Bild: Julia Wadhawan
"Ich fühle mich richtig reich."

Es gibt wenig, wofür Luisa ihre Wohnung verlassen muss. Will sie kochen, steigt sie einfach die Treppe hinunter. Ihr Supermarkt ist durchgehend geöffnet. Aus einem weißen Regal nimmt sie Olivenöl, Tee, Schokolade oder Kartoffeln und Reis. Luisa zahlt nicht dafür, es gibt auch keine Kasse.

Geld trägt sie ohnehin selten bei sich. Ihre Eltern überweisen monatlich 600 Euro, aber jeder Cent davon fließt auf ein Gemeinschaftskonto. Luisa teilt alles mit 20 Mitbewohnern – und die teilen mit ihr. Die 21-Jährige lebt in einer Kommune in Kassel: der Villa Locomuna.

Politische Kommunen, das klingt nach 68-er Bewegung, nach Rainer Langhans und freier Liebe. Luisa würde jetzt die Augen verdrehen, das Klischee geht ihr auf die Nerven. Für sie ist die Kommune eine große Wohngemeinschaft mit bestimmten Idealen – nackt herumlaufen, gehöre nicht dazu.

Die Vision der Villa Locomuna ist eine "soziale Utopie". Sie will mehr Lebensqualität und soziale Sicherheit für jeden Einzelnen, indem alle sich umeinander kümmern. Hier sollen die Bewohner beitragen und arbeiten, was sie können und wollen. Jede Tätigkeit für die Gemeinschaft ist Arbeit, nicht nur die, die Geld bringt. 

Politische Kommunen in Deutschland

Es gibt heute – noch oder wieder – Dutzende politische Kommunen in Deutschland. Mehr als 30 von ihnen sind Mitglieder des Netzwerks "Kommuja".

Sie wollen:

  • ein gleichberechtigtes Miteinander: "Machtstrukturen lehnen wir ab."
  • Eine gemeinschaftliche (und ökologische) Lebensform schaffen, 
  • die sich nicht an Besitz- und Profitdenken ausrichtet.

Manche sind radikaler, manche weniger radikal in ihrer Umsetzung. Manche wollen sich weitestgehend selbst versorgen. In der Stadtkommune in Kassel ist das kaum möglich. Sie setzen deswegen auch auf Netzwerke mit anderen Kommunen. Eine der ältesten in Deutschland ist die Kommune Niederkaufungen.

Mehr über die Villa Locomuna gibt es hier.

Die Idee ist der von Karl Marx sehr nahe: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen" – so beschrieb es der Philosoph, der die Theorie des Sozialismus und Kommunismus besonders prägte. In politischen Kommunen wie Villa Locomuna lebt seine Vision im Kleinen weiter: Indem sie alles teilen, hat jeder am Ende mehr.

Wie kann das funktionieren – und sind am Ende wirklich alle zufriedener?

Wer das herausfinden will, läuft einen kleinen Hügel hinauf, bis kurz vors Kasseler Tannenwäldchen. Hinter einem Metalltor erstrecken sich auf 3000 Quadratmetern ein kleiner Hof, ein vierstöckiger Flachbau mit Bullaugen-Fenstern an der Seite und eine Villa mit Schornstein.

Die Bewohner leben im vorderen Haus. Durch ihr Zimmer im zweiten Stock hat Luisa eine Leine gespannt, von der getrocknete Blumen und Sträucher hängen, an Tür und Wänden kleben selbstgemalte Bilder. Die Kunststudentin trägt die blonden Haare als Bob, sie hat Tee aufgesetzt.

Jeder Cent von Luisa fließt auf das Gemeinschaftskonto der Kommune.(Bild: Julia Wadhawan)

Mit 14 sah sie im Fernsehen eine Doku über Ökodörfer. Seitdem faszinierte sie diese Art des Zusammenlebens, die so anders war als ihre eigene. Luisa hat eine Schwester, ihre Eltern sind Lehrer. Geld war immer irgendwie da, jeder für sein eigenes Glück verantwortlich.

Nach der Schule reiste sie anderthalb Jahre durch Europa. Sie wohnte in alternativen Gemeinschaften in Spanien, Island, in Booten aus alten Dieseltanks in Kopenhagen, in Frankreich in einer spirituellen Kommune. Die Modelle unterschieden sich, gemein war ihnen eins: der Wunsch nach mehr Zusammenhalt, nach einer Alternative zum Kapitalismus, dem ständigen Drang nach Wachstum. Als sie zurückkam, wusste sie, dass eine herkömmliche WG für sie nicht in Frage kam.

Luisa ist eine der jüngsten Menschen in der Kommune. Die Altersspanne reicht von eins bis 65, drei davon sind Kinder, sechs Menschen unter 30. Zu dem Grundstück gehören die beiden Häuser, mehrere Werkscheunen, ein großer Garten, eine Sauna und eine Waldhütte. Es gibt einen großen Saal, einen Kinderspiel-Raum, Gästezimmer und mehrere Büros. 

So sieht es in der Villa Locomuna aus:

1/12

In die Villa einziehen ist ein bisschen, wie einen neuen Job anzufangen. Nach dem ersten Gespräch können Interessierte zwei Wochen lang das Kommunenleben schnuppern. Anschließend gibt es eine Probezeit von sechs Monaten.

Zuerst traf sich Luisa mit Heins und Jens im Garten hinterm Haus. Sie saßen auf einer Bank vor dem Holzturm und sprachen über Erwartungen. Luisa sagte: "Ich will sesshaft werden und etwas mitgestalten." Das war vor anderthalb Jahren.   

Sie wollte mit alten und jungen, mit Eltern und Alleinstehenden, mit Menschen unterschiedlicher Berufe zusammenleben. Die Gründe dafür listet sie auf wie eine Verkäuferin: "Es ist nachhaltig, es schafft Synergien. Wir lernen voneinander. Menschen, die mehr erlebt haben, sind einfach entspannter. Und ich habe das Gefühl, dass meine Weltsicht dadurch vollständiger wird."

Man könnte darüber staunen, wie die 21-Jährige über das Leben denkt. Sie würde das dann als "Epiphanismus" abtun: Junge Leute, das habe sie festgestellt, werden weniger ernst genommen. Sie reflektiert sich und ihre Umgebung ständig, spricht über Theorien, Eigentum und gewaltfreie Kommunikation. Sie sagt "Student-Innen", um alle Geschlechter zu beschreiben.

Auf ihre Jeansjacke hat sie mit weißer Schrift die Worte "Move Utopia" gedruckt, der Name einer politischen Bewegung, für die sie sich engagiert. Sie ist Teil von "Next Gen", einem globalen Netzwerk von Ökodörfern.

"Anstatt sich zu fragen, was die Gesellschaft braucht, orientierten sich viele Menschen am Profit", sagt sie. Geld an sich aber sei wertlos. 

Es schmeckt nicht gut, es wärmt nicht und man kann daraus schwer etwas Nützliches herstellen.
Luisa über Geld

Glücklich machten sie hingegen Beziehungen. Luisa will, dass alle sich auf Augenhöhe begegnen, ohne Hierarchien. In der Kommune herrschten alle: "Wir leben in einer Anarchie."

Und diese Anarchie ist penibel durchorganisiert. 

So funktioniert das Zusammenleben in der Kommune:    

Entscheidungen werden im Konsens getroffen – aber das bedeutet nicht, dass alle einer Meinung sein müssen. Jede Frage wird diskutiert, bis ein Kompromiss gefunden wurde.
Diskutiert wird in verschiedenen Plena, in denen sich die Mitglieder alle zwei Wochen zusammenfinden:
Im Sozialplenum werden der persönliche Umgang und zwischenmenschliche Probleme besprochen.
Im Wirtschaftsplenum geht es ums Geld.
Im generellen Plenum werden Termine besprochen, einzelne Aufgaben verteilt. In der Mitteilungsrunde kann jeder reihum ein Anliegen vorbringen, bis alle durch sind.
1/12

Heute hat Jens gekocht. Jeden Abend ist jemand anderes dran. Im Großen Saal schöpfen die Bewohner Kartoffel-Linsen-Eintopf auf ihre Teller und verteilen sich an zwei Tische. Ein bisschen fühlt sich das an wie Schullandheim.

Später ist Generalplenum. Die Versammelten fläzen auf Sofas und Sesseln, ziehen sich Wolldecken über die Beine. Der Ofen heizt, von der Decke glitzert eine Discokugel. Luisa protokolliert, Dagmar ergreift das Wort. "Es gibt nur einen Entscheidungsvorschlag und der hängt noch nicht lang genug."

Ausgaben über 150 Euro müssen angekündigt werden, wichtige Entscheidungen mindestens zwei Wochen am Schwarzen Brett hängen – damit alle darüber nachdenken können. Eine Bewohnerin würde einer alten Freundin gern 7000 Euro für die Renovierung ihres Hauses leihen. Es kann auch um Urlaube gehen oder ein neues Fahrrad. Manchmal führt das zu Diskussionen: Neulich wollte jemand eine Säge kaufen, die Entscheidung wurde vertagt. Die Kanalrohreinigung für mehrere Tausend Euro wird hingegen durchgewunken.

An manchen Produkten hängen Preise: "Damit wir das Gefühl dafür nicht verlieren"(Bild: Julia Wadhawan)

Wie die Bewohner mit Geld umgehen, stand nicht von Beginn an fest. Sie hätten lange herumexperimentiert, erzählt Heins, 54. Er ist einer Gründungsväter der Kommune. Die Beiträge wurden nach Selbsteinschätzung oder Einkommen gestaffelt, Taschengeldregelungen eingeführt. Erst seit 2010 teilen alle alles.

Aber auch sie brauchen Bargeld, um Teil der Welt da draußen zu sein. Dafür gibt es eine Kasse, wo sie steht wird nicht verraten. Der Schlüssel hängt dran und immer sollen ein paar Hundert Euro darin liegen. Auch das funktionierte nicht sofort, die Alltagsbilanz war bald im Minus. Sie schrieben jeden Verwendungszweck auf, schauten, wo Geld eingespart werden könnte. Das half. Mittlerweile notieren sie nur noch die Summen.

So geht die Kommune mit Geld um:

Alltag:
Es gibt ein Konto für Alltagsbedürfnisse. Zwei Mitglieder kaufen für alle Lebensmittel, Wünsche sammeln sie auf einer Liste.
Bargeld können sich die Bewohner aus einer Kasse nehmen. Ausgaben über 150 Euro müssen angekündigt werden. Manchmal wird darüber diskutiert.
Vermögen:
Das Grundstück und die Häuser wurden über Eigenkapital, Geld von Freunden und einen Kredit finanziert.
Wer einzieht, wird Teil einer Genossenschaft. Mitglieder legen ihr Vermögen offen, Schulden und wieviel Erbe sie erwarten. Jeder soll beitragen, was er kann. Minimum: ein Anteil für 250 Euro. Kann jemand das nicht leisten, übernimmt die Kommune die Kosten.
Vom Gemeinschaftskonto fließen pro Kopf um die 200 Euro Monatsmiete an die Genossenschaft. Davon geht ein Teil in einen Topf für Altersvorsorge. Sie orientiert sich am mitgebrachten Vermögen und wird in Genossenschaftsanteilen umverteilt – wer wenig hat, kriegt mehr Anteile.
Die Mitglieder wollen auf diesem Weg sozialer Ungleichheit entgegenwirken und Vermögen umverteilen. Luisa: "Man kann hier nach ein paar Jahren auch mit einem Plus rausgehen."
1/12

Aber wie frei ist jemand, der alle Entscheidungen vor einer Gruppe verteidigen muss? Es ist ja manchmal schwierig genug, sich mit dem eigenen Partner zu einigen. 

Wenn Luisa doch mal einen Supermarkt aufsucht, fragt sie sich: Brauche ich das wirklich? Sowieso reflektiert sie ihr Konsumverhalten ständig. Wenn sie eine neue Jeans will, überlegt sie, ob nicht ein anderes Bedürfnis dahintersteckt – der Wunsch nach Anerkennung zum Beispiel – und wie sie es stattdessen stillen könnte. Das habe sie schon vorher gemacht.

Muss jeder radikal denken, um hier willkommen zu sein? "Wir diskutieren nicht, wenn jemand eine neue Jeans will. Wer was braucht, kann jeder selbst entscheiden." Aber eine gewisse Begeisterung für Gemeinschaft und Nachhaltigkeit sollte man schon mitbringen. 

"Bei Flugreisen gucken schon alle komisch", sagt Luisa. Die Kommune vertrete eine ökologische Lebensweise und Fliegen sei nun mal eine der größten Klimasünden. Trotzdem sei auch das möglich. "Nur, wenn jemand das ständig machen will, würden wir ihn wahrscheinlich darauf ansprechen." 

Wie viel Wasser braucht Schokolade? Die Kommune vertritt eine nachhaltige Lebensweise. (Bild: Julia Wadhawan)

Nicht immer lassen sich individuelle und kollektive Wünsche ausbalancieren. Einige haben über die Jahre das Kommunenleben hinter sich gelassen. Von den elf Menschen, die vor 18 Jahren starteten, sind noch vier übrig. Manche fanden woanders Jobs, andere wollten lieber eine eigene Wohnung. Zwei konnten sich nicht damit anfreunden, all ihr Geld zu teilen. "Es gab auch Trennungen, die nicht so schön waren", sagt Heins. Konkreter werden will er nicht, nur so viel: 

Konsens ist ein sozialer Prozess, der nicht beliebig dehnbar ist.
Heins

Was er damit meint: Bei aller Liebe zur Individualität ist das Kollektiv am Ende stärker. Das Leben in der Kommune ist immer auch Kompromiss, manchmal Verzicht. Wer das nicht versteht und akzeptiert, ist hier falsch.

Luisa fühle sich trotzdem frei. Weil sie Menschen mit ähnlichen Idealen um sich versammele, weil sie malen, sich politisch engagieren und dabei von den anderen lernen kann. Sie gebe zurück, was sie kann. Gerade organisiere sie das Frühlingsfest der Kommune, gestalte Flyer, male Wegschilder. Sie sagt: "Ich fühle mich manchmal richtig reich." 

Von Gemeinschaft allein kann aber niemand leben. Auch die Kommune braucht Geld. Viele hier sind selbstständig, Heins arbeitet als Heilpraktiker und betreibt eine Firma, die Instrumentenkoffer herstellt. Tina unterrichtet Yoga, zwei andere betreiben einen Bioladen. 

"Es herrscht diese Grundangst: Dass Menschen faul und egoistisch sind, dass sie mehr nehmen als geben. Das stimmt nicht", sagt Luisa. Vielleicht ist das die wichtigste Voraussetzung für ein Leben in der Kommune: Vertrauen in Menschen.

Alltägliche Fragen sind dabei keine Diskussion mehr wert. Am schwarzen Brett hängen Putzpläne, Kochpläne, Aufgabenbereiche. Manchmal steht da auch: vakant. Luisa zweifelt nicht daran, dass sich immer jemand finde, der auch die Klos putzt. Weil es der Gemeinschaft hilft und weil die Menschen hier mehr Zeit haben, solche Aufgaben zu übernehmen. 

"Ich glaube, der Mensch hat ein großes Bedürfnis, etwas Sinnvolles zu tun." Ansonsten kommt es eben auf die Liste im Plenum. Und wer dann nicht mitzieht, kann ja gehen.


Trip

Neuseeland hat genug davon, ständig auf Weltkarten vergessen zu werden
Bringt Neuseeland auf die Karte!

Neuseeland liegt ziemlich weit weg von allem. Das hat durchaus seine Vorteile – wunderschöne Landschaften zum Beispiel. Und weniger Touristen als auf Mallorca.

Es gibt aber auch Nachteile – ganz besonders einen: Das Land wird ständig auf Weltkarten vergessen.

Auf Reddit gibt es sogar ein ganzes Forum, das sich nur solchen Versäumnissen widmet – und die Liste ist lang: Bei Ikea, bei Starbucks, in Museen und auf Symbolbildern, überall findet man Karten, die die zwei Inseln einfach mal weglassen.

Doch jetzt hat Neuseeland genug davon, ständig vergessen zu werden: Die Tourismusbehörde startet eine neue Kampagne, "Get NZ on the Map" heißt sie, also: "Bringt Neuseeland auf die Karte".