Der Job macht Spaß, die Kollegen sind nett – aber der Chef oder die Chefin nicht? Dann kann eines helfen: die Konfrontation suchen. Der Vorgesetzten sagen, was falsch läuft, dass sich etwas ändern muss. 

Aber hilft das? Oder kann einen das den Job kosten? Und wie fühlen sich diese Gespräche an?

Wir haben drei junge Leute gefragt, die in ihren Jobs unglücklich waren – und das Gespräch mit ihrer Chefin oder ihrem Chef gesucht haben. 

Monika, 30, Social-Media-Managerin. Arbeitete vorher in einer PR-Agentur. Suchte dort das Gespräch mit ihrer Chefin – es endete mit Geschrei. 

Konkurrenzdenken, ein harter Ton – so läuft es in vielen PR-Agenturen. Aber die Agentur, in der ich zwei Jahre gearbeitet habe, war noch viel, viel schlimmer. Jeder, wirklich jeder, hatte Angst vor der Chefin und den Teamleitern. Niemand traute sich, der Chefin schlechte Nachrichten mitzuteilen oder Probleme anzusprechen. Manche mussten sich vor Gesprächen mit ihr übergeben. 

„Ich hatte eigentlich nie Angst vor Autoritätspersonen, aber in dieser Agentur veränderte ich mich.“

Auch ich hatte plötzlich Angst.   

Mein Vorteil war: Ich sprach viel mit Freunden und meiner Familie über die Zustände dort. Sie ermutigten mich, das Problem anzusprechen. Mobbing war an der Tagesordnung und ich hatte Angst, dass ich irgendwann wegen der Arbeit krank werden würde. Also suchte ich die Konfrontation.

Ich hatte große Panik davor. Ich schlief nächtelang nicht, mein Herz klopfte, meine Stimme zitterte. Ich sagte meiner Chefin, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mobbten und dass das so nicht weitergehe. 

„Sie schrie mich an und meinte, ich stellte mich zu sehr an.“

Aber ich gab nicht auf und setzte mich für weitere Gespräche ein. Einmal war auch eine Mediatorin dabei, um den Streit zu schlichten. Das Gespräch endete allerdings damit, dass sich alle anschrien. Selbst die Mediatorin konnte sich nicht mehr zurückhalten. 

Danach änderte sich nicht wirklich etwas. Das Mobbing ging weiter. Nach zwei Jahren kündigte ich. Ich verließ die Stadt und zog nach Dortmund. Alles in meiner alten Stadt erinnerte mich an diese Agentur.  

Carolin*, 28, Projektassistentin. Seit sie ein Detail über ihre Chefin weiß, hat sich vieles geändert. 

Ich liebe meinen Job als Projektassistentin. Das einzige Problem: Meine Chefin ist sehr kühl und wirkt ständig genervt. Sie hat immer zu tun und überhaupt keinen Draht zu den Mitarbeitern. Außerdem bekommt man kein Feedback von ihr. 

„Man weiß nicht, wo man steht, was man besser machen kann.“

Das sorgt für ein ständiges Angst- und Stressgefühl unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.  

Für mich änderte sich einiges, als ich auf einer Konferenz mit einem Arbeitskollegen war, der schon länger mit ihr arbeitete. Ich fragte ihn, ob unsere Chefin schon immer so gewesen sei. Er erzählte mir dann, dass sie in den Anfangsjahren einen Kampf um eine Führungsposition verloren habe. Der Geschäftsführer habe damals zu ihr gemeint, dass sie zu emotional und zu nett sei. Außerdem sei sie zu nah an den Mitarbeitern und deswegen nicht für die Stelle geeignet.

„Das zu erfahren, veränderte meine Sicht auf ihr Verhalten völlig.“

Ich erklärte es mir als eine Reaktion auf die damalige Kritik ihres Chefs. Ich verstand, dass sie sich wahrscheinlich deshalb ihr altes Verhalten abtrainiert hatte und ihre Kälte gegenüber den Mitarbeitern eine Art Schutz ist, damit sie nicht für ihre Nahbarkeit oder Emotionalität kritisiert wird.

Ich änderte mein Verhalten und meine Einstellung ihr gegenüber nach dem Gespräch. Ich bin jetzt proaktiver, frage viel mehr nach – zum Beispiel, wenn ich Feedback brauche. Ich habe meine passive Haltung abgelegt und nicht mehr dieses ständige Stress- und Angstgefühl. Weil ich einfach viel besser nachvollziehen kann, wieso sie so ist. Ich muss keine Angst haben – sie versucht mit ihrem Verhalten einfach nur, sich zu schützen.

Chris, Fachinformatiker aus Frankfurt, arbeitet seit 2012 in einer Firma, deren Chef sich sehr plötzlich total veränderte. 

Als ich meine Ausbildung in dem Unternehmen machte, fand ich meinen Chef sehr sympathisch. Er hatte einen guten Draht zu den Mitarbeitern. Er unterstützte mich sogar, als ein anderer Kollege erfuhr, dass ich schwul bin und sich über mich lustig machte. Er sagte ihm, dass sowas nicht in Ordnung sei.

Aber seit dem vergangenen Jahr hat er sich sehr verändert. Er war eine Zeit lang nicht da, als er wiederkam, war alles anders. 

„Er macht viele Mitarbeiter einfach fertig, manchmal sogar wegen ihres Aussehens oder wegen ihrer sexuellen Orientierung.“

Er lehnte zum Beispiel eine sehr gute Bewerberin ab, weil sie vorher ein Mann war und sich hatte operieren lassen.

Ich habe einige Male versucht, mit ihm zu reden. Eigentlich über sachliche Dinge, wie die Ausbildung der Azubis, die seit seiner Veränderung sehr gelitten hatte. Er zeigte Einsicht und wollte etwas ändern, aber das war nur von kurzer Dauer.

Manchmal habe ich auch versucht, mit ihm eher auf der persönlichen Ebene über die Entwicklungen zu sprechen. Aber da blockte er komplett ab. Ich habe die Vermutung, sein Umfeld hat ihn zu dieser Veränderung bewegt. Vielleicht trägt er die Meinung anderer aus, vielleicht sind Freunde von ihm homophob.

Ich habe schon oft über eine Kündigung nachgedacht, aber finanziell kann ich mir das gerade nicht leisten. Unbefristete Verträge bei Programmierern sind eher selten – und ich habe einen.

Gibt es den "perfekten" Umgang mit einer schwierigen Chefin oder einem schwierigen Chef? Wir haben einen Experten gefragt:

Heiko Mell ist Personal- und Karriereberater. Er befasst sich seit mehr als 40 Jahren mit dem Thema und hat bereits mehrere Bücher dazu veröffentlicht sowie Vorlesungen zu Spielregeln in Beruf und Karriere gehalten. 

"Ich komme mit meinem Chef nicht klar“ – diesen Satz hört man immer wieder. Warum? Wo liegt das Problem?

Der Chef ist klar die stärkere Partei in der Zusammenarbeit mit dem Mitarbeiter. Seine Persönlichkeit dominiert das interne Klima. Es ist für Mitarbeiter sehr schwer bis unmöglich, ein von ihnen ungeliebtes Chef-Verhalten kurzfristig und nachhaltig zu verändern. Aber: Oft steckt hinter einem als belastend empfundenen Chefverhalten auch nur dessen so überspielte Unsicherheit oder die Angst, dass er 
selbst von seinem Chef als "zu weich in der Personalführung" betrachtet werden könnte.

Das klingt, als sollte man als Mitarbeiter Verständnis für das Verhalten seines Vorgesetzten haben?

Wer mit seinem Chef in diesem Sinne nicht zufrieden ist, betrachte einmal dessen Rolle gegenüber seinem Chef - oft gibt der eigene Vorgesetzte nur einen Druck nach unten weiter, den er selbst von oben erhält. Auch beim idealen Verhältnis zwischen Chef und Mitarbeiter bleibt der Chef immer noch der Vorgesetzte, der von seinem Chef die Verantwortung für eine Gruppe von Mitarbeitern übertragen bekommen hat, aus denen er bestimmte Leistungen herauszuholen hat. Aber er kann im Idealfalle persönliches Vorbild sein, selbst mit gutem Beispiel vorangehen, sich vor seine Mitarbeiter stellen und deren volles Vertrauen besitzen. Ihr Freund kann er nicht sein, das lässt die Definition "Chef" nicht zu. Gegenseitiger Respekt und Verständnis für die Belange des anderen sind eine gute Basis.

Wenn man ein Problem mit dem Chef hat, sollte man die Konfrontation in jedem Fall suchen?

Nein, die wird man meist verlieren, das kann bis an den Rand der Existenzgefährdung gehen. Einen direkten Kampf mit dem Chef kann der Mitarbeiter nicht gewinnen. Aber: Chefs stehen in der Regel nicht morgens mit dem Ziel auf, heute einmal wieder den Mitarbeiter Müller zu ärgern. Aus der Sicht des Chefs haben sehr häufig die Mitarbeiter mit der Konfrontation "angefangen". Respektloses Benehmen, offen oder verdeckt gezeigte Missachtung, zu spätes Erscheinen oder Terminverzug sind beliebte Beispiele. Es gilt die Regel: "Ihr Chef denkt über Sie wie Sie über Ihn“.

Wie sollte man am besten reagieren, wenn der Chef häufig laut wird, seine Mitarbeiter vielleicht sogar anschreit?

Wenn er nur schreit, aber der Inhalt seiner Worte noch akzeptabel ist, sollte man das erst einmal hinnehmen. Dann sollte man sorgfältig überlegen, ob er mit seiner Kritik vielleicht recht hat, nur der Ton unangemessen ist. Mit großer Vorsicht kann zu einem vertraulichen Gespräch eines bewährten langjährigen Mitarbeiters mit dem betroffenen Chef geraten werden. Dann bleibt noch ein vertrauliches Gespräch beim Chef des Chefs. Mildern lässt sich so etwas, ganz abstellen vermutlich nicht. Als Trost: In der modernen Unternehmensführung sind schreiende Chefs selten. Eine Firma, die einen solchen Schreier auf ihre Mitarbeiter loslässt, sollte man langfristig gegen einen anderen Arbeitgeber eintauschen.

Und gibt es Strategien, um die Angst vor dem Chef zu bewältigen?

Pauschale Angst vor einem Chef sollte man gegebenenfalls mit therapeutischer Hilfe bekämpfen. Generell gilt: Chefs brauchen gute, leistungsstarke Mitarbeiter genauso dringend, wie Mitarbeiter einen Job brauchen – und an dem hängt immer ein Chef. Wer also generell oder häufig "mit Chefs nicht kann", hat ein Problem, dass vor allem er oder sie lösen muss. Natürlich kann – und soll – auch ein idealer Chef alles tun, damit Mitarbeiter keine Angst vor ihnen haben.

*Die Namen der Protagonistin haben wir geändert. Der echte Name ist der Redaktion bekannt – die Person wollte in diesem Text aber lieber anonym bleiben. 


Fühlen

"Der goldene Handschuh" ist brutal – doch das eigentliche Problem ist das Frauenbild
Was stinkt denn hier so?

Dieser Film ist eine Qual: In der Verfilmung von "Der Goldene Handschuh" werden Mord und Totschlag in fast allen Facetten durchgespielt. 

Aber anders als im gleichnamigen Buch-Bestseller von Heinz Strunk hat Fatih Akins Leinwandadaption neben der rohen Gewalt wenig anderes zu zeigen. Ging es im Buch noch darum, eine historische Geschichte zu erzählen, dreht sich der Film fast nur noch um klebrige Suff- und Gewaltfantasien.

Der Regisseur nennt das Werk einen Horrorfilm (Trailer). Doch in Wahrheit ist "Der Goldene Handschuh" nicht gruselig, sondern vor allem ein zweistündiges Fest der Gewalt an Frauen. Wohl auch deshalb warnte Akin seine Kritikerinnen schon vor dem Start: "Frauen sollen den Film am besten gar nicht gucken" (SPIEGEL). 

Und auch, wenn diese Warnung offensichtlicher Quatsch ist, führt sie direkt zu zwei zentralen Fragen: 

Warum werden True-Crime-Geschichten so oft aus der frauenfeindlichen Perspektive der Täter erzählt? Und was sagt es über uns aus, wenn solche Erzählungen in Zeiten von #metoo immer noch zuverlässig Zuschauer vor die Leinwand locken?

Denn auf der einen Seite ist natürlich klar, warum Geschichten wie "Der Goldene Handschuh" so oft vom Mord an Frauen erzählen: Weil eben so oft Frauen von Männern ermordet werden. Und nicht umgekehrt. 

Das ist die Wirklichkeit: Im Schnitt wird in Deutschland alle drei Tage eine Frau von ihrem Partner getötet. Vermutlich nur eine von 20 Vergewaltigungen wird angezeigt. Im Fernsehen sieht man davon jedoch nur Zerrbilder. Während in vielen anderen Ländern der "Femizid", der gezielte Mord an Frauen, ein bekannter Begriff ist, wird in deutschen TV-Nachrichten bis heute oft verklärend von "Familiendramen" gesprochen.

Der True-Crime-Hype könnten deshalb eine gute Gelegenheit sein, noch einmal darüber nachzudenken, woher Gewalt in unserer Gesellschaft kommt und gegen wen sie sich meist richtet. 

Doch auf der anderen Seite beginnt genau hier das Problem. Denn obwohl inzwischen vor vielen Filmen und Serien "basierend auf einer wahren Geschichte" steht, zeigen die meisten "True Crime"-Formate in Wahrheit nur eine erfundene Realtität. In der so gemordet und ermittelt wird, wie wir es gewohnt sind.

In "Der Goldene Handschuh" wird die Geschichte so erzählt, dass sie einerseits super real sein soll und andererseits eben doch nur wie ein großes Spiel wirkt. Gleich in der ersten Szene zerteilt Fritz Honka, die Hauptfigur, zu Schlagerklängen die Leiche einer frisch ermordeten Frau. Ihr Körper liegt nackt auf dem fleckigen Wohnzimmerboden, Honka schnauft und flucht besoffen, während er mit der Säge die Leiche zerlegt. Die Soundeffekte sind am Limit. Ritsch-Ratsch.

Der Mord ist wirklich passiert, auch Honka gab es. Doch die Art, wie der Film die Geschichte erzählt, macht gleich zu Beginn klar, dass er sich ausschließlich für den Blickwinkel des Täters interessiert. Später wird Honka noch Frauen mit Küchengeräten penetrieren, mit dem Kopf auf dem Fliesentisch totschlagen oder in unendlich langen Minuten auf dem Fußboden erwürgen. 

Das mag historisch richtig sein, und wird auch im Buch so erzählt, aber bei Akin ist es das einzige, was es über den Fall zu erzählen gibt.

Immer hält die Kamera drauf, als gelte es eine Mutprobe auszuhalten. Im ganzen Film gibt es keine einzige weibliche Figur, die einen vollständigen Satz sagen darf und nicht gedemütigt wird. 

Allgemein spielt die Handlung in einem seltsamen Paralleluniversum, in dem von der Heinz-Strunk-Geschichte nur noch Hamburger Kultfiguren übrig sind, es aber überhaupt keine Motive oder Erklärversuche für irgendetwas gibt. 

Vor allem die Frauen haben im Film nicht viel interessantes zu erzählen. Die meiste Zeit sitzen sie einfach wie müdes Schlachtvieh im Eck der titelgebenden Kneipe und warten auf ihre Einladung zu "Herrn Honka". Auch die Männer sind vom Leben gezeichnete Versager. Doch mit Spitznamen wie Dornkaat-Max, Nasen-Ernie oder Tampon-Günther haben sie immerhin noch "Kult-Potential" und somit Wiedererkennungswert. Immer wieder zeigt der Film neue Episoden vom Männertresen, die den Respekt des Regisseurs vor diesen Typen beweisen und zum Schmunzeln einladen. Was für Kerle!

Mit diesem halbbegeisterten Blick auf die Täter und ihr Umfeld arbeiten auch andere True-Crime-Geschichten. 

Die Netflix-Serie "Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders" zeigt gerade, dass selbst Doku-Formate Mörder zu Kultfiguren umdeuten können. 

In der Serie wird der namensgebende Serienmöder als intelligenter und charismatischer Sunnyboy gezeigt, der noch im Todestrakt junge Frauen verzauberte. Von überlebenden Opfern Bundys wird diese Darstellung zurückgewiesen, doch von ihnen ist in der fünfstündigen Reihe wenig zu hören. Die mindestens 30 Vergewaltigungen und Morde von jungen Frauen, die Bundy beging, bevor er 1989 hingerichtet wurde, wirken in der Serie dagegen fast wie eine Challenge, für die man auf eine morbide Art auch Anerkennung haben kann. Sicherlich nicht für jeden etwas – aber schon krass, wie er das hinbekommen hat. 

In den USA hat die Serie einen so großen Hype ausgelöst, dass sich Netflix sogar zu einer "Warnung" vor dem "heißen Mörder" veranlasst sah: