Bild: Roos Kolkman

Fragt man Deutschlands Arbeitgeber, dann sind junge Menschen faul. In einer Umfrage der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) üben sie Kritik an der Generation Z. Also denjenigen, die zwischen 1995 und 2012 geboren wurden, das sind rund 13 Millionen junge Menschen deutschlandweit. Die DIHK veröffentlicht jedes Jahr eine Ausbildungsumfrage, in der Arbeitgeber zum Verhalten junger Arbeitnehmer befragt werden. Das Ergebnis der aktuellen Ausgabe: 63 Prozent aller Jugendlichen fehle es an Motivation, Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit.

Was ist die Ausbildungsumfrage der DIHK?

2006 hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag die Ausbildungsumfrage zum ersten Mal durchgeführt. Grund: Man wollte herausfinden, warum Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben.

An der aktuellen Umfrage konnten Unternehmen in der Zeit vom 8. bis 31. Mai 2019 teilnehmen. Die Auswahl und Ansprache der Unternehmen erfolgte über die Industrie- und Handelskammer. Insgesamt füllten deutschlandweit 12.467 Arbeitgeber den Online-Fragebogen aus.

Die Fragen waren in vier Oberthemen aufgeteilt: 

  • Konnten alle Arbeitsplätze besetzt werden und was sind mögliche Gründe einer Nichtbesetzung?
  • Wie kann Ausbilden für Betriebe leichter gemacht werden?
  • Wie können die Unternehmen ihre Attraktivität als Arbeitgeber verbessern?
  • Wie bereiten Arbeitgeber Azubis auf das veränderte Artbeiten 4.0, also das Arbeiten im digialen Zeitalter, vor?

Für alle Fragen, die nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden konnten, gab es vorgegebene Antworten und die Möglichkeit, Mehrfachantworten abzugeben.

In rund jedem dritten Betrieb blieben laut der Umfrage die Ausbildungsplätze unbesetzt. In diesem Zusammenhang sagten die Arbeitgeber, dass viele Jugendliche unrealistische Berufswünsche hätten. Sie nannten Jobs wie Influencer, Superstar oder Model.

Schaut man sich andere Analysen über die Generation Z an, heißt es, dass sie außerdem mit hohen Ansprüchen ins Berufsleben starten. Weil viele Betriebe händeringend nach Fachkräften suchten, könnten die Nachwuchskräfte ganz andere Forderungen stellen als die Generationen zuvor. Würden die Ansprüche nicht erfüllt, seien die jungen Leute auch schnell wieder weg, wie Generationenexperten vermuten. Denn auch eine hohe Bindung zu den Unternehmen verspürten sie nicht mehr (brandeins).

Aber wie aussagekräftig sind diese Generalaussagen über Generationen? Und wie faul einerseits und wie anspruchsvoll andererseits sind die Zler wirklich?

Das sagt Jennifer, 22. Sie studiert im fünften Semester Governance, Economics & Development am Leiden University College in Den Haag:

Jennifer, die 1997 geboren wurde, mangelt es nicht an Motivation, wie der Blick in ihren Lebenslauf zeigt. In der Schule engagierte sie sich sechs Jahre lang in der Schülervertretung, organisierte einen Spendenlauf für geflüchtete Schülerinnen und Schüler und war Jahrgangssprecherin. Jetzt studiert Jennifer im fünften Semester. Gerade ist sie für ein Auslandssemester in Berkeley in den USA, das sie mit Hilfe eines Stipendiums der Heinrich-Böll-Stiftung finanziert. Ihre Noten und ihr ehrenamtliches Engagement haben ihr dabei geholfen.

Als eine von vier deutschen Jugendvertretern fuhr Jennifer im Juni nach Frankreich, um auf dem G7-Jugendgipfel mit den französischen Ministern zu diskutieren. Gemeinsam mit vier Kommilitoninnen gründete sie die Organisation "Women in Innovation and Leadership", ein Netzwerk für junge Frauen. "Wir haben knapp hundert Mitglieder. Aus meiner Erfahrung stimmt es nicht, dass unsere Generation sozial inkompetent ist", sagt Jennifer. 

Für wie anspruchsvoll hält sie sich? Jennifer wünscht sich von ihrem zukünftigen Arbeitgeber etwas anderes als ein hohes Gehalt: Flexibilität, die Möglichkeiten, sich weiterzuentwickeln und einen Arbeitgeber, der Verantwortung für die Gesellschaft übernimmt.

"Ich möchte später ein Social Enterpreneur sein. Das ist jemand, der sich im Unternehmen oder in einer Organisation für einen positiven Wandel der Gesellschaft einsetzt", sagt Jennifer. Ein Vorbild für sie ist eine junge Frau aus Aserbaidschan, die sie in den USA kennenlernte. Die Frau gründete ein Unternehmen, das arbeitslose, körperlich eingeschränkte Frauen einstellt.

Dass Jennifer einmal diese Richtung einschlägt, war ihr nicht immer klar. Nach ihrem Abitur im Jahr 2016 brauchte sie Bedenkzeit, arbeitete als Au Pair in Frankreich und suchte dann im Internet nach Studiengängen. "Auf mich trifft es zu, wenn Wissenschaftler sagen, dass meine Generation nicht sehr entscheidungsfreudig ist. Vielleicht liegt es an den ganzen Möglichkeiten, die wir haben", sagt Jennifer. Viele Optionen hat die Generation Z tatsächlich: Gap Year, Ausbildung, normales Studium in Deutschland, duales Studium oder doch ein Auslandsstudium.

"Ich persönlich sehe es aber als Privileg an, selbst entscheiden zu dürfen. Trotzdem ist es für mich immer ein langer Prozess zu entscheiden, wo ich mich zum Beispiel engagieren möchte."

Aber ist Jennifer typisch für ihre Generation? Das sagt Politikwissenschaftler Wolfgang Gründinger. Er beschäftigt sich seit mehrereren Jahren mit den Generationen-Klischees.

Der selbsternannte "Generationen-Erklärer" und Publizist des Buches "Die Alte-Säcke-Politik" findet, dass Generationen-Labels oft nicht zu den Individuen passen. "Zum Beispiel wurde der Generation Z auch nachgesagt, dass sie kein Interesse an Politik hat. Jetzt sehen wir ja, dass junge Leute auf die Straße gehen und sich im Netz vereinen, um gegen Rechtsextremismus und für Toleranz und Klimaschutz zu kämpfen."

„"Mit der Einteilung in Generation X, Y oder Z wollen Wissenschaftler auf abstrakte Weise ermitteln, ob die Generation anders tickt als die davor."“
Wolfgang Gründinger, Generationen-Erklärer und Publizist

Geprägt seien die unterschiedlichen Generationen nämlich durch gesellschaftliche Ereignisse und technologische Erfindungen, sagt Gründinger. "Im Unterschied zur Generation Y ist die Generation Z zum Beispiel komplett mit dem Internet und Social Media aufgewachsen. Dadurch sind die jungen Menschen quasi ganz natürlich digital – anders als die Generationen davor." Der Unterschied: Der Umgang mit dem Digitalen sei unaufgeregter und schneller. "Der oft gehörte Vorwurf des Drangs zur Selbstinszenierung auf sozialen Medien ist aber oberflächlich." Aber auch das lässt sich nicht pauschalisieren. Inzwischen gebe es auch eine Gegenbewegung: "Viele Jugendliche lehnen die Inszenierung auf Instagram mittlerweile ab."

Generationen-Experte Gründinger kann die Aussagen der Unternehmer nicht nachvollziehen. "Arbeitgeber behaupten oft, die junge Generation sei faul, inkompetent oder verwöhnt. Dabei wollen die meisten nur ein ganz normales, faires Gehalt", sagt Gründinger. Deswegen, so glaubt der Experte, sagen Arbeitgeber, dass junge Auszubildende weniger leistungsbereit sind. Von den Unternehmen sei dies eine Strategie, um Arbeitsbedingungen und Löhne niedrig zu halten.

Die Zukunftsperspektiven für Jennifer und den anderen Jugendlichen in ihrer Generation sehen gut aus, sagt Gründinger. Doch nicht alle haben den Rückhalt ihrer Eltern. "Natürlich gibt es viele junge Menschen, die nicht aus guten Elternhäusern kommen und die es schwer haben, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Bei denjenigen nimmt der Zukunftsoptimismus ab."

Ob Jennifer mit ihrem Lebenslauf eine Ausreißerin ist, sei nicht eindeutig zu sagen, meint Gründinger. "Besonders Jennifers Entrepreneurdenken ist aber für mich ein eher typisches Merkmal der Generation." Das seien Eigenschaften wie Leistungsmotivation, Vernetztheit oder auch Kreativität. Auffällig sei dennoch ihr überdurchschnittliches Engagement.

In der Regel würden die Merkmale der unterschiedlichen Generationen anhand quantitativer Umfragen und qualitativen Interviews erfasst. Daraus wird ein Mittel gebildet, der auf die Allgemeinheit zutreffen kann. "Die Soziologie ist dazu da, um das Verhalten von gesellschaftlichen Gruppen zu abstrahieren, da passt aber nicht jedes Individuum komplett rein." Deswegen sollten Generationen-Labels nicht überzogen werden, findet Gründinger.


Gerechtigkeit

Drei Gründe warum so viele Ost-Millennials AfD gewählt haben – oder die Grünen
Das Bild vom alten, abgehängten AfD-Wähler gilt nicht mehr. Das von der Greta-Jugend allerdings auch nicht.

Die Jugend ist grün. Wer sich anschaut, wofür sich junge Deutsche engagieren, denkt zuerst an "Fridays for Future", an Zivilcourage und an Anti-Rassismus-Demos. Für meine Heimat, im Osten Deutschlands, gilt das jedoch nur eingeschränkt: Schlüsselt man die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg nach dem Alter auf, dann haben zwar die Grünen bei den jungen Wählerinnen und Wählern starken Zulauf – noch mehr Gewinne erzielte allerdings die AfD. 

  • In Sachsen konnte keine andere Partei bei jungen Wählerinnen und Wählern so gut punkten wie die AfD. Bei den 18- bis 24-Jährigen holten die Rechtspopulisten 20 Prozent der Stimmen, die Grünen schafften ebenfalls 20 Prozent. Bei den 25- bis 34-Jährigen holte die AfD sogar 26 Prozent, die Grünen 15 Prozent.
  • Ganz ähnlich sieht es in Brandenburg aus. Dort holte die AfD bei den 16- bis 24-Jährigen 18 Prozent, blieb aber hinter den Grünen (27 Prozent). In der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen sogar 30 Prozent, die Grünen kamen auf 15 Prozent.

(Hier je die genaue Aufschlüsselung für Sachsen und Brandenburg)

Ähnlich stark ist nur noch eine dritte Gruppe: Die "Sonstigen", also Kleinst- und Splitterparteien. Sie kommen addiert jeweils auf ähnlich gute Werte zwischen 17 und 23 Prozent.

Für Millennials im Osten gilt: Hauptsache nicht CDU, Hauptsache nicht SPD. Die Volksparteien von morgen heißen AfD und Grüne. 

Mit einer Stimme für die Grünen haben junge Wählerinnen und Wähler die Chance, im Parlament gehört zu werden. Doch ein großer Teil der Millennials meiner Heimat wählt rechts – oder eine der sonstigen Parteien, bei denen wahrscheinlich ist, dass sie die Fünf-Prozent-Hürde ins Parlament nicht schaffen. 

Warum haben SPD und CDU im Osten bei jungen Menschen trotzdem keine Chance mehr? Hier sind drei Gründe:

1 Die AfD gilt bei jungen Menschen nicht als rechtsradikale Partei. Sie gilt als normal.

Der Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz treibt sich seit Jahren in rechtsextremen, heute zum Teil verbotenen Kreisen herum (SPIEGEL). Er will einen "nationalen Sozialismus" und sucht den Schulterschluss mit neurechten und extremen Gruppierungen wie Pegida und den Identitären (stern). 

Das Ganze passiert nicht länger heimlich, sondern offensiv. Kurz nach der Wahl schickte Kalbitz zum Beispiel eine Videobotschaft an den rechtsextremen Unterstützerverein "Ein Prozent":