Bild: bento/Maximilian Senff
Die Ansprüche von Berufseinsteigerinnen und -einsteigern haben sich geändert. Das zeigt sich auch dadurch, wie Firmen heute auf Bewerber zugehen.

Die Schlange vor dem Stand, an dem man beim Absolventenkongress in Köln seinen Lebenslauf überprüfen lassen kann, ist lang. Mehr als eine halbe Stunde müssen Interessierte auf einer der größten Jobmessen Deutschlands mit ihren Bewerbungsmappen in der Hand anstehen. Aus der dumpfen Geräuschkulisse in einer der Hallen der Kölner Messe sticht immer wieder ein kurzes Surren heraus, als würde jemand eine Nähmaschine bedienen. Es stammt von einer Tätowiermaschine, die direkt neben den wartenden jungen Leuten pausenlos kleine Motive unter die Haut sticht. Einer lässt sich "Hope", die nächste eine Palme oder den Kopf eines Teddybären tätowieren. Etwa hundert Motive stehen kostenlos zur Auswahl.

Unternehmen müssen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger heute anders ansprechen als früher. Deswegen soll die Jobmesse Eventcharakter haben. Es gibt eine "Gaming-Zone", eine "Virtual Reality-Zone", den "Start-up Garden" und mehrere "Speech Areas".

Gerade sitzt Sabine, 28, auf der mit Frischhaltefolie eingewickelten Liege. Sie lässt sich ein "Good Fortune"-Zeichen auf die Innenseite ihres Knöchels stechen. Die Prozedur dauert nur fünf Minuten. Ihr Gesicht verrät nichts über die Schmerzen. Sie habe sich nur wegen des Tattoos für ein kostenloses Messeticket registriert, erzählt sie.

Dann erhielt Sabine eine E-Mail mit der Einladung zu einer Handvoll Vorstellungsgespräche auf der Messe. Im Vorfeld hatte jeder, der sich ein Ticket gesichert hatte, die Möglichkeit, seinen Lebenslauf online zu stellen – die ausstellenden Firmen konnten diese einsehen und so zielgerichtet Bewerberinnen und Bewerber ansprechen, die sie für geeignet hielten. Dieses Angebot nahm auch Sabine an.

(Bild: bento/Maximilian Senff)

Erst am Vortag hat Sabine ihre Masterarbeit zum Thema Sprachwissenschaften abgegeben. Zur Feier des Tages entschied sie sich für ein Motiv, das für Glück steht. Wie die Vorstellungsgespräche nach dem Tattoostechen an dem Tag noch laufen, ist ihr ziemlich egal.

Wie suchen Absolventinnen und Absolventen eigentlich nach Jobs? Auf Messen wie dieser?

Der Weg in die Arbeitswelt führt für die meisten jungen Menschen inzwischen über das Internet. Am beliebtesten sind Online-Jobbörsen, 63 Prozent aller Absolventen versuchen dort ihr Glück. In Karrieremessen sehen nur 21 Prozent Potenzial (Stepstone-Studie).

Früheren Generationen waren vor allem ein hohes Gehalt und ein sicherer Arbeitsplatz wichtig. Für einen guten Job gingen sie teilweise große Kompromisse ein. Das ist heute anders: Aktuelle Absolventinnen und Absolventen sind sich ihrer Position auf dem Arbeitsmarkt bewusst. Unternehmen suchen, teilweise verzweifelt, qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber. Laut einer Studie des Jobportals Stepstone aus dem Jahr 2018, für die rund 3500 Studierende und 4000 Recruiter befragt wurden, wollen Berufseinsteiger zwar für ihren ersten Job alles geben – stellen aber auch andere Anforderungen an Arbeitgeber, zum Beispiel flexible Arbeitszeiten und Weiterbildungsmöglichkeiten. Am Anfang ihres Karriereweges sind sie offen für viele Möglichkeiten. Vorausgesetzt, Unternehmen sprechen sie richtig an und bieten ihnen Jobs, die zu ihrer Lebensphase passen und Raum für persönliche Weiterentwicklung bieten.

Während es vor zehn Jahren noch reichte, bei einer Jobmesse kostenlos Kugelschreiber zu verschenken, müssen die Firmen heute mehr bieten.

Die Jobsuche auf der Kölner Messe soll zumindest den Anschein erwecken, als würde sie Spaß machen. Deshalb sprechen während der zwei Tage dauernden Messe nicht nur Bewerbungscoaches und Recruiter – auch Promis stehen auf der Bühne. Neben den Influencerinnen Diana zur Löwen und Joyce Ilg, hält auch Reiner Calmund einen Vortag.

Der ehemalige Manager des Fußballvereins Bayer Leverkusen, der jetzt primär als Werbeikone bekannt ist, soll junge, aufstrebende Menschen mit markigen Worten zu Höchstleistungen antreiben. 

(Bild: bento/Maximilian Senff)

Als er auf die Bühne kommt, erwarten ihn rund 300 Zuhörerinnen und Zuhörer.

„Keiner braucht kompetente Schlaftabletten. Man muss Feuer im Arsch haben. Wenn es nicht läuft, muss man auch mal den Stahlhelm aufsetzen und Dreck fressen.“
Reiner Calmund

Was ihnen geboten wird, erinnert in der Tonalität an eine Halbzeitansprache bei einer Nachwuchsfußballmannschaft, die zur Pause schon aussichtslos hinten liegt. Er benennt "No-Go-Typen" (Nörgler, Meckerer, Pessimisten, Chef-Bedenkenträger) und wiederholt, der Schlüssel zum Erfolg sei ein Mix aus Kompetenz und Leidenschaft. Anschließend beantwortet er noch einige Fragen aus dem Publikum. 

"Wir alten Säcke können jungen Leuten mit unser Erfahrung helfen", sagt Reiner Calmund im Gespräch mit bento. "Was haben wir gemacht? Wo hat es bei uns geklemmt? Wo hatten wir mal Glück? Es läuft ja nicht immer alles wie geölt." Eigentlich wollte er Elektroingenieur werden, erzählt er, sei aber wegen seiner Farbenblindheit, wegen der er die unterschiedlichen Drähte nicht auseinanderhalten konnte, durch die Elektriker-Prüfung gefallen. Danach absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung, studierte Betriebswirtschaft und fing beim Pharmakonzern Bayer an, dessen Werks-Fußballteam er später mehrere Jahre lang erfolgreich als Manager leitete.

Es ist wichtig, dass Unternehmen und Berufseinsteiger sich auf Augenhöhe begegnen. Die Mär vom alten Personaler, der keine Ahnung davon hat, was die Millenials von ihrem Job erwarten, musste ein Ende haben – und hat es offenbar.

Die Zeiten, in denen Unternehmen in langweiligen Pressspan-Messeständen versuchten, mit Kulis und Gummibärchen als Köder Handzettel zu verteilen, sind vorbei. Auf die Entertainment-Bedürfnisse der Absolventinnen und Absolventen wird eingegangen, weil die Firmen gemerkt haben, dass sie sie sonst nicht erreichen. Auch die Tattoostation steht für mehr als nur eine Marketingmaßnahme. Sie zeigt, das Tattoos im Arbeitsumfeld an Akzeptanz gewonnen haben. Ein wichtiges Zeichen in Zeiten, in denen jeder fünfte Deutsche tätowiert ist.

Die Jobmessen verändern sich, ein paar Dinge bleiben jedoch gleich. In den Messetoiletten in Köln werden weiterhin die Haare frisch gekämmt und Zähne geputzt, während die Personaler an den Recruiting-Ständen mit der Fusselbürste über ihren Anzug gleiten. Die Atmosphäre bleibt ein bisschen unangenehm, aber eben auf Augenhöhe. Und das ist das Wichtigste.


Trip

Weg ohne Dreck: Winterlicher Aktivurlaub in der Fränkischen Schweiz
Bierwanderung und Lichterfest

Die Dämmerung legt sich über die Stadt. Da durchbrechen die Kirchturmglocken die Stille und geben das Signal. Hunderte Feuer leuchten an den Felshängen auf, der Schnee reflektiert das Licht und lässt alles rötlich schimmern: die Altstadt, den Himmel und die Gesichter der Menschen. 

Was für viele Einheimische ein besonderes religiöses Fest ist, ist für Touristen ein eindrucksvoller Einblick in die fränkische Kultur. Viele Städte in der Fränkischen Schweiz feiern Ende Dezember und Anfang Januar den Abschluss der "ewigen Anbetung". Doch nicht nur wegen der Lichterfester lohnt sich die Region auch dann, wenn es kalt wird.