Bild: privat
Eigentlich wollte Selina Schneider in diesem Jahr mit ihrem Unternehmen durchstarten. Doch wegen der Coronakrise lief alles anders.

Sie hatten einen Plan für ihre Zukunft, dann kam Corona: Menschen zwischen 20 und 30 treffen die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie härter als jede andere Altersgruppe, Jobs und Ausbildungsplätze brechen weg. In unserer Serie "Generation Corona" berichten einige von ihnen, was die Krise für sie bedeutet. In dieser Folge: Selina Schneider, 29, hat sich im Februar als Coach selbstständig gemacht. Eigentlich wollte sie den Sommer nutzen, um ihr Unternehmen bekannt zu machen. Doch sie musste umdenken – und hat in der Krise ihre Geschäftsidee weiterentwickelt.

Generation Corona

Im Alter zwischen 20 und 30 sortiert sich für viele Menschen das Leben: Ausbildungen werden abgeschlossen, erste und zweite Jobs ausprobiert, man investiert Geld in Wohnungen, Autos oder Aktien, findet Freunde oder Partner fürs Leben. Was bedeutet es für eine Generation, wenn dieser Prozess dramatisch verlangsamt wird – weil Corona das Leben lahmlegt? 

In unserer Serie "Generation Corona" beschäftigen wir uns mit dieser Frage. Wir lassen Betroffene zu Wort kommen, sprechen mit Expertinnen und analysieren politische Entscheidungen. Du hast einen Hinweis? Dann schreib uns an redaktion@bento.de.

"Ich hatte einen genauen Plan, wie 2020 ablaufen sollte. Ich wollte mein Unternehmen aufbauen und viel unterwegs sein, um es bekannt zu machen. Das funktioniert jetzt alles nicht. Am Anfang war das Coronavirus eine große Herausforderung für mich. Es zwang mich, flexibel zu sein. Aber es hat mich auch stark gemacht.

Im Februar habe ich das 'lebensloft' gegründet, eine digitale Plattform, die Menschen helfen soll, in turbulenten Zeiten mehr zu sich selbst zu finden, sich persönlich weiterzuentwickeln und ihr Leben bewusst zu gestalten. Dafür gebe ich meinen Kundinnen und Kunden Techniken an die Hand, mit denen sie ihre innere Stärke festigen können – zum Beispiel Meditation. Ich biete Sessions live im Internet an, außerdem halte ich Vorträge und veröffentliche einen Podcast.

„Während ich auf der einen Seite das Gefühl hatte, die Welt bleibt stehen, habe ich auf der anderen Seite begonnen, etwas Neues zu entwickeln.“
Gründerin Selina

Eigentlich wollte ich im Sommer auf Festivals fahren und das 'lebensloft' dort vorstellen. Die ungezwungene Atmosphäre bietet sich an, um mit vielen Menschen ins Gespräch zu kommen. Doch die Veranstaltungen wurden alle abgesagt. Das bedeutet für mich, dass ich deutlich weniger Menschen erreichen kann, als ich ursprünglich geplant hatte. Auch viele Vorträge, für die ich gebucht war, konnten nicht stattfinden.

Es bringt nichts, auf das Virus zu schimpfen. Millionen Menschen auf der ganzen Welt sind betroffen, von einem Tag auf den anderen stand unser aller Alltag auf dem Kopf. Auch ich musste umdenken. Da ich nirgendwo hinfahren konnte, suchte ich online neue Kanäle, um meine Botschaft zu verbreiten. Und ich arbeitete weiter an meinem Geschäftsmodell.

Ich hatte schon lange im Kopf, nicht nur einzelne Kurse anzubieten, sondern ein umfassendes Programm zu entwickeln, mit dem ich Menschen stärken kann. Ich möchte sie befähigen, Entscheidungen aus eigener Kraft zu treffen – und nicht aus Angst vor irgendwelchen Dingen. Vor Corona dachte ich, ich müsse damit noch warten, es sei noch zu früh und ich noch nicht bereit, mein Geschäft so aufzuziehen. Doch in der Krise fing ich einfach an, das Programm zu schreiben.

Seit einigen Wochen begleite ich die ersten Kunden auf ihrem Weg. Sie bekommen ein Buch mit den Kursinhalten nach Hause geschickt, in wöchentlichen Gruppenlivestreams vertiefen wir die Inhalte der sieben Module dann gemeinsam. Während ich also auf der einen Seite das Gefühl hatte, die Welt bleibt stehen, habe ich auf der anderen Seite begonnen, etwas Neues zu entwickeln.

Schon bevor ich mich selbstständig gemacht habe und die Coronakrise anfing, musste ich Rückschläge wegstecken. Vielleicht komme ich deshalb gerade so gut mit der Extremsituation klar. Nach dem Abitur studierte ich BWL und arbeitete danach in der Werbung, für Marken im Luxusgüter-Segment. Dort lernte ich viel, zum Beispiel über Werbepsychologie und Projektmanagement. Es war aber auch eine sehr intensive Zeit. Ich arbeitete viel und suchte Identifikation über den Job. Irgendwann machte mein Körper nicht mehr mit.

Damals dachte ich viel über mich selbst nach, ich entdeckte Yoga für mich und beschloss, dass ich auch beruflich etwas anderes machen wollte. Also kündigte ich meinen Job und spezialisierte mich darauf, das, was mir selbst Halt und Kraft gegeben hatte, auch an andere weiterzugeben. Die Entscheidung, mich umzuorientieren, war richtig. Heute bin ich glücklich, ausgeglichen und auch körperlich deutlich belastbarer als noch vor wenigen Jahren.

Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich mir gar keine Sorgen um meine Zukunft mache. Gerade aus finanzieller Sicht ist die derzeitige Situation natürlich alles andere als cool. Angst habe ich aber nicht. Wir sind in Deutschland sehr privilegiert und haben ein gutes Sozialsystem. Außerdem habe ich gelernt, darauf zu vertrauen, dass sich immer irgendetwas ergibt. Das Leben läuft nicht immer nach Plan, Flexibilität ist unglaublich wichtig. Ich werde versuchen, meine Festivaltour 2021 nachzuholen. Und wer weiß, was dann passiert."


Gerechtigkeit

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