Bild: Gregor Fischer/dpa

Wenn soziale Netzwerke die Regeln ändern, ohne ihre Nutzerinnen und Nutzer zu fragen, kann das ganze Geschäftsmodelle zerstören. Gemeinsam mit der IG Metall will eine Vereinigung von YouTubern nun für bessere Arbeitsbedingungen streiten. Es ist auch der Versuch traditioneller Gewerkschaften, sich auf junge Berufsbilder einzustellen.

Es ist kurz vor Weihnachten, als Malte zu seiner Freundin sagt: "Baby, jetzt ist es passiert."
An diesem Morgen wurde wahr, was Malte zwar für möglich gehalten, doch meist verdrängt hatte: YouTube hatte seinen Kanal gelöscht. Komplett. Dutzende Videos, knapp 40.000 Abonnenten und sieben Jahre Arbeit – einfach weg. Ohne Vorwarnung, ohne Ansprechpartner, ohne Chance auf Berufung. "Fuck", denkt Malte noch heute, mehr als acht Monate danach, laut an diesen Morgen zurück.

Dummesaulol ist das Projekt von Malte, 29, Quitschi, 28 und Rene, 45, der meist hinter der Kamera steht. Der Stil der Videos, den sie machen, lässt sich wohl am besten mit dem der berüchtigten MTV-Serie "Jackass" vergleichen. Mit einer zum Gokart frisierten und gefüllten Badewanne über eine Rampe springen? Für die drei Österreicher kein Ding. "Wir wollen all das, was man niemals tun würde, einfach machen", sagt Malte.

Malte Dünser (links)

(Bild: Privat)

Sie verdienen damit Geld, es bleibt aber Hobby. Die Produktion ihrer Videos frisst oft sogar mehr Geld, als sie durch Werbung auf YouTube dafür bekommen. Wie viel es genau ist, verraten sie nicht. Schon im Alter von acht Jahren hatte Malte damit begonnen, erste Stunt-Videos zu drehen. Er hat sich bereits Schädel, Arme und Beine gebrochen. "Broadcast Yourself" verspricht YouTube Menschen wie ihm. Hier hast du Platz, deine Talente zu zeigen.

Doch seit März 2017 bestimmte zunehmend YouTube, welche Talente auf der Plattform gesehen und finanziell gepusht werden sollten.

Weil damals Werbung großer Marken neben extremistischen YouTube-Videos aufgetaucht war, zogen mehrere Konzerne – darunter L'Oréal, McDonald's und Audi – ihre Werbeanzeigen auf der Videoplattform zurück. Google, wozu YouTube gehört, änderte daraufhin die Regeln dafür, neben welchen Videos überhaupt noch Werbung gezeigt werden darf. Für viele YouTuber war das damals der Beginn der "Adpocalypse", wie sie ihre Sorge aus ad, englisch kurz für Werbung, und apocalypse zusammensetzten. (Horizont)

Seitdem schaut man bei YouTube zunehmend auch darauf, welche Videos am meisten Geld bringen. Nur wer wie die Jungs von Dummesaulol, mindestens 1000 Abonnenten und 4000 Stunden Videoabrufe in den vorherigen zwölf Monaten vorweisen kann, hat überhaupt  die Möglichkeit, dem Partnerprogramm von YouTube beizutreten und mitzuverdienen, wenn rund um sein Video Werbung gespielt wird.

Nicht nur Videos mit extremistischen Hintergrund und Waffen löscht YouTube mittlerweile, auch Clips über Politik oder Veganismus bleiben häufig bei den Werbeanzeigen ausgeschlossen oder werden vom Algorithmus verschluckt. Warum und auf welcher Basis ausgesiebt wird, das ist für die, die Videos machen und neben- oder hauptberuflich damit auf YouTube ihr Geld verdienen, oft kaum oder gar nicht nachvollziehbar.

Jörg Sprave, 54, einst mit seinem Kanal "The Slingshot Channel" zum YouTube-Star geworden, wollte sich das nicht mehr gefallen lassen. 

Deshalb gründete er im März 2018 die YouTubers Union, eine Art Gewerkschaft für YouTuber. 

Mittlerweile zählt sie mehr als 15 000 Mitglieder und formiert sich vor allem über Facebook.

Sie fordert unter anderem, dass es auch auf kleineren YouTube-Kanälen wieder Werbung geben soll, dass es einen direkten und transparenten Kontakt zwischen der Plattform und YouTube braucht, und dass es klarere Regeln geben muss – sowohl für das Einblenden von Werbung als auch für das Löschen einzelner Videos oder die Sperrung ganzer Kanäle.

 "Wie problematisch die Arbeitsbedingungen für YouTuber sind, darüber weiß die Öffentlichkeit jedoch kaum Bescheid", sagt Sprave. Wie der Bericht des "Crowdworking-Monitors", gefördert durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, aus dem September 2018 zeigt, sind derzeit rund fünf Prozent der über 18-jährigen Deutschen auf Gig-, Click- oder Crowdworking-Plattformen aktiv. Rund 70 Prozent von ihnen erzielen auf diese Weise ein Erwerbseinkommen – meistens im Nebenverdienst. Allerdings arbeitet auch rund ein Drittel der Crowdworker mehr als 30 Stunden pro Woche, 24 Prozent sogar mehr als 40. Trotzdem scheint vieles, etwa das Arbeitsrecht, kaum auf die Bedürfnisse von Online-Arbeitern abgestimmt. Dabei scheint die Nachfrage riesig: "Früher wollten alle Astronaut werden, heute ist der Traumberuf  YouTuber", sagt Sprave.

Jörg Sprave

(Bild: Privat)

YouTube den Rücken zu kehren, ist für Sprave und seine Mitstreiter dennoch keine Option. Die technischen Möglichkeiten und die Resonanz, die die Plattform biete, seien schlichtweg konkurrenzlos, sagt er. Das macht YouTube seinen Kreativen gegenüber geradezu übermächtig – bringt aber ebenso eine besondere Verantwortung für Publikum und Produzenten mit sich – sollte man zumindest meinen. Konfrontiert man das Unternehmen mit den Forderungen, die die YouTubers Union stellt, gibt es von YouTube bis zum Erscheinen dieses Textes keine Rückmeldung dazu.

Umso wichtiger ist es für Sprave und die mehr als 15.000 Menschen, die er in der YouTubers Union mittlerweile vereint, im Silicon Valley gehört zu werden.

Das will er jetzt gemeinsam mit der IG Metall schaffen, der weltweit größten Vertretung für Arbeitnehmer. 

Es ist die erste Zusammenarbeit von Crowdworkern und einer großen, alten Industriegewerkschaft dieser Art. 

"Für uns als YouTubers Union ist diese Zusammenarbeit ein großes Glück", sagt Sprave, "wir haben Zugriff auf Ressourcen, Erfahrungen und Verbindungen, die unserem Engagement nur guttun können". 

Ihre Ziele formulieren YouTubers Union und IG Metall in einem am Freitag veröffentlichten Video. Es markiert den Start der Zusammenarbeit. Sie lebt momentan vor allem durch regelmäßige Telefonate und wöchentliche Treffen zwischen Sprave und der Projektgruppe Crowdsourcing der IG Metall.

Es soll um größere Teilhabe gehen, klarere Beschäftigungsverhältnisse, bessere Löhne und mehr Mitspracherecht.

"Transparenz, Schutz vor Willkür, Mitsprache – die YouTuber kämpfen für die gleichen Dinge, wie Crowdworker auf anderen Plattformen", sagt Vanessa Barth, 50, die bei der IG Metall das Projekt Crowdsourcing leitet, das sich bereits seit 2015 damit beschäftigt, die Arbeitsbedingungen auf digitalen Plattformen zu verbessern. Die Ideen reichen dabei über YouTube hinaus: "Ob künstliche Intelligenz, autonomes Fahren oder Übersetzungsprogramme, in all diesen Arbeitsprozessen sind Menschen verwoben", sagt Barth. Die Zusammenarbeit mit der YouTubers Union soll da ein Anfang sein.

(Bild: Carmen Jasper/dpa)

"Das ist Pionierarbeit", sagt auch Christiane Benner, Zweite Vorsitzende der IG Metall. Sie verweist auf erste Erfolge, etwa den von neun Plattformen unterzeichneten Crowdsourcing Code of Conduct. Darin verpflichten sich die Plattformen, faire Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. Damit diese Selbstverpflichtung auch durchgesetzt wird, wurde im November 2017 auch eine unabhängige Ombudsstelle eingerichtet.

Malte und "Dummesaulol" sollen von all diesen Dingen profitieren. Dank des Engagements von YouTubers Union ist ihr Kanal mittlerweile wieder online, auch alle alten Videos sind gesichert. Dennoch: Die Angst vor Zensur und Löschung ihres Kanals, die bleibt. "Ums Geld ging es uns noch nie. Es geht uns darum, unsere Kunst ausdrücken zu können", sagt Malte. Was er sich von der Zusammenarbeit zwischen YouTubers Union und IG Metall erhofft? "Mehr Heavy Metal auf YouTube."


Haha

Mach mal Siesta, Deutschland!
Warum wir bei spanischem Wetter spanische Bräuche einführen sollten.

Als ich heute Morgen die Treppen in den U-Bahnhof hinabgehe, begrüßt mich ein kühler Luftzug. Eigentlich ist der langersehnte Summer in the City doch schön, denke ich mir noch. Nur zwei Minuten später löst sich der Gedanke auf wie ein Eiswürfel im Wasserkocher. Beim Öffnen der Türen schlägt mir eine Hitze-Wand ins Gesicht. 

Meine Motivation ist auf dem Tiefpunkt, bevor das erste Wort geschrieben, die erste Mail geöffnet, oder das erste Telefonat überhaupt geführt wird. Verzweifelt starre ich tagsüber alle zehn Minuten auf meine Wetter-App: 33 Grad in Berlin, 34 in Hamburg und 39 in Köln. Es fühlt sich an, als ob Deutschland sich auf die Sauna-WM vorbereitet. 

Überraschend dabei: Obwohl der Schweiß in Bächen strömt, bleiben Arbeitnehmer hierzulande dem international verbreiteten Klischee des leistungsorierentierten Deutschen treu. In langer Hose, Sakko und Dienstuniform: Die Selbstaufopferung in den glutheißen Großraumbüros kennt keine Grenzen. So kann es nicht weitergehen. 

Denn die aktuelle Hitzewelle macht mir und vielen anderen nicht nur physisch, sondern auch psychisch zu schaffen.

2017 wurden etwa 12.000 Krankschreibungen wegen Hitzschlag, Sonnenstich und ähnlichem ausgestellt, 40.000 Fehltage summierten sich. 

Dass es sinnvolle Alternativen gibt, erinnere ich aus meinem Auslandssemester in Spanien: Trotz ähnlicher Temperaturen schien der Alltag nicht so schwerfällig wie aktuell in Deutschland. 

Der Schlüssel zum Überstehen der Hitze war die Siesta, eine zwei- bis dreistündige Pause zwischen vierzehn und siebzehn Uhr. 

In dieser Zeit saßen die Menschen im Café, aßen, tranken Wein, oder hielten einfach ein Mittagsschläfchen. 

Diese Arbeitsunterbrechung verwunderte mich urdeutsche Kartoffel am Anfang. Drei Stunden Pause? Statt der üblichen dreißig Minuten? Das fühlte sich falsch an. Das "Nine To Five"-Schema war so in meiner DNA verankert, dass ich mir nicht vorstellen konnte, was mit der Zeit überhaupt anzufangen sei. Anfangs blieben meine Kommilitonen und ich sogar in der Uni, im Laufe der Zeit lernten wir jedoch, die Siesta zu nutzen: Wir entspannten im Park, trieben Sport, kochten gemeinsam. Der Alltag wurde entschleunigt, aufgeteilt und dadurch entspannter.