Bild: Kaffeebar
Die Gründerin der Kaffeebar und des le bon in Berlin erzählt.

Johanna Schellenberger hat zwei Leidenschaften: Politik und Kultur. Um beides zu kombinieren, hatte sie nach dem Studium scheinbar den perfekten Job gefunden – im Büro der ehemaligen Grünen-Bundestagsabgeordneten und kulturpolitischen Sprecherin Agnes Krumwiede. „Auf diesen Job hatte ich hingearbeitet“, erinnert sich Johanna, „aber irgendwann fühlte es sich falsch an.“

Sie wollte nicht nur Papiere über das Leben schreiben, sondern wirklich dabei sein: „Der Gedanke, mein eigenes Café zu gründen, ging mir dann nicht mehr aus dem Kopf. Es war der richtige Zeitpunkt.“ Mit 27 kündigte sie ihren Job.


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Die Gastro-Gründer


Ein Existenzgründungs-Coach half ihr, Konzept und Business-Plan auszuarbeiten – ein Treffpunkt für Kreative sollte es sein, mit hohen Qualitätsstandards und viel Platz. „Bei der Planung waren auf jeden Fall meine Grundkenntnisse in BWL aus dem Studium hilfreich“, erzählt Johanna. Und die Erfahrungen, die ihre Mutter zuvor als Café-Betreiberin gesammelt hatte: „Ich wusste, wenn ich davon leben will, darf es nicht einfach eines dieser kleinen, niedlichen Cafés sein.“

Eine Erbschaft und die Ersparnisse aus der Zeit im Bundestag haben für die 20 Prozent Eigenleistung beim Kredit gereicht. Trotzdem: „Ich habe alles auf eine Karte gesetzt. Die Investition war noch knapp im fünfstelligen Bereich.“ Beunruhigender als die Finanzen war für Johanna jedoch die Frage, ob sie tatsächlich ihre Wunschzielgruppe erreichen würde: „Ich hatte große Angst, dass das Café von den Leuten aus dem Kiez, und besonders den Kreativen nicht angenommen wird. Was hätte das Projekt dann noch mit mir zu tun gehabt?“

Die Ausstattung ihres Cafés war inspiriert von vielen Auslandsreisen: minimalistisches Design, selbstgebaute Holzmöbel. „Damals war ich mit diesem Style noch eine der ersten in Berlin“, erinnert sich die 32-Jährige.

Das kam auch bei der gewünschten Zielgruppe an. Die Kaffeebar eröffnete im Juli 2011, ein halbes Jahr nach der Kündigung im Bundestag. „Am Anfang stand ich jeden Tag alleine im Laden – dadurch habe ich mitbekommen, was sich die Gäste wünschen und konnte schnell darauf reagieren“, sagt Johanna.

Die ersten Wochen liefen unerwartet gut, durch ihren eigenen Einsatz konnte Johanna Personalkosten sparen und mit der „Kaffeebar“ schon nach wenigen Monaten Gewinn verzeichnen. Mittlerweile macht sie sich keine Sorgen mehr um die Zahl der Gäste: Das Café ist etabliert, alleine an einem Sonntag im Oktober wurden in der Kaffeebar zuletzt rund 400 Tische abkassiert. Aus dem Tagesgeschäft hat sich Johanna zurückgezogen: „Ich bin natürlich jeden Tag einmal da, um nach dem Rechten zu sehen“, erklärt sie, „aber die Hauptaufmerksamkeit gilt aktuell dem le bon.“

(Bild: Hauptstadtfood)

Le bon, Johannas zweites Projekt, ist ein Restaurant und Café - auch in Kreuzberg. „Es ist ein bisschen erwachsener als die Kaffeebar“, sagt die Gründerin, „der Schwerpunkt ist die Speisekarte.“ Vor eineinhalb Jahren hat Johanna das le bon eröffnet. „Dieses Mal hatte ich mehr Respekt vor dem Risiko“, verrät sie, „ich habe daran gezweifelt, ein zweites Mal so viel Glück zu haben.“

Doch die Sorge war unbegründet. Mittlerweile beschäftigt Johanna insgesamt 30 Mitarbeiter – Chefin zu sein, ist für sie eine der größten Herausforderungen: „Wenn ich meine Läden gegen die Wand fahre, riskiere ich nicht nur meine, sondern auch die Existenz meiner Mitarbeiter.“

Den alten Job im Bundestag vermisst Johanna trotzdem nicht: „Ich mache hier auch Politik, nur eben direkt an der Basis, da geht es zum Beispiel um die Herkunft meiner Produkte, oder die Arbeitsbedingungen meiner Mitarbeiter. Mein Gehalt ist mit dem von damals vergleichbar – auch wenn ich jetzt mehr Risiko trage. Aber das Wichtigste: Ich bin frei und selbstständig.“