen deshalb. Die Webseite kirchenaustritt.de erfragt jährlich die Hauptaustrittsgründe. Im Jahr 2018 nahmen an der Umfrage fast 57.000 Menschen teil. Die Kirchensteuer war mit 44,2 Prozent Anteil der größte Faktor. Gefolgt von 34,4 Prozent der Befragten, die mit der Institution Kirche beziehungsweise einzelnen Amtsträgern unzufrieden waren.

Jugendliche und junge Erwachsene sind oftmals passive Kirchenmitglieder. Nur zu ihrer Konfirmation oder Firmung engagieren sie sich in ihren Gemeinden. Müssen sie dann zum Berufseinstieg auf einmal Geld für ihre Mitgliedschaft bezahlen, verlassen viele die Glaubensgemeinschaft – die Zahlen legen diese Vermutung nah.

"Müsste ich keine Steuer zahlen, wäre ich wahrscheinlich nicht ausgetreten", sagt Gero. "Ich habe zwar schon öfter über meine Kirchenzugehörigkeit nachgedacht, aber der Moment, in dem man dann wirklich austritt, kommt erst, wenn es um das selbst verdiente Geld geht."

Hubertus Kerscher, 26, hat seine Priesterausbildung bei der katholischen Kirche durchlaufen. Jetzt ist er Kaplan in der bayerischen Kleinstadt Pocking nahe der Grenze zu Österreich. In ein paar Jahren wird er selbst als Pfarrer eine Gemeinde betreuen. "Wenn man überhaupt nicht glaubt, verstehe ich, dass man aus der Kirche austritt", sagt er.

Wer eine Bindung zum Glauben habe, bleibe der Gemeinschaft treu – mit oder ohne Kirchensteuer, so Kerscher. Fehle diese Zugehörigkeit allerdings, könnte der Berufseinstieg durchaus ausschlaggebend für den Austritt aus der Kirche sein.

"Die Kirchensteuer ist bei vielen auf der Liste der Dinge, über die man nachdenkt, wenn man das erste Mal richtig Geld verdient", sagt Hubertus. Aber er ist sich sicher, dass es vielen nicht allein um die Ersparnis geht:

„Oft führt die dauernde Konfrontation mit der Kirche und ihren Skandalen zu einer schleichenden Entfremdung von der Institution. Wenn die Steuer schließlich dazukommt, treten die Berufseinsteigerinnen und -einsteiger dann wegen der geringen Bindung aus.“
Hubertus Kerscher, 26, Kaplan

Bisher gibt es keine Umfragen, die explizit die Auswirkungen des Umgangs der Kirche in Deutschland mit dem Missbrauchsskandal untersuchen. Laut einer Recherche von "Christ&Welt" scheint es jedoch Hinweise auf entsprechende Reaktionen zu geben. In Deutschland sind die Kirchenaustrittszahlen 2018 in den Großstädten im Vergleich zu 2017 um 17 Prozent gestiegen. Im Vorjahr waren es gegenüber 2016 nur 3 Prozent. "Die Finanz- und Missbrauchsskandale der Kirche sind eine Katastrophe. So etwas brennt sich in die Köpfe ein. Darunter leiden wir extrem", sagt Hubertus.

Hubertus und Volker Jung, 59, vom Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), glauben aber, junge Menschen in der Kirche halten zu können, wenn diese in ihrer näheren Umgebung sehen, wofür die Kirchensteuer verwendet wird. "Wir betreiben auch eine Hochschule und unterstützen die Restauration von Gebäudedenkmälern. Außerdem bieten wir die kostenlose Teilnahme am Kirchenchor und am Musikunterricht an", sagt Jung.

Vielen reicht aber genau das eben nicht mehr.

Die beiden Geistlichen halten die Form der Finanzierung aufgrund der Einkommenssteuer als Bemessungsgrenze weiterhin für gerecht. Eine Alternative zur Kirchensteuer zu finden, sei schwierig. Eine Idee könnte ein Abgabemodell nach dem Vorbild Italiens sein. Alle Bürgerinnen und Bürger müssen sie zahlen, können dafür aber individuell bestimmen, an welche soziale oder kulturelle Einrichtung das Geld fließt.

Allein damit wäre die Herausforderung, Berufseinsteigerinnen und einsteiger dauerhaft an die Kirche zu binden, allerdings nicht gelöst. Nach den Festen wie Konfirmation und Firmung im Teenageralter müssten junge Menschen besser an die Kirchen gebunden werden, sagen die beiden Theologen. "Zwischen den Kirchenfesten im Teenageralter und der eigenen Hochzeit oder der Taufe der Kinder, sind viele nicht in der Gemeinde engagiert", sagt Hubertus, "obwohl es auch in dieser Phase viele relevante Lebensstationen wie beispielsweise den Schulabschluss oder den Umzug in die erste eigene Wohnung gibt." Die Kirche tue auch für Menschen in dieser Situation viel, erreiche sie jedoch oftmals nicht richtig. Das merkten zum Beispiel auch kirchliche Hochschulgruppen.

In letzter Konsequenz verlassen viele junge Menschen in ihren Zwanzigern schließlich die Glaubensgemeinschaften. Aber auch der Weg zurück ist möglich. Die Eintritte kompensieren allerdings bei Weitem nicht die Austritte.

Jährlich schließen sich in Deutschland knapp 60.000 Menschen wieder der Kirche an. Dem gegenüber standen 2018 mehr als 400.000 Abgänge, ein ungleiches Verhältnis. "Wir merken, dass Menschen sich mit einem erneuten Kircheneintritt auseinandersetzen, wenn es um die Hochzeit geht oder darum, welche Werte sie ihren Kindern mitgeben möchten. Die Frage nach religiöser Orientierung stellt sich dann wieder neu", sagt Jung.

Wird Gero vielleicht irgendwann wieder zum Mitglied? Das bezweifelt er. Das hat ihm auch der Austrittsakt noch einmal deutlich gemacht. "Außerdem musste ich mich ja quasi freikaufen." Bei den Städten, den Standesämtern oder den Amtsgerichten bezahlt man eine Gebühr für den Kirchenaustritt. Im deutschen Durchschnitt sind es etwa 30 Euro.

*Wir haben den Namen geändert. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.


Fühlen

Warum gebe ich nicht einfach zu, dass ich schwul bin?
Eigentlich lebt unser Autor offen queer. Eigentlich.

Es war zuletzt bei der Schlüsselübergabe. Ich war happy und erleichtert, nach langer Suche endlich eine neue Wohnung in Berlin gefunden zu haben. Doch dann fragte meine Vermieterin beim Blick auf den Ring an meinem Finger: "Zieht Ihre Verlobte hier auch ein?" 

Ich hätte sagen können, dass ich keine Verlobte habe, weil ich nicht auf Frauen stehe. Dass ich gerade auch keinen Freund habe. Es wäre ein kurzer Hinweis darauf gewesen, dass ich queer bin. Stattdessen verkürzte ich: