Bild: Imago/Westend
Kann das funktionieren?

Wenn du an einen Chef denkst – wen stellst du dir dann vor? So einen Chef, der Verträge unterschreibt, Konferenzen einberuft, Mitarbeiter einstellt, zu Weihnachten eine Ansprache hält. Denkst du da etwa an einen Herren mit Anzug und Hemd? Und so ein bisschen grauen Haaren an den Schläfen? Oder an jemanden um die 30? Vielleicht jemanden wie dich?

Tatsächlich liegt das Durchschnittsalter von Führungskräften in Deutschland bei 51,8 Jahren (2016). Oft haben sie sich von Position zu Position hochgearbeitet. Aber es kann auch anders laufen. Arbeitnehmer mit Abi und Studium sind heute beim Berufseinstieg deutlich jünger und beenden ihr erstes Studium im Schnitt mit Mitte 20. Mit einer Ausbildung ist man da ohnehin schon seit Jahren im Beruf.

Und auch sie haben Ambitionen, schnell Karriere zu machen. 

Was also, wenn die eigenen Mitarbeiter plötzlich die Eltern sein könnten? 

Wir haben drei Führungskräfte um die 30 gefragt, wie sie mit erfahreneren Kollegen im Team umgehen. Und wann der Altersunterschied zum Problem wird.

Malte*, 34, arbeitet als Teamleiter bei einem mittelständischen IT-Unternehmen. "Ich will Karriere machen", sagt er. Mittlerweile betreut er neun Mitarbeiter – vier davon sind älter als 50.

"Am Anfang gab es Skepsis. Einige waren verwundert über meinen Aufstieg, hielten sich für besser geeignet. Wenn ich mit meinem Sakko auflief, fragte man mich: "Oh, wo wollen wir denn heute hin?" Ich hörte oft Sätze wie: "Das haben wir schon immer so gemacht, warum jetzt plötzlich anders?” 

Kurz: Man nahm mich nicht für voll.

Das hat sich erst geändert, als sie mitbekamen, was ich technisch und wirtschaftlich drauf habe. Ansonsten ist meine Taktik: reden. Reden über meine Strategie und über die Wünsche der Mitarbeiter. Zweimal im Jahr gibt es Feedback-Gespräche, aber auch sonst muss immer Zeit dafür sein.

Ein Mitarbeiter hat sich so sehr gegen alles gesperrt, dass wir letztlich eine Kündigung ausgesprochen haben. Ich wollte einen Kompromiss finden, aber es hat nicht geklappt. Ein schwieriges Gespräch mit vielen Beleidigungen, auch mir gegenüber. Ich gängele ihn, würde ihn anders behandeln als andere Mitarbeiter. Doch das stimmte nicht.

Das sind die unschönen Momente, in denen ich über meine Aufgabe nachdenke, und ob ich alles richtig mache. Handle ich korrekt? Gibt es einen besseren Weg?

Kürzlich haben wir eine Mitarbeiterbefragung gemacht. Ein Ergebnis: zu wenig Förderung, Perspektivlosigkeit. Daran muss ich arbeiten. 

Aber du stellst dir natürlich aus unternehmerischer Sicht schon die Frage: Wie viel Geld steckst du in die Förderprogramme älterer Mitarbeiter? Was lohnt sich, wenige Jahre vor der Rente? Ich halte es dennoch für wichtig, jeder im Team kann auch anderen sein Wissen vermitteln. Jedoch würde ich das Geld für Führungsseminar eher einem jungen Mitarbeiter geben, der noch flexibel und formbar ist."

Tanja*, 33, leitet mittlerweile ein Projekt für Migranten in einem Verein. Ihren vorherigen Job kündigte sie noch in der Probezeit – auch wegen der älteren Mitarbeiter.

"In meiner ersten Führungsposition bin ich an den Mitarbeitern gescheitert. Es kam Vieles zusammen: Im Team waren vorwiegend ältere Männer, die zum Teil ihr Leben lang nur in diesem Unternehmen tätig waren. Sie kannten autoritäre Führungsstile – ich hingegen setzte darauf, dass jeder sich einbringen und offen diskutiert werden kann. Das legten sie mir als Schwäche aus. 

Und dann war ich auch noch eine junge Frau, es fehlte einfach an Respekt. Ich kann mich daran erinnern, wie ich ein großes neues Projekt vorschlug, bei dem alle aus dem Team anpacken sollten. Doch ein Mann im Team lehnte meine Ideen in einer offenen Abstimmung demonstrativ ab. Für mich war das Arbeitsverweigerung. Ich habe den Mann dann auch zur Seite genommen und ihn zur Rede gestellt. Das wirkte. 

Gekündigt habe ich trotzdem – wegen des schlechten Arbeitsklimas und vieler solcher Situationen.

(Bild: rawpixel.com/ Unsplash)

Nun leite ich in einem Verein ein Projekt für Migranten. In meinem Team sind nur Frauen im Alter von 36 bis 60, mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, mit Auslandserfahrung, mit mehreren beruflichen Stationen – und ich bin die Jüngste. Die Stimmung ist eine ganz andere. Hier schätzt man meinen kommunikativen Führungsstil. Am Ende treffe ich zwar die Entscheidungen, aber vorher versuche ich, mich mit allen zu beraten.

In meinem neuen Job habe ich widersprüchliche Erfahrungen mit älteren, erfahreneren Kollegen gemacht. Die Kollegin, die mich selbst eingestellt hat, hat mir letztlich viele Hürden in den Weg gelegt. 

Hier schätzt man meinen kommunikativen Führungsstil.

Andererseits habe ich eine sehr erfahrene Kollegin in meinem Team, sie ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Ein junger Kollege ist da vielleicht nicht ganz so entspannt. 

Eine Sache muss ich mir immer wieder klar machen: Dass Angestellte mit Kindern auch neben der Arbeit viel mehr Druck haben. Ich kann abends mal zum Yoga gehen, mich mit Freunden treffen, vielleicht auch noch mal ne Mail lesen. Diese Flexibilität kann ich nicht von allen erwarten. 

Außerdem sehe ich, dass ein 60-jähriger Angestellter nicht die gleichen IT-Kenntnisse hat, wie ein jüngerer. Aber vielleicht muss ich das auch gar nicht von ihm verlangen. Da ist meine Aufgabe als Führungskraft, mir andere Arbeitsformate zu überlegen, mit denen er glänzen kann."

Björn, 31, leitet seit zwei Jahren bei einer Sportmarke den Vertrieb. In seinem Team sind vier Mitarbeiter – der Jüngste ist 27, der Älteste 47. 

Björn setzt auf eine Mischung zwischen Jung und Älter

"Den älteren Kollegen habe ich sofort klar gemacht, dass ich auf ihre Erfahrung setze. Denn die ist im Vertrieb enorm wichtig. Gleichzeitig kennen sich die Jungen viel besser mit Social Media aus. 

Es ist immer ein Zusammenspiel zwischen Erfahrung und neuen Ideen, es kommt auf die Kompetenz des Einzelnen an. Nicht aufs Alter.

Klar mache ich Fehler. Ich weiß noch, dass ich mal einen Termin für einen Montag ganz früh einberufen habe. Da kam direkt der Hinweis, dass das für Eltern mit kleinen Kindern nicht so optimal ist – so weit habe ich als jemand ohne Kind nicht gedacht. Bei den älteren Mitarbeitern sehe ich, dass sie im Alter oft eine größere Last tragen: Sie haben Verantwortung für Kinder, die Partnerin, vielleicht zahlen sie ein Haus ab. 

Mir sind Titel nicht wichtig, aber mehr Verantwortung trage ich gern.

Bevor ich die Führungsposition übernommen habe, habe ich mir viele Gedanken über meine Rolle gemacht: Wie erarbeite ich mir Respekt? Wie binde ich im Team alle gut ein? Wie will ich kommunizieren? 

Deshalb habe ich bei meinem Unternehmen um einen unabhängigen Coach gebeten. Mit ihm habe ich mich dann über Feedback- und Jahresgespräche beraten, auch über Auftreten vor einer Gruppe und Kommunikation durch Körpersprache.

Ich will mir Unbeschwertheit bewahren. Arbeit soll nämlich vor allem eines: Spaß machen."

*Malte und Tanja heißen eigentlich anders, möchten für diese Geschichte aber lieber anonym bleiben. 


Style

Der Glücksbambus von Ikea ist in Wahrheit kein Bambus
Hättest du's gewusst?

Kötbullar, Expedit-Regale, Bambus – manche Dinge gehören zu Ikea wie das schlechte Wetter zu Hamburg. Doch die Zeiten haben sich geändert. Kötbullar gibt es inzwischen auch ohne Fleisch und Expedit heißt jetzt Kallax. Nicht jedem gefällt das. Immerhin: Zumindest der Glücksbambus ist bisher immun gegen den Wandel.