Unser Autor hat es sich gemütlich gemacht und den Elitestudierenden bei ihrer Graduation zugeschaut.

Das Schicksal der Menschheit steht auf dem Spiel. Darunter machen sie es nicht, dieses Jahr, bei den Harvard-Commencements. Commencements, so heißen die Abschlusszeremonien, bei denen Absolventinnen und Absolventen englischsprachiger Unis feierlich ihre Zeugnisse überreicht bekommen, und die im Vergleich zum schnöden Vorgehen hierzulande eine weitaus höhere Strahlkraft besitzen. Erhält man an einer deutschen Uni am letzten Tag mit Glück vielleicht eine Ladung Kopien am Drucker gratis, den der Vorgänger mit zu viel Münzen gefüttert hat, schneien in Harvard, dem wohl prestigeträchtigsten aller Ivy League Colleges, auch schon mal Bill Gates oder Kofi Annan persönlich zur Rede vorbei, oder, wie letztes Jahr, Angela Merkel

Damit diese Strahlkraft trotz Corona-Pandemie auch in diesem Jahr erhalten bleibt, toben in den USA derzeit große Debatten: Wie sollen bloß die Abschlussfeiern stattfinden? Nicht nur an Colleges, sondern auch an High Schools im ganzen Land wird über Hologramm-, Drive-In- und Sportplatzlösungen gestritten, werden Petitionen verfasst und pathetisch auf die Identität ganzer Jahrgänge verwiesen. In Harvard entschied man sich, die Commencements in physischer Form auf unbestimmte Zeit zu verschieben und vorerst eine Ersatzform im Internet anzubieten – sodass man auch als deutscher, permanent netflixender Nicht-Elitestudent teilhaben kann. Und nebenbei noch Masken bügeln. Gar nicht viel anders als Netflix also.

Wie viele Vorteile die aktuelle Situation bietet, hebt auch Harvard-Präsident Lawrence Bacow hervor, der vor einem klischeehaft heilen Parkhintergrund spricht. Niemand muss zu Hause bleiben, da man sowieso keine Eintrittskarten braucht, niemand muss um die besten Plätze kämpfen, niemand muss um die besten Parkplätze kämpfen. Und wenn es regnet, macht das auch nichts! Alles hat sein Gutes. Wer tot ist, kann sich nicht mehr in die Hose pinkeln.

Harvard-Präsident Lawrence Bacow inklusive Blütenpracht. 

Dann geht es natürlich um die graduates selber, die so außergewöhnlich klug und besonders sind, dass Bacow, dessen Ansprache trotz Live-Übertragung offenbar vorher aufgenommen wurde, mehrere Schnitte braucht, um den Sermon auch unfallfrei auf Band zu bringen. "Ihr habt die Wahrheit über Euch selbst entdeckt", "Macht die Welt zu einem besseren Ort", "Kümmert Euch auch um die anderen". Ich muss an den Film Legally Blonde denken, in dem es eine schönheitsbesessene Blondine in die Harvard Law School schafft, es den Männern zeigt und einen Mord aufdeckt. Ich weiß genau, was er meint.

Wer graduiert, hält den Schlüssel zu einer besseren Welt in der Hand

Ein bisschen ist das gerade ja auch meine persönliche Abschlusszeremonie. Auch wenn ich nicht in Cambridge, Massachusetts, studiere, sondern in Frankfurt am Main, Hessen. Jeden Tag nämlich könnte mein Bachelor-Zeugnis mit der Post eintreffen. Ich habe geschafft, was ich nie für möglich gehalten hätte: alle credit points abgeräumt, noch die sinnloseste Modulabschlussprüfung bestanden und dabei erfolgreich der Versuchung widerstanden, den Feuerlöscher zu missbrauchen. Einen Mord habe ich nicht aufgeklärt. Ob mir Bacow dennoch väterlich auf den erst zu besorgenden schwarzen Hut mit dem Schnürchen dran klopfen würde, wenn er von mir wüsste?

Undergraduate English Speaker Michael Phillips hielt eine Rede mit ziemlich vielen Metaphern. Und über Papierschnittwunden. 

Der Leistungsdruck habe manchmal geschmerzt, so wie ständige Papierschnittwunden, erzählt der Undergraduate English Speaker Michael Phillips als Nächstes. "Aber was ist, wenn wir den Schlüssel bereits in der Hand halten?" Den Schlüssel zu einer besseren Welt, versteht sich. Der Jahrgang solle sich als "keymakers, not gatekeepers" betrachten, und von den Höhen der Arroganz und des Konkurrenzkampfes auf den Boden der Erde herabsteigen, um anderen zu helfen. Chillt mal, Leute! Leicht gesagt, wenn man die renommierteste Uni der Welt im Lebenslauf stehen hat. Das Schlüsselmotiv erinnert mich allerdings an einen anderen Film, nämlich Saw. Der lehrt bekanntlich, dass der Schlüssel gar nicht in der Hand liegt, sondern in den Eingeweiden. Um dort hinzugelangen, bräuchte man ziemlich viel Papier.

Auch die Graduate English Speaker Sana Raoof will ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen Mut machen. Vor allem dazu, Erfahrungen am Rande der Gesellschaft für den eigenen Lebensweg wertzuschätzen. So wie ihr Großvater, der aus ärmlichen Verhältnissen gekommen und Direktor der Unesco geworden sei. Oder Isaac Newton: Der habe in der Quarantäne schließlich die Gravitation entdeckt. Große Namen gehen, wie bei ihrem Vorgänger, einher mit großen Handbewegungen: von einem Ende des Blumenhintergrunds zum anderen. Und wieder zurück.

Graduate English Speaker Sana Raoof inklusive farblich passender Blumenwand. 

Alles entspricht der Soße an Kulturartefakten, die mir bisher mein Bild amerikanischen Unilebens vermittelt haben. Fehlt nur noch der Sex und der Witz – und wir sind angekommen in der Serie Dear White People. 

Commencement präsentiert sich dagegen sperriger, aber auch unbeholfener. Repräsentative Bilder wollen schließlich hergestellt werden. Und so geht Musikact Yo-Yo Ma, à propos große Namen, vor einem halbvollen Bücherregal sitzend, ein bisschen zu sehr in seiner Musik auf, die die moralischen Gedanken von eben auflockern soll. Überhaupt: Wer kommt denn als Nächstes? Madonna? Man fühlt sich wie bei Wetten dass..?. Fehlt nur noch das Sofa. Aber auf dem sitze ich ja selbst, wie praktisch, und lasse mich von meinen Liebsten für einen zumindest gefühlten Harvard-Abschluss feiern. Glückwunsch! Und willkommen in der "company of educated individuals"! Och, danke. Wär' doch nicht nötig gewesen.

Cellist Yo-Yo Ma vor besagtem Bücherregal.

Schlechter Gesang vor etwas, das aussieht wie ein Sarg, und die wie fast alle Festreden extrem langweilige Festrede runden die Sache ab. Diesmal hält sie der Chefredakteur der Washington Post, Martin Baron, dessen Strahlkraft man an der Zahl der aufgedeckten Skandale messen kann. Zur besseren Übersicht hat er offenbar für jeden dieser Fälle eine Nadel in die Pinnwand in seinem Hintergrund gesteckt (Zusatzinfo: Es sind sehr viele). Baron war unter anderem mit dafür verantwortlich, eine Serie von sexuellen Übergriffen auf Kinder öffentlich zu machen, die die katholische Kirche jahrzehntelang verschleiert hatte – eine Geschichte, die im Film Spotlight total spannend erzählt wird. Von ihm selbst leider nicht. Mal wieder wird, fährt er fort, die Freiheit der Presse unterdrückt. Raunende Passive, Wahrheit, Fakten, Aufklärung, Zynismus, moralische Autoritäten, Walter Lippmann, Hannah Arendt. Der Name Trump fällt nicht. Man will sich ja nicht das schöne Fest verderben.

Ob das mit den Graduations nicht überhandnehme, fragen regelmäßig Kommentatorinnen und Kommentatoren in der englischsprachigen Presse. Ist es nicht zu viel, wenn inzwischen sogar Kindergartenkinder vor dem Eintritt in die Schule das mit den lustigen Hüten machen? Ich glaube: Es kann gar nicht genug Graduations und Commencements geben. Auch in Deutschland. Mit weinenden Großonkeln, seltsamen Videobotschaften und ganz viel grüner Wiese.


Gerechtigkeit

Polizeigewalt in den USA: "Der Terror, den wir erfahren, ist real"
Jordan Thompson ist Bürgerrechtler. Im Interview spricht er über sein Leben mit Rassismus – und einen Weg, ihn zu überwinden.

Am Montagabend wird George Floyd in der US-Stadt Minneapolis von einer Polizeistreife in Gewahrsam genommen. Ein Polizist kniet sich auf seinen Nacken, zehn Minuten lang wird George Floyd so zu Boden gedrückt. In einem Video, das die Szene zeigt, hört man ihn sagen, dass er keine Luft mehr bekommt. (SPIEGEL)

Kurz darauf wird im Krankenhaus der Tod des Mannes festgestellt. Das Video verbreitet sich im Netz, der Fall sorgt in den USA für Entsetzen. Erneut. Denn der brutale Einsatz ist kein Einzelfall, sondern nur das jüngste Beispiel für ein wiederkehrendes rassistisches Muster. 

In Minneapolis kam es daraufhin zu Ausschreitungen und Protesten. (SPIEGEL)

Wir haben den Bürgerrechtler Jordan Thompson gefragt, wie er als schwarzer Mann in den USA lebt, was sich ändern muss – und wie Weiße dabei helfen können.