Erwartung vs. Realität

Die meisten von uns gehen gern ins Café oder Restaurant – und die meisten denken dabei wahrscheinlich nur selten darüber nach, von wem sie da für kurze Zeit bedient werden.

Doch wie fühlt sich der Job eines Kellners an? Was gefällt Menschen, die diesen Job machen, daran? Und womit kommen sie überhaupt nicht klar

Erwartung vs. Realität

Manchmal kommen die Dinge anders, als wir dachten – vor allem im Job. Was im Bewerbungsgespräch super klang, kann in der Praxis überhaupt keinen Spaß machen. Oder umgekehrt. Davon erfahren wir aber häufig erst, wenn wir schon mittendrin stecken. Was ist jetzt besser: Geduld haben? Gleich wieder kündigen? Wie fangen Karrieren an – und wie enden sie? In dieser Serie erzählen Menschen davon.

Luisa, 30

Was ich erwartete: Ich bin Kellnerin, seit ich 15 bin. Damals ging mir die Schule auf die Nerven und es galt als cool, im Stammcafé zu arbeiten. Später machte ich eine Ausbildung zur Restaurantfachfrau. Wie sich mein Leben dann entwickelt hat, hätte ich allerdings nicht erwartet.

Wie es wirklich ist: In dem schicken Sterne-Restaurant, in dem ich meine Ausbildung absolvierte, herrschten strenge Hierarchien. War mein Chef schlecht gelaunt, ließ er das gern an uns Azubis aus. Er strich die Pausen und ich musste bis zu zwei Stunden Besteck polieren. 

War mein Chef schlecht gelaunt, ließ er das an uns Azubis aus
Luisa

Bei der Ausbildung kam ich auch das erste Mal in Kontakt mit Drogen – Koks. Da gab es dieses nette Zahnarzt-Pärchen: Waren die beiden bei uns zu Gast, wurden sie immer von unserem Chef persönlich bedient. An einem Abend lotste mich einer meiner Kollegen dann auf die Toilette und fragte, ob ich auch etwas Koks wolle. 

Die Drogen hatte er von besagten Stammgästen. Ich war neugierig und zog meine erste Line. Danach arbeitete ich weiter, und aus dem Ausprobieren wurde schnell Routine. Wie ich bald feststellte, nahm in dem Laden tatsächlich fast jeder Koks: nicht nur der Chef, sondern auch viele der Kellner und Köche.

Gäste in einer Bar: "In dem Laden nahm fast jeder Koks"(Bild: Michael Discenza/Unsplash)

Ich hielt die harte Arbeit auf Droge besser durch, ging nach einer Neun-Stunden-Schicht sogar noch feiern.

Doch so fit ich am Abend war, so ausgelaugter war ich am Morgen. Das Geld wurde knapp. Ich machte in dem schicken Laden zwar jeden Abend bis zu 150 Euro Trinkgeld, doch ich verlor Kontrolle und konnte meine Miete nach einigen Monaten schon nicht mehr bezahlen. Als ich die Ausbildung nach drei Jahren abschloss, war ich gerade wieder bei meiner Mutter eingezogen.

Einige Jahre vergingen, ich kam wieder runter von den Drogen. Danach suchte ich mir einen neuen Job. Heute arbeite ich noch immer in der Gastro, dem Lifestyle der koksenden Nobel-Kellnerin habe ich allerdings den Rücken gekehrt. 

Vincent, 29

Was ich erwartete: Ich bin Amerikaner und kam vor sechs Jahren nach Deutschland. Von Freunden wusste ich, dass man in der Gastro leicht eine Stelle bekommt. Mein Deutsch war außerdem nicht besonders gut und ich dachte mir, das Kellnern könnte helfen, das zu ändern.

Wie es wirklich ist: Schwierig sind eigentlich nur die Gäste. Es gibt die Höflichen. Und es gibt die Fieslinge. Schnippser zum Beispiel: Leute, die mit dem Finger schnippen, um uns Kellner zu sich zu holen. Es ist arrogant und respektlos, auf diese Weise herbeidiktiert zu werden. Wir sind keine Hunde.

Schwierig sind nur die Gäste
Vincent

Einmal hatte ich auch zwei Männer am Tresen sitzen, die sich als Absacker je einen CL Single Malt Whiskey bestellt haben. Nach einem kurzen Nippen sagte der eine zu mir: "Gib mir die Flasche!" Kein "bitte", kein "danke". Ich reichte sie ihm. Er öffnete den Verschluss, roch daran und sagte: "Ok, der ist echt." Er war im Ernst davon ausgegangen, ich hätte den Whiskey gepanscht. 

Mehr als Mindestlohn kann man in der Gastro nicht erwarten. Weihnachtsgeld oder Nachtzuschlag habe ich noch nie bekommen – ebenso wenig wie Urlaubsgelb. Dabei ist das bei einer 40-Stunden-Woche Pflicht.

Eine gute Sache hat das Kellnern: Ich bin auch Schriftsteller und arbeite gerade an Kurzgeschichten. In der Bar absolviere ich ein Studium des menschlichen Verhaltens. Mittlerweile sehe ich zum Beispiel sofort, wenn zwei Menschen ihr erstes Date haben.

Beide versuchen, locker zu sein, haben aber etwas Angestrengtes in ihren Gesten. Witzig wird es, wenn einer der beiden aufs Klo geht und die Person, die sitzen bleibt, das Handy rausholt, schnell ein paar Leuten schreibt und sich im Selfiemodus abcheckt.

Lena, 26

Was ich erwartete: Geld für die Miete. Als ich mit dem Kellnern anfing, war ich 23, hatte mich gerade für den Bachelor eingeschrieben  und war von zu Hause ausgezogen. Meine Eltern konnten mich zwar finanziell unterstützen. Für Miete, Lebensmittel und mal ein Bier am Abend reichte das Geld allerdings nur knapp. 

In der Bar absolviere ich ein Studium des menschlichen Verhaltens
Vincent

Wie es wirklich ist: In unserem Team gibt es tatsächlich niemanden, den ich nicht mag. Mit vielen treffe ich mich auch privat. In dem Lokal ist man in den Abendschichten allerdings häufig allein, weil nicht mehr so viel los ist. Ich hätte nicht damit gerechnet, was für komische Gestalten dann in den Laden kommen. Einer unserer Stammgäste am Abend roch zum Beispiel immer sehr streng. 

Er kam immer, wenn ich da war. Irgendwann brachte er mir Blumen mit. Dann versuchte er, mich zum Abschied zu umarmen. Ich wich mit einem High-Five aus, aber es war mir total unangenehm. Meiner Chefin erzählte ich nichts davon, die Situation war mir peinlich. Stattdessen bat ich meinen Freund, mich die nächsten Male abzuholen. 

Und noch etwas, das sehr anstrengend ist: der Abwasch. Klar, das gehört dazu. Aber wir haben keine Spülmaschine und müssen mit der Hand abwaschen. Nach achten Stunden Spülschicht lösen meine Nägel sich auf und meine Haut wird rissig. Länger als das Studium über werde ich den Job nicht machen. 


Alle Namen in diesem Text wurden von der Redaktion geändert. 


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