Bild: Sabrina Jenne
Teil drei zu unserer neuen Kolumne über Selbstständigkeit: Wo soll ich nur arbeiten?

Leider gehöre ich nicht zu der Sorte disziplinierter Menschen, die sich morgens einen gesunden Saft mixen, ins Fitnessstudio gehen und danach alle Aufgaben von der To-Do-Liste abarbeiten. Ich kann gut einen ganzen Tag zu Hause verbringen, mir eine Pizza in den Ofen schieben und mich von Kleinigkeiten abhalten lassen. Am besten arbeite ich unter Druck und wenn ich sehe, wie andere um mich herum das Gleiche tun.

Als ich zu Beginn des Jahres meinen Businessplan schrieb und einen Kostenplan aufstellte, vernachlässigte ich aber meine Wünsche zum Arbeitsumfeld. Ich wollte Geld sparen und dachte, ich könne von zu Hause aus meine Texte schreiben. Schließlich kann man als freier Journalist und Digitalnomade doch von überall aus arbeiten, oder?

Ich stellte schnell fest, dass ich mich geirrt hatte.

Meine eigene Chefin – unsere Kolumne für Selbstständige

Kristin Hermann, 28, hat beim "Weser Kurier" in Bremen volontiert und dort bis Sommer 2018 in der Lokalredaktion gearbeitet. Seit diesem Jahr ist sie als freie Journalistin in Berlin tätig. Hermann wäre beinahe schon an dem Antrag für den Gründungszuschuss gescheitert, hat sich am Ende aber doch durchgekämpft – mit Erfolg. In dieser Serie schreibt sie über die Herausforderungen für Selbstständige und erklärt zukünftigen Gründerinnen, was es zu beachten gilt.

In der eigenen Wohnung findet sich immer eine Ablenkung: die Wäsche, der tropfende Wasserhahn, der Staub auf dem Regal. Eine Zeit lang fand ich es zwar ganz reizvoll, im Schlafanzug vor dem Computer zu sitzen, Mails zu schreiben und Interviews zu führen, ohne dass mein Gesprächspartner davon wusste. Es dauerte nur wenige Wochen, dann kam ich mir erbärmlich vor. Entweder schafft man nach dieser Erkenntnis den Absprung, und richtet sich zu Hause eine Arbeitsecke mit festen Zeiten ein, oder man sucht nach einer Alternative – so wie ich.

Als Freiberufler oder Start-up-Gründerin ist es schwierig, kostengünstig an eigene Büroflächen zu kommen, gerade wenn man noch am Anfang steht.

Eine beliebte Lösung ist deshalb seit einigen Jahren das Arbeiten in Coworking Spaces. Dabei handelt es sich um flexible Gemeinschaftsbüros, in denen Selbstständige und Freiberuflerinnen unterschiedlicher Branchen aufeinandertreffen. Nach Angaben des Bundesverbandes Coworking Deutschland gibt es in Deutschland etwa 500 davon. Die Idee dazu stammt aus den USA. Oft wird den Mietenden dabei mehr als ein Schreibtisch geboten: Der zwischenmenschliche Austausch und das Netzwerken stehen ebenfalls im Fokus. Dafür sind in der Regel Gemeinschaftsbereiche oder Veranstaltungen da, bei denen sich die Büro-Kolleginnen und Kollegen näher kennenlernen und im Idealfall beruflich kooperieren können.

Glücklicherweise gibt es in meiner derzeitigen Heimat Berlin etliche Möglichkeiten, sich in so einen Coworking Space einzumieten. Etwa 200.000 Quadratmeter flexibler Bürofläche ist derzeit im Angebot, 100.000 weitere Quadratmeter sind in Planung. Das ergab die Studie "Coworking 2019", die das Immobilienberatungsunternehmen Cushman & Wakefield im April dieses Jahres veröffentlichte. Hinter Berlin folgen als Coworking-Hochburgen flächenmäßig München, Frankfurt am Main, Hamburg und Düsseldorf.

Die Macher der Studie rechnen in den kommenden Jahren mit einem weiteren Zuwachs von Angeboten– und das nicht nur in den Metropolen, wie auch der Coworking-Verband bestätigt. "Seit drei bis vier Jahren entstehen solche Arbeitsplätze auch in Kleinstädten und im ländlichen Raum", sagt Christian Cordes, Vorstandsmitglied im Bundesverbands Coworking Deutschland. Über eine Entwicklung ist die Interessensvertretung jedoch nicht erfreut: "Immer mehr Vermieter stellen bloß die Flächen zur Verfügung und sprechen von Coworking. Allerdings bleibt der Kommunikationsgedanke dabei auf der Strecke", so Cordes.

Laut einer Umfrage des Arbeitsplatz-Magazin Deskmag.com betreut ein Coworking Space in Deutschland durchschnittlich 68 Mitglieder. Wie genau die Plätze ausgestaltet sind, kommt ganz auf den Anbieter an. Vertreten sind größere Ketten wie das US-Unternehmen WeWork oder Rent24 in Berlin, bei denen die Kunden neuerdings sogar Schlafplätze dazu buchen können, aber auch Privatleute, die ihre Flächen zur Verfügung stellen.

Je nachdem, was man sucht, gibt es die Möglichkeit, sich tage- oder stundenweise in ein Büro einzumieten oder einen dauerhaften Schreibtisch zu buchen.

Neben speziellen Angeboten, beispielsweise für Frauen und Mütter, fördern einige Spaces die Möglichkeit, mit bereits gestandenen Firmen zu kooperieren. Diese wiederum erhoffen sich, Nachwuchs für die eigenen Reihen zu rekrutieren und am Puls der Zeit zu bleiben.

Etwa 80 Prozent der Coworker sind laut Christian Cordes in der Kultur- und Kreativwirtschaft tätig.

Den Großteil davon bilden Selbstständige und Freiberufler, die ihr Unternehmen schwerpunktmäßig vom Computer aus leiten. "Es gibt aber auch ganze Teams, die sich für ein Projekt temporär in die Büros einmieten", so Cordes weiter. Auch die Meetingräume der Bürogemeinschaften seien begehrt. "Früher sind die Firmen extra in Tagungshotels gefahren, heute buchen sie sich einen geeigneten Raum im Coworking Space."

Die geteilte Fläche muss aber nicht zwangsläufig für jedes Start-up das Richtige sein. Wer sich von der Gegenwart anderer schnell ablenken lässt, wird im Homeoffice produktiver sein, denn in den meisten Großraumbüros gehört eine permanente Geräuschkulisse dazu. Hinzu kommt, dass nicht jede Gemeinschaft über gesonderte Meeting-Räume verfügt oder diese häufig ausgebucht und mit Mehrkosten verbunden sind. Problematisch kann es auch werden, wenn das eigene Unternehmen schnell wächst und Mitarbeiter hinzukommen, die entsprechenden Platz benötigen. Laut Coworking-Verband bleiben die meisten Mieterinnen und Mieter zwischen ein bis drei Jahren.

Ich persönlich habe mir mehrere Varianten angeschaut, denn nicht jedes Konzept lässt sich mit dem eigenen vereinbaren. Abschreckend fand ich Einrichtungen, in denen zwar viele Menschen zusammen in einem Büro tätig waren, sich aber niemand für den anderen interessiert, geschweige denn gegrüßt hat. Zum Teil waren die Regeln so strikt, dass ich für berufliche Telefonate in eine kleine Telefonzelle gehen sollte.

Ich bin letztendlich in einer kleinen Gemeinschaft mit fünf weiteren Selbstständigen fündig geworden – für mich die perfekte Mischung aus Miteinander und nur wenig Trubel.

199 Euro zahle ich monatlich für meinen Schreibtisch samt WLAN, Reinigungskosten und 24-Stunden-Zugang. Es war früher einmal eine Wohnung, die nun in zwei Büroräume umgewandelt wurde. Den größeren davon teile ich mir mit drei weiteren Personen. Es gibt ausreichend Stauraum, Tageslicht und gemütliche Stehlampen. In der Küche besteht die Möglichkeit, sich Mittagessen zuzubereiten. Wie bei vielen anderen Coworking Spaces kann ich jeden Monat kündigen. Wenn ich bedenke, wie viel produktiver ich seitdem bin, zahlt sich diese Investition allemal wieder aus.

Auch wenn der Ort, von dem aus ich schreibe, eigentlich nichts über die Qualität meiner Arbeit aussagen sollte, habe ich doch das Gefühl, von potenziellen Kunden ernster genommen zu werden, seitdem ich eine Geschäftsadresse vorweisen kann. Außerdem kann es in einigen Fällen deutlich angenehmer sein, nicht seine Privatadresse für berufliche Zwecke offenbaren zu müssen.

Und seien wir mal ehrlich: Ist es nicht viel schöner, seine Freude oder seinen Unmut über ein Projekt mit anderen teilen zu können? Natürlich wäre es noch ein bisschen hilfreicher, wenn man aus der gleichen Branche kommen würde, doch einige Dinge sind bei fast allen Selbstständigen gleich. So empfinde ich es zum Beispiel als sehr wertvoll, sich über Social-Media-Strategien oder das Schreiben von Rechnungen auszutauschen, gerade wenn man noch unsicher ist, wie viel Geld man für seine Arbeit eigentlich verlangen sollte und wie lange man warten muss, bis Kunden Rechnungen begleichen.

Wie wichtig es ist, mit anderen Freiberuflern über Geld zu sprechen und was Experten raten, wie man faire Honorare für sich verhandelt, darum wird sich der kommende Serienteil drehen.


Gerechtigkeit

Feminismus im gefährlichsten Land der Welt: So kämpfen Frauen in Indien für ihre Rechte

Indien ist das für Frauen gefährlichste Land der Welt – zumindest meldete das 2018 die Thomson Reuters Foundation (Reuters). Seit 2012 dringen immer wieder Berichte über Massenvergewaltigungen aus dem Subkontinent zu uns, vor Ort stehen sie fast täglich in den Zeitungen. 

Gleichzeitig gibt es starke, feministische Bewegungen: Bereits in den Sechzigerjahren wurde mit Indira Ghandi eine Frau Regierungschefin, die Wahlbeteiligung von Frauen wächst schneller als die der Männer (Zeit Online). Erst Anfang des Jahres formten Tausende Frauen im südindischen Kerala eine 600-Kilometer-lange Protestkette. Sie wollten zwei Frauen dazu ermutigen, einen Tempel zu betreten. Im gebärfähigen Alter war ihnen das lange verboten, doch der indische Gerichtshof hatte die Praxis für unzulässig erklärt. 

Frauen in Indien kämpfen für ihre Rechte – mit teils großem Erfolg. Sicherer wird es für sie in dem Land dennoch nicht. Es ist schwierig, in diesen Gegensätzen ein Bild der indischen Frau zu formen. Shammi Singh hat es trotzdem versucht.  

Der 31-Jährige wuchs als Sohn eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter in Ditzingen bei Stuttgart auf. Vor zehn Jahren reiste er das erste Mal nach Indien. Für seine selbst produzierte Doku "Women’s Voice India’s Choice" fuhr er die gleichen Routen noch einmal ab, von Süd nach Nord, sprach mit Studentinnen, Lehrerinnen, Gründerinnen, mit Überlebenden von Gewaltattacken und Journalistinnen – kurz: mit vielen indischen Frauen.