Bild: picture alliance/Markus Scholz/dpa

Mittwochmittag, 12.15 Uhr, es windet und regnet, als wolle ein wütender Gott die Stadt Hamburg in die Elbe spülen - normaler Tag im Januar also. Auch vor dem Physikgebäude der Universität herrscht an diesem Mittwoch das gewohnte Bild der vergangenen Wochen: ein bis zwei Dutzend Sicherheitsleute stehen in und um das Gebäude verteilt. Wer rein will, muss seinen Studierendenausweis vorzeigen – und für die Veranstaltung "Makroökonomik II" von AfD-Mitgründer Bernd Lucke eingeschrieben sein.

Die Vorlesungsreihe wurde zu einem Symbol dessen, was in den vergangenen Jahren immer wieder diskutiert wurde: Wie geht die Gesellschaft mit der AfD um? Mit ihren Mitgliedern und Ex-Mitgliedern, mit ihren Wählern und Gründern? Darf jemand, der eine Partei gegründet hat, die mit menschenverachtenden Botschaften Wahlkampf macht, an einer Universität lehren? Wen muss die Freiheit der Wissenschaft verteidigen und wo werden Grenzen gezogen?

Jetzt war eines der Probleme der Uni Hamburg, dass sie sich Luckes nicht einfach entledigen kann – selbst, wenn man gewollt hätte, wäre Lucke nicht kündbar gewesen. (DER SPIEGEL

Das ist eine Sache. Die andere ist aber, dass die Uni sich entschied, dem Professor eine Pflichtvorlesung anzuvertrauen, eine Vorlesung, die alle Studierenden eines Semesters besuchen müssen. Die Verteidigung der Freiheit der Wissenschaft – sie war hier gleichzeitig ein Affront für Studierende, die von AfD-Slogans diffamiert wurden. 

Am Mittwoch fand die letzte von 13 Vorlesungen statt. Zu Semesterbeginn war es immer wieder zu Störungen gekommen – in den vergangenen Wochen blieb es ruhig.

Aufgrund seiner politischen Vergangenheit hatten sich Proteste gegen Luckes Rückkehr an die Uni Hamburg formiert. 

Luckes Wiederantrittsvorlesung wurde massiv gestört (bento), auch die zweite Veranstaltung musste nach rund einer Dreiviertelstunde abgebrochen werden (bento). Die folgenden Vorlesungen fanden teilweise unter Polizeischutz statt. Der Hörsaal wurde verlegt. Jedes Mal waren Sicherheitskräfte anwesend, die die Universität engagiert hatte. Die Lage rund um die Vorlesung wurde ruhiger, in den vergangenen Wochen kam es nicht mehr zu Protesten.

Die Kosten für den eigens zur Sicherung des Hörsaals eingesetzten Securitydienst beliefen sich am 14. Januar 2020 bereits auf 107.000 Euro. Die Summe werde noch steigen, erklärte eine Sprecherin der Universität auf Nachfrage von bento:

„Die Vollkosten zur Absicherung der Universität im Zusammenhang mit den Vorkommnissen um Professor Lucke beliefen sich auf eine deutlich höhere Summe, da bislang noch kein Universitätspersonal eingerechnet wurde.“
Universität Hamburg

Als Reaktion auf die ersten Proteste übte sich die Hochschule in Diplomatie: Eine parallele Veranstaltung wurde als Ausweichvorlesung angeboten. Diese wurde von einigen Studierenden wahrgenommen, viele gingen jedoch weiterhin zu Bernd Lucke – oder schauten sich die Aufzeichnung seiner Lehrveranstaltung online an – während die Proteste abflachten.

Jetzt, am letzten Tag der Veranstaltungsreihe, stellt sich die Frage: Wie verläuft die letzte Vorlesung der wohl umstrittensten Veranstaltung des Semesters? Und wie macht Lucke weiter an der Hamburger Universität?

Bernd Lucke betritt den Hörsaal durch einen Hintereingang.

Vor dem Unigebäude stehen keine Protestierenden. Lediglich ein Kamerateam von RTL harrt im Regen aus und hält Ausschau nach dem AfD-Mitgründer. Um die Ecke steht ein Polizeiauto. Nach und nach treffen die eingeschriebenen Studierenden ein und gehen durch die Sicherheitskontrolle in den Hörsaal.

Auf schriftliche Anfrage wollte sich Bernd Lucke nicht zu den Vorkomnissen des Semesters äußern. Er wolle sich auf seine "eigentlichen Aufgaben" konzentrieren. In einem Interview vor einigen Tagen sagte er jedoch, er sei dafür, "die Sicherheitsmaßnahmen jetzt zu beenden. Irgendwann muss man ja doch ausprobieren, was passiert." Die Hochschule kommentierte dies nicht (DER SPIEGEL).

"Bernd Lucke hat sich während des Semesters in der Vorlesung nicht politisch geäußert", sagt Lennart, der die Veranstaltung regelmäßig besucht hat. Lucke habe zudem mehrmals auf die Alternativvorlesung hingewiesen. "Die habe ich allerdings nicht wahrgenommen, weil ich die Art, wie er Dinge vermittelt, gut finde." Dieser Meinung schließen sich viele Studierende an, mit denen bento nach der Vorlesung gesprochen hat. Eine Evaluation der Veranstaltung habe auch stattgefunden, die Auswertung stehe allerdings noch aus.

Andreas Fisahn, Professor für Öffentliches Recht und Rechtstheorie an der Universität Bielefeld, bewertet das Vorgehen der Uni insgesamt als angemessen. Er sagt:

„Eine Uni muss es aushalten, wenn mal Protest geäußert oder ein Hörsaal besetzt wird.“
Andreas Fisahn

An Fisahns Hochschule starteten Rektorat, AStA und das Zentrum für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung vor sechs Jahren die Kampagne "Uni ohne Vorurteile", die sich gegen Menschenfeindlichkeit, Vorurteile und Rechtsextremismus richtet.

"Zur Wissenschaftsfreiheit gehört es auch, Meinungen zu akzeptieren, die man nicht teilt", sagt Fisahn, "eine Uni lebt davon, dass sie bunt ist und auch Meinungen repräsentiert, die einem selbst nicht gefallen." Grenzen habe diese Freiheit allerdings, wenn ständig Lehrveranstaltungen ausfielen.

Laut dem Rechtsprofessor hätten sich sowohl die Uni als auch Lucke im vergangenen Semester richtig verhalten. Die Universität musste etwas gegen den Ausnahmezustand tun und Bernd Lucke seine Arbeitskraft zur Verfügung stellen, um dienstrechtliche Probleme zu vermeiden.

Als die Studierenden die Makroökonomik-Vorlesung um 13.45 am Mittwoch verlassen, regnet es noch immer. Vielleicht protestiert auch deshalb niemand. Die RTL-Reporterinnen stehen noch vor dem Gebäude. Eine von ihnen wischt gerade die Linse ihrer Kamera trocken.

Nach jetzigem Stand soll Lucke im kommenden Sommersemester keine Pflichtvorlesungen halten. 

Stattdessen soll er Seminare und Vorlesungen im Wahlpflichtbereich geben. Fest steht diese Entscheidung allerdings erst, wenn Anfang Februar das neue Vorlesungsverzeichnis erscheint, teilte die Uni Hamburg mit.

Wer Lucke mag, kann ihn ab dem Sommersemester wählen. Nicht mit einem Kreuz auf dem Wahlzettel, sondern als Dozent. Die großen Fragen, die seine Vorlesung aufgeworfen hat, bleiben aber unbeantwortet: Kann man Lehre von politischen Überzeugungen trennen? Und wenn nein, wo ist die Grenze? 

Und so ist der Umgang der Universität mit Bernd Lucke vielleicht tatsächlich symbolisch für die Überforderung der Gesellschaft im Umgang mit der AfD und ihren Gründern: Weil man nicht weiß, was man mit ihnen machen soll, und weil sie sich auch nicht in Luft auflösen, versucht man, so wenig Ärger wie möglich mit ihnen zu haben. Doch eine Haltung sieht anders aus. 


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