Bild: Unsplash/Blake Guidry
"Andere bei Germania sind nur geflogen, um ihre Zinsen zu bedienen"

Die letzten Fluggäste waren schon auf dem Weg zum Rollfeld, als es hieß, dass ihr Urlaub ausfällt: Die deutsche Fluglinie Germania ist über Nacht pleitegegangen. Seit dem Morgen hebt keines der 30 Flugzeuge mehr ab, Tausende Touristen sitzen jetzt fest oder bleiben vermutlich auf den Kosten für ihre Tickets sitzen.

Auch für Nils* hat die Insolvenz der Airline Konsequenzen: Er verliert seinen Job. Der 24-Jährige arbeitete erst seit zwei Jahren als Pilot für Germania. Es war sein Traumjob. Er flog fast täglich, fast immer am Limit der erlaubten Stunden. Für die Ausbildung machte er insgesamt etwa 100.000 Euro Schulden, die er noch heute abbezahlt. 

So wie Nils geht es vielen jungen Menschen, die in der Luftfahrt arbeiten wollen. 

Doch wie fühlt es sich an, wenn man über Nacht seinen Job verliert? Und wie geht es jetzt für ihn weiter? Das sagt Nils:

Ich habe heute meinen Job verloren. Das ist scheiße. Als gestern die Meldung rumging, dass unsere Maschinen am Boden bleiben, wusste ich schon: Das war's. Da kommt nichts mehr. Ich bin dann gleich heute morgen zum Arbeitsamt und schaue jetzt, wie es weitergeht.

Bei Germania war ich einer der jüngeren Piloten. Ich habe erst vor zwei Jahren angefangen. Die meiste Zeit bin ich mit meinen Kollegen klassische Urlaubsstrecken geflogen: Nach Mallorca, Ägypten oder in die Türkei. Manchmal haben wir aber auch andere, eher untypische Ziele angesteuert wie den Iran oder Irak. 

Vor allem im Sommer war bei uns viel los. Vergangenes Jahr bin ich im Juli mehr als 100 Stunden geflogen, mein persönlicher Rekord. Arg viel mehr geht gesetzlich nicht. Ich fand das aber gut. So bin ich an die Flugstunden gekommen, die ich als junger Co-Pilot brauche, um Kapitän werden zu können. Im Winter hatten wir dagegen oft frei, auch wenn das Geschäft viel besser lief, als jetzt oft behauptet wird.

Meine tausendste Flugstunde war im Januar dieses Jahres ausgerechnet an dem Tag, an dem es zum ersten Mal hieß, dass wir in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken. Ich habe noch im Cockpit gefeiert. Die 1000 Stunden sind wichtig, damit man später aufsteigen kann. Als ich aus dem Flieger kam, machte ich das Handy an und las, wie es wirklich aussieht. 

Das war bitter. 

Direkt vor meiner Anstellung habe ich ein Vierteljahr lang eine private Ausbildung gemacht, damit ich die Flugzeuge bei Germania fliegen kann. Uns wurde gesagt, dass wir das machen müssen. 

Das Unternehmen, das diese Qualifizierung anbietet, ist berüchtigt. Ich musste einen Kredit über knapp 29.000 Euro aufnehmen, damit ich mir das leisen kann. Das war völlig überteuert. Die erste Zeit bin ich praktisch nur geflogen, um meine Schulden abzuzahlen. Schon die Flugausbildung davor hat 70.000 Euro gekostet. 

Ich bin 24 und habe 100.000 Euro Schulden gemacht – nur, um als Pilot arbeiten zu können. 

Das muss man sich leisten können. Ich habe das Glück, dass meine Familie das Geld hat. Meine Eltern haben für mich gebürgt, mit ihrer Unterstützung habe ich inzwischen einiges abgezahlt. Andere bei Germania sind dagegen nur geflogen, um ihre Zinsen zu bedienen. Wir hatten viele Berufseinsteiger. Für die sieht es jetzt düster aus. Ein Freund von mir hat erst vor wenigen Monaten bei uns angefangen, jetzt ist er arbeitslos.

(Bild: Unsplash/Briana Tozour)

Uns wurde noch im Dezember gesagt, dass alles super sei. Ein bisschen Verlust, aber ansonsten alles tiptop. Wir waren stolz, dass wir im vergangenen Jahr zuverlässiger waren als andere Airlines. Wenig Verspätungen, eine unterirdische Bezahlung, aber eine sehr gute Stimmung. Das war lange Zeit mein Eindruck. 

Als es im Januar dann aber hieß, dass Geld fehlt, haben wir im Cockpit viel diskutiert. Wir konnten es uns nicht erklären. Ich dachte aber schon damals, dass uns spätestens im Sommer viele Kollegen fehlen würden. Jeder hat sich umgeschaut, viele haben schon damals ein Angebot von Ryanair bekommen. 

Piloten sind wieder gefragt, deshalb mach ich mir gerade auch wenig Sorgen um meine Zukunft.

Ich habe zum Glück schon vorgesorgt und noch gestern Abend meine Bewerbungen weggeschickt, als ich wusste, dass die Flieger stehen. Ich bin erst seit heute arbeitslos, aber Eurowings hat mir schon ne Einladung geschickt. Swiss ist auch auf der Suche. Schade um Germania ist es natürlich trotzdem. Ich hätte mir auch vorstellen können, dass ich noch in zehn Jahren hier fliege. 

*Um Nils zu schützen, haben wir seinen Namen und persönliche Details im Artikel geändert. Seine tatsächliche Identität ist der Redaktion bekannt.

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