Warum arbeitet man dort trotzdem?

Ein katholischer Arzt heiratet zum zweiten Mal – und wird deshalb gefeuert. Sein katholischer Arbeitgeber entließ ihn wegen "Illoyalität". Laut der katholischen Lehre ist eine Ehe nicht auflösbar. Eine zweite Ehe nach einer Scheidung gilt als Sünde. Vergangene Woche entschied der Europäische Gerichtshof, dass die Kündigung eine "verbotene Diskriminierung" darstellen könne. (bento)

Aber wie kann das sein – warum entlässt ein Krankenhaus überhaupt jemanden wegen einer zweiten Heirat? 

Die Kirchen und Religionsgemeinschaften in Deutschland haben ein eigenes Arbeitsrecht. Dass sie das haben dürfen, ist im Grundgesetz in Artikel 140 festgeschrieben. Auch die katholische Kirche nutzt das. Das betrifft viele Arbeitnehmer: Die katholische Kirche ist nach dem Staat der größte Arbeitgeber. Beim Wohlfahrtsverband Caritas arbeiten beispielsweise mehr als 600 000 hauptamtliche Mitarbeiter (Deutschlandfunk).

Besonders streng sind die Regeln für "verkündungsnahe" Berufe – also für Religionslehrer oder Gemeindereferenten. Sie sollen den Glauben und die Lehre der Kirche weitergeben – würden sie nicht selbst nach diesen Vorstellungen leben, könnten sie kaum Vorbild sein, so die Begründung der Kirche. (Bischofskonferenz)

Besondere Regeln für Angestellte der katholischen Kirche

  • Streiks sind verboten. Arbeitskampfmaßnahmen, "die die andere Seite zu überwältigen suchen“, seien mit den Werten der Kirche unvereinbar (Bischofskonferenz). Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollen die Arbeitsverträge partnerschaftlich und gleichberechtigt aushandeln.
  • Betriebs- oder Personalräte gibt es in kirchlichen Einrichtungen nicht. Stattdessen sind die Angestellten in sogenannten "Mitarbeitervertretungen" an Betriebsentscheidungen beteiligt.
  • Die Loyalitätspflichten der kirchlichen Mitarbeiter gehen weiter als in weltlichen Betrieben. Ein Loyalitätsverstoß wäre, wenn Mitarbeiter aus der Kirche austreten oder sich öffentlich etwa für Abtreibung aussprechen. Von den Angestellten wird erwartet, dass sie die Vorstellungen der Kirche akzeptieren – auch in ihrer persönlichen Lebensführung.

Wer in diesen Berufen arbeitet, muss die Regeln akzeptieren. In der sogenannten "Missio Canonica" – die kirchliche Bevollmächtigung, den Beruf ausüben zu dürfen – unterschreiben sie auch, ihr persönliches Leben im Sinne der Kirche zu führen. Dazu gehört: keine wilde Ehe, keine zweite Heirat, keine homosexuelle Lebenspartnerschaft. 

Wir haben drei junge Menschen gefragt, die sich der Kirche nah fühlen, für sie arbeiten wollen oder es bereits tun. Wie empfinden sie die strengen Regeln? Warum möchten sie trotzdem für die Kirche tätig sein?

Sabine wollte nach dem Abitur unbedingt als Gemeindereferentin arbeiten. Also studierte sie "Praktische Theologie". Sie zog in das Wohnheim, in dem auch die Priesteramtskandidaten untergebracht sind. 

Bevor ich mich für das Studium entschied, wusste ich nicht, was alles dazugehört. Welche formalen Vorschriften hinter dem Beruf stehen, sagte mir keiner.

Ich fühlte mich in dem Kolleg nie wirklich wohl. Dort zu wohnen war Vorschrift, man durfte auch nur am Wochenende heimfahren. Unter den Mitbewohnern gehörte ich nicht wirklich dazu. Wenn ich mal die Messe verpasste, wurde ich von den anderen gefragt, warum ich denn nicht dagewesen sei. 

Weiße Anführungszeichen
Mein Freund durfte mich dort zwar besuchen – er musste aber im Gästezimmer übernachten.

Als Gemeindereferentin hätte ich die Werte der Kirche vertreten müssen. Dazu gehört auch, kein Sex vor der Ehe zu haben oder nicht unverheiratet zusammenzuziehen. Mir ist klar geworden, dass ich mein Privatleben nicht nach diesen Vorgaben ausrichten möchte – und auch, dass ich das den Kindern so nicht hätte weitergeben wollen. Ich hätte den Jugendlichen nicht vermitteln wollen, dass sie keinen Sex vor der Ehe haben dürfen – eher, dass Sex etwas Besonderes ist und sie ihn mit jemandem haben sollten, den sie wirklich lieben.

Also brach ich nach einem Semester ab und studierte Erziehungswissenschaften und Ethnologie. Trotzdem: Das Theologie-Studium selbst machte mir immer Spaß. Wären die strengen Moralvorschriften nicht gewesen, wäre ich den Weg auch weiter gegangen. Eine Freundin aus dem Studium brach ebenfalls ab und studierte soziale Arbeit. Sie ist also in einem sozialen Beruf geblieben, nur eben nicht innerhalb der Kirche. Ich glaube, dass sich wesentlich mehr junge Menschen für kirchliche Berufe begeistern könnten, wenn die Kirche einem diese privaten Vorschriften nicht machen würde.

Mir ist mein Glaube nach wie vor wichtig und ich denke auch, dass die Kirche ein Ort ist, wo man den Glauben leben kann. Doch nach dieser Erfahrung bin ich der Kirche gegenüber skeptischer geworden.

Matthias* hat katholische Theologie studiert und will in einem verkündigungsnahen Beruf arbeiten. Er ist schwul. 

Die Kirche ist meine Heimat, mein Sitz im Leben. So, wie bei anderen nichts über den Fußballverein geht, geht bei mir nichts über meinen Glauben. Deshalb möchte ich für die Kirche arbeiten – obwohl ich schwul bin. Meine Sexualität soll kein Grund sein, den Beruf nicht zu ergreifen, den ich machen will.

Wenn ich später mit meinem Partner zusammenleben würde, wer sollte uns da denn etwas nachweisen, solange wir nicht verheiratet wären? Wir könnten beispielsweise genauso gut als Freunde zusammenleben.

Für meinen Partner müsste aber klar sein: Wir können ein weitgehend normales Leben führen, solange wir uns an einige kleine Regeln halten. Dazu würde gehören, nicht heiraten zu dürfen, und auch, unsere Beziehung nicht öffentlich zu zeigen. Ich hätte damit kein Problem. 

Bild: dpa/Michael Reichel
Weiße Anführungszeichen
Warum sollte ich meine Sexualität jedem zeigen?

Ich verstehe die Vorschriften als moralische Leitlinien. Ich finde gut, dass es einen solchen Kompass gibt. Was wäre die Alternative, "Lebe, wie du willst"? Sicher können die meisten diese Leitlinien nicht erfüllen, auch Heterosexuelle nicht.

Kein Pfarrer, der bisher von meiner Homosexualität wusste, lehnte mich ab. Auch wenn ich kein Problem damit hätte, meine Beziehung zu verheimlichen – selbst wenn es jemand herausfinden würde, hätte ich keine Angst, dass ich meinen Beruf nicht mehr ausüben dürfte. 

Um ihre Glaubwürdigkeit zu wahren, muss die Kirche natürlich solche Regeln vorschreiben. Sie muss aber auch christliche Werte walten lassen. Ich vertraue darauf, dass sie in einem solchen Fall Gnade vor Recht ergehen lassen würde.

Isabell* ist Erzieherin in einem katholischen Kindergarten. Als sie bei ihrem Freund einzog, erzählte sie das bei der Arbeit nicht. Sie blieb bei ihren Eltern gemeldet. 

Es ist tatsächlich so, dass man so etwas nicht an die große Glocke hängen sollte. Anfangs verheimlichte ich, dass ich mit meinem Freund zusammenlebte – inoffiziell wussten es trotzdem alle Kolleginnen. Probleme hatte damit niemand. Eine Kollegin sagte im Spaß, dass ich das aber bloß niemandem erzählen dürfe. In unserem Bereich kann sich der Arbeitgeber gar nicht leisten, guten Leuten wegen solchen Gründen zu kündigen.

Weiße Anführungszeichen
Ich finde solche Vorschriften mittelalterlich.

Was etwa die Wiederverheiratung angeht: Ich denke schon, dass man eine Ehe nicht leichtfertig eingehen sollte, aber man kann immer nur für den jetzigen Moment entscheiden. Es kann schwerwiegende Gründe geben, weshalb eine Ehe nicht mehr funktioniert. Dann sollte es Menschen auch erlaubt sein, sich scheiden zu lassen und eine neue Partnerschaft einzugehen – ohne dass sie deswegen um ihren Job bangen müssen.

Im vergangenen Jahr haben mein Freund und ich geheiratet. Danach habe ich mich dann auch umgemeldet.

*Die drei Personen wollen anonym bleiben. Ihre Namen haben wir geändert.  


Today

RWE will den Hambacher Forst trotz Todesfall weiter roden
Zwei Fragen, zwei Antworten

Der Energiekonzern RWE hält weiter an seinen Plänen fest und will den Hambacher Forst in Nordrhein-Westfalen roden – trotz eines Todesfalls. Am Mittwoch war dort ein 27 Jahre alter Reporter aus Leverkusen gestorben, nachdem er von einer Hängebrücke zwischen zwei Baumhäusern gestürzt war.