Ein Experte für Digitalisierung und Innovation gibt Antworten.

Wenn Torge Wendt, 26, daran zurückdenkt, wie er seinen Vater als Kleinkind in die Werkstatt des Familienbetriebs begleitete, erinnert er sich vor allem an die großen Holzstapel. "Ich habe meinem Vater oft beim Zeichnen zugeschaut, das hat er damals noch von Hand gemacht," sagt Torge. 

„Sowieso wurde gefühlt damals alles von Hand gemacht.“
Torge Wendt, Tischlereimeister

Heute werden Skizzen im Tischlereibetrieb Wendt an Computern und iPads erstellt. Eine CNC-Fräse schneidet das Holz zu, ein Laserscanner misst Räume und Flächen aus, schon lange kein Zollstock mehr. Und Aufträge kommen, seit Torge den Familienbetrieb übernommen hat, nicht mehr nur per Mail oder Telefon rein, sondern auch über den von ihm eingeführten Instagram-Account. 

Wir leben in einer Welt, in der Menschen Geld damit verdienen können, ihre Einkaufstüten vor laufender Kamera auszupacken. Es gibt jetzt Influencer, Blogger und Social-Media-Beraterinnen. Viele Tätigkeiten, die früher von Hand erledigt wurden, haben längst Maschinen für uns übernommen. Laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums von 2018 werden manche Jobs, wie etwa in der Buchhaltung, verschwinden, während Berufe wie E-Commerce und Social-Media-Manager immer gefragter sind. Und selbst traditionelle Berufe, wie etwa Tischler, werden immer digitaler. Das müssen sie auch, wenn sie überleben wollen.

In unserer digitalisierten Welt wissen Kleinkinder, wie sie das Smartphone ihrer Eltern entsperren, bevor sie überhaupt laufen können. Wir schreiben unsere Hausarbeiten mit E-Books und wissen Dank Instagram, wie man das perfekte Foto macht. 

Können wir jungen Leute – die Digital Natives, die Kinder der sogenannten Generationen Y und Z – die Aufgaben, die die moderne Arbeitswelt von uns erfordert, nicht viel besser bewältigen, als unsere Eltern?

Wir haben darüber mit Sascha Friesike gesprochen. 

Sascha Friesike

Er ist Professor für Design digitaler Innovationen an der Universität der Künste in Berlin und forscht am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. 

Sascha befasst sich in seinen Studien vor allem damit, wie neue Ideen und Anwendungen entstehen. Das untersucht er in verschiedenen Kontexten, sowohl im Bereich der Wissenschaft und Innovation als auch der Kreativität.

bento: Sascha, gibt es überhaupt noch Berufe, die nicht digitalisiert sind?

Sascha: Ich glaube, man kann beispielsweise als schlechter Koch noch ziemlich analog arbeiten, aber vermutlich nicht, wenn man ein guter Koch sein will. Denn wenn es darum geht, Rezepte und Inspiration zu finden und sich mit anderen Köchen auszutauschen, passiert das wahrscheinlich auch online.  

bento: Sind die digitalen Generationen wirklich besser vorbereitet auf die Zukunft der Arbeit?

Sascha: Das würde ich so nicht sagen. Ich glaube, junge Menschen haben es heute sogar teilweise schwerer als früher. 

bento: Inwiefern? 

Sascha: In meinen Augen hat es im Zuge der Digitalisierung vor allem eine Explosion an Informationen und Wissen gegeben, auf die man zugreifen kann und die man für einen Job kennen muss. Heute sind Berufe so komplex, dass es sehr viel länger dauert, bis jemand wirklich Experte oder Expertin in einem Gebiet ist. 

bento: Zum Beispiel? 

Sascha: Nehmen wir die Grafik. Programme und Prozesse zur Bildbearbeitung werden komplexer, die Möglichkeiten vielfältiger. Ich glaube, früher war es oft sogar einfacher für junge Menschen, sich beruflich durchzusetzen. Es dauert heute einfach oft sehr lange, bis man wirklich begriffen hat, wie ein Beruf funktioniert.  

bento: Aber wir können doch viel besser und natürlicher mit neuen Technologien umgehen, die gerade überall in der Arbeitswelt auftauchen und relevant werden. Beispielsweise wenn ein junger Tischler einen Instagram-Account erstellt und der Betrieb darüber neue Aufträge bekommt.

Sascha: Das stimmt, Social Media wird auch für handwerkliche Betriebe immer wichtiger. Wenn junge Menschen sich eine Küche kaufen wollen, suchen sie nach Bildern von coolen Küchen. Die finden sie oft über Instagram. 

bento: Aber auch mit Zeichnungen am iPad oder mit Fräsmaschinen müssten wir als Digital Natives doch besser zurechtkommen als Menschen, die früher alles von Hand gezeichnet haben.

Sascha: Meine Beobachtung ist eine andere. Nur weil man Snapchat auf seinem Handy hat, kennt man sich ja nicht automatisch mit komplexen Maschinen und Programmen aus. Ich glaube, dass die Unternehmen im Vorteil sind, die einen Dialog hinkriegen zwischen den neuen Ideen des Nachwuchses und dem Erfahrungsschatz, den die Älteren mitbringen. 

bento: Wie kann das hilfreich sein?

Sascha: Bleiben wir zum Beispiel bei der Tischlerei: Früher wurde in dem Bereich viel mit Holz-auf-Holz-Verbindungen gearbeitet. Dabei greifen einzelne Holzelemente direkt ineinander, das muss ganz genau passen. Das war Handarbeit, sehr aufwendig und damit auch sehr teuer. Davon ist man mehr und mehr abgekommen und hat eher mit Pressspan und Metallwinkeln gearbeitet, wie man sie von Ikea kennt. Nur ist das nicht so elegant. Heute können Maschinen so präzise zuschneiden, dass Unternehmen sich die Holz-auf-Holz-Verbindungen wieder leisten können. Durch die Digitalisierung sind sie in der Lage, diese "verloren gegangene" Praktik wiederzubeleben. Da kommt alt und jung zusammen.

bento: Was können denn ältere Menschen von uns Jüngeren lernen?

Sascha: Ich glaube, dass Arbeit in Zukunft sehr viel subjektiver wird. Routinetätigkeiten werden automatisiert, menschliche Arbeit wird insgesamt also kreativer – im weitesten Sinne. Beispielsweise können in Behörden die Standardfälle von Maschinen abgearbeitet werden. Für die Ausnahmefälle müssen Menschen sich dann Lösungen überlegen, selbstständig denken.

bento: Sinnhaftigkeit und Selbstbestimmtheit, das sind zwei Faktoren, die typisch für das Arbeiten der digitalen Generationen sind.

Sascha: Ja, das Abarbeiten und die immer gleichen Handgriffe werden seltener in Berufen. Dafür braucht es sicherlich ein Umdenken. Das ist für Unternehmen eine große kulturelle Herausforderung. 

bento: Das dürfte jungen Leuten leichter fallen als Menschen, die schon 20 Jahre in einem Betrieb auf diese Art gearbeitet haben.

Sascha: Sicher verfestigt sich das eigene Handeln im Laufe des Berufslebens. Und es wird schwieriger umzudenken, das stimmt. So eine Organisationskultur prägt da natürlich stark. Andererseits glaube ich auch, dass wir unterschätzen, wie lange dieser Digitalisierungsprozess tatsächlich dauert. Es ist ein langsamer schrittweiser Prozess, auf dessen Weg natürlich auch eine ältere Generation in Rente geht. Es bleibt zu hoffen, dass die Jüngeren sich bis dahin die Zeit nehmen, den Erfahrungsschatz für sich zu sichern. 


Gerechtigkeit

Hinter den Kulissen des "Fridays for Future"-Protests: Zehn junge Menschen gegen die Bundesregierung
Wir haben Protest-Organisator Jakob Blasel begleitet.

Kurz nach acht Uhr schlendern drei junge Männer am Freitagmorgen mit noch nassen Haaren in eine Bank am Potsdamer Platz: "Wir sind Fridays for Future." Als der Pförtner sie durch das holzvertäfelte Atrium führt, schauen sich Linus Steinmetz, Lukas Pohl und Jakob Blasel unauffällig um. Linus macht noch schnell ein Foto von der mehrere Stockwerke großen Chrom-Skulptur, dann huscht auch er ins Büro. Drinnen warten bereits Luisa Neubauer und weitere Mitstreiter an einem großen Holztisch. 

Sie alle haben sich monatelang auf diesen Freitag vorbereitet. Der 20. September könnte als Showdown der Klimaschutz-Bewegung in die Geschichtsbücher eingehen: Am Samstag beginnt in New York die nächste UN-Klimakonferenz, einen Tag davor sind in fast 160 Ländern Klimaschutz-Proteste geplant. Parallel hat die deutsche Bundesregierung eine neue Klimaschutz-Strategie angekündigt.

Die jungen Menschen, die seit Monaten jeden Freitag für das Klima auf die Straße gehen, wollen den Tag nutzen, um mit dem "Klimastreik" den Druck weiter zu erhöhen. Die von "Fridays for Future" angekündigten Proteste klingen wie eine Ansammlung von Superlativen: An mehr als 500 Orten in Deutschland sind Demonstrationen geplant; Hunderte Organisationen, Umweltschutzverbände, Gewerkschaften, Kirchen und Unternehmen haben schon vorab ihre Unterstützung erklärt. Bundesweit sollen Hunderttausende Menschen zusammenkommen. Mindestens.