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"Hey Junge, besorg 'nen Eimer Bier"

Bootsbauer, Maler, Holzspielzeugmacher – bis zu 130 Handwerksberufe gibt es in Deutschland. Was genau es mit den einzelnen Berufszweigen auf sich hat, ist jedoch nicht immer ersichtlich. Was soll zum Beispiel ein Bötticher sein? 

Wer als solcher arbeitet, stellt Fässer her. Kürschner hingegen fertigen aus dem Fell von Zuchttieren Jacken.

Das Handwerk hat Tradition. Doch der Branche fehlt es an Nachwuchs. Mehr als 40 Prozent der Betriebe suchen Fachkräfte und Azubis (SPIEGEL ONLINE).

Warum trotzdem Handwerker werden? Was läuft, was nicht? Vier erzählen.

Erwartung vs. Realität

Manchmal kommen die Dinge anders, als wir dachten – vor allem im Job. Was im Bewerbungsgespräch super klang, kann in der Praxis überhaupt keinen Spaß machen. Oder umgekehrt. Davon erfahren wir aber häufig erst, wenn wir schon mittendrin stecken. Was ist jetzt besser: Geduld haben? Gleich wieder kündigen? Wie fangen Karrieren an – und wie enden sie? In dieser Serie erzählen Menschen davon.

Anja, 29, ist Hutmacherin

(Bild: privat)

Wie alles anfing: Meinen Kunden würde ich manchmal gern erzählen, dass ich eine Oma hatte, die Hutmacherin war – und ich den Job deshalb heute mache. Tatsächlich wusste ich lange Zeit gar nicht, dass es dieses Handwerk überhaupt gibt. Entdeckt habe ich die Hutmacherei dann durch Zufall im Internet – und es war Liebe auf den ersten Blick! 

Sorgen machte ich mir lediglich um die finanzielle Sicherheit. Ich hatte zu dem Zeitpunkt eine Fachlehrerausbildung in Augsburg abgeschlossen und dachte mir: "Kann ich das wirklich bringen? Beamtentum eintauschen gegen Nieschenhandwerk?" 

Ich war mutig und zog es durch.
Anja

Wie es wirklich ist: In der Werkstatt zu sitzen und zu nähen, fühlt sich an, als sei ich aus der Zeit gefallen. Die alten Nähmaschinen, Holzformen und Handwerkstechniken. Neben meiner Arbeit im Geschäft unterrichte ich auch in der Berufsschule – und die Klasse, die ich derzeit habe, besteht aus genau zwei Auszubildenden.

Dabei ist Hutmacherin ein toller Job. Die Saison, die Auftragsarbeiten – etwa für bevorstehende Hochzeiten. Oder für Pferderennen: Da müssen die Damen, um repräsentativ zu sein, stattliche Hüte tragen. Je größer, desto besser. Kleine Federgestecke oder sogenannte Fascinator sind tabu. 

Zu solch speziellen Veranstaltungen gehen natürlich eher die gutbetuchten Leute. Der Adel. Denn – und das war mir auch neu: Bei großen Anlässen besteht für Menschen von Adelsgeschlecht nach wie vor Hutpflicht. 

Als sich mir das erste Mal eine Kundin als Baronin vorstellte, wurde ich unsicher.
Anja

Ich komme aus einem 500-Einwohner-Dorf. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Die Baronin spürte meine Unsicherheit, meine Chefin übernahm.

Schwieriger ist auch die Beratung von Frauen, die Krebs haben und gerade eine Chemo machen. Als ich in der Lehrzeit meine erste haarlose Kundin vor mir hatte, war ich überfordert. 

Es kommt vor, dass solche Kundinnen weinen, von ihrer Geschichte erzählen. Währenddessen suche ich einen Hut. Einen, der luftig und leicht ist, nicht kratzt und dem Kopf mehr Volumen gibt. An solchen Tagen merke ich, wie abwechslungsreich mein Beruf ist.

Simon, 34, ist Dachdecker

(Bild: privat)

Wie alles anfing: Die Arbeit in der Höhe stellte ich mir schon in der Schule faszinierend vor. Ich wollte schon immer einen Job, bei dem ich mich bewege, draußen bin – und etwas mit den Händen schaffe.

Wie es wirklich ist: Mittlerweile bin ich seit 15 Jahren Handwerker. Seitdem hat sich viel geändert – für mich und für andere, denen ich dabei zusehen kann, wie sie mit diesen Veränderungen klarkommen.

Ich bin mit Computer und Handy groß geworden. Dass WhatsApp auf dem Dach unser Kommunikationsmittel ist, war für mich kein Problem. Gibt es auf der Baustelle Fragen, die ich nicht beantworten kann, mache ich Fotos, schicke sie meinem Meister in die Werkstatt und innerhalb von Sekunden gibt es die Ferndiagnose. 

Für die älteren Mitarbeiter ist das schwierig. Das liegt nicht daran, dass sie sie nicht verstehen, sondern daran, dass ihnen die Umstellungen kaum erklärt werden. Wenn sich ein 60-Jähriger an ein Handy gewöhnen soll, brauche ich total viel Fingerspitzengefühl. Was sich noch geändert hat: 

Inzwischen wird auf den Baustellen kaum noch getrunken.
Simon

Als ich mit meiner Ausbildung anfing, war der Bierkasten neben dem Gerüst Standard. Da gab es Arbeiter, die tranken zehn bis 15 Biere während ihrer Schicht – 0,5-Liter-Flaschen. 

Sie kletterten aufs Gerüst, machten ihre Arbeit. Und es kam vor, dass mich von oben jemand anbrüllte: "Hey Junge, geh mal zum nächsten Kiosk und besorg 'nen Baueimer voll Bier!"

Was mich wirklich aufregt: Wenn wir dämmen, wollen wir Häuser besser isolieren, damit Energie gespart wird. Doch die Jungen sind meist die, die am Ende des Tages die Reste und Verpackungen einsammeln, die vom Dämmmaterial übrig blieben: zig Tonnen Plastikmüll – das ist weder nachhaltig noch ressourcenschonend.

Ich habe deshalb ein Start-up zum Material-Sharing gegründet. Eine Online-Plattform, auf der Handwerker ihre Restbestände teilen oder verkaufen können. Hat jemand zu viel gekauft, muss er das nun nicht mehr wegschmeißen, sondern kann es weitergeben. 

Sophia, 29, ist Keramikerin

(Bild: privat)

Wie alles anfing: Die Ausbildung begann ich mit 22. Als Keramikerin, so dachte ich, kann ich meinen Gestaltungsdrang ausleben. Außerdem stand für mich von Anfang an fest, dass ich mich mit dem Handwerk selbstständig machen und auf Märkten verkaufen will. 

Wie es wirklich ist:  Als ich meinen Freunden erzählte, dass ich mich als Keramikerin selbstständig machen will, sagten die meisten: 

Mach das bloß nicht! Du arbeitest nur noch!

Tatsächlich sind bis zu 60-Stunden-Wochen für mich keine Seltenheit, und da ich am Wochenende auf Märkten verkaufe, haben sich meine sozialen Kontakte ziemlich reduziert. 

Dazu kommt, dass es jungen Menschen wirklich schwer gemacht wird, sich selbstständig zu machen.

Ich fertige vor allem Geschirr, Dosen und Ziergegenstände aus Porzellan. Ich lebe davon, diese extravaganten Gegenstände zu verkaufen. Kann sein, dass manche denken, wer braucht schon eine Dose mit Tentakeln oder Stacheln, für mich ist das Kunst. 

Doch ich hatte von Anfang an sehr hohe Fixkosten – und kaum Einnahmen. Ich liebe diese Arbeit, nur wegen dieser Arbeit geht es mir gut, trotzdem wurde mir finanziell kaum geholfen: Ich kann nicht einmal kleine Kredite aufnehmen, muss viele Versicherungen selbst bezahlen – während es für freischaffende Künstler die Künstlersozialkasse gibt.

Die meisten sehen nicht, dass eine Arbeit im Handwerk vielen Menschen extrem gut tun würde. Ich kenne so viele, die sich durchs Abi gekämpft haben, dann studieren wollten, macht man eben so. Manchen schlägt der Notendruck aufs Gemüt – sie erkennen zu spät, dass eine handwerkliche Arbeit die Erfüllung wäre. In meinem Job verdiene ich vielleicht nicht viel, dafür kann ich ausleben, was mir wirklich Spaß macht.

Velislav, 29, ist Vulkaniseur

(Bild: privat)

Wie alles anfing: Wie die meisten wusste ich nicht, was das überhaupt bedeutet. Vulkaniseur. Anders als der Begriff vermuten lässt, arbeite ich nicht mit Vulkanen, sondern repariere und montiere Reifen. Für mich ist das ideal, denn schon als kleiner Junge wusste ich: Später mache ich mal was mit Autos.

Wie es wirklich ist: Vulkaniseure sind selten, ich bin eine Rarität. Es gibt extrem viele unterschiedliche Sorten von Reifen und Rädern – die zu kennen und zu wissen, wie man mit ihnen umgehen muss und sie verbaut, ist eine Besonderheit.

Autos, Fahrräder, Lkws, Traktoren, Bagger: kann ich alles bereifen.
Velislav

Jedes dieser Räder hat seine ganz speziellen Eigenschaften und muss individuell behandelt werden. Lkw-Reifen zum Beispiel: Haben die einen Schnitt in der Seitenwand, lässt der sich meist leicht reparieren. Lkw-Reifen bestehen vor allem aus Drähten, die ausgetauscht werden können.

Klingt speziell, ich weiß. Von Freunden werde ich immer wieder gefragt, ob es mich nicht stört, den ganzen Tag dreckig zu sein. Nö. Daran, dass ich durch meine Arbeit acht bis neun Stunden am Tag voll mit Reifenstaub bin, habe ich mich inzwischen gewöhnt. Wenn die Schicht vorbei ist, puste ich den Staub ab und gehe los. 


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