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Blanca Monni machte gerade ein Praktikum in Berlin, als Corona ausbrach. Die Italienerin flüchtete in ihre Heimat – und arbeitete drei Monate lang im Homeoffice.

Sie hatten einen Plan für ihre Zukunft, dann kam Corona: Menschen zwischen 20 und 30 treffen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie härter als jede andere Altersgruppe, Jobs und Ausbildungsplätze brechen weg. In unserer Serie "Generation Corona" berichten einige von ihnen, was die Krise für sie bedeutet. In dieser Folge: Blanca Monni, 23, absolviert eigentlich gerade ein Praktikum in Berlin. Doch während der Ausgangsbeschränkungen arbeitete sie drei Monate bei ihren Eltern in Italien – und sah zu, wie die Lage im Land immer dramatischer wurde.

Generation Corona

Im Alter zwischen 20 und 30 sortiert sich für viele Menschen das Leben: Ausbildungen werden abgeschlossen, erste und zweite Jobs ausprobiert, man investiert Geld in Wohnungen, Autos oder Aktien, findet Freunde oder Partner fürs Leben. Was bedeutet es für eine Generation, wenn dieser Prozess dramatisch verlangsamt wird – weil Corona das Leben lahmlegt? 

In unserer Serie "Generation Corona" beschäftigen wir uns mit dieser Frage. Wir lassen Betroffene zu Wort kommen, sprechen mit Expertinnen und analysieren politische Entscheidungen. Du hast einen Hinweis? Dann schreib uns an redaktion@bento.de.

"Wenn wir bald wieder in unserem Büro arbeiten, wird es nicht mehr so sein wie früher. Ich absolviere gerade ein Praktikum in der Marketingabteilung eines Softwareunternehmens in Berlin, das sich um die Digitalisierung von Papierformularen kümmert. Seit Mitte März arbeiten wir im Homeoffice – und nicht mehr im Coworking-Space, dort hätten wir die Abstandsregeln nicht einhalten können. In den nächsten Tagen dürfen wir aber wahrscheinlich zurück. Die Büroräume werden dann wohl deutlich leerer sein als zu Beginn der Krise.

Ich bin in Alghero auf Sardinien aufgewachsen. Meine Mutter ist Deutsche, aus Berlin. Mein Vater ist Italiener, Sarde, um genauer zu sein. Kurz bevor die Ausgangsbeschränkungen und Einreisestopps verhängt wurden, flog ich zu ihnen nach Italien. Sie haben ein Haus mit Garten, das klang damals besser, als allein in meiner Wohnung in Berlin zu sitzen. Außerdem wollte ich in dieser unsicheren Zeit bei meinen Eltern sein.

„In den ersten Monaten war die Lage in Italien völlig verrückt.“
Tourismus-Studentin und Praktikantin Blanca

In Italien arbeitete ich aus dem Homeoffice weiter. Ich hatte schon zu Beginn der Pandemie das Gefühl, dass die nächsten Monate schwierig werden könnten. Nicht nur, weil das soziale Leben quasi stillstand, sondern auch, weil man erstmal lernen musste, psychisch mit der Situation klarzukommen. Ich begann, mir einen strukturierten Tagesplan zu machen: Tagsüber saß ich vor dem Laptop und arbeitete, ich half beispielsweise bei der Planung der Marketingaktivitäten in Deutschland und Italien. Als italienische Muttersprachlerin konnte ich das Team gut unterstützen. Nach Feierabend und an den Wochenenden machte ich Sport, malte, hörte Musik und las – eben Dinge, die man alleine tun kann. 

In den ersten Monaten war die Lage in Italien völlig verrückt. Man durfte sich nur 200 Meter von seiner Wohnung entfernen und konnte wirklich gar nichts machen – niemanden treffen, nirgendwo hinfahren. In Deutschland war die Situation nie so schlimm. Während der ersten 60 Tage des Lockdowns war ich nur im Haus und ab und zu im Garten. Die Nachrichten wurden jeden Tag schlimmer, es gab immer mehr Tote.

Auch für mich persönlich hatte die Pandemie Auswirkungen, wenn auch auf einem niedrigeren Level. Ich studiere International Tourism Management in Breda in Holland und will 2021 mit dem Bachelor fertig werden. Das Praktikum in Berlin sollte einer der letzten Schritte sein. Ich hatte schon als Teenager davon geträumt, mal in der deutschen Hauptstadt zu leben, wie meine Mutter früher. Also schrieb ich mehr als ein Dutzend Bewerbungen, auch für Stellen im Marketing, denn das ist ebenfalls Teil meines Studiums. Am Ende klappte es bei der Softwarefirma und ich fand sogar relativ schnell eine Wohnung. Ich war stolz, alles allein geschafft zu haben. 

Die ersten Praktikumswochen waren super. Die Kolleginnen und Kollegen waren total nett, wir sahen uns jeden Tag im Büro, aßen zusammen Mittag und verstanden uns wirklich gut. Doch nach sechs Wochen meines Praktikums wurden wir ins Homeoffice geschickt und alles änderte sich, plötzlich waren wir nur noch per Chat und Videokonferenzen in Kontakt. Bei einem Praktikum geht es für mich nicht nur um die Arbeit, sondern auch darum, mich mit verschiedenen Leuten in einer neuen Situation zurechtzufinden. Doch wegen des Coronavirus saß ich drei Monate lang allein vor meinem Laptop.

Es fühlt sich an, als hätte ich wegen der Pandemie etwas verloren. Ohne Corona hätte ich in meinem Praktikum viel mehr über die Abläufe im Unternehmen lernen und mich als Person weiterentwickeln können. Das Virus hat meine Pläne ruiniert. Eigentlich sollte mein Praktikum nur bis Ende Juni gehen, danach wollte ich mir für einen Monat einen Teilzeitjob suchen und den Juli in Berlin genießen. Im August wollte ich auf Sardinien bei meinen Eltern sein und dann zurück in die Niederlande fliegen. Stattdessen geht mein Praktikum jetzt einen Monat länger, damit ich vielleicht noch einige Eindrücke nachholen kann – das hat mir die Firma so angeboten. Seit zwei Wochen bin ich wieder in Berlin, zwar noch im Homeoffice, aber das ändert sich ja hoffentlich bald. Ich freue mich darauf, meine Kolleginnen und Kollegen wiederzusehen.

Ob die Uni im Herbst normal weitergeht, weiß ich noch nicht, es gibt keine verbindlichen Infos von der Hochschulleitung. Sollten die Kurse online stattfinden, würde ich mir nochmal eine Wohnung in Berlin suchen und von hier aus lernen. Für die anschließende Bachelorarbeit muss ich ein Unternehmen finden, mit dem ich zusammenarbeiten kann. Die Tourismusbranche hat aber gerade sehr zu kämpfen, die Suche könnte also schwierig werden.

Ursprünglich wollte ich nach dem Bachelor einen Master in Eventmanagement machen. Aber auch da muss ich im Auge behalten, wie sich die Branche entwickelt. Vielleicht muss ich nochmal umschwenken, ich hoffe es nicht. Das Virus hat mein Leben verändert. Und tut es immer noch."


Gerechtigkeit

Afrozensus: Wie viele Schwarze leben in Deutschland?
Eine Zählung soll Schwarze in Deutschland sichtbarer machen.

Nana Addison lebte seit drei Jahren in Berlin, als sie bemerkte, dass sie mit ihren Problemen vielleicht Geld verdienen könnte: Immer wieder wartete die 29-Jährige vergeblich auf Friseurinnen und Friseure, mit denen sie über Instagram Termine vereinbart hatte. Oft war schon das Geld überwiesen. Doch die Personen, mit denen Nana ein Styling vereinbart hatte, lösten sich online plötzlich in Luft auf. 

Der Markt für Afrofrisuren ist stark informell organisiert – wer darauf spezialisiert ist, wird in der Community von Mund zu Mund weiterempfohlen. Die Friseure zeigen online, was sie können, und besuchen ihre Kundinnen oft zu Hause. Dass das immer wieder schiefgeht, kann man in Facebookgruppen und Community-Foren gut nachlesen. Irgendwann erkannte Nana, dass darin auch eine Chance liegen könnte: Was, wenn sich Friseurtermine und Stylings für eine kleine Provision über eine App buchen liesen? So wie Airbnb, aber für Haare. 

Wie viele Schwarze gibt es in Deutschland?

Seit zwei Jahren arbeitet Nana an "StyleIndi", einer Onlineplattform für freiberufliche Friseurinnen und Stylisten. Sie wirbt intensiv für ihr Produkt; ihr "Pitchdeck", die Präsentation für potentielle Geldgeber, kann sie auswendig. Sie hat eine Messe für "Afro Lifestyle, Hair & Beauty" geschaffen, die "Curl Con", um die Community zu vernetzen und kennenzulernen. 700 Teilnehmende  kamen zusammen. Doch wenn es in den Gesprächen für "StyleIndi" um die potentielle Zielgruppe gehe, reiße das Interesse plötzlich ab, erzählt Nana. Alles hänge letztendlich an einer einzigen Frage: Wie viele Schwarze gibt es denn in Deutschland?

Darauf gibt es bislang keine Antwort. Deutschland hat 20 Millionen ADAC-Mitglieder und angeblich 160.000 Kaninchenzüchter. Doch wie viele schwarze Menschen in der Bundesrepublik leben, weiß niemand. Etwa 800.000, vielleicht eine Million könnten es sein, sagen Verbände.