Der Tag, an dem Hauke Schwiezer die rückständige deutsche Arbeitswelt kennenlernte, ist mehr als 15 Jahre her. Der heutige Unternehmer arbeitete damals für einen Dax-Konzern. Und wie es so ist mit jungen, aufstrebenden Nachwuchskräften, die in komplexe Firmenstrukturen eintreten: Sie sehen beizeiten Potenzial für Veränderung.

Schwiezer hatte eine Idee, von der er sagt, sie hätte das Unternehmen entscheidend voranbringen können, wäre sie jemals umgesetzt worden. Als er seinen Vorschlag einem Vorgesetzten präsentierte, bekam er einen Satz zu hören, an den er sich bis heute erinnert. 

"Mit 25", sagte der Mann, den Schwiezer für seinen Plan gewinnen wollte, "kannst du hier nichts Entscheidendes beitragen. Da musst du erst viel länger im Unternehmen sein."

So hört sie sich an, die Sprache strenger Hierarchie. Noch immer sind viele deutsche Firmen nach diesem Muster aufgebaut. Es ist eine Organisationsform, die den Nachwuchs häufig übergeht und ihn kleinzuhalten versucht. Für viele Top-Talente ist Hierarchie der Moloch unserer Wirtschaft. Hauke Schwiezer hat sie aber nicht zermürbt. Sie hat ihn motiviert, es besser zu machen.

Hauke Schwiezer

(Bild: Start Up Teens)

Heute ist der 42-Jährige Mitbegründer und Geschäftsführer von "Startup Teens", einer Online-Plattform, die Jugendlichen unternehmerisches Denken und Handeln beibringen will. In dieser Funktion tritt Schwiezer dafür ein, junge Menschen frühzeitig zu Entscheidern zu machen. Vergangene Woche veröffentlichte das Magazin "Horizont" einen Gastbeitrag von ihm. 

Darin forderte Schwiezer, in jedem deutschen Unternehmen solle künftig ein U25-Jähriger im Vorstand sitzen.

Die fortschreitende Digitalisierung und das Heranwachsen der Generation Z lasse gar keine andere Strategie zu, sagt er zu bento. "Es gab noch nie zuvor eine Generation, die der älteren in einem Kompetenzfeld so überlegen war wie diese."

Die Generation Z wird von vielen als arbeitsfaul und nicht widerstandsfähig abgestempelt. Dabei ist sie es, die wirtschaftlichen Erfolg herbeiführt, das beweisen Statistiken. In den USA etwa werden ein Viertel aller Unternehmen, die später eine Milliarde Dollar oder mehr wert sind, von 20- bis 24-Jährigen gegründet (Harvard Business Review).

Mark Zuckerberg zum Beispiel war noch nicht mal 20, als er Facebook auf den Markt brachte. Evan Spiegel sogar erst 17, als er Snapchat erfand. In Europa gehen viele Innovation ebenfalls von Menschen aus, die jünger sind als 25. Das zeigt der "Founders Report" von Medium. "Meine feste Überzeugung ist", sagt Schwiezer: "Die Generation Z erfindet Produkte und Dienstleistungen, sichert Märkte, die ältere Generationen nicht sehen."

Man muss jungen Menschen eben nur die Möglichkeit zur Entfaltung geben. In dieser Hinsicht kann Deutschland von anderen Ländern eine Menge lernen. 

Von Israel etwa, dem vielleicht innovativsten Staat der Welt. Im Verhältnis zu den 8,5 Millionen Einwohnern entstehen nirgends auf der Welt so viele Startups wie hier (Süddeutsche). Viele erfolgreiche Firmen im Silicon Valley haben israelische Gründer. Ihr Pioniergeist geht auf die Militärstruktur des Landes zurück.

In Israel sind sowohl Männer als auch Frauen wehrpflichtig. Wer mit 18 Soldat oder Soldatin wird, verpflichtet sich dazu, etwaige Fehler oder Missstände im System an den ranghöchsten Offizier zu melden. Dieses Phänomen beschreiben die Autoren Dan Senor und Saul Singer in ihrem Buch "Start-up Nation: The Story of Israel's Economic Miracle". Gleichzeitig müssen verantwortliche Entscheider jeden solcher Hinweise anhören. Dank dieser Struktur hat sich eine Kultur des Fehlermeldens etabliert, ein stetiger Drang nach Verbesserung und Fortschritt. Das, sagt Schwiezer, "zieht sich durch das gesamte berufliche Leben der Menschen".

Deutschland ist diesbezüglich ein anderer Kosmos. Junge Nachwuchskräfte hätten bislang nur "eine äußerst geringe Lobby", moniert Schwiezer. "Wir sind unglaublich schwach darin, Talente frühzeitig zu identifizieren und zu fördern."

Dabei können Unternehmen durch den Beitrag des Nachwuchses große Sprünge machen. 

"Es wird Zeit, die vorherrschenden Hierarchie-Strukturen zu durchbrechen. Das ist die einzige logische Konsequenz, wie Wirtschaft künftig funktioniert", sagt Waldemar Zeiler, Mitbegründer des Berliner Kondomherstellers Einhorn zu bento.

Das Unternehmen verzichtet seit jeher auf Chefposten jeglicher Art. Stattdessen haben Mitarbeiter mit ihren Ideen gleichberechtigt Einfluss auf die Ausrichtung des Unternehmens. Eines der wenigen Beispiele, bei dem aus Nachwuchskräften schnell und unkompliziert Entscheider werden können. 

Bis heute scharren aber Verantwortliche in vielen Unternehmen lieber Verbündete um sich, anstatt sich Korrektive an die Seite zu stellen. "Gute Führungskräfte", sagt Schwiezer, "holen Leute, die Stärken haben, die sie selbst nicht haben, um selbst immer besser zu werden".

An sich ist der digitale Wandel wie gemacht für eine Verjüngungskur der Entscheidergremien. Nur ist es eben ein Unterschied, ob U25-Jährige Führungsverantwortung tragen oder gleich in Vorstände berufen werden.

"In den aktuellen Unternehmensstrukturen würde ein U25-Jähriger als Entscheider sehr wahrscheinlich nicht ernstgenommen. Er würde mit seinen möglicherweise tollen Ideen scheitern, weil niemand auf ihn hört", sagt Benjamin Körner, Geschäftsführer des Hamburger Headhunters Steerer.

Körner berät Unternehmen bei der Besetzung von Führungs- und Managementposten und weiß, dass Nachwuchskräfte mit ihren innovativen Ansätzen nur selten gefragt sind. "Das setzt voraus, dass Unternehmensführungen oder -inhaber eine sehr offene Haltung haben und leben. Und da sehe ich die größere Herausforderung", sagt Körner. "In Deutschland ist es meist so, dass Unternehmen gravierenden Veränderungen erstmal skeptisch gegenüberstehen."

Hauke Schwiezer ist derweil überzeugt: Wer in seiner Karriere frühzeitig in Entscheidungen einbezogen wird, lernt mehr Verantwortungsbewusstsein und wird seinem Unternehmen gegenüber wesentlich loyaler eingestellt sein.

Er hält es nicht für ausgeschlossen, dass selbst Dax-Konzerne seiner Forderung bereits in den kommenden zehn Jahren nachkommen und einen Vorstand berufen werden, der jünger ist als 25. "Vielleicht nicht in Muttergesellschaften. Aber in Tochterfirmen kann ich mir das allemal vorstellen", sagt Schwiezer.


Gerechtigkeit

So haben junge Menschen das N-Wort zum ersten Mal gehört
"In der Grundschule schleuderte mir jemand das Wort zum ersten Mal hasserfüllt entgegen."

Das "N-Wort": Man könnte meinen, dieser Begriff gehört jenen längst vergangenen Zeiten an, denen er entsprungen ist. Die koloniale Ausbeutung des afrikanischen Kontinents, die Versklavung von Menschen, die grausame Rassentheorie des Nationalsozialismus. Und doch gibt es bis heute Menschen, die fordern, dass Pipi Langstrumpfs Vater weiterhin ein "N****könig" sein soll.

Schon ein sehr oberflächlicher Blick in die Geschichte zeigt: Das Wort war nie neutral besetzt. Das wissen besonders diejenigen, die damit beleidigt werden.

Wir haben vier junge Menschen gefragt, wie sie mit dem N-Wort umgehen. 

Im Video (oben) spricht der Buchautor und Musiker David Mayonga über seine erste Erfahrung mit dem Wort und erklärt, warum er es auf seinem Buchtitel trotzdem ausschreibt.

Chiedza, 23, ist Auszubildende in der Altenpflege.