Isabella, 23, hat keinen Job. Das wirkt sich auch auf ihre Psyche aus.

Es gibt diese Sätze, die Isabella umhauen. Neulich wieder: Bei Twitter habe jemand geschrieben, die Arbeitslosen sollten sich in der Coronakrise um die Kinder kümmern, erzählt sie. Die hätten doch so viel Zeit. Und: "Wenn die sich dann infizieren, ist es wenigstens nicht so schlimm." 

Isabella ist gelernte Konditorin, seit Mai vergangenen Jahres ist sie arbeitslos. Die 23-Jährige wohnt in einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung im Süden von Schleswig-Holstein. Ihre Stimme zittert in der Telefonleitung, wenn sie erzählt, manchmal schluchzt sie: "Die Leute schauen auf dich herab. Sie denken, du bist wie die Schauspieler im Nachmittagsprogramm von RTL." Ihren richtigen Vornamen will sie deshalb in diesem Artikel nicht nennen.

Isabella ist immer wieder in Psychotherapie, mit ihrem Leiden steht sie für viele junge Arbeitslose in Deutschland

Seit sie arbeitslos geworden sei, spüre sie den Druck und die Vorurteile der anderen, sagt Isabella. "Sitzt du dann nur faul auf der Couch?", fragten Menschen, die sie erst seit Kurzem kennt. "Nein", antworte sie – und schweige dann meistens. Früher habe sie versucht, sich zu rechtfertigen, heute mache sie das nicht mehr.

Trotzdem quält sie diese Abneigung. Isabella ist immer wieder in Psychotherapie, immer wieder krankgeschrieben. Mit ihrem Leiden steht sie für viele ausgegrenzte, junge Arbeitslose in Deutschland.

Der aktuelle Gesundheitsreport der Betriebskrankenkassen zeigt, dass Arbeitslose deutlich länger wegen psychischer Erkrankungen krankgeschrieben sind als Berufstätige. Besonders betroffen seien junge Menschen, sagt der Psychologe Karsten Paul von der Universität Erlangen-Nürnberg: "Bei ihnen gehört der Job zum Ritual des Erwachsenwerdens dazu." Mit einer Arbeitsstelle sehe man sich als Leistungsträger der Gesellschaft, ohne Job sinke das Selbstwertgefühl drastisch.

Isabella ist qualifiziert, arbeitet gern kreativ. Nach ihrer Ausbildung zur Konditorin schloss sie eine weitere Ausbildung zur Hotelfachfrau an. Sie sagt, sie sei mit ihrem Chef in der Konditorei nicht klargekommen und habe sich auf die vielen Menschen im Hotel gefreut. Doch nach eineinhalb Jahren brach sie ab und meldete sich arbeitslos. Auch ihr Chef im Hotel sei schlimm gewesen, erzählt Isabella heute. Er hätte sie gemobbt, nicht ernst genommen, Mitarbeiter gegeneinander ausgespielt.

Für Isabella war klar: Sie will nie wieder als Konditorin oder im Hotel arbeiten. Das sei allerdings zum Problem geworden, sagt sie. Denn in den ersten Monaten habe sie nur Jobangebote aus diesen Branchen bekommen. Immer wieder hadert Isabella mit ihren Entscheidungen: "Ein paar Mal war ich kurz davor, doch eine Stelle in einer Konditorei oder einem Hotel anzunehmen. Dann habe ich Panikattacken bekommen und wusste, dass es nicht richtig ist."

„Für die Menschen bedeutet Arbeitslosigkeit vor allem Stress. Fast niemand ist arbeitslos, um sich den ganzen Tag vergnügen zu können.“
Jan Marcus, Gesundheitsökonom

Dass Arbeitslose nach einigen Monaten überlegen, einfach irgendeinen Job anzunehmen, habe mit Selbstachtung zu tun, sagt der Gesundheitsökonom Jan Marcus. Er forscht an der Universität Hamburg und am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin zum Thema Arbeitslosigkeit. Es entstehe ein persönlicher und gesellschaftlicher Druck: "Für die Menschen bedeutet Arbeitslosigkeit vor allem Stress. Fast niemand ist arbeitslos, um sich den ganzen Tag vergnügen zu können." Vielmehr sehnten sich Betroffene bereits nach wenigen Monaten nach einem geregelten Tagesablauf.

So ging es auch Isabella. Um wieder einen Arbeitsplatz zu finden, begann sie vor der Coronakrise ein Praktikum als Floristin. Doch wegen der Ausgangsbeschränkungen musste der Blumenladen schließen, sie wurde heimgeschickt. "Ich habe mich auf die Arbeit gefreut und mir bewusst Klamotten für den nächsten Tag rausgelegt", sagt Isabella. Der Beruf mache ihr Spaß. Sie möge den Kundenkontakt, das Lächeln, wenn die Menschen sich über ihre Blumen freuen. "Ich hatte das Gefühl, endlich wieder etwas geleistet zu haben, alles hatte wieder Sinn." 

Und trotzdem sei der Druck nie ganz weg gewesen. "Die Vorurteile der anderen verfolgen mich, bis ich einen festen Job habe. Vielleicht auch noch länger", sagt Isabella. Aber sie nehme das den Menschen nicht übel. "Das ist, was unserer Gesellschaft beigebracht wurde."

Die Coronakrise könnte die Vorurteile gegenüber Arbeitslosen abschwächen

Tatsächlich sind Vorurteile gegenüber Arbeitslosen in der Bevölkerung weit verbreitet. Das bestätigt eine Umfrage der Bundesagentur für Arbeit. Mehr als die Hälfte der Befragten sagte, Hartz-IV-Empfänger seien bei der Arbeitssuche zu anspruchsvoll. Ein gutes Drittel bejahte die Aussage, Hartz-IV-Empfänger wollten gar nicht arbeiten.

Dennoch sei es falsch, die Gesellschaft auf solche Aussagen zu reduzieren, sagt der Soziologe Carsten Ullrich von der Universität Duisburg-Essen. Vor allem Menschen, die selbst arbeitslos gewesen seien oder es im Bekannten- und Familienkreis miterlebt hätten, seien verständnisvoller, sagt er. Deshalb könnte die Coronakrise die Vorurteile bei einigen Deutschen abschwächen. "In solch einer Krisensituation verstehen sie, dass es auf dem Arbeitsmarkt auf mehr ankommt als auf persönliche Eigenschaften wie Faulheit oder Ehrgeiz." Dadurch könne offener und weniger stereotypisch mit dem Thema umgegangen werden.

Das wünscht sich auch Gesundheitsökonom Jan Marcus. Man müsse die Arbeitslosen akzeptieren. "Nur so können sie später wieder in die Mitte der Gesellschaft integriert werden."

Isabella sagt, sie habe in den vergangenen Monaten viele Freunde verloren. Einige im Streit, die meisten hätten sich aber wegen ihrer Arbeitslosigkeit abgewandt, wollten immer weniger mit ihr zu tun haben. Geblieben seien nur ihre beiden besten Freundinnen. Eine von ihnen sei selbst zwei Jahre lang arbeitslos gewesen. "Sie sagt mir, dass alles halb so wild ist. Dann geht es mir meistens besser."

Inzwischen durfte der Blumenladen wieder öffnen. Gleich am ersten Tag sei sie vorbeigeschlendert, um zu hören, wie es den Besitzern geht, sagt Isabella. Als sie den Laden betreten habe, hätten sie gerufen: "Ah, da kommt ja unsere zukünftige Auszubildende!" "Ich hatte Gänsehaut", erinnert sich Isabella. Eine Ausbildung zur Floristin, das ist ihr Wunsch. Endlich abschließen mit all dem, was früher war, mit der Arbeitslosigkeit, mit dem Druck, der ständig auf ihr lastet. Mittlerweile hat sie ihre Bewerbung abgegeben.


Fühlen

"Nur eine Massage, mehr nicht": Wenn das Zuhause in Zeiten von Corona kein sicherer Ort ist
Leo dachte, er hätte die Traum-WG gefunden – bis sein Mitbewohner ihm unangenehm nah kam.

Ich konnte mein Glück kaum fassen: sonnendurchflutete Wohnung, edler Holzboden, beste Lage im schicken Viertel. Stephan*, den ich vor zwei Jahren auf einer akademischen Veranstaltung flüchtig kennengelernt hatte, antwortete mir auf mein WG-Gesuch in einer queeren Facebook-Gruppe. In seiner Eigentumswohnung sei noch ein möbliertes Zimmer frei. Wir verabredeten uns auf einen Kaffee und besprachen die Formalitäten: Mietvertrag, Höhe der Miete, Einzugsdatum, alles ganz unkompliziert.

Ich, Mitte 20, für mein Masterstudium von der einen in die andere Großstadt gezogen, würde also von nun an mit einem etwa 20 Jahre älteren Mann zusammenleben, der aber in seiner Art deutlich jünger wirkte. Wegen seines Jobs in einer anderen Stadt würde er ohnehin nur die Hälfte der Woche in der Wohnung sein. 

So war es zumindest geplant – vor Corona. Vor Kontaktsperren, Schutzmasken und den dringlichen Empfehlungen, die eigenen vier Wände nur für das Allernötigste zu verlassen. Doch dann wurde die häusliche Quarantäne zum Gebot der Stunde, und mein neues Zuhause zu einem merkwürdigen Konglomerat aus Wohn- und Zwangsgemeinschaft.

Denn in den vergangenen Wochen erlebte ich, dass eine solche Situation auch ausgenutzt werden kann – und es schwierig sein kann, sich dagegen zur Wehr zu setzen.  

Der Mitbewohner sehnt sich nach Nähe in der Corona-Zeit

Zunächst lief alles gut. Während Stephan im Homeoffice arbeitete, engagierte ich mich in der Nachbarschaftshilfe und richtete mein neues Zimmer ein. Meistens kochte ich abends für uns beide. Trotz der Corona-Anspannung führten wir gute Gespräche. Und ich fing langsam an, mich wohl zu fühlen. Dass ich nach einer Woche immer noch keinen Mietvertrag hatte: nicht weiter schlimm. In dieser Ausnahmesituation hätten eben andere Dinge Vorrang, redete ich mir ein.