"Mein Ausbildungsberuf stirbt aus."

Unser Bankberater sind wir selbst. Geld überweisen wir binnen Sekunden bei Paypal, ein Girokonto eröffnen wir für 0 Euro bei einer Online-Bank, über Tagesgeldkonten informieren wir uns bei Check24, und jetzt bezahlen wir auch noch bargeldlos per Apple Pay. Das Angebot startet nun auch in Deutschland, Sparkassen und viele deutsche Banken machen aber nicht mit. Die Sparkassen zum Beispiel wollen lieber eine eigene App anbieten (allerdings zunächst nicht für iPhones). (SPIEGEL ONLINE)

In der Finanzindustrie zeigen sich die Umwälzungen, die wegen der Digitalisierung auf viele Branchen zukommen, besonders deutlich. Hier prallen unsere Vorstellung von Geschwindigkeit und Service auf das technikskeptische alte Deutschland: Schalter oder Smartphone? 

Besonders junge Bankerinnen und Banker bekommen das zu spüren.

Sie selbst wissen, was ihre Bekannten und Freundinnen über so manche altmodische Bank denken. Sie arbeiten dennoch bei den Dinosauriern der Branche. Es wirkt wie eine Parallelwelt, in der Konten bisweilen immer noch Ordner voller Papier und hohe Gebühren bedeuten, in der einige Kundinnen und Kunden noch regelmäßig in die Bank kommen, um Geld zu überweisen oder gar einen Scheck einzulösen.

Wie arbeitet es sich in einem solchen Unternehmen – und welche Gedanken machen die jungen Bankerinnen und Banker sich zwischen Paypal und Papier-Überweisung? Wir haben mit ihnen gesprochen – es hat sich offenbar ganz schön viel Frust angestaut. 

1 Julia*, 20, macht eine Ausbildung zur Bankkauffrau bei einer Bank, die immer noch alles auf Papier ausdruckt.

Junge Leute wollen nicht viel Geld für ihre Konten ausgeben und organisieren ihre Finanzen lieber online. Es ist bequem, nicht extra zu einem Termin in der Filiale erscheinen zu müssen.

Meine Bank ist besonders altmodisch. Es gibt keine digitalen Akten, alles wird ausgedruckt – was für eine Papierverschwendung! An die Umwelt denkt da niemand. Die Digitalisierung ist hier noch nicht angekommen. Dazu dauern die Prozesse im Haus unglaublich lang.

„Würde ich die Ausbildung nicht bei der Bank machen, hätte ich mein Konto wahrscheinlich auch woanders – weil es günstiger, moderner und unkomplizierter ist.“
Julia

Online-Zahlangebote wie PayPal nutze ich trotzdem, weil es besser zu meinem Leben passt. Auch Apple Pay sehe ich als Nutzerin erst Mal positiv, weil Daten nicht weitergegeben werden. Aus Sicht der Bankerin ist das natürlich negativ, weil wir die Daten der Kunden haben wollen, um sie zu analysieren und auszuwerten.

Die Online-Direktbanken bieten bessere Konditionen an, wie kostenlose Kreditkarten oder die Möglichkeit, überall Geld abheben zu können.

Banken müssen digitaler werden, mehr Produkte für junge Leute anbieten und ihre spießigen Wertvorstellungen über Bord werfen. Piercings sind zum Beispiel immer noch nicht erlaubt. Dabei würde ich viel lieber von einem lockeren, offenen Menschen beraten werden, mit dem ich mich identifizieren kann.

„Und nicht nur die jungen Kunden gehen: Mein Ausbildungsberuf stirbt aus.“
Julia

In meinem Jahrgang wollen höchstens 15 von 80 Leuten nach der Ausbildung auch noch in ihrem Job bleiben. Bei meiner Bank bleiben nur sieben von 17 Auszubildenden. Viele nutzen die Ausbildung eher als Grundlage für ein Studium, auch ich werde danach etwas anderes studieren.  

Am meisten regt es mich auf, dass alles so reguliert und versteift ist. Viele Banken haben festgesetzte Verkaufsziele pro Woche, darauf haben die Auszubildenden keine Lust.

Zudem sind viele Bankmitarbeiter ziemlich arrogant und tun so, als wüssten sie alles besser. Gerade junge Kunden werden in der Bank meist nicht ernst genommen, weil sie weniger Geld haben. Aber wenn jemand zum Bespiel reiche Eltern hat oder in ihm finanzielles Potenzial gesehen wird, wird er gleich anders eingestuft. So jemand wird besser betreut und intensiver beraten. Diese Leute bekommen dann einen separaten Raum, Getränke und Kekse.

2 Ömer, 27, Vermögensberater bei einer Bank, bei der es kostenlose Girokonten gibt – wenn regelmäßig Gehalt überwiesen wird.

Ich kann junge Menschen verstehen, die sich von vielen Banken nicht ernst genommen fühlen. Aber für Banker sind junge Kunden eben nicht so lukrativ. Ich denke da an meinen Bruder, der angefangen hat, Maschinenbau zu studieren und einen Nebenjob hat. Der hat gerade ein Girokonto mit Kreditkarte eröffnet, aber die nächsten fünf Jahre wird die Bank daran nicht viel verdienen.

„Ist also klar, dass lieber ältere Kunden hofiert werden, da kann ich viel teurere Produkte anbieten.“
Ömer

Als junger Mitarbeiter versuche ich besonders an diejenigen zu denken, die sich vielleicht erst später rentieren – wie meinen Bruder. 

Was oft nervt, sind die Kunden, die sich selbst im Internet informieren, aber dann eben auch nicht wirklich umfassend. Die lesen dann, dass ETFs – passiv gemanagte Aktien-Fonds – gerade angesagt sind und eine hohe Rendite bringen. Und mich fragen sie, warum ihr weniger riskanter Rentenfonds nicht genau so erfolgreich läuft. Dass sie bei ETFs aber ein größeres Risiko eingehen, verstehen sie nicht. Diese Informationsflut im Netz fordert uns heraus, weil wir ständig dagegen argumentieren müssen.

Es fehlt bei unserer Bank an Fördermöglichkeiten für junge Mitarbeiter. Es dauert sehr lange, bis man aufsteigen kann. Kolleginnen und Kollegen mit Erfahrung werden stets bevorzugt. Das frustriert manchmal, wenn man das Gefühl hat, dass man viel lockerer oder moderner ist – und dann auch erfolgreicher mit Kundinnen und Kunden kommunizieren kann.

„Aber im Vergleich mit älteren Mitarbeitern bekommen wir nur einen Bruchteil der Entlohnung.“
Ömer

Viele junge Kolleginnen werden auch abgeworben, zum Beispiel von mittelständischen Unternehmen, die selbst eine Abteilung für die Anlagen von internem Vermögen aufbauen. Das finden viele attraktiver, auch weil Banken seit der Bankenkrise einen großen Imageverlust erlitten haben.

Ich studiere jetzt nebenbei BWL und hoffe, dass ich bei meinem jetzigen Arbeitgeber aufsteige – vielleicht zum Filialleiter oder auf eine andere Führungsposition. Und dabei sollte man auf junge Menschen setzen, denn wir wissen, wie man zeitgemäß und ein bisschen lockerer in die Beratung geht. Früher sind die Leute mit einem Anzug in die Bankfiliale gegangen, wenn sie einen Kredit wollten. Heute kommen sie im T-Shirt, man sitzt zusammen auf einer Couch, und googelt vielleicht sogar noch mal gemeinsam nach dem Auto, für das ein Kredit benötigt wird. Wenn man seine Kunden überhaupt noch mal persönlich sieht.

3 Christian*, 30, ist Filialleiter in einer Bank mit langer Tradition – und für die Digitalisierung in seinem Bereich zuständig

Wenn du bei uns ein Girokonto eröffnen willst, wird das Formular ausgedruckt. Das sind 45 Seiten, die Kundin oder der Kunde muss mehrmals unterschreiben. Wir haben auch verstanden, dass das Schwachsinn ist. Aber es dauert eben, bis Dinge sich ändern.

Das Unternehmen, in dem ich arbeite, beschäftigt Tausende Mitarbeiter. Man kann eine Unternehmenskultur nicht von heute auf morgen ändern.

Mein Chef hat mich beauftragt, die Digitalisierung in meinem Bereich voranzutreiben. Nötig ist es, wir haben langsamer reagiert als unsere neue Konkurrenz. Den Auftrag habe ich wahrscheinlich auch bekommen, weil ich mit 30 Jahren noch jung bin. Naja, so jung ist das dann auch nicht mehr, wenn man ehrlich ist. Aber im Unternehmen liegt das Durchschnittsalter geschätzt zwischen 40 und 45. 

Mir hilft, dass vor etwa zwei Jahren die Stimmung bei den Kundinnen und Kunden gekippt ist. Die Fragen inzwischen auch, wie sie sich hier und dort einloggen können, wie sie in der App die Kontoauszüge aufrufen können. Wenn eine Beraterin oder ein Berater dann nicht antworten kann, ist das ziemlich peinlich.

Vor Jahren schon habe ich vorgeschlagen, dass unsere App automatisch anzeigen kann, wie viel unsere Kunden wofür ausgeben.

„Das ist bis heute nicht passiert. Bei anderen Banken ist es längst üblich.“
Christian

Ich glaube, dass die Bankenbranche sich in den kommenden Jahren komplett verändern wird, viele Services werden komplett digitalisiert werden. Für mich heißt das: Ich werde schauen, ob mein Unternehmen einen guten Plan für die Zukunft hat. Und wenn nicht, wechsele ich lieber in die Industrie, bevor es den Bach runtergeht. Zum Beispiel in die Finanzabteilung von einem großen Unternehmen oder in die Digitalisierungskommunikation. Da bin ich egoistisch.

Ich bin Fußballfan und habe eine Dauerkarte. In der Kurve kennt man sich ein bisschen, es stehen immer dieselben Leute neben dir. Zuletzt hat ein Fan neben mir mitbekommen, wo ich arbeite. Er war total überrascht. Für ihn war mein Job vor allem altbacken und anrüchig.

„Es ist, wie es ist: Zurzeit sind viele Berufe einfach sexier als meiner.“
Christian

*Die Namen von Christian, Ömer und Julia haben wir geändert, sie möchten anonym bleiben.


Gerechtigkeit

Höcke missbraucht das Foto einer Getöteten – jetzt wird gegen ihn ermittelt
Was der AfD-Politiker getan hat – und welche Folgen das nun haben könnte.

Politikerinnen und Politiker stehen in Deutschland unter besonderem Schutz, wenn sie Mitglieder des Bundestags oder eines Landtags sind. Sie besitzen dann Immunität – sind also vor Strafverfolgung geschützt. 

Das heißt nicht, dass sie nicht für Vergehen belangt werden dürfen. Es heißt nur, dass sie während ihrer Amtszeit besonders geschützt sind – um den politischen Betrieb nicht zu stören. Unter besonderen Umständen kann diese Immunität jedoch aufgehoben werden.

In Thüringen droht das jetzt Björn Höcke – denn in einem aktuellen Fall wird nun gegen den AfD-Chef ermittelt.

Höcke ist der Thüringer AfD-Landeschef und sitzt der Fraktion im Thüringer Landtag vor. Der Justizausschuss hat nun beschlossen, seine Imunität aufzuheben. Dies sei auf Antrag der Staatsanwaltschaft Chemnitz geschehen, hieß es am Freitag in Erfurt aus Ausschusskreisen. Auch Höckes Büro hat das bestätigt. (Tagesschau)

1 Was wird Höcke vorgeworfen?

Es geht um den Fall der 28-jährigen Sophia L. Im Juni wollte die junge Frau von Leipzig in die Oberpfalz trampen. Sie wurde ermordet, ihre Leiche wurde in Spanien gefunden. Die Behörden ermittelnt gegen einen marokkanischen LKW-Fahrer. (bento)