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Unser Autor hat von zu Hause aus gearbeitet – und war davon nicht begeistert.

Ich habe neulich einen Tag von zu Hause gearbeitet. Homeoffice – darauf waren viele in meinem Freundeskreis sofort neidisch. Ich müsse mir zum Arbeiten nicht mal eine Hose anziehen, sagten einige. Niemand merke, wenn ich einfach einen Tag lang nichts leiste. Mein Bett könne mein Arbeitsplatz sein. All das bekam ich mantraartig zu hören.

Dass die Arbeit im Homeoffice auch nerven kann, kann sich kaum jemand vorstellen.

Meinen ersten Homeoffice-Tag machte ich, weil Maler das Bad meiner Wohnung streichen mussten. Den Termin konnte ich nicht verschieben. Hätte ich nicht zu Hause gearbeitet, hätte ich mir extra einen Tag Urlaub nehmen müssen. Außerdem lässt mein Job es – in der Theorie – zu, dass ich nicht ständig im Büro sein muss. Zum Arbeiten brauche ich nur meinen Laptop und eine funktionierende Internetverbindung. Für viele klingt das traumhaft. Ich muss ehrlich sein: für mich eigentlich auch. Bis ich das Homeoffice-Modell selbst ausprobiert habe.

Pünktlich um 8.30 Uhr saß ich am Esstisch vor dem Laptop. Ein frischer Kaffee stand neben mir. Ich war in alle notwendigen Systeme eingeloggt. Eigentlich war alles genauso wie im Büro. Bis es um 9 Uhr an der Tür klingelte. Die Handwerker waren da.

Die erste – unfreiwillige – Pause des Tages brachte mich aus dem Konzept.

Als ich eine Viertelstunde später wieder vor meinem Laptop saß, musste ich mich erst neu sortieren. Was wollte ich noch mal in welcher Reihenfolge machen? Als ich wieder richtig loslegte, war es schon 9.30 Uhr.

Im Büro bringt mir der Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen sehr viel. Wenn ich mal nicht weiter weiß, frage ich jemand um Rat. In einem kreativen Job wie meinem ist das extrem hilfreich. Zu Hause fehlte mir diese Interaktion. Als ich nicht vorankam, saß ich mit leerem Blick am Esstisch. Also machte ich mir noch einen Kaffee, schaute bei den Handwerkern vorbei und setzte mich wieder vor meinen Laptop.

Ich fühlte mich allein. Niemand um mich herum telefonierte, machte Witze oder fragte mich, wo ich am Vorabend Essen war. Einigen Menschen mag die Ruhe helfen – fühlen sie sich doch von Kolleginnen und Kollegen und der Grundlautstärke eines Großraumbüros eher gestört. 

Mich machte die Stille unruhig. Mir fehlte die Struktur, die mir das gewohnte Arbeitsumfeld gibt.

Normalerweise komme ich morgens ins Büro – und fahre neun Stunden später wieder nach Hause. Manchmal lese ich in der U-Bahn schon E-Mails auf meinem Handy. Eigentlich beginnt mein Arbeitstag aber erst, wenn ich am Schreibtisch sitze. Und er endet, wenn ich ihn wieder verlasse. Danach habe ich Freizeit und kann abschalten.

Menschen, die viel von zu Hause aus arbeiten, leiden laut dem Fehlzeiten-Report der Krankenkasse AOK unter stärkeren psychischen Belastungen (DER SPIEGEL).

73 Prozent der Befragten, die häufig im Homeoffice arbeiten, fühlten sich in den vergangenen zwölf Monaten erschöpft.

Bei Beschäftigten, die ausschließlich im Büro tätig waren, waren es nur 66 Prozent. Auch über Wut und Verärgerung klagten fast 70 Prozent der Leute, die häufig von zu Hause arbeiteten. Im Büro waren es nur 59 Prozent. Zudem plagten Lustlosigkeit, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen Menschen im Homeoffice häufiger als die, die im Büro arbeiten.

An meinem Homeoffice-Tag vermischte sich mein privates Freiheitsgefühl mit meinem Arbeitskosmos. Da, wo ich normalerweise entspanne, esse und auch mal ein Glas Wein trinke, musste ich auf einmal hochkonzentriert arbeiten. Irgendwie war ich langsamer als sonst. Dabei machte ich nicht mal eine richtige Mittagspause, sondern holte mir nur fix ein halbes Hähnchen vom Imbiss unten im Haus. Ich aß es vor meinem Laptop. Und versuchte währenddessen weiter, produktiv zu sein.

Dass mein Einzelfall nicht repräsentativ für alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist, weiß ich. Es gibt bestimmt Menschen, die von zu Hause aus sogar effektiver arbeiten als im Büro. Beim Fehlzeiten-Report etwa gaben drei Viertel der Befragten an, daheim konzentrierter arbeiten zu können als am Arbeitsplatz. 

Manchmal macht Homeoffice auch einfach Sinn. Weil man um 15 Uhr schon die Kinder von der Kita abholt. Weil der Arbeitsweg extrem lang ist. Oder weil man, wie ich, die Wohnungstür für die Handwerker aufmachen muss. Dann ist es eine geschickte Lösung.

Ich finde es allerdings wichtig, das Modell nicht nur zu glorifizieren, wie es viele junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tun.

Einige meiner Kolleginnen und Kollegen werden jetzt den Kopf schütteln. Aber ich habe mich zu Hause gefühlt wie zu Studienzeiten, als ich oft mit leerem Kopf vor dem Laptop saß und bis in die Nacht hinein an Abgaben gearbeitet habe.

Im Laufe des Nachmittags wurde mir klar, dass ich mit meiner Arbeit nicht – wie sonst – um 18 Uhr fertig sein würde. Mist. Ich hatte zuvor klare Tagesziele mit meiner Chefin vereinbart, konnte meine To-Do-Liste also auch nicht einfach aufschieben. Ich wollte ihr auch keine Nachricht schicken, in der steht, dass ich mein Pensum nicht erfülle. Bestimmt würde sie denken, ich hätte zu Hause einfach nur prokrastiniert.

Wer im Homeoffice sitzt, arbeitet oft länger als im Büro.

Das zeigt eine Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Das zentrale Ergebnis: Wer außerhalb des Betriebs mit PC, Laptop oder Smartphone arbeitet, hat meist längere Arbeitstage als die Kollegen im Büro (DER SPIEGEL).

Dafür sparte ich mir am Homeoffice-Tag den Arbeitsweg. Immerhin ungefähr eine Stunde. So redete ich es mir schön, dass ich auch am Freitagabend noch zu Hause saß und tippte. Ich wusste, dass ich irgendwie alles schaffen würde. Nur wie lang es dauern sollte, stand noch in den Sternen.

Als ich schließlich, eineinhalb Stunden verspätet, mit allem fertig war, fühlte ich mich kraftlos – und war verärgert darüber, dass der Tag nicht so gelaufen war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber zumindest war Feierabend. Ich schickte meiner Chefin eine Mail mit den Infos zu meinem Tagwerk. Und klappte endlich den Laptop zu.


Gerechtigkeit

LGBT-Rechte in Polen: "Ich könnte nicht einfach so auf ein Date mit einem Mann gehen"

Als Sappho* vor zwei Jahren zum Studieren in die polnische Großstadt Lublin zog, lernte sie eine Stadt kennen, in der queere Menschen sichtbar waren – eine Stadt, in der sie sich zunächst wohlfühlte. Regenbogen-Accessoires gehörten ins alltägliche Bild auf der Straße, erzählt die 20-Jährige. Seit vergangenem Jahr habe sich das geändert. "Früher hatte ich meine Regenbogen-Tasche überall dabei. Heute trage ich sie fast gar nicht mehr, aus Angst vor Anfeindungen."

Regelmäßig landet Polen, wenn es um LGBT-Rechte in Europa geht, auf einem der hintersten Ränge – was nicht zuletzt an der nationalkonservativen Regierungspartei PiS (Recht und Gerechtigkeit) liegt, die seit 2015 den Ministerpräsidenten stellt.

Vergangenen April verabschiedete das Lubliner Regionalparlament eine Resolution gegen die "LGBT-Ideologie", vorangetrieben durch PiS. Drei weitere Regionen und zahlreiche Bezirke und Gemeinden zogen nach. Der ganze Südosten des Landes, und damit mehr als ein Viertel der Bevölkerung, lebt heute in Gebieten, die sich "LGBT-frei" erklärt haben.