Bild: imago images / Marco Stepniak
Unser Autor findet das Bewerbungsverfahren unfair.

Sechs Stunden bräuchten Studentinnen und Studenten für das Ausfüllen eines Bafög-Antrags. Bis zu drei Monate könne es anschließend dauern, bis dieser genehmigt wird. Mit diesen Zahlen haben die Gründer des Start-Ups "deineStudienfinanzierung" am Dienstagabend die Investoren bei "Die Höhle der Löwen" konfrontiert. 

Das Start-Up stellte ein Programm vor, das den Zeitaufwand bei der Antragstellung deutlich reduzieren soll. Bei Löwin Judith Williams kam die Idee gut an. Sie gestand, sie hätte mit der Bewältigung des Antrags zu Studienzeiten selbst Probleme gehabt. 

Konkurrentin Dagmar Wöhrl sieht das anders: Den bürokratischen Aufwand fände sie in Ordnung – es gehe schließlich um Steuergelder. Da könne sie verstehen, dass gewissen Formalien notwendig seien.

Wie bitte? 

Die bürokratische Bafög-Hürde führt doch letztlich nur dazu, dass viele Berechtigte ihre Ansprüche auf finanzielle Unterstützung gar nicht erst geltend machen.

Und das ist auf vielen Ebenen problematisch.

Menschen, denen eine Förderung zusteht, sollten auch einen unkomplizierten Zugang dazu haben.

Für viele ist die monatliche Unterstützung die einzige Chance, sich das Studium überhaupt leisten zu können. Es geht um den Zugang zu Wissen – das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht und wichtiger Bestandteil der Selbstverwirklichung.

Wer einen Erstantrag stellt, braucht dafür laut Statista in der Regel fünfeinhalb Stunden. Zwar nicht ganz so lange, wie die Gründer bei "Die Höhle der Löwen" veranschlagt haben, aber dennoch lange genug, sodass der Antrag zur Hürde wird. Dieter Drohnen, Präsident des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie, schätzt, dass allein vier von zehn Studierenden aufgrund des hohen Aufwands auf die Bewerbung verzichten. (Wirtschaftswoche

Hinzu kommt, dass für viele die Anforderungen des Antrags auch einfach nicht zu bewältigen sind.

Alleine das Besorgen der Unterlagen – etwa mit Nachweisen über die Einkünfte der Eltern – kann ein Grund zum Scheitern sein. Familienverhältnisse sind oft schwierig, manchmal besteht überhaupt kein Kontakt mehr zwischen Eltern und Kindern. Ausnahmen bei solchen Situationen gibt es zwar, aber auch sie sind mit enormem Aufwand verbunden. Elternteile, zu denen schon seit Jahren kein Kontakt mehr besteht, müssen beispielsweise trotzdem mehrere Male kontaktiert werden. Erst unbeantwortete Einschreiben müssen beweisen, dass sie die Hilfe verweigern. (SPIEGEL

Finanzielle Unterstützung ist außerdem nicht nur wichtig, um das Studium überhaupt anzutreten zu können – sondern auch, um seinen Anforderungen gerecht zu werden. 

Zum einen müssen Reader gekauft, Seminararbeiten gedruckt und vielleicht auch mal Bibliotheksgebühren bezahlt werden. Zum anderen wirken sich finanzielle Probleme auch indirekt aus: Wer neben dem Studium viel arbeiten muss, dem fällt es häufig schwer, die nötige Zeit und Motivation aufzubringen, um das Pensum an der Uni noch leisten zu können. Laut dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung gibt jeder zehnte Studienabbrecher finanzielle Probleme als direkt entscheidenden Grund für das vorzeitige Beenden seines Studiums an. (DZHW)

All das zeigt, wie wichtig eine finanzielle Grundsicherung für ein erfolgreiches Studium ist. 

Ein leichterer und unbürokratischer Zugang zu Bafög wäre dafür zwar nicht die alleinige Lösung – Stipendien und Studienkredite sind auch Optionen für Studierende. Aber der Bund und die Ämter hätten die Möglichkeit, die Hürden beim Hindernislauf der Studienfinanzierung deutlich zu senken. 


Fühlen

Warum es okay ist, nicht jedem Trinkgeld zu geben
Der Kellner bekommt welches, die Handwerkerin nicht. Woran liegt das?

Mit dem Geldbeutel in der Hand läuft eine Frau zum Tresen eines Hamburger Restaurants. 7,90 Euro sind für eine hausgemachte Limonade und einen Kaffee fällig. Die Frau kramt einen roten Schein raus. "Mach 8,50 draus", sagt sie zur Bedienung. Andere Szene: Ein Handwerker ist gerade damit fertig geworden, die Dusche zu reparieren, verabschiedet sich an der Tür. Nicht mal für einen kurzen Moment kommt einem der Gedanke, ihm etwas Trinkgeld zuzustecken.

Während es selbstverständlich ist, der Kellnerin oder dem Kellner ein paar Münzen extra auf die Rechnung zu legen, drücken wir Möbellieferanten, Handwerkerinnen oder dem Kassierer selten Trinkgeld in die Hand – dabei verdienen sie meist auch nicht mehr als den Mindestlohn. 

Woran liegt es, dass wir Kellnern Trinkgeld zustecken – und anderen nicht oder selten? 

Die Wurzeln dafür liegen im 19. Jahrhundert. Damals boomte die Industrie – und durch die steigenden Freizeitbedürfnisse entstanden neue Berufe. Wer auf Reisen ging, dem wurde der Koffer getragen, in Restaurants brachten Kellner das Essen zum Tisch und Zimmermädchen sorgten dafür, dass Gäste saubere Hotelzimmer vorfanden. 

All diese Tätigkeiten wurden zuvor vom Dienstpersonal meist in Privathaushalten ausgeführt. Nun arbeiteten sie als Freiberufler in der Dienstleistung. Ohne festes Gehalt ihrer Arbeitgeber, stattdessen für ein paar Groschen, die ihnen zugesteckt wurden. (Deutschlandfunk)

In der Gewerbeordnung ist inzwischen festgelegt, dass Kellnerinnen nicht mehr nur durch Trinkgeld entlohnt werden dürfen: Sie müssen vom Arbeitgeber ein Gehalt erhalten. Seit 2015 ist ein Mindestlohn vorgeschrieben, seit Beginn dieses Jahres muss ihr Gehalt bei mindestens 9,19 Euro liegen (Bundesministerium für Arbeit und Soziales). Wer früher als Bedienung also fünf Euro die Stunde bekam, erhält inzwischen fast das doppelte an Gehalt. Bei einer 40-Stunden-Woche sind das knapp 1.600 Euro brutto im Monat (Mindestlohnrechner des BMAS).