Bild: Pia Seitler
Bei den Schießübungen für den Jagdschein – mit einer Vegetarierin

Charlotte legt das Gewehr an, ihre rechte Hand umfasst den Griff vor dem Abzug. Es knallt. Schrotkügelchen fliegen durch die Luft und treffen auf die 35 Meter entfernte Zielscheibe. Charlotte steht auf dem Schießstand in Garlstorf, 40 Kilometer von Hamburg entfernt. Die 27-Jährige übt hier für ihre Schießprüfung zum Jagdschein.

"Den Aufwand habe ich wirklich unterschätzt", sagt Charlotte, als sie zwei Stunden zuvor ins Auto steigt – um halb acht morgens an einem Samstag. An zwei Abenden die Woche geht sie nach ihrem Arbeitstag als Projektmanagerin zum Theorieunterricht. Sie lernt, wann welches Wildtier geschossen werden darf, wie sich Bäume fortpflanzen und wie man ein Gewehr richtig nutzt. An den Wochenenden stehen Fallenkunde, Schießübungen, Wildbretzerlegung und Hundearbeit auf dem Lehrplan. 

Wie Charlotte machen immer mehr Frauen den Jagdschein. Wie passt das in eine Zeit, in der junge Menschen für eine bessere Klimapolitik auf die Straße gehen und immer weniger Fleisch essen?

Sieben Prozent der rund 384.000 Jagscheininhabenden in Deutschland sind Frauen – Tendenz steigend. 2017 waren mit 24 Prozent knapp ein Viertel aller Teilnehmenden der Jägerausbildung weiblich, ergab eine bundesweite Befragung des Deutschen Jagdverbands (DJV). 2011 seien es noch 20 Prozent gewesen, so Torsten Reinwald vom DJV. Auch die Mehrheit der Protestierenden der "Fridays for Future"-Bewegung sind laut einer Studie Frauen. Sie setzen sich für mehr Klimaschutz ein und folglich für einen bewussteren Fleischkonsum. Wildfleisch gilt dabei als ökologische Alternative (Frankfurter RundschauDie Zeit).

Zum Geburtstag bekommt Charlotte von ihrem Vater einen Jagdhut geschenkt.

(Bild: privat)

Ein Jagdschein widerspreche überhaupt nicht dem Trend, weniger Fleisch zu konsumieren, findet auch Charlotte. Sie ernährt sich vegetarisch. Das einzige Fleisch, das sie essen will, ist das, was sie als Jägerin selbst schießt. "Ich will in der Lage sein, das Tier, dessen Fleisch ich esse, selbst zu töten", sagt die angehende Jungjägerin. So werden die Jägerinnen in den ersten drei Jahren nach der Prüfung genannt. 

Überhaupt gehe es bei der Jagd nicht nur darum, lange auf einem Hochsitz am Waldesrand auszuharren, mit dem Ziel ein Wildtier zu entdecken und es zu erschießen. "Das Schießen macht gerade einmal 30 bis 40 Prozent meiner Ausbildung zur Jägerin aus", sagt Charlotte. 

„Wer einmal gesehen hat, was alles mit dem Töten eines Tieres zusammenhängt, es von seinem natürlichen Lebensraum bis auf den Teller begleitet hat, gewinnt unfassbar viel Respekt vor Lebewesen an sich.“
Charlotte

Was alles damit zusammenhängt, lernt Charlotte in mehr als 120 Stunden Unterricht. Dazu gehört auch, dass sie sich der Waidgerechtigkeit, dem Ehrenkodex von Jägern und Anglern verpflichtet. Das bedeute, dass sie sich bewusst sei, dass es sich um ein Lebewesen handle, das sie töte, dass sie würdig mit ihm umgehe und seinen Leidensweg so gering wie möglich halten wolle. 

Vor fünf Monaten begann die Hamburgerin die Jagdausbildung.

Auf dem Schießstand in Garlstorf schießt sie an diesem Samstag im Januar zum ersten Mal – und trifft. Acht von zehn Schuss aus dem Stand auf eine Zielschiebe und drei von zehn Schuss auf eine fliegende pinke Tontaube. Damit hätte sie die Prüfung bestanden. 

Charlotte übt mit der Büchse, einem Jagdgewehr mit langem Lauf. Im Liegen muss sie damit auf einen 100 Meter entfernten aufgemalten Fuchs treffen. 

(Bild: Pia Seitler)

Sehr anstrengend sei es gewesen, weil das Gewehr so schwer sei und sie viel Respekt vor der Waffe habe, sagt Charlotte danach. "Aber es macht richtig Spaß!" Auf die Frage, ob sie denn auch auf Tiere schießen und sie töten könne, antwortet sie: "Da bin ich sehr gespannt. Das einzige, was ich bisher geschafft habe, war beim Angeln einen Fisch zu töten und das fiel mir schon sehr schwer." Als sie vergangenen Oktober lernte, wie man tote Tiere präpariert und einen abgetrennten Rehkopf vor sich auf dem Tisch liegen hatte, fühlte sie einen Kloß im Hals. "Es hat mich Überwindung gekostet, als ich die langen Wimpern und die Bambiaugen gesehen habe. Aber das Tier war ja schon tot", sagt Charlotte.

Die 27-Jährige wuchs in einer Kleinstadt bei Hannover auf. Mit der Jagd hatte sie in ihrer Kindheit keine Berührungspunkte. Das Interesse dafür entwickelte sie während ihrer letzten Beziehung. In der Familie ihres Ex-Freundes waren alle Jäger. Im vergangenen Sommer begleitet sie zum ersten Mal einen Jäger auf den Hochsitz. Sieben Stunden harren die beiden nebeneinander aus und beobachten das Geschehen im Wald. Geschossen wird an diesem Tag nicht. "Ich war danach erholter als nach zwei Wochen Strandurlaub. Ich habe unterschätzt, wie gut es tut, mal wieder aus der Stadt rauszukommen", sagt Charlotte.

Aus einer Befragung des deutschen Jagdverbands geht hervor, dass die Liebe zur Natur und der angewandte Naturschutz von Frauen am häufigsten als Motive für den Jagdschein genannt werden.

In Charlottes Kurs sind etwa ein Drittel der Teilnehmenden Frauen. Ein paar kommen aus Jägerfamilien, einige machen es, weil sie anschließend Jagdhunde ausbilden möchten, manche hatten wie Charlotte vorher nicht viel mit der Jagd zu tun.

Im März findet die Jägerprüfung statt. Sie wird nicht ohne Grund auch "Grünes Abitur" genannt. Neben der Schießprüfung gibt es einen schriftlichen Teil und einen mündlich-praktischen, bei dem oft ein Gang durchs Revier ansteht. 

Charlotte sagt, sie wache gerade morgens auf und denke "der Fuchs schnürt". Das sei der typische Trabgang eines Fuchses. Und abends schlafe sie nicht ein, ohne nachgelesen zu haben, wann die Jagd auf Stein- und Baummarder ausgeübt werden darf. Was sie nach der Prüfung mit ihrer zurückgewonnen Freizeit macht, weiß Charlotte noch nicht. Sie lacht, als sie die Frage hört.

Ein Revier pachten, um darin zu jagen, darf sie erst nach drei Jahren. Das sei auch gut so. "Mit einem Jagdschein, bist du noch lange keine Jägerin", sagt sie. Erst einmal will die Hamburgerin mit erfahrenen Jägerinnen und Jägern auf die Jagd gehen – und dabei noch mehr lernen.

In einer früheren Version des Artikels stand, dass die Schrotkügelchen auf eine 100 Meter entfernte Zielscheibe treffen. Das war falsch. Wir haben die Angabe korrigiert.


Gerechtigkeit

Wie viel Macht hat die Junge Union beim Ringen um den CDU-Vorsitz?
100.000 Mitglieder – 100.000 Meinungen?

Annegret Kramp-Karrenbauer schmeißt hin. Am Montag kündigte sie auf einer CDU-Präsidiumssitzung ihren Verzicht auf eine Kanzlerkandidatur und gleichzeitig den Rücktritt vom CDU-Vorsitz an (SPIEGEL). Der Rücktritt kommt als Nachwehe der Ministerpräsidentenwahl in Thüringen – dort hatten CDU-Mitglieder gemeinsam mit AfD-Politikern für einen FDP-Kandidaten gestimmt (bento). 

Zum Sommer will Annegret Kramp-Karrenbauer den Prozess der Kanzlerkandidatur organisieren und dann den Vorsitz abgeben. Die Konservativen stehen damit vor einem ähnlichen Problem wie jüngst noch ihre Koalitionspartner: Die SPD hatte nach einer 152 Tage dauernden Castingtour eine neue Doppelspitze gewählt. Für die Sieger hatten maßgeblich die Jusos getrommelt, Juso-Chef Kevin Kühnert wurde als Strippenzieher gefeiert (bento). 

Kann die Junge Union ein ähnlicher Königsmacher sein? Und wenn ja: Wen favorisiert der CDU-Nachwuchs?

Mit mehr als 100.000 Mitgliedern ist die Junge Union der größte politische Jugendverband in Deutschland. Auf diese Größe bildet sich die Partei viel ein. Wann immer man CDU-Politiker zu "Fridays for Future" befragt, verweisen sie darauf, dass die Junge Union mehr Mitglieder als die gesamten Grünen habe. 

Doch steckt hinter der schieren Größe auch eine reale Wirkmacht?

Wer in den vergangenen Monaten JU-Veranstaltungen besucht hat, kam an einem Namen nicht vorbei: Friedrich Merz. Der Ex-Fraktionsvorsitzende unterlag 2018 bei der Wahl zum Parteivorsitz und gilt als Erzrivale von Annegret Kramp-Karrenbauer. Auf JU-Veranstaltungen schenken sie ihm Standing Ovations und "Kanzler"-Sprechchöre, bei vielen Jungen gilt ausgerechnet der 64-Jährige als große Hoffnung.