Bild: Sailing Conductor
Das Studium ist vorbei und du hast weder Job noch Plan. Kein Grund, panikschreiend im Kreis zu laufen. Manchmal braucht es einfach nur ein bisschen Mut und eine Idee.

Es soll ja Leute geben, die wissen schon mit 14, was ihr Traumjob ist. Andere – das dürften die meisten sein – eiern bei der Berufswahl sehr viel länger herum, viele sogar noch in den letzten Tagen ihres Studiums. Wohin jetzt mit der abgeschlossenen Ausbildung? Hunderte Bewerbungen schreiben? Und wenn ja, auf welche Jobs? Oder doch erstmal zum Amt?

Diese Fragen haben sich wahrscheinlich auch Hannes, Benni, Lamia, Rob, Sandro und Amelie irgendwann einmal gestellt. Sie ließen sich davon aber nicht irre machen, sondern schoben Zweifel und Sorgen beiseite. Alle hatten sie eine scheinbar abseitige Idee – und den Mut, daraus ein Geschäft zu machen.

1. SEEMÄNNER MIT PLATTENFIRMA
Hannes Koch und Benjamin Schaschek: Ahoi!(Bild: Sailing Conductors)

Diese zwei Bärtigen sind Hannes Koch (27) und Benjamin Schaschek (28). 2010 studierten sie noch Tontechnik, der eine in Berlin, der andere in Sydney. Heute sind sie Seemänner mit einer eigenen Plattenfirma, einer Fernsehshow und dem ersten selbstgeschriebenen Buch.

„Es ist manchmal schwer, so weit weg zu sein. Aber dann lenken wir uns mit Arbeit ab. Das hier ist jetzt unser Job“
Hannes Koch - Mitglied der Sailing Conductors
Der Schnaps
Ein Skype-Bier unter Freunden. Das machten Hannes und Benni öfter mal, doch dieser eine Abend sollte anders sein. Beide standen kurz vor dem Abschluss als Toningenieure, mit dem kleinen Unterschied, dass Benni in Sydney festsaß und über die Flugpreise nach Deutschland jammerte. Je bierseliger der Abend wurde, umso absurder die Ideen, wie Benni zurückkommen sollte.
Aber die eine, die war trotz Trunkenheit gar nicht mal so übel: „Wenn Benni nicht fliegen kann, dachten wir uns, dann segeln wir doch einfach zurück“, sagt Hannes. Und weil sie nicht umsonst studiert haben wollten, könnten sie doch unterwegs Musik entdecken und aufnehmen.


(Bild: Sailing Conductors)
Das Projekt
Innerhalb von anderthalb Jahren wollten Benni und Hannes als „Sailing Conductors“ von Australien nach Deutschland segeln - und in jedem Hafen auf dem Weg Musiker aus der Gegend mitnehmen. Gesang oder Spiel des einen Künstlers wiederum würden sie an einem anderen Ort dem nächsten vorspielen, der dann seine ganz eigene Note dazugeben könnte. So sollten genug Songs für ein ganzes Album entstehen.
Hannes reiste zu Benni nach Australien; auf den Salomon-Inseln kauften sie sich ein altes Segelboot, die „Marianne“. Mit ihrem Aufnahmeequipment im Gepäck machten sich die Freunde auf die Reise. „Wir konnten beide nicht wirklich segeln“, erinnert sich Hannes. „Benni hatte so einen Onlinekurs gemacht und las mir aus den pdfs zu seinem Lehrgang vor.“ Heute können sie segeln. Beide.

Aus den anderthalb Jahren wurden vier, und aus der abenteuerlichen Idee der Job der beiden Seemänner.

Das Geld
Es blieb nicht bei dem einen Album, das Hannes und Benni unter eigenem Label veröffentlichten und vertrieben. Eine Fernsehserie für EinsPlus, Vortragstouren und ein Buch über ihre Abenteuer folgten. Damit kam dann auch das nötige Geld zusammen – finanziell sind die beiden inzwischen unabhängig, nachdem sie zuvor von ihrem Erbe (Benni) und von monatlichen Finanzspritzen des Vaters (Hannes) gelebt hatten.
„Es hat sich toll angefühlt, als ich meinem Vater sagen konnte, dass er doch testweise mal die Überweisungen einstellen soll“, sagt Hannes. Vor kurzem haben Hannes und Benni das zweite mal den Atlantik überquert und reisen nun an den Küsten Europas entlang. Gerade sind sie noch in Belgien, aber bereits am 30. Oktober wollen die beiden Segler in Hamburg einlaufen und ihr bis dato größtes Abenteuer beenden. „Die Musik jedenfalls reicht schon für drei Alben, und Ideen für neue Projekte haben wir auch schon.“
2. KÜNSTLERIN MIT KLEBEBAND
Lamia Michna und Robert König trauen sich was.

Die Frau im Bild ist Lamia Michna. Sie ist 27 Jahre alt und hauptberuflich Tape Artist – aus bunten Klebebändern macht sie Kunst.

Der Schnaps
Lamias Klebeband-Idee begann eher konventionell, als Streetart-Projekt während ihres Studiums in Kommunikationsdesign. Gesucht hatte sie dafür nach einem besonderen Material – und war dabei auf die bunten Tapes gestoßen. Damit klebte Lamia fünf Arbeiten mit dem Titel „Super Berlin Land“ - unter anderem an ihrer Lieblingsbrücke, der Oberbaumbrücke.

Nach ein paar Bildern im Kiez wollte Lamia aber nicht aufhören. Auf Partys von Freunden machte sie weiter. „Da war auch Schnaps involviert“, sagt sie. Zum Spaß verzierte Lamia Klamotten, Wände, Schuhe und Gesichter.

Das Projekt
Es folgten kleinere Aufträge für Events, zum Beispiel auf dem Berlinfestival, mit denen hin und wieder wenigstens die Kosten fürs Material wieder reinkamen. 2012 bekam sie ihren ersten Großauftrag für den Autohersteller Mercedes auf dem International Design Festival (DMY) „Die Leute begannen, uns weiterzuempfehlen“, sagt Lamia über sich und ihren Geschäftspartner Rob König.
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Das Geld
Mittlerweile können Lamia und Rob von der neu gegründeten Firma Tape Over leben. Sie kleben für Events, Werbekunden und Filmproduktionen - ums Geschäftliche kümmert sich Rob, denn Verhandeln ist gar nicht Lamias Ding, wie sie selber sagt.
Aufträge gibt es so viele, dass die beiden auch mal etwas ablehnen können, worauf sie keine Lust haben. „Ein echter Luxus“, sagt Lamia. Vor dem Abebben eines Hypes um Tape Over hat sie keine Angst. Auch ohne Werbeaufträge würde das Geld reichen, sagt sie. Das einzige, was sie sehr vermisst, ist die Street Art. Einfach mal wieder rausgehen und die Oberbaumbrücke bekleben.
3. ERFINDER MIT HUMOR
Sandro Engel und Amelie Künzler mit ihrer Erfindung.(Bild: dpa / Julian Stratenschulte)

Sandro Engel und Amelie Künzler sind Mitte zwanzig und stehen kurz vor der Serienproduktion ihrer ersten eigenen Erfindung: einer Verkehrsampel, an der man „Pong“ spielen kann, um die Wartezeit auf Grün zu überbrücken.

Der Schnaps
Das Leben in der Stadt etwas spielerischer machen und Wartezeiten erträglicher werden lassen - das war das Ziel einer Seminars mit dem Titel „Urban Interaction“ an der FH Hildesheim. Die Studenten, darunter auch Sandro und Amelie, sollten eine Idee entwickeln und sie vorstellen.

Irgendwann in dieser Phase kam Sandro zu spät zu einem Kneipenabend mit Freunden. Grund war eine Ampel. „Sie steht in der Nähe des Campus und die Ampelphasen sind unerträglich lang“, sagt er. Nach ein bis zwei Bier und ein bisschen Spinnerei war die Pong-Ampel geboren.


Das Projekt

Und so geht’s, das spielerische Element für Rotphasen: Am Taster von Sandros und Amelies Ampel ist ein Display eingelassen, über das man gegen einen Menschen auf der anderen Straßenseite den Gamesklassiker „Pong“ [link] spielen kann. Die beiden Erfinder drehten ein Präsentationsvideo für ihre Idee, das ein unerwartetes Medienfeedback erzeugte. „Leider mussten wir den Journalisten dann mitteilen, dass es das „Pong“-Spiel gar nicht gibt. Das Video war Fake, aufgenommen mit einer Papp-Attrappe und später bearbeitet“, sagt Sandro und lacht.

Doch die Reaktionen zeigten ihm und Amelie, dass nicht nur sie die Streetpong-Idee richtig gut fanden. Die beiden nahmen Kontakt zu Ampelherstellern auf – und einer sagte zu. Bereits im November 2014 ging der erste Prototyp in Hildesheim an den Start.

„Man muss sich einfach trauen, egal, was die Eltern oder Freunde sagen!“
Sandro Engel - Miterfinder der Pong-Ampel und Gründungsmitglied von Urban Invention

Das Geld
„Noch verdienen wir damit nichts“, sagt Sandro, aber das werde sich wahrscheinlich sehr bald ändern. „Das Feedback aus aller Welt war so gut, dass wir das unbedingt wollen. Der erste Großauftrag ist schon in Planung.“ Mittlerweile haben Sandro und Amelie ihre Firma „Urban Invention“ gegründet und arbeiten an weiteren Ideen für eine interessantere Stadt. Die „Pong“-Ampel heißt jetzt ActiWait und soll in Kürze mit noch mehr Funktionen und Spielen in Serie gehen. An drei Exemplaren davon kann man schon jetzt probedaddeln: Eine der Ampeln steht am Goschentor in Hildesheim und zwei in Oberhausen. The game is on!
FAZIT: MACH ES.

Benni, Hannes, Lamia, Rob, Sandro und Amelie haben gemacht, was ihnen Spaß brachte. Es war nicht immer leicht, und Geld regnete es auch nicht. Doch Leidenschaft, Ehrgeiz und Abenteuerlust machte aus ihren Schnapsideen handfeste Jobs, die obendrauf auch noch Spaß bringen, ganz ohne lästige Bewerbungsgespräche. Das ist die Zeit der Gründer, heißt es immer. Die Zeit der Macher sollte es sein. Gründen kannst du später. Mach halt einfach!