Die neunte Folge unserer Serie "Mein erstes Jahr im Job"

Anna*, 27, stieg nach der Uni als Customer-Relationship-Managerin bei einer Lokalzeitung ein und arbeitete an einer Schnittstelle zwischen IT und Vertrieb. Im Job bildete sie sich zur IT-Spezialistin weiter – und wurde mit Jobangeboten überhäuft.

Mein erstes Jahr im Job

Der Einstieg ins Berufsleben ist aufregend, anstrengend – und oft ganz anders als geplant. Man weiß noch nicht, wie eine Gehaltsverhandlung abläuft, ist überfordert von den vielen Aufgaben und neuen Menschen – oder im Gegenteil: langweilt sich schon nach den ersten Wochen. In der Serie "Mein erstes Jahr im Job" sprechen wir mit Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern über ihren Start ins Arbeitsleben. Du hast auch etwas zu erzählen? Dann schreib uns an uniundarbeit@bento.de.

"Mein erstes Jahr im Berufsleben fühlte sich an, als sei ich zu den coolen Kids der Highschool aufgestiegen. Dabei hatte es erst gar nicht danach ausgesehen. Nach dem Abitur studierte ich zunächst Gesundheitsökonomie, dann Management und Marketing, im September 2018 schloss ich den Master ab. Nur machten das eben viele, es herrschte große Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Ich bewarb mich auf knapp 45 mäßig bezahlte Stellen in mehreren deutschen Städten, doch offensichtlich fehlte mir die Praxiserfahrung: Die Unternehmen entschieden sich meist für Bewerberinnen oder Bewerber, die schon ein bis zwei Jahre im Job waren. So teilte man es mir zumindest bei den Absagen mit.

„Ich wollte einen Job mit Sinn.“
Anna

Ich war frustriert und zweifelte an meiner Studienwahl – das könnte man schon eine Quarter-Life-Crisis nennen: Ich hatte das Gefühl, auf dem Weg falsch abgebogen zu sein. Das lag auch daran, dass ich kein Unternehmen fand, mit dessen Werten ich mich identifizieren konnte. Anstatt den Menschen durch Marketing Dinge schmackhaft zu machen, die sie eigentlich nicht brauchen, wollte ich einen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Ich wollte einen Job mit Sinn. (bento)

Nach knapp vier Monaten Jobsuche bewarb ich mich schließlich bei der Lokalzeitung  in meiner Studienstadt, dabei wollte ich doch wegziehen. Ehrlich gesagt war mir die Stelle im Customer-Relationship-Management egal. Im Studium hatte ich nur ein Modul dazu belegt, ich wusste nicht genau, was mich erwartete, bei der Bewerbung gab ich mir kaum Mühe. Trotzdem bekam ich den Job und da ich keine Alternative hatte, fing ich im Januar 2019 bei der Zeitung an. So rutsche ich in den Bereich der Informationstechnologie oder kurz IT – und mein Marktwert vervielfachte sich schlagartig.

Als Customer-Relationship-Managerin arbeite ich an einer Schnittstelle zwischen IT und Vertrieb. Ich betreue eine Software, "Salesforce" heißt sie, die von Vertrieb, Marketing und Kundenservice für das Management von Kundenbeziehungen genutzt wird. Bei der Zeitung geht es da vor allem um Anzeigenkunden. Mein Job ist es, Nutzeranfragen zu bearbeiten, Fehler zu beheben und das System weiterzuentwickeln. Daneben schule ich Kolleginnen und Kollegen. Monatlich verdiene ich damit knapp 2700 Euro brutto, obendrauf kommen Bonuszahlungen.

Weiterbildung im Job

Bevor ich bei der Zeitung anfing, hatte ich keine Ahnung von der Software, allerdings steht die auch in anderen Studiengängen nicht auf dem Lehrplan. Das war meine Chance. Schon in den ersten Wochen im Job hatte ich meine Aufgaben meist am Vormittag erledigt und verbrachte den Rest des Arbeitstages auf der Lernplattform von "Salesforce". Ich redete mehrmals mit meinem Chef darüber, dass ich unterfordert war. Er war aber selbst neu in seiner Position, wusste also nicht, was ich genau machte, und änderte daher nichts an der Situation. Also investierte ich die freie Zeit in meine zukünftige Karriere: Über mehrere Monate bildete ich mich zur Administratorin für die Software weiter, nach etwa einem Dreivierteljahr im Job schloss ich mein erstes Zertifikat ab.  

Mit dem Zertifikat kamen die Jobangebote: Plötzlich bekam ich alle paar Wochen Anfragen von Headhuntern. Sie kontaktierten mich über ein Karrierenetzwerk und boten mir Stellen in der IT an. Ich wollte mich zwar nicht gleich in den nächstbesten Job stürzen, nahm aber an mehreren Bewerbungsgesprächen teil, um zu üben. Denn mir war schon nach den ersten Monaten bei der Zeitung klar: Nach einem Jahr würde ich mich bei anderen Unternehmen umschauen. Mit mindestens zwölf Monaten Arbeitserfahrung hätte ich bestimmt noch bessere Chancen, so dachte ich. 

Jobwechsel in einen nachhaltigen Konzern

Und tatsächlich bekam ich nach dem ersten Jahr im Beruf noch mehr Anfragen, was sicherlich auch daran lag, dass ich ein weiteres Zertifikat als Platform App Builder abschloss – das heißt, ich konnte programmieren. Ich hatte nun also eine Auswahl von Angeboten im Consulting und in der Beratung, mehrere kleinere und auch einige größere Unternehmen wie Deloitte wollten mich einstellen. Bei meiner ersten Jobsuche nach dem Marketingstudium war das für mich unvorstellbar gewesen, da konnte ich mir keinen Job aussuchen.

In meinem zweiten Job wollte ich aber unbedingt für ein Unternehmen arbeiten, hinter dem ich stehe – das etwa einen Teil seiner Einnahmen in soziale Projekte steckt, in Umweltschutz investiert oder sich freiwillig engagiert. Also suchte ich aktiv: Diesmal musste ich nicht 45, sondern nur vier Bewerbungen schreiben. Und jedes Mal wurde ich zum Gespräch eingeladen. Nach einem Aufnahmetest, bei dem ich eine App bauen und sie anschließend vor Ort präsentieren musste, ergatterte ich schließlich meinen Traumjob. Gerade habe ich den neuen Arbeitsvertrag unterschrieben: Ab Juli werde ich als IT-Beraterin für "Salesforce" bei einem deutschen Mobilitätskonzern arbeiten, der einen Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit legt, und dafür endlich in eine größere Stadt ziehen. Auch in Sachen Gehalt mache ich einen Sprung nach vorn: Als IT-Beraterin werde ich im Monat knapp 4100 Euro brutto verdienen.

„Hätte ich mich in meinem ersten Job nicht gelangweilt, wäre ich heute wohl keine IT-Spezialistin.“
Anna

Ich bin froh darüber, die Branche gewechselt zu haben. Trotzdem wundere ich mich manchmal über die Unterschiede, insbesondere im Gehalt. Letztendlich war es bei mir ja Zufall, dass ich in eine solch gut bezahlte Branche gerutscht bin: Hätte ich mich in meinem ersten Job nicht gelangweilt, wäre ich heute wohl keine IT-Spezialistin. Warum also verdiene ich als IT-lerin mehr als im Marketing? Nur weil man jemanden wie mich gerade sucht? Das Ganze ergibt für mich wenig Sinn, Pflegekräfte sind schließlich auch gefragt, verdienen aber nur wenig."

* Damit unsere Protagonistinnen und Protagonisten offen von ihrem Berufseinstieg erzählen können, ohne Nachteile fürchten zu müssen, bleiben sie hier anonym. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt.


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