Bild: Denys Karlinskyy
Ein Gespräch mit zweien, die es wissen müssen.

Die Geschäftsidee schien perfekt in unsere Zeit zu passen: Pola Fendel, 30, und Thekla Wilkening, 31, gründeten 2012 eine Art Bücherei für Kleidung – die "Kleiderei". Erst Offline, dann zwei Jahre später Online. 

Gegen eine Abo-Gebühr von rund 50 Euro monatlich bekamen Kundinnen alle vier Wochen ein neues Paket mit neuen Outfits nach Hause geschickt – alles Vintage, mehrmals getragen. Vorher mussten die Frauen online Fragen zu ihrem Geschmack beantworten. Das Team stellte die Pakete dann selbst zusammen. Was zu Hause ankam: eine Überraschung. (SPIEGEL ONLINE)

Die Idee war bei einem Abendessen in Hamburg entstanden. Die beiden Studentinnen hatten sich während des Abiturs in Köln kennengelernt und plauderten mit Freunden über die Frage: Warum man sich Kleidung nicht einfach leihen könnte. Einige Wochen später fanden sie ihr erstes Ladenlokal – mitten auf St. Pauli. 

(Bild: Denys Karlinskyy)

2014 suchen die beiden per Crowdfunding nach Geldgebern, rund 15.000 Euro kamen zusammen. Trotz Abfuhr bei "Höhle der Löwen" starteten sie so ihr Projekt. (Gründerszene)

Doch das Vorhaben scheiterte: Im vergangenen Frühling mussten die beiden Insolvenz beantragen. Jetzt meldeten sich die beiden Gründerinnen mit einem emotionalen Posting bei Instagram an ihre treuen Follower. Darin gehen sie offen mit ihrem Verlust um – und wollen anderen Gründerinnen trotzdem Mut machen

Was können wir von Ihnen lernen? Und warum haben es gerade Gründerinnen immer noch schwer?

Euer Unternehmen ist Geschichte. Wie fühlt sich das an?

Pola: Ich schwanke irgendwo zwischen Traurigkeit und Stolz. Wir haben unsere ganze Energie reingesteckt, aus tiefster Überzeugung gegründet, es war unser Baby – sich davon zu verabschieden, ist einfach traurig.

Thekla: Es fühlt sich an wie eine Trennung. Erst funktioniert man, geht mit Aktenordnern zum Insolvenzverwalter, bekommt einen strikten Terminplan und die Anordnung, keine Kosten mehr zu verursachen. Erst Monate später wird einem klar: Die große Liebe ist nicht mehr da.

Woran ist das Konzept letztlich gescheitert?

Thekla: Den Insolvenzantrag mussten wir stellen, während wir gerade eine Pause eingelegt hatten. Wir hatten den Geschäftsbetrieb unterbrochen, weil wir uns einmal Zeit nehmen und in Ruhe auf unser Konzept schauen wollten. Ineffizienz war unser großes Problem: Wenn Pakete nicht zugestellt wurden, kostete uns das mehr Zeit als im Business-Plan geplant.

Ein anderes Beispiel: Wir haben irgendwann stabilere Kartons bestellt, damit wir darin Kleidung mehrmals verschicken konnten. Die brauchten dann doppelt so viel Lagerplatz und es dauerte ewig, um sie nach mehrmaligem Gebrauch kaputt zu machen und für den Papiercontainer zu zerkleinern.

Unser Steuerberater hat immer gesagt: Man kann auch in Schönheit sterben – bei uns heißt es dann wohl in Nachhaltigkeit sterben.

Pola: Wir sind nicht mit einem sehr großen finanziellen Fundament gestartet. Es gab unsere Idee, die wir mit Anfang zwanzig während des Studiums entwickelt haben und diese Idee musste raus in die Welt, dann kam sofort das riesige Medienecho und so von Anfang an eine hohe Nachfrage. Im Nachhinein hätten wir vermutlich etwas mehr Zeit gebraucht, um mehr Gelder zu generieren.

(Bild: Denys Karlinskyy)

Waren die Kundinnen schon bereit für das Konzept nachhaltiger Mode?

Pola: Das war wirklich nicht das Problem. Wir hatten Tausende Kundinnen, die Zahl ist irgendwann explodiert – rund 1500 standen auf einer Warteliste.

Thekla: Es ist vergleichbar mit einem beliebten Restaurant, vor dem sich eine Warteschlange bildet. Aber wenn der Betrieb dann nicht mehr funktioniert, die Gäste zu lange aufs Essen warten müssen und das Küchenpersonal überfordert ist, dann scheitert es trotzdem. 

Ihr kommt aus dem Modebereich – hat euch die wirtschaftliche Expertise gefehlt?

Thekla: Wir haben unseren Businessplan selbst geschrieben, sind mit den Aufgaben gereift, haben auch die Basics im Studium gelernt. Jetzt wäre der Moment gewesen, den Businessplan noch mal anzupassen, dazu hatten wir die Zeit nicht mehr.

Um bei dem Bild mit dem Restaurant zu bleiben: Ein "Rach, der Restauranttester" hat uns gefehlt. Aber wir hatten niemanden, den wir um Rat fragen konnten. Es gab einfach kein vergleichbares Konzept. Wenn du einen Burgerladen hast, ist das anders – wir waren einfach unsere eigenen Pioniere.

In eurem Abschiedspost schreibt ihr, dass es schwer war, als Gründerinnen-Duo Investoren zu finden. 

Thekla: Genau das ist ein wichtiger Punkt, warum wir uns entschieden haben, das Posting zu veröffentlichen. Wir wollen anderen Frauen Mut machen, zu gründen. Auch wenn es bei uns nicht funktioniert hat, wir es schwer hatten, Investoren von unserer Vision zu überzeugen und man am Ende aufgeben muss, es ist trotzdem alles wert. 

Aber woran liegt es, dass Frauen finanziell benachteiligt werden?

Pola: Es ist immer heikel, das richtig zu formulieren. Aber ich glaube schon, dass es einen Unterscheid zwischen männlichen und weiblichen Gründerinnen gibt. Die eher männliche Variante ist es, Luftschlösser zu verkaufen. Frauen gehen oft realisitischer an ihre Idee ran, zeigen auch Herausforderungen auf. Potenzielle Investoren lassen sich von der männlichen Variante eher mitreißen – das haben wir bei fast allen Verhandlungen gemerkt. Sicherlich auch, weil unter den Geldgebern auch zu 90 Prozent Männer sitzen.

Am Ende zogen Jungs an uns vorbei, die nicht annährend so gute Ideen hatten wie wir.

"Funding Gender Gap" - warum Frauen weniger Geld bekommen

Studien zeigen, dass Frauen es deutlich schwerer haben, Geld für ihre Geschäftsideen zu bekommen, als Männer – dabei aber oft einen besseren Job machen und mehr Geld wieder reinbringen (Faz). Die genannten Gründe: 

  • Männer träten bei Präsentationen selbstbewusster auf
  • Frauen würde weniger technisches Verständnis zugetraut
  • Männliche Investoren verstünden die Geschäftsideen der Frauen einfach nicht

Müssen sich Frauen die Taktik von den Männern abschauen?

Thekla: Frauen wird Emotionalität oft als Schwäche ausgelegt. Das Gegenteil ist der Fall: Frauen sind oft ehrlicher, können sich selbst reflektieren. Daran sollten sie nichts ändern, Frauen sollten sich nicht verstecken oder anpassen. Es ist eine Stärke, dass man auch mal vorsichtig ist, dass man auch mal sagt: 'Das verstehe ich jetzt nicht – können wir da noch einmal genauer draufschauen?' 

Pola: Das System muss sich verändern. Das war auch einer der Gründe für uns, das Statement öffentlich zu machen. Wir wollten klar machen, dass es nicht an der Idee selbst lag und sagen: Hey, wir hatten eine gute Idee und wer nicht investiert hat, sollte die verpasste Chance bereuen. 

Außerdem braucht es mehr Frauen auf der Investorinnenseite. Ich hoffe, dass wir mit unseren nächsten Start-ups so reich werden, dass wir es sind, die in starke Ideen von Frauen investieren können.

Würdet ihr sagen, ihr seid zu idealistisch an die Sache herangegangen? 

Thekla: Es stimmt, fair und nachhaltig im ganzheitlichen Sinne zu wirtschaften war unsere oberste Prämisse. Wir wollten die stabileren Pappkartons, die länger halten, unsere Mitarbeiter nicht lauter Überstunden machen lassen und haben jeden Fotografen bezahlt – so hat es unserer Vision entsprochen. In der Branche herrscht aber enormer Preisdruck, der mit unseren Ansprüchen schwer zu halten war. 

Wie haben die Menschen auf euer Posting reagiert?

Thekla: Was ich als empowernd empfinde: Wir bekommen viele Nachrichten von unseren Unterstützer*innen, die das Ende der Kleiderei nicht als Scheitern sehen, sondern im Gegenteil sagen, dass wir mit unserer Idee dazu beigetragen haben, dass Konsumenten und Konzerne umdenken. 

Wie geht es jetzt für euch weiter?

Thekla: Wir bleiben beide der nachhaltigen Mode treu. Ich baue wieder einen Online-Mode-Miet-Service auf: Stay Awhile. Der funktioniert ähnlich wie Kleiderei, nur arbeiten wir enger mit einzelnen Labels zusammen. Und die Kundin kann entscheiden, ob sie sich ihre Produkte aussuchen oder sich ein Paket von uns zusammenstellen lassen möchte.

Pola: Ich lebe nun in Wien und habe das Management für den Vintage-Store Burggasse 24 übernommen. Außerdem berate ich StartUps.

Ihr bleibt der Selbstständigkeit treu?

Thekla: Gründen ist etwas Schönes – man kann Werte bestimmen, die Unternehmenskultur prägen. Womit man lernen muss umzugehen: Man kann nicht alles kontrollieren, muss Geduld haben – akzeptieren, dass die Energie, die du reinsteckst nicht immer – oder vor allem oft langsamer als geplant – Früchte trägt. 

Pola: Ich komme von dem Vintage-Thema nicht los. Außerdem ist es wie eine Sucht, eigenständig zu sein, für die eigenen Ideale zu leben. Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal Managerin werden könnte, aber ich merke, dass ich bei der Kleiderei alles gelernt habe, was ich dafür brauche.

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